Grusel, grusel: Märchenillustrationen

Ich lese gerne Märchen vor. Ich mag die einfachen Geschichten von Gut und Böse. Ich denke, dass Märchen zur kulturellen Bildung gehören. Ohne Märchen versteht man viele Geschichten nicht.

Wir haben eine prächtige Readers-Digest-Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm geschenkt bekommen. Ein Märchenbuch, wie man es sich vorstellt, sehr stabil mit schönem Einband und Goldschnitt. Nur dass ich als Vorleserin noch keine grauen Haare habe und ein Ohrensessel nicht in unser kleines Wohnzimmer passt. Die Sprache der Märchen ist zwar modernisiert, aber die einzelnen Geschichten sind nicht gekürzt. Leider ist das Buch sehr spärlich und etwas langweilig illustriert (Illustrationen: Dorothea Desmarowitz und Bernhard Oberdieck). Also habe ich mich auf die Suche begeben nach schönen zeitgenössischen Märchenillustrationen, die nicht im Disney-Stil gehalten sind. Dabei bin ich auf wirklich erstaunliche Bücher gestoßen.

Bisher habe ich folgende Märchen vorgelesen: „Schneewittchen“, „Hänsel und Gretel“, „Rotkäppchen“, „Die Bremer Stadtmusikanten“ sowie „Die Prinzessin auf der Erbse“. Dabei hat sich herausgestellt, dass „Hänsel und Gretel“ das gruseligste Märchen zu sein scheint. Die Hexe schien meinem Kind wirklich Angst zu machen. Interessanterweise ist genau diese Geschichte das Märchen, das am häufigsten zu Illustrationen einlädt. Ich habe mir vier neu erschienene oder wieder aufgelegte Ausgaben angeschaut und war sehr erstaunt über die verschiedenen Illustrationsstile.

Zwei sehr kunstvolle Bände gibt es von Lorenzo Mattotti und Kveta Pacovska. Die Illustrationen des Italieners sind alle in schwarz gehalten, scherenschnittartig und stellen mehr abstrakte Gefühle und Seelenzustände als die Figuren und Räume des Märchens dar. Eine Ausgabe, die ab fünf Jahren empfohlen wird, aber sich wohl in erster Linie an bibliophile erwachsene Leser richtet.

Ebenso ästhetisch verstörend wirkten auf mich Kveta Pacovskas Bilder zu „Hänsel und Gretel“. Die Figuren sind kubistisch verfremdet und als Fratzen gezeichnet. Auch hier greift die Illustratorin häufig auf die Farbe schwarz zurück. Ich bin durchaus offen für ungewöhnliche und künstlerische Bilder, diese Zeichnungen waren mir aber zu ausgefallen. Besser haben mir die Illustrationen von Kveta Pacovska zu „Rotkäppchen“ oder „Aschenputtel“ gefallen.

Zurück zu „Hänsel und Gretel“: Auf den ersten Blick mochte ich die Ausgaben des Märchens von Bernadette und Markus Lefrançois. Die Figuren waren erkennbar, aber nicht zu niedlich. Schöne grafische Elemente und Details rahmen die Geschichte ein. Aber auch hier kamen die Illustratoren nicht ohne gruselige und verstörende Bilder aus. Die Szene, als die Hexe in den Ofen gestoßen wird, wirkte grausig. Das Märchen bekam eine düstere Atmosphäre, mit der ich schwer umgehen konnte.

Warum wird „Hänsel und Gretel“ so als Kinderschreck illustriert? Hilft es Ängste zu überwinden, wenn das Monströse der Geschichte im Vordergrund steht? Wäre es nicht besser, die Schweinwerfer auf die mutige Gretel zu richten, wenn sie die Hexe in den Ofen stößt, als das verzerrte Gesicht der Hexe in Nahaufnahme zu zeigen?


Lorenzo Mattotti: Hänsel und Gretel. Carlsen Verlag 2011.ab 5 Jahren. 19,90 Euro.

Kveta Pacovska: Hänsel und Gretel. Minedition 2009. ab 3 Jahren. 19,95 Euro.

Bernadette: Hänsel und Gretel. Nord Süd Verlag 1973 (Neuauflage). ab 3 Jahren. 13,80 Euro.

Markus Lefrançois: Hänsel und Gretel. Reclam Verlag 2011. ab 3 Jahren. 16,95 Euro.

Fantasie – was ist das?: „Wo die wilden Kerle wohnen“

Endlich haben wir diese Woche eines meiner Lieblingsbücher vorgelesen: den Klassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak, der 2009 von Spike Jonze sogar verfilmt wurde. Ich liebe diese süßen, verschmitzten Monster gegen die der Grüffelo langweilig und dröge aussieht. Außerdem passen die Geschichte und ihre Bilder perfekt zu einigen Verhaltensweisen unseres Sohnes: Auch mein Kind ist ab und zu ein Schaf im Wolfspelz, das gerne Hunde ärgert und dem es nicht wild genug sein kann. Die Mimik des kleinen Max ist ihm teilweise wie aus dem Gesicht geschnitten. Diese funkelnden Blicke, wenn ich mal wieder zu viel drängele und unser Trotzkopf noch Zeit benötigt, für das, was er tut …

Aber hier noch kurz die Geschichte: Weil Max groben Unfug veranstaltet, schimpft seine Mutter ihn „wilder Kerl“ und schickt ihn ohne Abendessen ins Bett. Sein Zimmer verwandelt sich daraufhin in einen Wald. Er steigt in ein Segelboot und fährt zu einer Insel. Dort wohnen die wilden Kerle, große Monster, die Max zuerst ein wenig erschrecken. Dann kann er sie aber mit seinem starren Blick zähmen und wird ihr König. Nach einigen wilden Spielen, lustigen Tänzen und abenteuerlichen Kletterpartien bekommt Max Heimweh und segelt zurück. Wieder in seinem Zimmer angekommen, stellt er fest, dass das Abendessen auf dem Tisch steht und noch warm ist.

Für mich zeigt die Geschichte eindrücklich, wie eine bestimmte Art von Fantasie funktioniert und wozu sie dienen kann: Es wird eine Form von Weltflucht beschrieben, die es dem kleinen Max ermöglicht, den Kummer des Tages zu vergessen. Aber wo kommt sie her, diese Fantasie, die Vorstellung von den „wilden Kerlen“? Für meinen Sohn stellte das eine wichtige Frage dar: Woher kommt das Boot, mit dem Max zur Insel der wilden Kerle fährt? Wie kommt er aus seinem Zimmer heraus und wie wieder hinein? Glücklicherweise ist in den Bildern ein offenes Fenster zu sehen. So kann man erklären, wie Max zum Meer kommt. Aber das Konzept von Vorstellungskraft und Fantasie als solches, ist im Alter von 3 ½ Jahren wohl noch nicht entwickelt.

Die Vorstellung von kindlicher Fantasie als etwas Ursprünglichem und Essentiellem, etwas, das immer schon da ist, bekam durch diese Frage für mich ein paar Risse. Fantasie muss gefüttert werden und aus der Kombination von lauter Bruchstücken entsteht etwas Neues. Das zeigt mir auch „Wo die wilden Kerle wohnen“, denn schließlich gibt die Mutter mit ihrem Wort vom „wilden Kerl“ Max den Anlass für die Imagination der Monster vor. Erstaunlicherweise wird die Mutter in den Zeichnungen ausgespart und vor allem der Geruch des warmen Essens holt Max zurück nach Hause. Diese Merkwürdigkeit zu durchdenken, würde hier aber nun zu weit führen. Ich denke, ich nehme sie demnächst auf, in einem Artikel über „Hänschen-Klein-Geschichten“. „Die wilden Kerle“ geben mir jedenfalls noch viel zu denken und dabei viel Spaß beim Vorlesen.

Maurice Sendak: Wo die wilden Kerle wohnen. Diogenes 1966. ab 3 Jahren. 17,90 Euro.

Ups … jetzt ist es passiert ..: „Der Kackofant“

Gegen diese Bücher habe ich mich lange gewehrt, denn mit ihrem Humor kann ich nichts anfangen. Beim Vorlesen sträuben sich mir die Nackenhaare. Ihre Faszination leuchtet mir ein, doch die Abneigung gegen das Thema ist zu groß: Es geht um Bücher, die das „große Geschäft“ in Handlung und Illustrationen einbinden, wie „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ von Werner Holzwarth und Wolf Erlbruch. Wahrscheinlich bin ich zu verklemmt und psychologisch ließen sich aus dieser Abneigung sicher einige Defekte bei mir ergründen, aber ich finde, es gibt schönere Themen für Bücher. Bisher kam bei unserem Sohn dieser Bereich mit seinen lautmalerischen und pikanten Wörtern, denen etwas reizvoll Verbotenes anhaftet, auch noch nicht in exzessivem Ausmaß zur Sprache. Und das Trockenwerden und Toilettebenutzen klappte irgendwann auch ohne ewige Töpfchen-Geschichten …

Vor kurzem stieß ich mal wieder auf dieses Thema, als ein Bekannter von einer Neuerscheinung auf diesem Gebiet schwärmte: „Der Kackofant“, geschrieben von Klaus Zehrer und illustriert von FIL. Zur Recherche für den Blog lieh ich das Buch in der Bücherei aus. Nun habe ich es in Reichweite unseres Sohnes liegen gelassen und wir haben es vorgelesen. Ein Elefant, der statt eines Rüssels eine Klopapierrolle mit sich herumträgt, – wie kann er dann seinen Popo abputzen? – hinterlässt überall seine Haufen. In Reimen wird gezeigt, wie nützlich diese Haufen sein können, als Wegmarkierung, als Torwand, als größte Sandburg am Strand, als Mittagessen für Fliegen etc. Sehr originell finde ich diese Systematik nicht. Außer dem Spaß am Wort „Kackofant“, das mit dem pikanten Wort spielt und sich prima zum Reimen eignet, bleibt bei mir aber nichts hängen von diesem Buch. Das ist einfach nicht mein Humor. Auch bei meinem Sohn ist es nicht so richtig „eingeschlagen“. Vielleicht ist er schon zu groß für dieses Thema. So sind wir nicht diejenigen, die im Kindergarten den „Kackofanten“ einführen, den ich dann den Erziehern erklären muss. Puh … nochmal Glück gehabt.

Werner Holzwarth / Wolf Erlbruch: Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Peter Hammer Verlag 2001. ab 2 Jahren. 9,99 Euro.

Klaus Zehrer: Der Kackofant. Klett Kinderbuch 2011. ab 2 Jahren. 13,90 Euro.

P.S.: Es gibt sogar ein „Kackofanten“-Lied bei Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=tH7UZN9qWLY

Lebewesen im Körper: „Neues aus dem Bahnhof Bauch“ und „Karius und Baktus“

Es sind schon merkwürdige Vorstellungen, die manche Kinderbücher vermitteln: Kleine Lebewesen bevölkern unsere Körper und sorgen dafür, dass „da drinnen“ etwas passiert. Ein bisschen mulmig macht mich dieser Gedanke, aber er hat auch einen großen Vorteil für uns Erwachsene: Wenn man Körpervorgänge mit der Hilfe von kleinen Lebewesen erklärt, kann man besser über die Abläufe sprechen, ohne viele zu abstrakte Wörter verwenden zu müssen. In Geschichten eingebettet wird der Verdauungsprozess oder die Zahnhygiene viel anschaulicher.

Zwei Bücher, die solche Körpergeschichten erzählen, möchte ich kurz vorstellen. Es handelt sich um „Neues aus dem Bahnhof Bauch“ von Anna Russelmann, illustriert von Anna Russelmann und Stefan Schulz, sowie „Karius und Baktus“ von Thorbjörn Egner, das seit Generationen als pädagogische Unterstützung zur Einübung des Zähneputzens benutzt wird. Allerdings scheitert „Karius und Baktus“ an dieser Aufgabe grandios, was das Buch sehr sympathisch macht. Außerdem besitzt es aufgrund seiner wild gezeichneten und unperfekten Illustrationen einen Retro-Charme, der sich von Geschichten mit süßen Feen und niedlichen Tieren abhebt.

Karius und Baktus sind zwei Kobolde, die sich im Mund von Jens häuslich eingerichtet haben, sich von Süßigkeiten ernähren und Löcher in die Zähne hauen. Aufgrund ihres Treibens bekommt Jens Zahnschmerzen, woraufhin er zum Zahnarzt geht, der mit seinem Bohrer die Behausungen von Karius und Baktus zerstört. Die Kobolde sind nun schutzlos der Zahnbürste ausgeliefert und werden von den Putzbewegungen nach draußen in den Abguss befördert. Karius und Baktus sind zwei sehr plakativ gestaltete Charaktere, die Vorleser ungewollt zum Schmunzeln bringen: Karius ist fleißig, ordentlich, solide und pessimistisch, ein ziemlicher Griesgram. Baktus ist verwegen, optimistisch und leichtgläubig, ein echter Lebemann. Trotz dieser moralisch fragwürdigen Eigenschaften erscheinen die beiden Kobolde nicht unsympathisch und sollen bei manchen Kindern eher Mitleid geweckt haben, als dass sie vertrieben werden sollten. Doch die Sympathie mit Karius und Baktus ist nicht das einzige Problem, dass die Motivation zum Zähneputzen eher verringert als unterstützt. Die Handlung ist recht schwierig mit der sich wiederholenden Tätigkeit des Zähneputzens zu verknüpfen. Es bleibt nämlich unklar, woher die Kobolde kommen, wann sie sich einnisten, wie sie in den Mund kommen und wann sie wiederkommen, wenn sie vertrieben wurden. Mein Sohn hat sich daher eine besondere Verknüpfung ausgedacht. Karius und Baktus wohnen eigentlich im Bauch und kommen manchmal nach oben in den Mund. Die Zahnbürste schickt sie dann wieder nach unten.

Diese Weiterentwicklung der Geschichte der Zahnkobolde Karius und Baktus ergibt sich wohl aus der Lektüre der anderen Körpergeschichte. „Neues aus dem Bahnhof Bauch“ erklärt den Verdauungsprozess. Im Bauch leben die Bäuchlinge, kleine grüne Männchen, die Waggons mit dem im Magen ankommenden Essensbrei befüllen und dann in den Darm fahren, wo die Wagen geleert werden. Leider haben die Bäuchlinge immer wieder Probleme bei ihrer Arbeit, denn das Mädchen Julia kaut nicht richtig, es kommen viel zu große Brocken im Bahnhof Bauch an. Wie schön wäre es, würde Julia besser kauen, mehr trinken und nicht zu viel Eis essen. Diese ideale Vorstellung vom richtigen Essen erträumt sich ein Bäuchling, der von einem Brocken am Kopf getroffen wurde und in Ohnmacht fällt. Obwohl diese erzählerische Konstruktion zur Beschreibung des guten Essens mir ein wenig kompliziert erscheint, lässt sich die Geschichte gut anwenden, um zu thematisieren, was im Bauch passiert. So ergeben sich schöne Erklärungen für das Magenknurren oder für die Notwendigkeit, mehr zu trinken und weniger Eis zu essen. Nur der Satz „Auf Gummibärchen würden die Bäuchlinge lieber verzichten“ hat sich meinem Sohn noch nicht so recht erschlossen. Sehr gewöhnungsbedürftig finde ich jedoch die recht ekligen Illustrationen. Wenn auf einer Doppelseite die Vanilleeisschaum- und Schokoladensauce aus der Speiseröhre spritzt, wird mir ein wenig flau im Magen. Dafür ist das Bild der Bäuchlinge, die im vereisten Bahnhof Bauch streiken, wiederum ganz amüsant.

 Anna Russelmann: Neues aus dem Bahnhof Bauch. NordSüd Verlag Zürich. Ab 3 Jahren. 11,50 Euro.

Thorbjörn Egner: Karius und Baktus. cbj Verlag München. Ab 3 Jahren. 7,95 Euro


Kinderbücher bodenständig und praktisch: Die Conni-Reihe

Manchmal schleichen sich Kinderbuchfiguren in den Alltag ein und man weiß nicht, wo sie herkommen. Dann sind sie da und gehen nicht wieder weg. Dann ist man wohl den Marketing-Strategen der Verlage auf den Leim gegangen.

Conni ist so eine Figur, die sich, vor allem in der Form von Pixie-Büchern, bei uns eingeschlichen hat. Die Conni-Reihe bietet eine Rundum-Versorgung mit Webseite für Kinder, Kuschelkissen und Arzttasche. Angefangen hat es bei uns mit der Geschichte „Conni feiert Weihnachten“. Und weil die so praktisch die Abläufe und Begriffe rund um das Weihnachtsfest erzählt, folgte „Conni und der Osterhase“. Und dann ergeben sich für viele weitere Alltagserlebnisse und -ereignisse Anlässe, um mal bei Conni vorbeizuschauen: „Conni kommt in den Kindergarten“, „Conni geht zum Arzt“, „Conni zieht um“ und so weiter und so weiter.

Dabei mag ich die Figur eigentlich ganz gerne: Das Mädchen ist sehr bodenständig, legt nicht viel Wert auf Klamotten und Konsumgüter, weiß sich in allen Situationen zu helfen. In ihrer praktischen und zupackenden Art bleibt sie aber dennoch blass, denn sie hat keine Ecken und Kanten. Conni ist das Gegenteil von Juli, den ich in einem früheren Artikel vorgestellt habe, und in dessen Welt es manchmal etwas chaotisch zu geht. Bei Conni hingegen ist immer aufgeräumt, haben die Eltern stets gute Laune und erklären mit Geduld den Alltag im Vorstadthäuschen. Dabei ergeben sich für die Vorleser noch praktische Tipps, wie man selbst Weihnachtskugeln bastelt oder ein Ostergärtchen mit Häuschen anlegt. Das hilft, den Familienalltag zu strukturieren, es beschleicht mich aber das Gefühl, dass die Bücherwelt meines Kindes nicht nur aus Conni-Geschichten bestehen sollte, in denen alles aufgeräumt ist, Konflikte sich in null-komma-nichts lösen und die Welt nur aus Alltagsbegebenheiten besteht.

Liane Schneider, Eva Wenzel-Bürger: Das große Conni-Buch. Carlsen 2010. ab 2 Jahren. 12,90 Euro.

P.S. Im Moment könnten wir den Band „Conni hilft Mama“ gebrauchen, denn die Erkältungszeit hat mich und unseren Papa erwischt und wir sind etwas eingeschränkt arbeitsfähig. Der Papa kommt in den Conni-Geschichten allerdings nur am Rande vor. Er macht auch keine Arbeit im Haushalt. Wobei wir bei einem weiteren Ärgernis der Conni-Geschichten wären: Die Rollenverteilung zwischen den Eltern ist steinzeitlich. Aber das ist ein Problem, das in zahllosen Kinderalltagsbüchern, besteht.

The winner is: Martin Baltscheits „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“

 Die Entscheidung der Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises in der Sparte Bilderbuch leuchtet auf vielen Ebenen ein. Der Autor und Illustrator Martin Baltscheit hat schon einige tolle Bücher veröffentlicht – z.B. „Zarah, du hast doch keine Angst“, zusammen mit Zoran Drvenkar oder die „Geschichten vom Herrn Paul“, zusammen mit Ulf K. Seine Leistungen gehörten längst gewürdigt. Sein neues Buch ragt aus dieser Liste noch einmal heraus, weil es ein sehr aktuelles, gesellschaftsrelevantes Thema aufgreift: Es handelt vom Altwerden, vom Vergessen und Erinnern, vom Versorgtwerden.

Ein stolzer, schlauer, furchtloser und gefährlicher Fuchs wird graubärtig, kränklich und sehr vergesslich. Erst verwechselt er die Wochentage und geht am Mittwoch in die Kirche. Dann vergisst er auf der Jagd das Jagen und erkennt sein eigenes Spiegelbild im Fluss nicht mehr.

Der Pressetext der Jugendliteraturpreisjury nennt das Stichwort „Demenz“, was mich aber eher abgeschreckt hat. Warum sollte ich meinem Kind ein Buch über die Krankheit „Demenz“ vorlesen? Unsere Großeltern sind noch recht weit von einem entsprechenden Alter entfernt. Ein über 80jähriger Nachbar ist zwar massiv schwerhörig und zeigt auch sonst gravierende Alterserscheinungen. Diese Besonderheiten lassen sich aber prima erklären lassen, ohne auf medizinisches Fachwissen und Details zurückgreifen zu müssen. Überzeugender ist da schon der Hinweis der Jury auf die Bezüge des Buchs zur kindlichen Geistesverfassung im Alter des anvisierten Lesepublikums, um die fünf Jahre: Denn auch Kinder kennen das Vergessliche, Schusselige, so etwas wie: „Wo ist dein Anorak?“ nach dem Spielplatzbesuch und die typische Kinder-Antwort darauf: „Welcher Anorak?“

Das Herausragende der „Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ liegt aber vor allem in den reichhaltigen Anknüpfungspunkten an viele verschiedene Themen: Eine Fabel, die von einem Individuum erzählt. Eine Fabel, die von der Veränderung einer Geistesverfassung erzählt. Eine Fabel, die von einer Gemeinschaft erzählt. Eine Fabel, die von bedeutenden Veränderungen und Entwicklungen in der heutigen Gesellschaft erzählt.

Damit kommt dem Bilderbuch wieder eimal die Funktion zu, große Themen zu veranschaulichen. Und besonders das Thema „Altern“ scheint zur Zeit in Mode zu sein, denn im letzten Jahr wurde Stian Holes „Garmans Sommer“ mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. In diesem Buch denkt der Junge Garman über Angst, Tod, Vergänglichkeit nach, während er mit seinen drei alten Tanten den letzten Sommer vor der Schuleinführung verbringt. Diese Themen scheinen mir gut geeignet für Philosophiestunden, besondere Zeiten an Feiertagen, im Urlaub. Im Kinderalltag kann ich mir vorstellen, mit diesen großen Themen leicht überfordert zu sein.

Martin Baltscheit: Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor. Bloomsbury 2010. Ab 5 Jahren. 13,90 Euro.

Stian Hole: Garmans Sommer. Carl Hanser Verlag 2009. Ab 5 Jahren. 14,90 Euro.

Buchmesse – Auf Entdeckungsreise

Eigentlich sind Buchmessen sehr anstrengende und nervige Veranstaltungen. In den letzten Jahren litt ich bei meinen Buchmessenbesuchen meist unter einer akuten Reizüberflutung und wusste nicht, was ich mit den ganzen Informationen alles anfangen soll. Dazu die vielen Menschen, die langen Wege, der hohe Geräuschpegel …

Dieses Jahr war es anders. Zum einen zeigten sich die Gänge am ersten Tag für Fachbesucher tausendmal menschenleerer als an den Publikumstagen am Wochenende. Zum anderen hat es sehr viel Spaß gemacht, auf Entdeckungstour für den Blog zu gehen. Dabei wurde mir deutlich, wie wichtig es ist, Kinderbücher „in echt“ zu sehen und anzufassen. Denn wenn man das Format, den Umfang, das Papier oder das Gewicht erleben kann, bekommt man einen ganz anderen Eindruck von den Büchern, als durch bloße Abbildungen von Covern und Inhaltsbeschreibungen. Außerdem vermitteln die Präsentationen der Verlage einen weiteren Blick auf neue Bücher als die Auslagen der örtlichen Buchhandlung (die bei uns sowieso nicht sehr spannend ist) oder die Rezensionsseiten der Tageszeitung. Und dabei habe ich so viele interessante Entdeckungen gemacht, dass – wie immer – zu wenig Zeit zur Verfügung steht, um sie auszuprobieren, zu wenig Geld vorhanden ist, um sie zu kaufen und zu wenig Platz im Bücherregal bleibt, um sie aufzubewahren.

So hat sich aber genügend Stoff für den Blog für die nächsten Monate angesammelt. Das sind die Themen, über die ich schreiben möchte: zweisprachige Bilderbücher – Bilderbücher und Vorlesen ohne Text – Märchenillustrationen. Und das sind Tipps, die ich vorstellen werde: ein Buch für werdende große Brüder und Schwestern – ein Buch für ganz Kleine – ein Buch für trotzige Mädchen.Vielleicht kommen am Freitag noch neue Themen dazu, denn dann fahre ich noch einmal zur Buchmesse, kümmere mich aber hauptsächlich um Erwachsenenliteratur. Ganz bestimmt schreibe ich am Wochenende aber über den diesjährigen Gewinner des deutschen Jugendliteraturpreises in der Sparte Bilderbuch. Einen klaren Favoriten konnte ich unter den Nominierungen noch nicht ausmachen, daher bin ich umso gespannter auf die Entscheidung der Jury. Hier werden die nominierten Bücher vorgestellt:

http://www.djlp.jugendliteratur.org/nominierungen_bilderbuch-9.html

Kinderalltagsliteratur: „Juli“

Es müssen nicht immer die tollsten phantastischsten Welten, die lustigsten Monster und verrücktesten Ritter sein. Juli ist ein Junge zwischen vier und fünf, der in sieben Geschichten von Kirsten Boie (Text) und Jutta Bauer (Illustration) kleine und große Alltagsprobleme bewältigen muss. Er erlebt einen schrecklichen Tag, an dem alles schief geht, verzettelt sich auf dem Heimweg vom Kindergarten,trifft einen Jungen im Rollstuhl, muss Spielsachen für einen Wohltätigkeitsbasar abgeben, lernt Rad fahren, begegnet einem Monster auf dem Klo und findet eine neue Kindergartenliebe.

Dabei sind die Geschichten in einem mir aus Kinderbüchern bisher unbekannten Ton, einer für Vorleser ungewohnten Perspektive geschrieben: wie in einem inneren Monolog werden alle Erlebnisse aus Julis Blickwinkel geschildert. In wunderbaren Assoziationsketten, mit herrlich übertriebenen Zeitangaben, in Wendungen, die sich ums Wetten, Miteinandermessen und Vergleichen drehen, wird die Gefühlswelt von Juli anschaulich. Seine Gefühle und Gedanken werden konkret erfahrbar, denn sie sind mit verschiedenen Sinnes- und vor allem Körperwahrnehmungen verknüpft. Juli haut, schubst, prügelt sich, boxt, wenn er sich ärgert. In seinem Bauch kribbelt es, wenn er sich freut oder aufgeregt ist. Diese Schilderungen machen großen Spaß beim Vorlesen und zeigen eine kindliche Logik, die Erwachsenen oft verschlossen ist.

In den Juli-Geschichten geschieht alles innerhalb der dem Vierjährigen eigenen Logik. Kein erhobener Zeigefinger löst die Geschichten auf, die Probleme werden von den Figuren allein bewältigt, ohne das Eingreifen von Menschen, die für diese Probleme gewöhnlicherweise zuständig sind oder sich fühlen (Erzieherinnen, Eltern). Damit vermitteln die Geschichten eine wichtige Botschaft, auch für die Vorleser: schwierige Situationen lassen sich gut mit kindlicher Eigenlogik meistern, die nicht immer zur Elternlogik passen muss, aber trotzdem funktioniert.

Spannend ist für Vorleser aber nicht nur diese „Botschaft“. Auch die selbstironischen Zeichnungen eines urbanen, „grünen“ Milieus machen Spaß, auch wenn diese in den 1980er Jahren verhaftet sind, denn die Geschichten stammen aus den Jahren 1991 bis 1999. Einige Aspekte dieses Milieus sind heute noch aktuell, manches könnte man hinzufügen oder weglassen. Die unterschiedlichen Erscheinungsdaten der Geschichten, die 2005 in einem Sammelband in der Gulliver-Reihe im Beltz&Gelberg Verlag erschienen sind, erklären auch die recht disparat wirkenden Illustrationen. In jeder Geschichte sehen Juli und seine Freunde, seine Eltern und seine Umgebung ein bisschen anders aus. Die Figuren wandeln sich in Details, sind nicht fließbandreproduziert und transportieren in jeder Situation etwas sehr Besondere. In den Einzelbänden zu den Geschichten wird diese spezifische Atmosphäre auch noch deutlicher, denn dort sind noch mehr Bilder eingearbeitet als im Sammelband.

In den Juli-Geschichten finden sich viele Zutaten, die die Texte für Vorleser und Zuhörer interessant machen: Alltagsprobleme von Kindern werden aufgegriffen, eine Welt erzählt, die Kindergartenkinder gut kennen, zu der es viele Anknüpfungspunkte gibt. Dem Vorleser vermitteln die Geschichten ungewohnte Sichtweisen, regen an zum Nachdenken über Alltagssituationen und über die kindliche Logik. Für mich sind die Juli-Geschichten echte Literatur, gar nicht so weit entfernt von „erwachsener“ Literatur, mit viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren.

  Jutta Bauer / Kirsten Boie: Juli! Geschichten zum Vorlesen. Beltz&Gelberg 2008. ab 4 Jahren. 9,95 Euro.

Farbenfrohe afrikanische Tiergeschichten gegen herbstliches Grau

Da der Herbst sich gerade von seiner ungemütlichen Seite zeigt, hier zwei Bücher-Tipps, die an grauen Tagen bestimmt viele Vorleser und Kinder aufmuntern und in bunte Welten entführen. Leider sind die Bücher nur auf Englisch erhältlich. Aber die tollen farbenfrohen Bilder sind die Mühe sicher wert. Es gibt noch mehr dieser afrikanisch-folkloristisch Geschichten zu entdecken …

Tinga Tinga Tales: Why Elephant has a Trunk. Penguin Books U.K. (Puffin Books) 2010. ab 2 Jahren. 5,99 £.

Tinga Tinga Tales: Why Monkeys swing in the Trees. Penguin Books U.K. (Puffin Books) 2010. ab 2 Jahren. 5,99 £.

Bilder und Ängste: „Fünfter sein“

Als Literaturwissenschaftlerin, die sich bisher vor allem mit „Erwachsenenliteratur“ beschäftigt hat, interessieren mich besonders Kinderbücher von berühmten Autoren und Künstlern. Was passiert, wenn ein vergeistigter Mensch versucht, Kinder anzusprechen und so eventuell die Quintessenz seiner Literatur vermittelt? Einige Beispiele möchte ich im Blog vorstellen.

Als erstes aber soll ein Buch präsentiert werden, dass zwar auf dem Text eines berühmten Schriftstellers basiert, aber nicht als Kinderbuch konzipiert war. Das Gedicht „Fünfter sein“ von Ernst Jandl erschien 1970 das erste Mal in der Sammlung „der künstliche baum“ und wurde rasch zu einem der bekanntesten Gedichte des österreichischen Lyrikers. Wie viele Texte, die der konkreten Poesie zugerechnet werden, scheint es nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder geeignet. 1997 illustrierte Norman Junge das Gedicht und machte aus den wenigen Versen eine kleine Geschichte, die seither einen festen Platz im Kinderbuchkanon hat.

„Fünfter sein“ verkehrt eine Logik, die Kinder irgendwann zwischen zwei und drei Jahren erkennen und die dann später viele menschliche Handlungen bestimmt: Jeder will der Erste sein. Schon die Bibel griff dieses scheinbare Grundmuster menschlichen Verhaltens auf, mit dem viel gebrauchten Spruch „die Ersten, werden die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein.“ (Matthäus 19, 30). Jandl illustriert mit seinem Gedicht diesen Spruch, allerdings mit der Pointe, dass ein Erster nicht kommt, sondern „nur“ ein Nächster. Er überträgt die Logik auf die alltägliche Handlung des Arztbesuches, auf die Perspektive eines Wartenden, der abzählt, wann er denn an der Reihe ist und endlich der lang ersehnten Heilung näher rückt.

In der Konstruktion des experimentellen Gedichts wird die Pointe des Wartens und die erlösende Szene erst am Ende enthüllt. Im illustrierten Büchlein weiß der Leser sofort, um welche Situation es sich handelt. Ein Pinguin mit kaputten Flügeln, eine Nachziehente mit fehlendem Rad, ein Teddybär mit einem verbundenen Arm, ein Frosch mit Pflaster und ein Pinocchio mit gebrochener Nase sitzen mit bangen Gesichtern in einem Wartezimmer, verschwinden nacheinander hinter einer Tür und gehen, rollen, springen frohen Mutes wieder heraus. Das Wartezimmer ist dabei recht düster gezeichnet. Umso heller strahlt die Lampe des Herrn Doktor im Behandlungsraum, der als Letzten den Pinocchio empfängt. Dabei erschien mir der Arzt jedoch auch ein bisschen gruselig, wie einem Horrorfilm entsprungen, denn mit einem feisten Grinsen hält er einen Schraubenzieher in der Hand, vor ihm liegen die Werkzeuge des Puppendoktors: Säge, Hammer, Zange. Da schleicht sich die eigene Angst vorm Zahnarzt an. Bleibt nun die Frage, was man bei Kindern mit diesen Bildern auslöst: Wird die Situation des Wartens beim Doktor anschaulich und die freudigen Gesichter der geheilten Spielzeugkameraden legen das Fundament für eine optimistische Grundstimmung bei Arztbesuchen? Oder verstärken die düsteren Illustrationen den Eindruck des Unheimlichen, Fremden, Unverständlichen der Situation? Wenn man in Literatur eintaucht, weiß man manchmal nicht, wo man wieder raus kommt

Ernst Jandl / Norman Junge: Fünfter sein. Gebundene Ausgabe. Beltz&Gelberg 1997. ab 5 Jahren. 6,95 Euro.