Bilder und Ängste: „Fünfter sein“

Als Literaturwissenschaftlerin, die sich bisher vor allem mit „Erwachsenenliteratur“ beschäftigt hat, interessieren mich besonders Kinderbücher von berühmten Autoren und Künstlern. Was passiert, wenn ein vergeistigter Mensch versucht, Kinder anzusprechen und so eventuell die Quintessenz seiner Literatur vermittelt? Einige Beispiele möchte ich im Blog vorstellen.

Als erstes aber soll ein Buch präsentiert werden, dass zwar auf dem Text eines berühmten Schriftstellers basiert, aber nicht als Kinderbuch konzipiert war. Das Gedicht „Fünfter sein“ von Ernst Jandl erschien 1970 das erste Mal in der Sammlung „der künstliche baum“ und wurde rasch zu einem der bekanntesten Gedichte des österreichischen Lyrikers. Wie viele Texte, die der konkreten Poesie zugerechnet werden, scheint es nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder geeignet. 1997 illustrierte Norman Junge das Gedicht und machte aus den wenigen Versen eine kleine Geschichte, die seither einen festen Platz im Kinderbuchkanon hat.

„Fünfter sein“ verkehrt eine Logik, die Kinder irgendwann zwischen zwei und drei Jahren erkennen und die dann später viele menschliche Handlungen bestimmt: Jeder will der Erste sein. Schon die Bibel griff dieses scheinbare Grundmuster menschlichen Verhaltens auf, mit dem viel gebrauchten Spruch „die Ersten, werden die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein.“ (Matthäus 19, 30). Jandl illustriert mit seinem Gedicht diesen Spruch, allerdings mit der Pointe, dass ein Erster nicht kommt, sondern „nur“ ein Nächster. Er überträgt die Logik auf die alltägliche Handlung des Arztbesuches, auf die Perspektive eines Wartenden, der abzählt, wann er denn an der Reihe ist und endlich der lang ersehnten Heilung näher rückt.

In der Konstruktion des experimentellen Gedichts wird die Pointe des Wartens und die erlösende Szene erst am Ende enthüllt. Im illustrierten Büchlein weiß der Leser sofort, um welche Situation es sich handelt. Ein Pinguin mit kaputten Flügeln, eine Nachziehente mit fehlendem Rad, ein Teddybär mit einem verbundenen Arm, ein Frosch mit Pflaster und ein Pinocchio mit gebrochener Nase sitzen mit bangen Gesichtern in einem Wartezimmer, verschwinden nacheinander hinter einer Tür und gehen, rollen, springen frohen Mutes wieder heraus. Das Wartezimmer ist dabei recht düster gezeichnet. Umso heller strahlt die Lampe des Herrn Doktor im Behandlungsraum, der als Letzten den Pinocchio empfängt. Dabei erschien mir der Arzt jedoch auch ein bisschen gruselig, wie einem Horrorfilm entsprungen, denn mit einem feisten Grinsen hält er einen Schraubenzieher in der Hand, vor ihm liegen die Werkzeuge des Puppendoktors: Säge, Hammer, Zange. Da schleicht sich die eigene Angst vorm Zahnarzt an. Bleibt nun die Frage, was man bei Kindern mit diesen Bildern auslöst: Wird die Situation des Wartens beim Doktor anschaulich und die freudigen Gesichter der geheilten Spielzeugkameraden legen das Fundament für eine optimistische Grundstimmung bei Arztbesuchen? Oder verstärken die düsteren Illustrationen den Eindruck des Unheimlichen, Fremden, Unverständlichen der Situation? Wenn man in Literatur eintaucht, weiß man manchmal nicht, wo man wieder raus kommt

Ernst Jandl / Norman Junge: Fünfter sein. Gebundene Ausgabe. Beltz&Gelberg 1997. ab 5 Jahren. 6,95 Euro.

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