The winner is: Martin Baltscheits „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“

 Die Entscheidung der Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises in der Sparte Bilderbuch leuchtet auf vielen Ebenen ein. Der Autor und Illustrator Martin Baltscheit hat schon einige tolle Bücher veröffentlicht – z.B. „Zarah, du hast doch keine Angst“, zusammen mit Zoran Drvenkar oder die „Geschichten vom Herrn Paul“, zusammen mit Ulf K. Seine Leistungen gehörten längst gewürdigt. Sein neues Buch ragt aus dieser Liste noch einmal heraus, weil es ein sehr aktuelles, gesellschaftsrelevantes Thema aufgreift: Es handelt vom Altwerden, vom Vergessen und Erinnern, vom Versorgtwerden.

Ein stolzer, schlauer, furchtloser und gefährlicher Fuchs wird graubärtig, kränklich und sehr vergesslich. Erst verwechselt er die Wochentage und geht am Mittwoch in die Kirche. Dann vergisst er auf der Jagd das Jagen und erkennt sein eigenes Spiegelbild im Fluss nicht mehr.

Der Pressetext der Jugendliteraturpreisjury nennt das Stichwort „Demenz“, was mich aber eher abgeschreckt hat. Warum sollte ich meinem Kind ein Buch über die Krankheit „Demenz“ vorlesen? Unsere Großeltern sind noch recht weit von einem entsprechenden Alter entfernt. Ein über 80jähriger Nachbar ist zwar massiv schwerhörig und zeigt auch sonst gravierende Alterserscheinungen. Diese Besonderheiten lassen sich aber prima erklären lassen, ohne auf medizinisches Fachwissen und Details zurückgreifen zu müssen. Überzeugender ist da schon der Hinweis der Jury auf die Bezüge des Buchs zur kindlichen Geistesverfassung im Alter des anvisierten Lesepublikums, um die fünf Jahre: Denn auch Kinder kennen das Vergessliche, Schusselige, so etwas wie: „Wo ist dein Anorak?“ nach dem Spielplatzbesuch und die typische Kinder-Antwort darauf: „Welcher Anorak?“

Das Herausragende der „Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ liegt aber vor allem in den reichhaltigen Anknüpfungspunkten an viele verschiedene Themen: Eine Fabel, die von einem Individuum erzählt. Eine Fabel, die von der Veränderung einer Geistesverfassung erzählt. Eine Fabel, die von einer Gemeinschaft erzählt. Eine Fabel, die von bedeutenden Veränderungen und Entwicklungen in der heutigen Gesellschaft erzählt.

Damit kommt dem Bilderbuch wieder eimal die Funktion zu, große Themen zu veranschaulichen. Und besonders das Thema „Altern“ scheint zur Zeit in Mode zu sein, denn im letzten Jahr wurde Stian Holes „Garmans Sommer“ mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. In diesem Buch denkt der Junge Garman über Angst, Tod, Vergänglichkeit nach, während er mit seinen drei alten Tanten den letzten Sommer vor der Schuleinführung verbringt. Diese Themen scheinen mir gut geeignet für Philosophiestunden, besondere Zeiten an Feiertagen, im Urlaub. Im Kinderalltag kann ich mir vorstellen, mit diesen großen Themen leicht überfordert zu sein.

Martin Baltscheit: Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor. Bloomsbury 2010. Ab 5 Jahren. 13,90 Euro.

Stian Hole: Garmans Sommer. Carl Hanser Verlag 2009. Ab 5 Jahren. 14,90 Euro.

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