Fantasie – was ist das?: „Wo die wilden Kerle wohnen“

Endlich haben wir diese Woche eines meiner Lieblingsbücher vorgelesen: den Klassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak, der 2009 von Spike Jonze sogar verfilmt wurde. Ich liebe diese süßen, verschmitzten Monster gegen die der Grüffelo langweilig und dröge aussieht. Außerdem passen die Geschichte und ihre Bilder perfekt zu einigen Verhaltensweisen unseres Sohnes: Auch mein Kind ist ab und zu ein Schaf im Wolfspelz, das gerne Hunde ärgert und dem es nicht wild genug sein kann. Die Mimik des kleinen Max ist ihm teilweise wie aus dem Gesicht geschnitten. Diese funkelnden Blicke, wenn ich mal wieder zu viel drängele und unser Trotzkopf noch Zeit benötigt, für das, was er tut …

Aber hier noch kurz die Geschichte: Weil Max groben Unfug veranstaltet, schimpft seine Mutter ihn „wilder Kerl“ und schickt ihn ohne Abendessen ins Bett. Sein Zimmer verwandelt sich daraufhin in einen Wald. Er steigt in ein Segelboot und fährt zu einer Insel. Dort wohnen die wilden Kerle, große Monster, die Max zuerst ein wenig erschrecken. Dann kann er sie aber mit seinem starren Blick zähmen und wird ihr König. Nach einigen wilden Spielen, lustigen Tänzen und abenteuerlichen Kletterpartien bekommt Max Heimweh und segelt zurück. Wieder in seinem Zimmer angekommen, stellt er fest, dass das Abendessen auf dem Tisch steht und noch warm ist.

Für mich zeigt die Geschichte eindrücklich, wie eine bestimmte Art von Fantasie funktioniert und wozu sie dienen kann: Es wird eine Form von Weltflucht beschrieben, die es dem kleinen Max ermöglicht, den Kummer des Tages zu vergessen. Aber wo kommt sie her, diese Fantasie, die Vorstellung von den „wilden Kerlen“? Für meinen Sohn stellte das eine wichtige Frage dar: Woher kommt das Boot, mit dem Max zur Insel der wilden Kerle fährt? Wie kommt er aus seinem Zimmer heraus und wie wieder hinein? Glücklicherweise ist in den Bildern ein offenes Fenster zu sehen. So kann man erklären, wie Max zum Meer kommt. Aber das Konzept von Vorstellungskraft und Fantasie als solches, ist im Alter von 3 ½ Jahren wohl noch nicht entwickelt.

Die Vorstellung von kindlicher Fantasie als etwas Ursprünglichem und Essentiellem, etwas, das immer schon da ist, bekam durch diese Frage für mich ein paar Risse. Fantasie muss gefüttert werden und aus der Kombination von lauter Bruchstücken entsteht etwas Neues. Das zeigt mir auch „Wo die wilden Kerle wohnen“, denn schließlich gibt die Mutter mit ihrem Wort vom „wilden Kerl“ Max den Anlass für die Imagination der Monster vor. Erstaunlicherweise wird die Mutter in den Zeichnungen ausgespart und vor allem der Geruch des warmen Essens holt Max zurück nach Hause. Diese Merkwürdigkeit zu durchdenken, würde hier aber nun zu weit führen. Ich denke, ich nehme sie demnächst auf, in einem Artikel über „Hänschen-Klein-Geschichten“. „Die wilden Kerle“ geben mir jedenfalls noch viel zu denken und dabei viel Spaß beim Vorlesen.

Maurice Sendak: Wo die wilden Kerle wohnen. Diogenes 1966. ab 3 Jahren. 17,90 Euro.

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