Hänschen klein: „Wo die wilden Kerle wohnen“ (Teil 2)

Beim Schreiben meines ersten Blogeintrags zu Maurice Sendaks „Wo die wilden Kerle wohnen“ fiel mir auf, dass die Mutter in der Geschichte eine recht merkwürdige Rolle einnimmt. Sie schickt Max mit ihrem Wort vom „wilden Kerl“ quasi auf seine Fantasiereise, dann holt der Duft des Essens, das sie in sein Zimmer stellt, den Jungen aber wieder zurück. Dabei kam mir ein Essay des Soziologen Dirk Kaesler vom August 2011 über das Kinderlied „Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein“  bei http://www.literaturkritik. de in den Sinn (hier zu finden).

Von dem bekannten Lied gibt es zwei Versionen. In einer ersten Fassung um 1870 lautet der Text so: „Hänschen klein//Geht allein//In die weite Welt hinein.//Stock und Hut//Steht im gut,//Ist gar wohlgemut.//Aber Mama weinet sehr,//Hat ja nun kein Hänschen mehr!//„Wünsch dir Glück!“//Sagt ihr Blick,//„Kehr’ nur bald zurück!“//Sieben Jahr//Trüb und klar//Hänschen in der Fremde war.//Da besinnt//Sich das Kind,//Eilt nach Haus geschwind.//Doch nun ist’s kein Hänschen mehr.//Nein, ein großer Hans ist er. […]

In einer Lieder-Sammlung um 1900, die eine sehr weite Verbreitung fand, heißt es dann: „Hänschen klein,// ging allein,// in die weite Welt hinein.//Stock und Hut,// stehn ihm gut,// ist auch wohlgemut.// Aber Mutter weinet sehr,// hat ja nun kein Hänschen mehr.//Da besinnt sich das Kind.// Läuft nach Haus geschwind.“

Frappierend ist vor allem, dass in den beiden Fassungen, sich das Verhalten des Kindes grundlegend ändert. Im älteren Text zieht der Junge trotz der Tränen seiner Mutter in die weite Welt. Erst nach sieben Jahren kehrt er zurück und ist ein erwachsener Mann geworden. In der jüngeren Version kehrt er schlechten Gewissens sofort zurück. Dirk Kaesler nennt die erste Fassung eine „Emanzipationsgeschichte“, die zweite dagegen eine „Regressionsgeschichte“. Der Unterschied liegt vor allem in der Dauer des Fortseins begründet, denn zurück kommen beide Hänschen.

In „Wo die wilden Kerle wohnen“ begibt auch Max sich auf eine solche Reise und trennt sich demonstrativ von seiner Mutter. Im Bilderbuch wird diese große Fahrt jedoch sehr ambivalent dargestellt. Einerseits ist der kleine Junge lange unterwegs, angezeigt durch die Zeitangabe „fast ein ganzes Jahr und viele Wochen lang und noch einen Tag“. Andererseits ist das Essen noch warm, als er zurückkehrt. So scheint Max einerseits durch seine Begegnung mit dem wilden Kerlen ein Stück größer geworden zu sein. Andererseits bekommt er schnell Heimweh und eine wirkliche Veränderung des kleinen Jungen thematisiert das Bilderbuch nicht. Max‘ Fantasiereise scheint somit nur eine Vorbereitung der großen Emanzipationsgeschichte zu sein, die den kleinen König der wilden Kerlen noch erwartet.

Maurice Sendak: Wo die wilden Kerle wohnen. Diogenes 1966. ab 3 Jahren. 17,90 Euro.

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