Unsinnspoesie mit verknoteter Zunge: Eugène Ionescos „Geschichte Nummer 1“

Dieses Buch ist eine Herausforderung für Vorleser – aber eine sehr lustige! Der in Rumänien geborene und nach Frankreich emigrierte Theaterschriftsteller Eugène Ionesco (1909-1924) hat eine kleine Reihe von Kinderbüchern geschrieben, die in den meisten Werkverzeichnissen nicht genannt sind, aber großartige kleine Kunstwerke darstellen.

Die „Geschichte Nummer 1 – „für Kinder unter drei Jahren“ – zuerst erschienen 1967, illustriert von Etienne Delessert, beginnt mit einer für Eltern gut bekannten und öfters erlittenen Situation. Die kleine Josette weckt ihre Eltern auf. Diese waren am Abend vorher im Theater, in einem Restaurant und in einem Nachtclub. Dementsprechend sind sie müde und genervt. Zuerst kann noch die Haushälterin Jacqueline helfen und ablenken, aber dann hilft es alles nichts: Der Papa soll eine Geschichte erzählen. Im Halbschlaf beginnt der Vater zu erzählen:

„’Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Jacqueline.‘ ‚Wie Jacqueline?‘ erkundigt sich Josette. ‚Ja, sagt Papa, ‚aber es war nicht Jacqueline. Jacqueline war ein kleines Mädchen. Es hatte eine Mama, die Frau Jacqueline hieß. Der Papa der kleinen Jacqueline hieß Herr Jacqueline. Die kleine Jacqueline hatte zwei Schwestern, die alle beide Jacqueline heißen, und ….“

So setzt sich die Erzählung über fünf Seiten fort, wird kurz unterbrochen durch die Haushälterin, die die Tochter zum Einkaufen mitnimmt, und wird dann fortgesetzt als Josette ein kleines Mädchen names Jacqueline trifft und von der Familie Jacqueline erzählt. So taucht im ganzen Buch 48mal der Name „Jacqueline“ auf.

Nach der Lektüre dieser Geschichte hat man als Vorleser wahrlich einen Knoten in der Zunge von den häufigen Wiederholungen. Aber dank der schönen Illustrationen ist man eingetaucht in eine Welt voller kleiner Geschichten und Fabelwesen. Außerdem wird man ein bisschen über morgendliche Erschöpfungszustände hinweg getröstet. Denn auch eine Haushälterin in einer großbürgerlichen Familie, die das Frühstück ans Bett bringt, kann diese anstrengende Situation nicht retten. Wann war ich bloß das letzte Mal – an einem Abend – im Theater, im Restaurant und im Nachtclub?

Nebenbei erfährt man durch die „Geschichte Nummer 1“ auch etwas über das Geschichtenerzählen an sich: Hinter Namen und Wörtern verstecken sich oftmals Geschichten. Das zeigt auch das Cover des Bilderbuchs: Hier sieht man eine große Eins. Aus einem Fenster winkt Josette und im Hintergrund sind Mitglieder der Familie Jacqueline zu sehen. Die Eins ist ein Wort, ein Haus, ein Zeichen: Dahinter verbirgt sich eine ganze Welt. Und die kann ganz schön verrückt sein. Zumindest findet die Haushälterin, dass der Papa verrückte Geschichten erzählt. Aber der war ja einfach nur müde.

Ich freue mich schon auf die „Geschichte Nummer 2“. Leider muss ich noch ein bisschen suchen, denn beide Bücher werden nicht mehr aufgelegt und der zweite Band scheint noch seltener zu sein als die „Geschichte Nummer 1“. Ich warte jedenfalls auf einen akzeptablen Preis für das antiquarische Buch. Oder auf Weihnachten …

Eugène Ionesco: Geschichte Nummer 1. Friedrich Middelhauve Verlag 1969. ab 3 Jahren. Wird nicht mehr aufgelegt, nur antiquarisch erhältlich.

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  1. Danke für diesen tollen Buchtipp! Ich liebe Ionescos Theaterstücke, wusste aber nicht, dass er auch Kinderbücher geschrieben hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass Kinder die Absurdität seiner Texte ganz anders wahrnehmen; das ist echt spannend. Sehr schade, dass sie nicht mehr aufgelegt werden.

    • Liebe Jessica, das mit der Absurdität habe ich mich auch schon gefragt. Einerseits ergeben sich mit Kindern ständig absurde Situationen und sie lernen langsam, was wann wo absurd ist und haben dann viel Spaß daran. Andererseits sind Kinder immer auf der Suche nach Regeln und sind sehr konservativ. Da kann es leicht passieren, dass Absurdität sie verstört. Aber das ist ja auch immer eine Frage der Gewöhnung und des Kennenlernens. Unser Sohn mag jedenfalls die „Geschichte Nummer 1“ sehr gerne.

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