Bagger vs. Maulwurf: „Der Maulwurf Grabowski“ von Luis Murschetz

Ein Kindheitserinnerungsgespräch mit meinem Mann, der im Westen aufgewachsen ist, machte mich kürzlich auf den Klassiker „Der Maulwurf Grabowski“ von Luis Murschetz aufmerksam. In dem 1971 erschienenen Bilderbuch erzählt der Autor, wie der angestammte Lebensraum eines Maulwurfs – mit dem schönen Namen Grabowski -, durch Landvermesser, Bagger und Baumaschinen zerstört wird. Nach einer dramatischen Vertreibung des kleinen Tieres aus seinem Bau durch die riesigen Maschinen und einer abenteuerlichen Flucht über Eisenbahnschienen sowie Autobahnen, findet Grabowski glücklicherweise eine neue Wiese, auf der das Gras noch saftig und die Erde locker und weich ist. In beeindruckenden Bildern, die anrührend sorgfältig gezeichnet sind – man sieht jeden einzelnen Strich in den Schraffuren, die die Flächen füllen – wird die Bedrohung des Maulwurfs durch Baggerschaufeln, Kettenfahrzeuge und Betonmischer gezeigt.

Nachdem man sich dieses bezaubernde Buch angeschaut hat, wundert man sich überhaupt nicht mehr über Bürger, die gegen Tiefbahnhöfe protestieren. Eine Ideologie der Naturnähe und Maschinenskepsis findet hier beeindruckende Bilder. Der Maulwurf Grabowski ist leider zu klein und zu machtlos, um gegen die Maschinenungetüme zu protestieren, er muss sich ein neues Zuhause suchen. Dafür wird der Leser von seinem Schicksal so sehr berührt, dass er – ähnlich wie der Maulwurf – nur noch die riesigen Schaufeln und den geldgierigen Bauern, den er sowieso nicht leiden kann, sieht. Der Sinn und Zweck der Baumaßnahmen kommt gar nicht in den Blick. Für den Maulwurf Grabowski lohnt es sich auf jeden Fall zu protestieren.

Luis Murschetz: Der Maulwurf Grabowski. Diogenes Verlag 1971. ab 4 Jahren. 15,90 Euro

P.S.: Der „kleine (tchechische) Maulwurf“ bekommt es übrigens in einer Folge auch mit einem Bagger zu tun (hier zu sehen). Im Gegensatz zum Maulwurf Grabowski schafft er es aber, den Bagger auszutricksen. Das „Ungetüm“ muss seine Route ändern, der kleine Garten des Maulwurfs kann bestehen bleiben. In dieser Geschichte ist die Skepsis gegenüber Baumaschinen weniger groß als in Luis Murschetz‘ Bilderbuch, denn das kleine Tier kann die Situation noch beeinflussen, der Bagger wirkt nicht so bedrohlich, das Schicksal nicht so unausweichlich.

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