Meine Lieblingsstellen und Lieblingsfiguren: „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“

In „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ sowie „Jim Knopf und die wilde 13“  wimmelt es von phantastischen Figuren, deren Eigenschaften aber gar nicht soweit entfernt von der Realität sind wie sie auf den ersten Blick scheinen. Diese Art von Phantastik gefällt mir sehr gut, daher möchte ich meine beiden Lieblingsfiguren und schöne Passagen, in denen ihre Eigenarten erläutert werden, vorstellen.

1) Ping Pong und die mandalanischen Speisen

Das mandalanische Kind, bzw. Kindeskind, Ping Pong, ist 368 Tage alt, kann jedoch schon perfekt sprechen und für sich selbst sorgen. Zwar trägt der kleine Mandalanier noch Windeln, allerdings besitzt er so viel Mut und Verstand, dass er Jim und Lukas aus einer sehr gefährlichen Situation befreit. Er ist sehr hilfsbereit. Bei ihrer ersten Begegnung bietet er den beiden Freunden, die hungrig und ohne Geld in Mandala gelandet sind, einheimische Speisen an:

„’Und was darf ich den ehrenwerten Fremdlingen nun zu essen bringen?‘ ‚Ja‘, meinte Lukas ein wenig ratlos, ‚was gibt’s denn?‘ Der kleine Gastgeber begann eifrig aufzuzählen: ‚Vielleicht hundertjährige Eier auf einem zarten Salat aus Eichhörnchenohren? Oder möchtet ihr lieber gezuckerte Regenwürmer in saurer Sahne? Sehr gut ist auch Baumrindenpüree mit geraspelten Pferdehufen überstreut. Oder hättet ihr gern gesottene Wespennester mit Schlangenhaut in Essig und Öl? Wie wäre es mit Ameisenklößchen auf köstlichem Schneckenschleim? Sehr empfehlenswert sind auch geröstete Libelleneier in Honig oder zarte Seidenraupen mit weichgekochten Igelstacheln. Vielleicht zieht ihr aber knusprige Heuschreckenbeine mit einem Salat aus pikanten Maikäferfühlern vor?‘ (aus: Siebentes Kapitel, in dem Emma Karussell spielen soll und die beiden Freunde ein Kindeskind kennenlernen, S. 50)

2)  Herr Tur Tur und die Verschiebung der Perspektive

Neben  Ping Pong helfen zwei weitere Figuren Jim und Lukas auf ihrem Weg in die Drachenstadt. In der Wüste „Das Ende der Welt“ treffen sie den Scheinriesen mit Namen Herr Tur Tur, der sich sehr einsam fühlt. Alle Menschen haben Angst vor ihm, weil er so groß scheint. Die Erklärung seiner Eigenart gibt ein gutes Beispiel für Michael Endes Verfahren Phantastik und Naturwissenschaft zu verbinden:

„Herr Tur Tur nickte ernst und fuhr fort: ‚Wenn einer von ihnen jetzt aufstünde und wegginge, würde er doch immer kleiner und kleiner werden, bis er am Horizont schließlich nur noch wie ein Punkt aussähe. Wenn er dann wieder zurückkäme, würde er langsam immer größer werden, bis er zuletzt in seiner wirklichen Größe vor uns stünde. Sie werden aber zugeben, dass der Betreffende dabei in Wirklichkeit immer gleich groß bleibt. Es scheint nur so, als ob er erst immer kleiner und dann wieder größer würde.‘ ‚Richtig!‘ sagte Lukas. ‚Nun‘, erklärte Herr Tur Tur, ‚bei mir ist das einfach umgekehrt. Das ist alles. Je weiter ich entfernt bin, desto größer sehe ich aus. Und je näher ich komme, desto mehr erkennt man meine wirkliche Gestalt.‘ ‚Sie meinen‘, fragte Lukas, ‚Sie werden gar nicht wirklich kleiner, wenn Sie näher kommen? Und Sie sind auch nicht wirklich so riesengroß, wenn Sie weit entfernt sind, sondern es sieht nur so aus?‘ ‚ Sehr richtig‘, antwortete Herr Tur Tur. ‚ Deshalb sage ich, ich bin ein Scheinriese. Genauso, wie man die anderen Menschen Scheinzwerge nennen könnte, weil sie ja von weitem wie Zwerge aussehen, obwohl sie es gar nicht sind.’“ (aus: Siebzehntes Kapitel, in dem der Scheinriese seine Eigenart erklärt und sich dankbar erweist, S. 132)

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Thienemann 2004. ab 6 Jahren. 14,90 Euro. (Gebunden mit Halbleinen)

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