Michael Ende schreibt nicht für Kinder (Teil 1)

Michael Ende ist einer der bekanntesten Kinderbuchautoren in Deutschland. Seine Bücher wurden verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auch die Literaturwissenschaft hat sich seinem Werk angenommen. Zu „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ sowie „Jim Knopf und die wilde 13“ habe ich mir eine interessante Studie von Julia Voss angeschaut, die das Verhältnis von Michael Ende zu Charles Darwins Evolutionstheorie beleuchtet. Ausgangspunkt ihrer Analyse ist die Feststellung, dass die Figur des Jim Knopf auf einen kleinen Jungen zurückgehen könnte, der Jemmy Button hieß. Er wurde bei einer Forschungsreise von Charles Darwin zusammen mit anderen Eingeborenen in Südamerika gefangen genommen und nach England gebracht wurde, um dort „zivilisiert“ zu werden.

Ausgehend von dieser Namensähnlichkeit zeigt Julia Voss, wie in den Jim-Knopf-Büchern die Lehren von Darwin und deren deutsche bzw. nationalsozialistische Variationen rezipiert und kritisiert werden. Demnach zeichnet Michael Ende in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ sowie „Jim Knopf und die wilde 13“ ein Gegenbild zur nationalsozialistischen Rassenideologie. Die beiden Bücher sind gespickt mit Details, die auf den ersten Blick phantastisch anmuten, sich aber bei näherem Hinsehen auf die Lebenswirklichkeit im Dritten Reich beziehen. Das auffälligste Detail stellt ein Schild dar, das vor der Drachenstadt Kummerland steht: „Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten.“ Und im Kapitel zuvor treffen Jim und Lukas auf den Halbdrachen Nepomuk, der sich darüber beklagt, nicht in die Drachenstadt eingelassen zu werden, weil seine Mutter ein Nilpferd war.

Die Geschichte der beiden Freunde, die ausziehen, um den Drachen Frau Mahlzahn zu besiegen und die kleine Prinzessin Li Si zu befreien, basiert auf der mythologischen Welt der Nibelungen und anderen Heldensagen, die im Nationalsozialismus in der Kinderliteratur eine wichtige Rolle spielten. Bei Michael Ende bekommt die Drachengeschichte jedoch eine freundliche Wendung: Frau Mahlzahn wird nicht getötet, sondern gefesselt. Aus Dankbarkeit gibt sie Jim und Lukas einen entscheidenden Hinweis zur Lösung eines wichtigen Problems. Sie verwandelt sich nach einem langen Schlaf in einen „Goldenen Drachen der Weisheit“.

Dieses Beispiel zeigt, wie in den Jim-Knopf-Büchern Elemente der nationalsozialistischen Ideologie aufgenommen werden. Trotz der positiven Wendung hinterlassen die oben erwähnten Details aber dennoch ein Unbehagen, denn zuerst einmal werden die Begriffe der Ideologie eingeführt. Die Geschichten versorgen Kinder mit Wörtern, die unnötig sind, z.B. „Neger“ oder „reinrassig“. Es stellte sich mir die Frage, ob diese Begriffe rassistisches Denken befördern, obwohl sie im Buch eigentlich anders intendiert sind. Leider geht die Studie von Julia Voss dieser Frage nicht nach. Um sie zu beantworten, müsste man eine Rezeptionsanalyse vornehmen, die in der Literaturwissenschaft meistens ausgespart wird.

– Fortsetzung folgt –

Julia Voss: Darwins Jim Knopf. S. Fischer Wissenschaft 2009.

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