Gute Taten: „Nimmerklug in Sonnenstadt“ von Nikolai Nossow

Zur Zeit beschäftige ich mich mit einem Helden aus meiner Kindheit. Ich habe das Buch „Nimmerklug in Sonnenstadt“ von Nikolai Nossow hervor gekramt und stöbere gerade darin. An die Geschichte konnte ich mich fast gar nicht mehr erinnern. Aber die Tuschezeichnungen, die den Text begleiten, gaben mir gleich ein warmes Gefühl von Vertrautheit. Außerdem fand ich die Überlegung spannend, welche Gedanken aus diesem Buch – das mir sehr, sehr, sehr oft vorgelesen wurde und ich schließlich selbst mehrere Male gelesen habe – mein Leben und meine Einstellungen beeinflusst haben. Und welche Ideen heute auch noch in Kinderbüchern vorkommen oder ob der Wechsel des Gesellschaftssystems – die Nimmerklug-Bücher sind 1954 erstmals in der Sowjetunion erschienen – sich auch in den Geschichten grundlegend bemerkbar macht. Zuerst einmal handelt es sich nämlich bei „Nimmerklug in Sonnenstadt“ um eine klassische Reisegeschichte: Der Held zieht aus, um ein Abenteuer zu bestehen und kehrt am Ende zurück.

Auf den ersten Seiten fiel mir aber schon ein zentrales Motiv auf, das in zeitgenössischen Kinderbüchern kaum noch begegnet: Der Held soll „gute Taten“ verbringen. Da musste ich gleich an einen Klassiker der DDR-Schullektüre denken, in dem der14-jährige Timur Garajew sich als Anführer einer Jungsbande um die Witwen und die Angehörigen von Frontsoldaten kümmert: „Timur und sein Trupp“. Spannend ist in „Nimmerklug in Sonnenstadt“, das der kleine Knirps reflektieren muss, was eine „gute Tat“ denn überhaupt ist. Seine Freundin Pünktchen berichtet ihm von einem Zauberer, der demjenigen einen Zauberstab schenkt, der drei gute Taten hintereinander vollbringt. Das Knifflige an der Aufgabe ist, dass der Prüfling nicht aus Egoismus und nur mit Ziel, den Zauberstab zu erlangen, handeln soll. So scheitert Nimmerklug auch bei seinen ersten Versuchen, seinen Freunden zu helfen. Seine Ungeschicklichkeit, die mir immer sehr sympathisch war, verhindert noch dazu, dass er seinem Ziel näher kommt. Erst als er die Aufgabe eigentlich schon wieder vergessen hat, gelingt es ihm, uneigennützig zu helfen.

Werden in Kinderbüchern selten „gute Taten“ thematisiert, so bietet das Internet eine Fülle von Möglichkeiten und Angeboten. Vor kurzem bin ich z.B. auf die Seite http://doonited.com/blog gestoßen, die eine „gute Tat“ pro Tag vorschlägt und dafür Punkte verteilt. So soll durch viele kleine „gute Taten“ die Welt verbessert werden. Dabei drehen sich die „guten Taten“ nicht wie beim kleinen Knirps Nimmerklug um die Hilfe bei der Arbeit oder kleine Aufmerksamkeiten gegenüber Freunden, sondern es geht oft darum, sich selbst etwas Gutes zu tun und dabei noch sein grünes Gewissen zu entlasten. Natürlich wird auch das menschliche Miteinander einbezogen, aber doch in einer sehr unkonkreten Art und Weise, wie z.B. „Verbringe eine Stunde deiner Zeit mit einer Person deiner Wahl.“ Wenn man die „guten Taten“ bei Nimmerklug und www.doonited.com vergleicht, so scheint gerade der Uneigennutz, der dem Knirps zu seinem Zauberstab verhilft, den entscheidenden Unterschied auszumachen. Damals dienten „gute Taten“ der Eingliederung in die arbeitende Gesellschaft, heute funktionieren „gute Taten“ als Wellness-Programm für gestresste Großstadtbewohner.

Nikolai Nossow: Nimmerklug in Sonnenstadt. leiv 2008. ab 6 Jahren. 14,90 Euro.

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  1. Stimme dir sehr zu mit den guten Taten. Klar ging es früher mit dem Wohl der gesellschaft letztlich auch konkret um das eigene, aber dieses direkte Aufrechnung scheint mir auch neu, also mit Punkten pro Tat.

    Und zu den Kinderbüchern aus der Kindheit und den Erinnerungen. Meine schwester und ich hatten ein Bilderbuch, das hieß „Pampelmusensalat“ und ich kann mich schon an die Zeichnungen und an die herrlich schrägen Gedichte erinnern, aber eine Zeitreise trete ich durch den Geruch des Buchs an. Völlig verrückt.

  2. Ist zwar schon 40 Jahre her, dass ich „Nimmerklug in Sonnenstadt“ gelesen habe, aber die Story und die Ilustrationen habe ich bis heute nicht vergessen. Ein „zeitloses“ Kinderbuch in meinen Augen. Und großartig gemacht. 🙂

    • Ja, ich habe bei meinen Recherchen auch festgestellt, dass die Bücher ja schon mehr als 60 Jahre alt sind. Als ich Kind war und sie gelesen habe, war ich mir dessen natürlich überhaupt nicht bewusst.

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