Schwedische Landidyllen: „Immer dieser Michel“ von Astrid Lindgren

Was für ein komischer Zufall! Wir sind gerade in die Großstadt umgezogen, prompt spaziert uns Michel aus Lönneberga über den Weg und nimmt uns mit in seine schwedische Bauernhofidylle. Neben der Arbeit als U-Bahn-Fahrer geht unser Sohn im Moment somit auch einer Tätigkeit als Feldknecht nach, der ein Roggenfeld aberntet. Das ist ganz neu in seiner Vorstellungswelt. Für Traktoren hat er sich bisher nicht interessiert.

Die Beschreibungen in „Immer dieser Michel“ von Astrid Lindgren sind aber auch zu eingängig: die kleinen roten Häuser, der See, in dem Michel mit Alfred bei Mondschein Krebse fängt, die Fahrten mit der Kutsche oder dem Schlitten nach Mariannelund. Meine Vorstellungen sind, wenn ich diese Passagen lese, natürlich sehr von den Filmen geprägt. Obwohl unser Sohn diese nicht kennt, hat ihn der Text aber auch gefangen genommen. Er liebt die klingenden Personennamen, z.B. der Armenhäusler (Unken Ulla, Salia Amalia), die häufigen Aufzählungen von Gerichten (Blutklöße! – das Buch muss ein Graus sein für Vegetarier) und findet die Anekdoten lustig.

„Immer dieser Michel“ von Astrid Lindgren reiht sich ein in eine Reihe von schwedischen literarischen Werken, die in Deutschland besonders erfolgreich sind. Sie wurden aufgenommen in eine Tradition der idyllischen Verklärung von Landschaften. In Deutschland waren Sie als Gegenbilder zu modernen Großstädten mit Industrieschornsteinen, anonymen Menschenmassen und einer seelenlosen Konsumwelt sehr willkommen. So wurde z.B. Selma Lagerlöfs „Nils Holgerssons Reise“, erschienen 1906, in Deutschland von der so genannten Heimatkunstbewegung, die gegen den „Moloch Berlin“ kämpfte, vereinnahmt. „Immer dieser Michel“ erschien 1963 das erste Mal in Schweden und bedient genauso wie Nils Holgersson das Bedürfnis nach einer heilen, kleinen Naturidylle.

Spannend finde ich an dieser deutschen Schweden-Begeisterung, wie sehr die Texte dabei oft missverstanden wurden. Astrid Lindgrens Bücher wurden z.B. von Verfechtern anti-autoritärer Erziehungskonzepte, gerne als Musterbeispiele für Rebellionen gegen Tradition und Ordnung verstanden. In „Immer dieser Michel“ wird insbesondere die strenge Erziehung des Vaters in Frage gestellt. Gleichzeitig vertritt die Erzählstimme aber ein sehr protestantisches Gesellschaftsbild: Michels Weg führt zu einer angesehenen Position als Gemeinderatspräsident, sein ökonomisches Geschick und Glück wird oft betont, denn er hat ein Händchen für gute Geschäfte. Die Landidylle wird durch große soziale Probleme (Armenhaus, Alkoholismus) getrübt. Diese kleinen Störungen brechen in die Idylle ein und machen sie so interessant. Ohne sie wäre die Landidylle einfach nur kitschig. Und trotzdem ….

Ich fühle mich gerade in der Großstadt ganz wohl und habe selten Sehnsucht nach meinem ländlichen Kindheitsort. Als Mutter mache ich mir ein bisschen Sorgen, dass die Bilder von Landidyllen, verstärkt durch „Michel aus Lönnerberga“ die Eingewöhnung in der großen Stadt etwas verleiden. Demnächst ist also „Karlsson auf dem Dach“ an der Reihe – das spielt nämlich in der Stadt.

P.S.: Noch ein komischer Zufall: Es handelt sich um das erste Astrid-Lindgren-Buch, das wir vorlesen. Vielleicht aber doch kein Zufall, da unser Sohn auch so blond wie Michel ist und öfters Ähnlichkeiten zwischen ihm und der Figur hergestellt werden.

Astrid Lindgren: Immer dieser Michel. Limitierte Sonderausgabe. Oetinger-Verlag 2012. ab 6 Jahren. 9,95 Euro.

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