Das Blog-Maskottchen im Land der Müßiggänger

Mein Blog-Maskottchen hat sich auf Reisen begeben. Da es einem Pinocchio sehr ähnlich sieht, habe ich seine Abenteuer mal mit denen des kleinen italienischen Hampelmanns verglichen.

Glücklicherweise gibt es, bis auf die lange Holznase, jedoch nicht so viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden, wie ich vermutet hatte. Sonst wäre es meinem armen Maskottchen nämlich übel ergangen. Ich war geschockt, was der arme Pinocchio alles erleidet. Die Original-Geschichte ist dermaßen grausam und drastisch, dass ich mir demnächst mal die Disney-Version ansehen muss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dort die ganzen Grausamkeiten übernommen worden sind. Der arme Pinocchio muss mindestens 12 verschiedene Qualen und Todesarten durchstehen, ehe er von einem Holzkasper in einen richtigen Jungen verwandelt wird: abgebrannte Füße, er wird an einer Eiche gehängt, vier Monate Gefängnis, er gerät in ein Falleisen, er wird wie ein Hund gehalten und angeleint, er soll als Fisch in der Pfanne gebraten werden, Verwandlung in einen Esel, es sollen Trommeln aus seinem Fell gemacht werden, er wird von Fischen aufgefressen und von einem Haifisch verschluckt. Dieses harte Schicksal würde ich meinem Blog-Maskottchen gerne ersparen.

Eine Episode gefiel mir dann aber doch recht gut:

„[Das Land der Müßiggänger] ähnelte keinem anderen der Welt. Seine Bevölkerung bestand nur aus Jungen. Die ältesteten waren etwa vierzehn Jahre alt, die jüngsten kaum acht. Auf den Straßen herrschte eine Lustigkeit, ein Geschwätz und ein Krawall, dass man verrückt werden konnte! Überall Scharen von Taugenichtsen; hier spielte einer mit Nüssen, dort einer mit Steinchen. Dieser fuhr Rad, jener ritt auf einem Holzpferdchen, einige spielten Blindekuh, andere schlugen den Dritten ab. Jene waren als Hanswurst verkleidet und aßen brennendes Werg, andere deklamierten und sangen, machten Luftsprünge und liefen auf Händen, die Beine in der Luft. Dort spielte man Reifen, hier lief man als General verkleidet mit Papierhelm und Papierschwert verkleidet auf und ab. Der eine schrie, der andere lachte und klatschte in die Hände oder ahmte das Gackern eines Huhnes nach, das eben ein Ei gelegt hat. Kurz, ein Durcheinander, ein solches Geschrei und Lärmen, dass man sich die Ohren mit Watte verstopfen musste, um nicht taub zu werden. Auf allen Plätzen sah man kleine Leinwandtheater, von morgens bis abends mit Jungen überfüllt, und an allen Hausmauern waren Kohleinschriften zu lesen, wunderliche Sachen wie z.B.: „Es lebe die Spülerei! (statt „Spielerei“), „Wir wollen keine Schuhlen“ (statt „Schulen“), „nieder mit der Aromatik“ (statt „Arithmetik“) und lauter solcher Unsinn.“ (S. 218-220)

Die Passage habe ich ein bisschen umgewandelt:

„Die Stadt Berlin ähnelte keiner anderen in der Welt. Auf den Straßen herrschte eine Lustigkeit, ein Geschwätz und ein Krawall, dass man verrückt werden konnte! Überall Scharen von Taugenichtsen; hier spielte einer Bridge, dort lernte einer Yoga. Dieser fuhr Rad, jener genoß das Spazierengehen. Jene waren als Hipster verkleidet und rauchten Gras, andere deklamierten und sangen, machten Luftsprünge und liefen auf Händen, die Beine in der Luft. Dort ging man auf Parties, vergnügte man sich beim Karneval der Kulturen. Der eine schrie, der andere lachte und klatschte in die Hände oder ahmte das Gackern eines Huhnes nach, das eben ein Ei gelegt hat. Kurz, ein Durcheinander, ein solches Geschrei und Lärmen, dass man sich die Ohren mit Watte verstopfen musste, um nicht taub zu werden. Auf allen Plätzen sah man Freiluftkinos, von morgens bis abends überfüllt, und an allen Hausmauern waren Kohleinschriften zu lesen, wunderliche Sachen wie z.B. „Es geht nicht um ein Stück vom Kuchen, es geht um die ganze Bäckerei“ oder „Frag‘ nicht, wieso du. Frag‘ warum jemand anderes“.

Pinocchio verwandelt sich leider im Land der Müßiggänger langsam in einen Esel … ich hoffe, dieses Schicksal bleibt dem Blog-Maskottchen erspart und es kann den Müßiggang noch lange genießen.

Carlo Collodi: Pinocchio. Vollständige Ausgabe. Anaconda-Verlag 2011. ab 10 Jahren. 4,95 Euro.

P.S.: Die Fotos zu diesem Beitrag entstanden im Laden „Der Zauberkönig“, in Berlin-Neukölln. Das „Fachgeschäft der Magie“ ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

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  1. Hallo, ich bin gerade zufällig auf Suche nach Vorlese-Büchern auf das Blog gestoßen und werde mich gleich mal weiter umschauen.
    Hat das Maskottchen eigentlich einen Namen?
    In Italien werden ja genau diese Figuren an fast jeder Ecke an Touristen verkauft, vermutlich sogar als Pinocchio.

    • Nein, das Maskottchen hat keinen Namen … Es könnte wirklich sein, dass es aus Italien kommt, denn eine Freundin hat es mir vor langer Zeit von einer Reise mitgebracht und ich hatte vergessen, von welcher und woher. Ich selbst war noch nie in Italien und konnte es nicht zuordnen. Beim Pinocchio habe ich sonst immer die Disney-Version im Kopf.

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