Wie das Vorlesen mein Verständnis von Literatur verändert

Ich schreibe nicht nur in meinem Kinderbuchblog, sondern arbeite ab und zu auch bei einem Blog für Erwachsenenliteratur mit. Er heißt „leserleben“ und vor kurzem erschien dort ein Beitrag mit dem Titel „Gedanken einer unperfekten Leserin“, auf den ich geantwortet habe. Da diese Antwort das Vorlesen thematisiert, nehme ich den Artikel hier auf.

„Ja, ich bin eine professionelle Leserin. Ich habe Literaturwissenschaft studiert, sogar in diesem Fach promoviert, unzählige Romane, Gedichte, Erzählungen, Essays und anderes gelesen und damit gearbeitet. Einige Texte waren wichtig für meine wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur – „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin zum Beispiel oder „Peter Schlehmils wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso – und ich habe sie dementsprechend sehr oft gelesen. Welche Augenfarbe Franz Biberkopf hat, weiß ich aber immer noch nicht.

Meine Motivation, Literaturwissenschaft zu lernen, lag genau in dem Gefühl, das du beschreibst, liebe Anne – eine unperfekte Leserin zu sein und es gerne besser zu machen. Das Studium und die Promotion konnten mich diesem Ziel jedoch nicht wirklich näher bringen. Erstens haben mich andere Bereiche interessiert als das so genannte close reading – was das Ziel hat, so tief in ein Werk einzusteigen, das man jedes Detail kennt und es mit Bedeutung füllen kann. Ich fand immer eher den Zusammenhang von Literatur und Gesellschaft spannend. Zweitens lernt man dieses sehr genaue Lesen auch nicht im Studium. Dafür ist die Zeit für die einzelnen Werke immer viel zu knapp (oder meine Gehirnkapazität zu beschränkt). Die Beschäftigung mit der Literaturgeschichte verführt eher zum „Bulimie“-Lesen. Man hat immer das Gefühl, nicht genug zu kennen und gelesen zu haben. In jedem Zeitabschnitt gibt es unzählige neue Werke und Autoren zu entdecken. Man vergisst dabei jedoch vieles, weil auch die meisten Texte es nicht wert sind, dass man sie wieder und wieder liest.

Im Studium und in der Promotion habe ich gelernt, wie man über Bücher sprechen und schreiben kann, mit welchen Worten man einfangen kann, was auf den Seiten passiert. Welche Bedeutung dieses Geschehen aber für mich als subjektive Leserin hat, die in Literatur immer auch ein Stück Lebensweisheit sucht, damit sie klüger in ihrem eigenen Leben handelt, das habe ich erst seit kurzem entdeckt, durch das Vorlesen. Bei diesem täglichen Ritual passiert so vieles Erstaunliches und es vermittelt mir so viele Erkenntnisse, nach denen ich schon lange gesucht habe. Da mein Zuhörer die gleichen Texte wieder und wieder verlangt, kenne ich diese inzwischen schon sehr gut. Der kleine Zuhörer kennt sie jedoch meistens noch besser.

Ich bin immer wieder erstaunt, wieviele neue Dinge man aus einem eigentlich schon bekannten Text erfährt. Wahrscheinlich hängt das mit der Wahrnehmung zusammen, die sehr stimmungsabhängig ist und sich ständig ändert. Das tägliche Ritual erlaubt immer neue Sichtweisen auf die Geschichten – je nachdem, ob ich gerade traurig, fröhlich, wütend, müde, aufgeregt oder genervt bin – das Vorlesen gehört zum Tagesablauf. Die eigenen Gefühlsregungen schlagen sich ja auch in der Stimme nieder. Diese lernt man beim Vorlesen ziemlich genau kennen und wundert sich, welche verschiedenen Klangfarben sie annehmen kann, am Abend, am Nachmittag, am Morgen. Und so verändern sich dann auch die Texte. Das Spannende an der Kinderliteratur ist meines Erachtens hierbei auch, dass diese so offen ist für verschiedenen Deutungen. Die Ideen und Werte sind nicht versteckt hinter Bergen von Wörtern, sie liegen meist klar und deutlich vor dem Leser und müssen nicht so mühsam herausgearbeitet werden. Das erleichtert das Nachdenken darüber und macht Perspektivenwechsel einfacher.

Ich habe Literaturwissenschaft studiert, weil ich fasziniert war vom Medium Buch und wissen wollte, wie man Literatur verstehen kann. In der Beschäftigung mit Zahlen, Fakten und Entwicklungen von Epochen, Werken und Autoren wurde mein Zugang zu Literatur aber verschüttet. Bücher sind mir fremd geworden. Erst durch das Vorlesen weiß ich wieder, was mir literarische Texte bedeuten. Dass ich darin nämlich Antworten auf Fragen, Hilfe in bestimmten Lebenssituationen und ein Werkzeug zum Verständnis der Welt finden kann. Bücher unterstützten mich nun wieder dabei, „bewusst“ zu werden.“

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  1. Ein spannendes Thema. Ich habe ja auch Literaturwissenschaft studiert und bin gerade dabei in ihr zu promovieren. Und ja, diese Ausbildung wirkt sich für mich grundlegend auf meinen Zugang zu Büchern aus. Ich lese privat erheblich weniger, weil ich ja schon den ganzen Tag Bücher wälze, was ich total schade finde. Denn als Kind und Jugendliche war Literatur für mich eine spannende Alternativwelt; jetzt ist es Arbeit. Und ich bin wahnsinnig pingelig geworden, weil ich eben trainiert bin, zu beurteilen.

    Und: Vorlesen tue ich zwar nicht, aber laut lesen sehr wohl. Immer dann, wenn ein Text sehr kompliziert geschrieben ist oder sehr grausam. Hilft mit der Konzentration und dem Durchhalten. ;D Und macht einfach Spaß, wenn man – eben – mit der Stimme spielen kann. Als Jugendliche habe ich Dramen für die Schule oft mit meiner Mutter in verteilten Rollen gelesen und ja, das erlaubt echt einen ganz anderen Zugang, als das oft so klinische literaturwissenschaftliche Lesen.

    • Vielen Dank für deinen Erfahrungsbericht aus Kolleginnenperspektive. So ist das also, wenn man ein Hobby zum Beruf macht. Zum Glück verleidet mir der literaturwissenschaftliche Blick aber nicht nur das Lesen, manchmal führt die systematische Herangehensweise auch zu guten Entdeckungen. Und eigentlich ist man als PromovierendeR doch sehr privilegiert, dass man fürs Lesen quasi bezahlt wird, oder?

      • Ja, doch. Bezahlt zu werden für Lesen, Schreiben, Reisen ist sehr privilegiert und fühlt sich auch so an. Leider das Drumrum in der heutigen Wissenschaftslandschaft nicht so sehr. Aber man kann wohl nicht alles haben…. 😀

  2. Vielen Dank für deinen Beitrag, Christiane.

    Schön, dass du das Vorlesen empfiehlst als Mittel, ein Buch wahrhaft zu durchdringen! Das kann ich ja zum Glück mit dem LitClub ausprobieren! Nur für das Gedächtnis sollte ich wohl zusätzliche Übungen machen – oder, wie eine Kollegin mir empfahl, nicht zu viel Dinge auf einmal im Kopf zu haben 😉

    • Für das Gedächtnis empfehle ich auch das Vorlesen und zwar immer wieder und wieder die gleichen Stellen und Bücher. Nach gefühlten 20 Durchgängen von „Jim Knopf und die wilde 13“ werde ich die Namen der 12 Piraten wohl so schnell nicht vergessen. Ich nehme mir immer wieder auch mal vor, ein Gedicht auswendig zu lernen, um wie ein Geschichtsprof bei meiner Disputation ein Goethe-Gedicht zum Besten geben zu können. 😉 Klappt aber nicht so richtig, denn das ist so ein Vorhaben aus der Kategorie „gute Vorsätze, die nur einen Tag Bestand haben“.

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