Charakterologie eines Großstädters: „Karlsson vom Dach“ von Astrid Lindgren

Da wir vor kurzem in die Großstadt umgezogen sind, wollte ich unserem Sohn gerne Geschichten vorlesen, die in einer urbanen Umgebung spielen. Bei Astrid Lindgren bin ich fündig geworden. „Karlsson vom Dach“ ist ein sehr interessanter Großstadttext, der ein heimeliges Gefühl vermittelt. Im Buch gibt es mehrere Stellen, in denen das Häusermeer schön beschrieben wird, zum Beispiel im Kapitel „Karlsson fällt ein, dass er Geburtstag hat“.

Juniabende in Stockholm sind mit nichts anderem in der Welt zu vergleichen. Nirgendwo leuchtet der Himmel in einem so seltsamen Licht, nirgendwo ist die Dämmerung so zauberhaft und so lieblich und so blau. Und in dieser blauen Dämmerung ruht die Stadt auf ihren fahlen Wassern, so als wäre sie aus irgendeiner alten Sage emporgestiegen und wäre überhaupt nicht wirklich. Solche Abende sind für einen Weckenschmaus auf Karlssons Treppenvorplatz wie geschaffen. Meistens merkte Lillebror weder vom Licht des Himmels etwas noch von einer zauberischen Dämmerung und Karlsson seinerseits scherte sich überhaupt nicht darum. Als sie nun aber hier so beisammensaßen und Saft tranken und Wecken aßen, da empfand zum Mindesten Lillebror, dass dieser Abend mit keinem anderen zu vergleichen war. Und Karlsson merkte, dass Mamas Wecken mit keinen anderen Wecken zu vergleichen waren. (S. 282)

Mit mythologisierendem Vokabular beschreibt der Erzähler die Stimmung in der großen Stadt und man könnte meinen, er fühlt sich wohl in dieser Umgebung. Wenn da nicht die Hauptfigur wäre: Karlsson vom Dach. Der „schöne, grundgescheite, gerade richtig dicke Mann in seinen besten Jahren“ mit einem kleinen Propeller auf dem Rücken und einem gemütlichen Häuschen auf dem Dach, gleich neben dem Schornstein, polarisiert und provoziert den Leser und seine Umwelt ohne Unterlass. Mit seinen nervigen Eigenschaften stellt er den Prototyp des Großstadtbewohners dar, wie er seit der Urbanisierung Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Texten und soziologischen Abhandlungen entworfen wurde. Er ist dominant, arrogant, aufschneiderisch, egoistisch, materialistisch, unzuverlässig, will immer nur Spaß haben. Kurz: Er ist ein krasser Individualist, genauso so, wie Georg Simmel den Großstädter in seinem für die Großstadtsoziologie grundlegenden Vortrag „Die Großstädte und das Geistesleben“, das erste Mal veröffentlicht 1903, beschrieben hat:

Zunächst die Schwierigkeit, in den Dimensionen des großstädtischen Lebens die eigene Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. – Wo die quantitative Steigerung von Bedeutung und Energie [in der Großstadt] an ihre Grenze kommen, greift man zu qualitativer Besonderung, um so, durch Erregung der Unterschiedsempfindlichkeit, das Bewusstsein des sozialen Kreises irgendwie für sich zu gewinnen: was dann schließlich zu den tendenziösesten Wunderlichkeiten verführt, zu den spezifisch großstädtischen Extravaganzen des Apartseins, der Kaprice, des Pretiösentums, deren Sinn gar nicht mehr in den Inhalten solchen Benehmens, sondern nur in seiner Form des Andersseins, des Sich-Heraushebens und dadurch Bemerklichwerdens liegt – für viele Naturen schließlich noch das einzige Mittel, auf dem Umweg über das Bewusstsein der anderen irgend eine Selbstschätzung und das Bewusstsein einen Platz auszufüllen, für sich zu retten. (Online-Ausgabe des Textes: http://socio.ch/sim/verschiedenes/1903/grossstaedte.htm)

Einige weitere Eigenschaften, die Simmel dem Großstädter zuschreibt, treffen dann aber nicht auf Karlsson zu und somit bekommt der Leser eine Chance, die Nervensäge lieb zu gewinnen. So kann man ihn wohl kaum als blasiert und reserviert bezeichnen. Der kleine Mann sprudelt meist über von Ideen und schafft es, die Kinder für sich zu gewinnen. Zudem beweist er viel Geschick im Überlisten der Schurken in der großen Stadt. Und weil er Lillerbrors Freund ist, der dem Leser als ein durch und durch sympathischer Junge erscheint, lernt man die Nervensäge schätzen, genauso wie die Eltern und Geschwister in der Familie Svantesson. Und das ist die schöne Botschaft des Buches: Auf den zweiten Blick können sogar nervige Großstädter ganz nett sein!

Astrid Lindgren: Karlsson vom Dach. Zeichnungen von Ilon Wikland. Jubiläumsedition mit drei Büchern in einem Band. Verlag Friedrich Oetinger 2007. ab 8 Jahren. 9,90 Euro.

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  1. Als Kind habe ich Karlsson geliebt und mir immer so einen Propeller gewünscht, der mich fliegen lassen würde 🙂
    Euch wünsche euch noch einige spannende Lesestunden mit Karlsson vom Dach!

    Liebe Grüße,
    papillionis

    • Vielen Dank! Wir haben wirklich viel Spaß beim Lesen. Ich finde die Geschichten echt lustig, auch wenn sie mir als Vorleserin am Anfang viel Geduld abverlangt haben. Die vielen Dialoge sind nicht einfach vorzulesen. Mein Sohn ist auch sehr fasziniert vom Fliegen …

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