Überraschungsmomente: „Mia schläft woanders“ von Pija Lindenbaum

Nun habe ich es endlich geschafft, den diesjährigen  Sieger in der Sparte Bilderbuch des Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreises 2012 zu besorgen. Im Buchhandel gab es Lieferengpässe, in den Berliner Bibliotheken waren alle Exemplare ausgehliehen. Der Preis hat also seine Wirkung gezeigt. Obwohl die Autorin eigentlich schon bekannt sein müsste. In ihrer Heimat Schweden hat sie zahlreiche Preise verliehen bekommen, ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. In Deutschland sind seit 2005 drei Bücher mit ihrer Heldin Franziska (so sollte aber eigentlich keine Heldin heißen, finde ich) erschienen. In bester Pippi-Langstrumpf-Tradition erzählt die Autorin Geschichten von starken Mädchen. So auch in „Mia schläft woanders“. Mia erlebt bei einem Übernachtungsbesuch recht gruselige Dinge und bewegt sich durch Furcht erregende Räume, von Angst ist im ganzen Buch aber niemals die Rede.

Dabei werden einige Kindererfahrungen in eine Geschichte und in Bilder verpackt, die sehr überraschend komponiert sind. Es geht um Gefühle der Fremdheit gegenüber unbekannten Menschen, Räumen und Gewohnheiten, um das Gefühl der Freundschaft, das auf eine Probe gestellt wird, um das Gefühl der Vorfreude und der großen Erwartungen an Ereignisse, die durch das Erleben selbst nicht eingelöst werden können, es geht um die Suche nach Schutz und Hilfe in der Dunkelheit. All diese Erfahrungen, die in „normalen“ Alltagsgeschichten für Kinder unter dem Begriff Angst zusammen gefasst sind, werden aufgedröselt und in einzelnen Szenen genauer betrachtet.

Es ergeben sich somit schöne Perspektivverschiebungen und Rätselhaftigkeiten. Was Cerisia, der Freundin von Mia, vertraut und lieb ist, erscheint der Besucherin unheimlich und abstoßend, wie der Hund der Gastgeberfamilie, der eine eklige Beule auf dem Kopf hat. Im Fokus bleibt dabei allerdings Mias Erleben. Ihre Freundin wird ganz schön abfällig geschildert. Auf einigen Bildern sieht ihre Nase doch sehr stark wie der Rüssel eines Schweins aus. Ihr Verhalten gegenüber dem Übernachtungsgast ist nicht gerade vorbildlich.

Die große Wohnung der Gastfamilie, die beim ersten Besuch sehr beeindruckt, auf den zweiten Blick aber einige Makel hat, wie z.B. Kaffeeflecken auf dem Sofa, erscheint als Kulisse, in der deutlich wird, wie sich Bilder von Menschen, die wir kennen lernen, ergänzen und verschieben, wenn wir in ihre Privatsphäre eingelassen werden. Diese Ergänzungen und Verschiebungen funktionieren auch wunderbar in der Korrespondenz von Text und Bild. Der Text ist an einigen Stellen ganz sparsam und  offen. Erst durch die Bilder wird deutlich, was mit den Worten gemeint sein könnte. Diese Text-Bild-Verbindung finde ich sehr gut gelungen.

So zeigt „Mia schläft woanders“ eine problematische Freundschaft, die durch Mias Fremdheitsgefühle auf eine Probe gestellt wird. Beiläufig wird dann erzählt, wie sich die Situation für Mia und Cerisia auflöst und wie die beiden Mädchen es doch noch schaffen, das Versprechen einer durchquatschten Nacht mit verrückten und gruseligen Geschichten im Dunkeln, einzulösen. Der Schlusssatz relativiert dieses positive Erlebnis sehr stark und holt eine pessimistische Sicht  in die Geschichte zurück. So habe ich als Leserin mich gefragt, wo das Mut machende Moment, das ich in der Literatur sehr schätze, versteckt ist. Ist die Geschichte nicht ein bisschen zu düster und vermittelt eine zu negative Sicht auf Freundschaft und Fremdheitserfahrungen?

Mit dieser sehr subjektiven Frage, möchte ich aber die Rezension nicht beschließen. Denn vom ästhetischen und künstlerischen Standpunkt betrachtet, denke ich, dass „Mia schläft woanders“ ein großartiges Bilderbuch ist, welches die Möglichkeiten des Genres wunderbar ausschöpft und gestaltet.

Pija Lindenbaum: Mia schläft woanders. Verlag Friedrich Oetinger 2011. ab 5 Jahren. 12,95 Euro.

Ein Sonntagsfrühstück mit Karlsson vom Dach: Das „Astrid-Lindgren-Kochbuch“ von Mamke Schrag und Andreas Wagener

Es ist Herbst, es gibt Äpfel, Kürbisse, Möhren und anderes Obst und Gemüse in Mengen, ich koche und backe gerade ganz gerne. Noch bin ich nicht unter die Food-Bloggerinnen gegangen … dafür habe ich aber eine Entdeckung gemacht, die Spaß am Kochen und Lesen genauso gut verbindet.

Beim Vorlesen der Astrid-Lindgren-Bücher „Immer dieser Michel“ und „Karlsson vom Dach“ gab es mehrere Momente, wo mir das Wasser im Mund zusammenlief, wegen der vielen leckeren Speisen, die genannt werden. Bei Festessen auf Katthult und Weckenschmäusen auf dem Dach wäre ich auch mal gerne dabei. Nun habe ich ein Buch gefunden, das die kulinarische Atmosphäre der Astrid-Lindgren-Bücher zu uns nach Hause holt und Rezepte aus Lönneberga, Bullerbü, der Villa Kunterbunt oder der Krachmacherstraße vorstellt. Eine herrliche Entdeckung!

Die Autoren des Rezeptbuches haben die in den Astrid-Lindgren Büchern erwähnten Rezepte gesammelt und die schwedischen Originalrezepte dazu ausfindig gemacht und niedergeschrieben. So entstand eine recht bunte Mischung aus süßen und herzhaften, alltagstauglichen Gerichten und Kuchen – mit einigen Fischrezepten und allem, was die schwedische Küche zu bieten hat. Wie Fischpudding schmeckt (als Michel aus Lönneberga bei Frau Petrell zu Besuch ist, wird dieser serviert), wollte ich immer schon mal gerne wissen. Zu den einzelnen Astrid-Lindgren-Werken gibt es kurze Einführungen. Zitate aus den Büchern leiten die Rezepte ein, so dass man sich gut erinnern kann, in welcher Situation das Gericht „eingesetzt“ wird.

So haben die Zimtwecken, die Karlsson so gerne stibitzt, schon unseren Frühstückstisch bereichert. Und der Apfelauflauf brachte mir ein Lob meiner Backkünste von unserem Sohn ein. Ganz so wie es im Buch heißt: „Als Nachtisch bekam er [Lillebroer] Apfelauflauf mit Vanillesoße. Da fing er allmählich an zu glauben, dass Fräulein Bock [die etwas griesgrämige Nachbarin] vielleicht doch nicht so übel sei.“

Mamke Schrag, Andreas Wagener: Das Astrid-Lindgren-Kochbuch. Verlag Friedrich Oetinger 2008. Für alle Altersstufen. 16,90 Euro.

Lachen ist ansteckend: „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“ von Hannes Hüttner

Vor einigen Wochen hatten wir einen herrlichen Vorlesemoment. Wir sind auf den DDR-Kindergeschichten-Klassiker „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“ gestoßen, da wir im Moment oft Geschichten aus dem Band „Erzähl mir vom kleinen Angsthasen. Die schönsten Kindergeschichten der DDR“ vorlesen. Unser Sohn fand die Feuerwehr-Geschichte von Anfang an zum Totlachen. Ich habe Bauklötze gestaunt, ob der Wirkung der Erzählung. Die Figuren, z.B. der immer hungrige Feuerwehrmeister Meier, riefen Zwerchfellerschütterungen bisher ungekannten Ausmaßes hervor.

Allein der Name der Oma, deren Wohnung in Brand geraten war, sorgte schon für kleine Lachkrämpfe. Sie heißt Oma Eierschecke und hatte einen Quarkkuchen gebacken, dabei die Ofentür offen gelassen und so einen Küchenbrand verursacht. Weitere Unfälle passieren Emil Zahnlücke, der auf einem Teich im Eis einbricht und einigen Zootieren, die von einer umgeknickten Linde bedroht werden. Die Unfälle strukturieren die Geschichte wunderbar, die armen Feuerwehrmänner werden drei Mal um ihre Kaffeepause gebracht. Eine simple Idee mit einer großen Wirkung!

Hannes Hüttner: Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt. Mit Bildern von Gerhard Lahr. In: Corinna Schiller (Hrsg.): Erzähl mir vom kleinen Angsthasen. Die schönsten Kindergeschichten der DDR. Beltz & Gelberg 2009. S. 35-47. ab 4 Jahren. Sammelband 14,95 Euro.

P.S. Eigentlich hatte ich angekündigt, den Sieger des Jugendliteraturpreises in der Sparte Bilderbuch kommentieren zu wollen. Irgendwie hatte ich bisher ein bisschen Pech bei der Buchbeschaffung zwischen Tür und Angel, so dass meine Rezension noch ein wenig Zeit braucht. Daher ziehe ich andere Artikel vor, aber die Besprechung kommt noch – versprochen!

Ein Jahr ohne Buchmesse!

In den letzten vier Jahren war ich Gast bei der Frankfurter Buchmesse. Dabei habe ich viele spannende Entdeckungen gemacht, Bekanntschaften getroffen und mich durch den Messetrubel treiben lassen. In diesem Jahr kann ich nicht dabei sein. Ein leichtes Kribbeln steigt beim Gedanken daran in mir auf und ich male mir aus, wie es wäre, sich doch noch schnell in den Zug zu setzen, was aber derzeit wirklich unmöglich ist …

So begnüge ich mich damit, am Freitag abend die Verleihung des Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreises via Internet zu verfolgen und die Pressematerialien durchzusehen. Am Samstag mache ich mich dann auf den Weg in einen Buchladen, erstehe den Gewinner in der Sparte „Bilderbuch“ und berichte im Blog von meinen Eindrücken. Dann brauche ich hoffentlich keinen Messetrubel für eine schöne Buchentdeckung. Und im Frühjahr probiere ich mal die Leipziger Buchmesse aus – da war ich schon sehr, sehr lange nicht.

Die großen Fragen des Lebens: „Mama, wo ist eigentlich das Gestern hin?“ von Maja Bohn

Noch befindet sich unser Sohn im Stadium der kurzen „Warum?“-Fragen, die einfach automatisch an jeden Satz angehängt werden. Das nervt manchmal, aber erfordert noch nicht allzuviel Gehirnschmalz, weil im Moment die Fragen vom Fragensteller und Antwortgeber eher als Routine wahrgenommen werden. Wenn die Antwort dann mal ein bisschen gedankenverloren ist, stellt das keinen Beinbruch dar. Noch verlässt sich der kleine Frager auf meine „Autorität“ und zweifelt meine Erklärungen nicht an.

Für die Zeit, in der sich das ändert, und in der sein eigener Entdeckergeist erwacht, er sich nicht mit meinen manchmal ratlosen Antworten zufrieden gibt, habe ich mich nun gewappnet und mir ein Buch mit einem sehr neugierigen Mädchen  angeschaut. Das Mädchen  trägt den abgedrehten und etwas überkandidelten Namen Loretta Koschke und sieht auch genauso aus: Sie trägt eine dicke, große Brille und hat ein sehr spitzes Näschen. Ihre Ohren schauen zwischen den langen, verwilderten Haaren hervor und sind an einen viel zu großen Kopf geklebt. Obwohl sie wie eine Karrikatur einer Studentin der Literaturwissenschaft aussieht, stellt Loretta doch eine sehr interessante Frage: „Mama, wo ist eigentlich das Gestern hin?“

Und noch interessanter ist ihre Suche nach der Antwort. Sie begegnet dabei nämlich verschiedenen Menschen und Tieren, die alle einen unterschiedlichen Umgang mit Vergangenheit verkörpern: eine Eintagsfliege, die gar kein Gedächtnis hat, eine Hamster, der keine Zeit hat, sich zu erinnern, einen Zauberer, der vergeblich versucht, das Gestern hervorzuzaubern, und noch viele mehr. Die schönste Antwort auf Lorettas Frage nach dem Gestern gibt ein alter Nachbar, der auf der Treppe des Nachbarhauses sitzt: „Das Gestern, Loretta, ist in dir drin, in deinen Gedanken und Erinnerungen. Und jeden Tag kommt ein neues Gestern dazu. Und wenn du so alt bist wie ich, ist aus allen Gestern ein ganzes Leben geworden.“ Diese drei Sätze sind so schön …

P.S. Meine Kolleginnen Ada Mitsou und Fräulein Wunder haben das Buch auch schon vorgestellt – habe ich festgestellt, als die Besprechung schon fast fertig war. Es gehört zu einem Genre von Bilderbüchern, die bestimmte Lebenslagen auf den Punkt bringen und auch oder vor allem erwachsene LeserInnen ansprechen, mit ihren poetischen Bildern und einfachen, aber sehr wahren Geschichten. Ich mag dieses Genre sehr gerne, daher die Vorstellung von „Mama, wo ist eigentlich das Gestern hin“.