Die großen Fragen des Lebens: „Mama, wo ist eigentlich das Gestern hin?“ von Maja Bohn

Noch befindet sich unser Sohn im Stadium der kurzen „Warum?“-Fragen, die einfach automatisch an jeden Satz angehängt werden. Das nervt manchmal, aber erfordert noch nicht allzuviel Gehirnschmalz, weil im Moment die Fragen vom Fragensteller und Antwortgeber eher als Routine wahrgenommen werden. Wenn die Antwort dann mal ein bisschen gedankenverloren ist, stellt das keinen Beinbruch dar. Noch verlässt sich der kleine Frager auf meine „Autorität“ und zweifelt meine Erklärungen nicht an.

Für die Zeit, in der sich das ändert, und in der sein eigener Entdeckergeist erwacht, er sich nicht mit meinen manchmal ratlosen Antworten zufrieden gibt, habe ich mich nun gewappnet und mir ein Buch mit einem sehr neugierigen Mädchen  angeschaut. Das Mädchen  trägt den abgedrehten und etwas überkandidelten Namen Loretta Koschke und sieht auch genauso aus: Sie trägt eine dicke, große Brille und hat ein sehr spitzes Näschen. Ihre Ohren schauen zwischen den langen, verwilderten Haaren hervor und sind an einen viel zu großen Kopf geklebt. Obwohl sie wie eine Karrikatur einer Studentin der Literaturwissenschaft aussieht, stellt Loretta doch eine sehr interessante Frage: „Mama, wo ist eigentlich das Gestern hin?“

Und noch interessanter ist ihre Suche nach der Antwort. Sie begegnet dabei nämlich verschiedenen Menschen und Tieren, die alle einen unterschiedlichen Umgang mit Vergangenheit verkörpern: eine Eintagsfliege, die gar kein Gedächtnis hat, eine Hamster, der keine Zeit hat, sich zu erinnern, einen Zauberer, der vergeblich versucht, das Gestern hervorzuzaubern, und noch viele mehr. Die schönste Antwort auf Lorettas Frage nach dem Gestern gibt ein alter Nachbar, der auf der Treppe des Nachbarhauses sitzt: „Das Gestern, Loretta, ist in dir drin, in deinen Gedanken und Erinnerungen. Und jeden Tag kommt ein neues Gestern dazu. Und wenn du so alt bist wie ich, ist aus allen Gestern ein ganzes Leben geworden.“ Diese drei Sätze sind so schön …

P.S. Meine Kolleginnen Ada Mitsou und Fräulein Wunder haben das Buch auch schon vorgestellt – habe ich festgestellt, als die Besprechung schon fast fertig war. Es gehört zu einem Genre von Bilderbüchern, die bestimmte Lebenslagen auf den Punkt bringen und auch oder vor allem erwachsene LeserInnen ansprechen, mit ihren poetischen Bildern und einfachen, aber sehr wahren Geschichten. Ich mag dieses Genre sehr gerne, daher die Vorstellung von „Mama, wo ist eigentlich das Gestern hin“.

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  1. „Und wenn du so alt bist wie ich, ist aus allen Gestern ein ganzes Leben geworden.” Das ist ein wirklich wunderschöner Satz!

    Ich frage mich jetzt gerade, ob sich meine Eltern auch mit einem Buch gewappnet haben. Wahrscheinlich. Meine Mutter ist Buchhändlerin. 🙂 Ich selbst kann mich für solche Fragen nur an Piggeldy & Frederick erinnern, die ich so niedlich und auch sehr treffend finde. Allerdings war ich da über das ernsthafte Warum-Alter schon weit hinaus. Oder so hinaus, wie man dann jemals ist. 😀

    • Ja, „Piggeldy und Frederick“ gibt unseren momentanen Status wider. Das Mädchen im im Buch „Mama, wo ist das Gestern hin?“ stellt der Mutter die Frage nur einmal. Sie weiß schon, dass ihre Mutter keine gute Antwort hat … Das mit dem „sich für die Situation wappnen“ war übertrieben. Mit Kindern kann sich sowieso nie auf etwas richtig vorbereiten.

  2. Das Mädchen sieht einer Kindergartenfreundin meiner Tochter sehr ähnlich. Werde mich in 15 Jahren mal erkundigen, was sie studiert.. 😉

    Das Buch klingt jedenfalls ganz spannend. Werden denn noch andere Fragen beantwortet?

    • Oh, so eine Riesenbrille bei nem Kindergartenkind?! Meine Überschrift war eher exemplarisch gemeint. Es geht in dem Buch nur um diese eine Frage. Das Buch gehört für mich zu einem Genre von Kinderbüchern, die auf eine sehr schöne Art philosophische Fragen stellen und erklären.

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