Mythologie einer Mutter-Kind-Beziehung: „Die Menschenfresserin“ von Valérie Dayre

Irgendwie bin ich gerade in eimenschenfresserinne kleine frankophile Phase hineingeraten (Ungerer (der aber nicht auf französisch schreibt), Comics aus Belgien, im Original auf französisch). Bei der Beschäftigung mit „Die Menschenfresserin“ von Valérie Dayre fiel mir mal wieder auf, wie verschieden doch die Einstellungen zu Kinderbüchern in unterschiedlichen Ländern sein können. Das Buch wird sehr kontrovers diskutiert, in Deutschland aber mehr kritisiert als in Frankreich.

Eine fürchterliche Frau, ein Monster, verspürt Appetit auf ein Kind. Sie sucht ein Opfer, erweist sich dabei jedoch als sehr wählerisch und sucht überall den größten Leckerbissen. Die Gier, die in ihren Augen steht, erkennen die Menschen sofort und verstecken ihre Kinder vor der Menschenfresserin. Sie wird wütend und trifft schließlich doch ein Kind, das ungeschützt spielt. Nachdem sie dieses Kind gefressen hat, merkt sie, dass es ihr eigenes war.

Im Nachbarland wird das Buch im Unterricht in der Grundschule behandelt, wie mir bei einer kleinen oberflächlichen Internetrecherche schien. In Deutschland ist das anscheinend nicht der Fall. Professionelle Literaturkritiker loben zwar „Die Menschenfresserin“, Eltern können aber nicht so viel damit anfangen. Dabei gehört der Illustrator, Wolf Erlbruch, zu den renomiertesten und anerkanntesten Künstlern seines Fachs in Deutschland.

Ein zentrales Problem, welches das Buch in Deutschland „ungenießbarer“ macht als in Frankreich ist die Sprache. „Die Menschenfresserin“ spielt mit dem Ausdruck „à croquer“, was man mit „etwas oder jemanden zum Fressen gern haben“ übersetzen kann. Zum Inhalt des Buchs passt diese Übersetzung auch gut, nur kommt so eine andere emotionale Ebene ins Spiel. „Croquer“ klingt viel harmloser, gemütlicher, scherzhafter als „zum Fressen“. „Knabbern“ und „Anbeißen“ wären korrekter, aber dann würde die Geschichte keinen Sinn mehr machen. Durch das Verb fressen im Deutschen wird das Furchteinflößende der Bilder betont. Alles ist nur noch düster, während der Text im Französischen viel spielerischer erscheint. Zwar wurden die meisten Wortspiele in der Übersetzung gut übertragen und auch die Binnenreime beibehalten, dennoch ist schon allein der Titel „Die Menschenfresserin“ viel direkter und eindeutiger als „L’ogresse en pleurs“ – eine ogresse verspeist nämlich nicht nur Menschen.

Und so verdeckt der Schock über den grausamen Akt des Fressens die wertvollen Botschaften, die das Buch in sich trägt, z.B. die dass alle Kinder, egal ob groß, klein, dick, dünn, schlau oder dumm, geschützt werden müssen. Oder der Gedanke, dass zu viel Liebe Kindern auch nicht gut tun kann, dass sie sich durch blinde Liebe nicht frei entfalten können. Wie in einem antiken Mythos wird ein Gleichnis der Mutter-Kind-Beziehung entfaltet, der nachdenklich macht und ein psychologisches Muster zum Vorschein bringt, das wahrscheinlich weiter verbreitet ist, als man zuerst einmal meinen könnte.

Valérie Dayre: Die Menschenfresserin. Peter-Hammer-Verlag 1997. ab 5 Jahren. 13,90 Euro.

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  1. Ich muss zustimmen der deutsche Titel schreckt ab. Auch das Bild furchteinflößend. Der Einsatz in der Grundschule interessiert mich sehr. Ich googel mal! 😉

    LG,
    papillionis

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