Finstere Gestalten: „Die drei Räuber“ von Tomi Ungerer

drei räuberVor kurzem hatte ich schon den Band „Der Mondmann“ aus Tomi Ungerers Schatzkästlein vorgestellt. Das zweite Buch, das mir auf Anhieb gut gefallen hat, war „Die drei Räuber“. Die Geschichte hat mich sofort von ihrer Aussage her begeistert: Es geht nämlich darum, wie aus Menschen, die Böses tun, Wohltäter werden – also um die Wandlung vom Schlechten zum Guten. Die Räuber zeigen, dass Reichtum erst Sinn macht, wenn man damit für jemanden sorgen kann. Beim längeren Nachdenken über das Buch sind mir dann einige Aspekte aufgefallen, die mich erstaunt haben und die ich noch nicht richtig verstanden habe. Aber dazu später mehr, hier erst einmal die Geschichte in Kurzform:

Drei Räuber in weiten schwarzen Mänteln, mit hohen schwarzen Hüten rauben Kutschen aus und versetzen Reisende in Angst und Schrecken. Eines Nachts finden sie in einer Kutsche nicht Gold und Edelsteine, sondern ein trauriges Mädchen, das als Waisenkind auf dem Weg zu einer schrecklichen Tante ist. Die Räuber nehmen das Kind mit in ihre Räuberhöhle. Dort machen sie ihm ein weiches Bett. Das Mädchen entdeckt die angehäuften Schätze der Räuber und fragt, was mit all dem Reichtum passiert. Die Räuber sind erstaunt über die Frage, die sie sich noch nicht gestellt hatten. Weil ihnen das Mädchen so gut gefällt, machen sie sich auf die Suche nach anderen bedürftigen Kindern. Sie kaufen ein Schloss und sorgen für die Kinder.

Die Geschichte enthält zahlreiche Elemente, die die Fantasie anregen: Es geht um Schätze, um ein Waisenkind, es gibt ein Schloss, die Räuber benutzen außergewöhnliche Waffen (eine Donnerbüchse mit Pfefferspray). Das Buch bietet zudem die Quintessenz von Räubergeschichten, die in der Kinderliteratur öfters zu finden sind – man denke an den „Räuber Hotzenplotz“ von Ottfried Preußler. Räuber verletzen andere Menschen und müssen erzogen werden. Sie stellen mit diesem identitären Merkmal Identifikationsfiguren für Kinder dar, denn diese sollen ja schließlich auch erzogen werden.  Die Bilder des Buchs gefallen mir sehr gut. Sie bieten eine schöne Abwechslung zwischen großen Flächen und filigranen Scherenschnittelementen, zwischen bunten Seiten und viel Schwarz, zwischen Stilisierung und Detailtreue. Die Blicke der drei Räuber unter ihren schwarzen Hüten, wenn sie auf ihre erbeuteten Schätze schauen, finde ich großartig. Als Bilderbuchkino kann ich mir die Geschichte sehr gut vorstellen.

Ein bisschen ratlos hat mich die Entwicklung der Geschichte zum Ende hin gemacht.  Die von den Räubern versorgten Kinder werden nämlich alle in rote Uniformen gesteckt. Die kleine Stadt, die um das Schloss herum gebaut wird, wirkt viel zu harmonisch und konformistisch. Die Räuber erscheinen zwar als große Wohltäter, aber auch als Instanzen, die eine freie Entwicklung der Kinder behindern. Die Kinder müssen vorgeschriebenen Lebenswegen folgen, denn sie bleiben alle bis zur Hochzeit im Schloss, danach beziehen sie ein kleines Häuschen in der Stadt vor der Burgmauer. Auf diesen Seiten erschien mir der „Wohlfahrtsstaat“ der Räuber wie eine Diktatur, die die persönliche Entwicklung der Kinder ziemlich einschränkt, wo Dankbarkeit gegenüber den Wohltätern das oberste Gebot ist.  Dieses idyllische Ende erschien mir ein wenig zu dick aufgetragen – aber vielleicht gehört das zur Kinder- und Jugendliteratur dazu: Eine gehörige Portion Harmonie und Struktur mögen Kinder gern und sie sind ja auch die Zielgruppe und nicht unbedingt überreflektierte Erwachsene.

Tomi Ungerer: Die drei Räuber. Diogenes Verlag 2011. Enthalten in: Das Tomi Ungerer Kinderbuch Schatzkästlein. ab 4 Jahren. 19,95 Euro. 

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  1. ein tolles Buch, das ich hauptsächlich seiner Illustrationen wegen mag. Hier in Frankreich ist es Pflichtlektüre in der Grundschule, aber auch die Kindergartenkinder kennen dieses Buch.

    • Ja, die Bilder sind so einprägsam und dabei teilweise ganz schlicht. Leider kenne ich zu wenig den Pflichtlektüreplan an Bilderbüchern in der Grundschule in Deutschland. In Frankreich scheinen da aber mehr Bücher im Unterricht behandelt zu werden. Vielen Dank für deinen Kommentar.

  2. Sehr gute Analyse des quasi-diktatorischen Wohlfahrtsstaat am Ende des Buches! Gerade die Farbe der Uniformen lässt ja vielleicht auf einen politischen Bias des Autors schließen? 😉

  3. Ein wunderbares Buch. Ich habe es in der XXL-Kniebuch-Ausgabe und muss es selbst für unsere siebenjährigen Zwillinge immer mal wieder vorholen …

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