Statt fliegen: Bahn fahren!

leselokIm letzten Beitrag ging es ums Fliegen – heute ums Bahnfahren und das Vorlesen. Wir sind leidenschaftliche Bahnfahrer und haben schon tausende Kilometer in Zügen zurückgelegt. Das Vorlesen gehört immer dazu! Mein persönlicher Rekord liegt bei 60 Seiten aus „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ am Stück während einer fünfeinhalbstündigen Bahnfahrt.

Schon lange brennt mir deshalb ein Artikel über die „Leselok“, das Kindermagazin der Bahn, (hier ein Link zu einer älteren Ausgabe) unter den Nägeln, die wir seit ca. 1,5 Jahren kennen und die unser Sohn sich bei jeder Zugfahrt mit dem ICE im Bordrestaurant holen möchte. Im Restaurant gib es dann meist noch ein Geschenk dazu. Die Marketing-Strategie der Bahn funktioniert in diesem Fall allerbestens. Eis, Smoothies, Buntstifte oder eine Spielzeugeisenbahn haben schon manche Fahrt kurzweiliger gestaltet.

Die Texte in der „Leselok“ muss ich meist mehrere Male vorlesen und oft fand ich die Themen selbst auch ganz interessant: Wie wird ein ICE repariert und modernisiert? Welche Zugtypen gibt es? Was passiert bei den Zugüberprüfungen in den Eisenbahnwerkstätten? Da überdeckte meine Freude über den Wissenszuwachs das dumpfe Gefühl der Manipulation meines Kindes (die ich als Elternteil auszubaden habe, wenn mein Kind quengelnd im Supermarkt vor dem Smoothies-Regal steht).

In der letzten Ausgabe (02/2013 – Titel: „Bahn frei für Kinder“) wurde es mir dann aber ein bisschen zu viel: Im Artikel über die Zugbegleiterin ging es zu einem großen Teil darum, was man alles im ICE kaufen kann – es gibt nämlich jetzt ein Kindermenü im Bordbistro. Ich selbst habe noch nie etwas im Bordrestaurant gegessen – da schrillen bei mir alle Zu-Teuer-Alarmglocken auf einmal, das liegt außerhalb meines geistigen und finanziellen Horizonts. Im Zug hat man doch sein Proviant dabei! Und so kam ich mir reichlich merkwürdig vor beim Vorlesen und die Werbung fürs Kindermenü habe ich mit dem Arm immer abgedeckt, damit mein Sohn nicht auf „dumme Gedanken“ kommt.

Dafür machte die Leseprobe mir ausnahmsweise mal wirklich Lust auf ein Buch: „Sommer ist barfuß“ von Anna Herzog mit prima Illustrationen von Susanne Göhlich erschien mir witzig und interessant. Sehr schön fand ich auch den Comic mit dem kleinen ICE, den es zum ersten Mal gab. So kann es weitergehen mit der „Leselok“ – ohne zu viel Konsumierungs- und Eigenwerbung, die nervt. Denn eigentlich ist das Bahnfahren an sich ja schon schön genug, bei unserem Sohn muss man dafür keine Werbung mehr machen.

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Kinderbuchstars auf der Leipziger Buchmesse

DSCN0301„In Leipzig liegen die Autoren nicht in den Regalen, sondern sie laufen davor herum.“ So eröffnete der Moderator André Gutzschahn vom MDR die Aufzeichnung der Sendung Figarino, in deren Ausgabe vom 16. März die neuesten Bücher der Kinderbuchstars Martin Baltscheit, Ben Becker, Paul Maar und Sven Nordquist (in alphabetischer Reihenfolge) vorgestellt wurden. Nachzuhören soll die Sendung im Internet sein (www.figarino.de) – leider habe ich sie noch nicht gefunden.

Die Autoren lassen kurze Ausschnitte aus ihren Werken, Kinderreporter stellten Frage, die sich meist um das Verhältnis zwischen den Figuren in den Texten und ihren Schöpfern drehten. Verblüffend war dabei die tatsächliche Ähnlichkeit zwischen dem Auftreten der Autoren und ihren Kinderbuchhelden. Die Schöpfer schienen perfekt zu ihren Figuren zu passen. Sven Nordquist wirkte wie die Verkörperung des ein wenig müden, zuerst mürrischem Alten, der durch sein Lächeln aber Wärme und viel Verständnis ausstrahlt. Paul Maar gab selbst den Hinweis auf Herrn Taschenbier aus den Sams-Geschichten – ein zurückhaltender grau-melierter älterer Herr, der sich bescheiden mit den Worten einführt, er sei ja nur ein Autor.

DSCN0296Mit dieser Bemerkung ging er auf den Unterschied zu Ben Becker, der sich neben der Schauspielerei nun auch dem Verfassen von Kinderbüchern widmet, und Martin Baltscheit, der nicht nur schreibt, sondern auch illustriert und Hörbücher einspricht. Seine Vorstellung des Hörbuchs „Zorgamazoo“ von Robert Paul Weston begeisterte mich sehr. Es ist der 288 Seiten lange gereimte Roman von der tapferen Katrina Katrell und ihrem Freund, dem Zorgel Mortimer, die aufbrechen, um die verschollenen Einwohner der Stadt Zorgamazoo zu suchen.  Die Wandlungsfähigkeit und der Ausdruck in Martin Baltscheits Stimme brachten die Reime der Geschichte zum Leuchten. Und genauso großartig las er auch die neuste Geschichte aus seiner eigenen Feder vor – ein Bilderbuch mit dem Titel „Das Gold des Hasen“.

Marketingtechnisch geschickt ging Martin Baltscheit dann in seinem Interview auf die Frage, wie er zum Schreiben gekommen ist, auf die Bedeutung seiner Mutter für die Liebe zur Literatur ein: Er wollte als kleiner Junge seiner Mutter, die sehr gerne las, Lesenachschub verschaffen und habe darum selbst angefangen, Geschichten zu schreiben und zu zeichnen. Ben Becker antwortete ähnlich in seinem Interview. Wie gut, dass Mütter so viele Bücher kaufen und für rührende Geschichten empfänglich sind. Und so werde ich demnächst wahrscheinlich ein paar Abende mit „Zorgamazoo“ verbringen, denn mein Sohn ist noch zu jung für das Hörspiel.

Peter Paul Weston: Zorgamazoo. Hörbuch gelesen von Martin Baltscheit. Silberfisch 2012. ab 8 Jahren. 3 CDs 12,99 Euro.

Martin Baltscheit und Christine Schwarz: Das Gold des Hasen. Beltz und Gelberg 2013. ab 5 Jahren. 14,95 Euro.

Ben Becker: Bruno. Der Junge mit den grünen Haaren. Mit Illustrationen von Annette Swoboda. Rororo Rotfuchs 2009. ab 5 Jahren. 9,95 Euro.

Paul Maar: Lippel, träumst du schon wieder! Oetinger Verlag 2012. ab 9 Jahren. 13,95 Euro.

Sven Nordquist: Findus zieht um. Oetinger Verlag 2013. ab 4 Jahren. 12,95 Euro.

Eine Kinderbuchladentour durch Berlin

Nach nun schon neun Monaten in Berlin habe ich einen groben Überblick über die Kinderbuchläden in der Stadt. Und so wird es Zeit, euch mitzunehmen auf eine kleine Tour und meine Favoriten vorzustellen. Die Auswahl ist rein zufällig entstanden. Es ist wirklich erstaunlich für wieviele unterschiedliche Geschmäcker und Vorlieben Berlin Buchläden anzubieten hat.

Es ist toll, dass es in der großen Stadt so viele unterschiedliche Kinderbuchgeschäfte gibt, in denen man die meisten Neuerscheinungen anschauen kann und von Buchhändlern kompetent beraten wird. In der mittelhessischen Mittelstadt, in der wir früher gewohnt haben, gab es eine Thalia-Buchhandlung, deren Kinderbuchangebot ziemlich kläglich war.  Ich genieße es nun sehr, mir Neuerscheinungen anschauen und durchblättern zu können. Neben den Kinderbuchläden gibt es zudem noch jede Menge „erwachsene“ Buchhandlungen, die meist auch ein gutes Sortiment an Kinderbüchern führen.

Los geht’s ganz im Norden, beim „BuchSegler“, ein wunderschöner Laden in der Florastraße in Pankow. Die Bücher werden toll präsentiert, treffen von der Auswahl her ganz meinen Geschmack und ein schönes Veranstaltungsprogramm mit Lesungen und Ausstellungen gibt es zudem. In Berlin-Mitte, in der Choriner Straße, ist „Mundo Azul“ zu finden, ein recht großer Laden mit hauptsächlich fremdsprachigen Kinderbüchern, v.a. auf englisch, spanisch, italienisch und französisch. Hier kann man eine kleine Weltreise mit Bilderbüchern unternehmen.

Noch ein bisschen südlicher, an der Friedrichstraße, befindet sich mein Kinderbuchparadies, das „Kulturkaufhaus Dussmann“. Hier ist es nicht so gemütlich wie in den kleinen Läden, dafür gibt es einen großen Spielbereich für Kinder. Die Kinderbuchabteilung selbst ist so groß und so gut sortiert, dass ich dort stundenlang stöbern kann. Die Auswahl der präsentierten Bücher ist gar nicht kommerziell, sondern bietet eigentlich immer die spannendsten Neuerscheinungen und die interessantesten Klassiker. Der „Drache Kokosnuss“ hat hier nur eine ganz kleine Ecke.

In Kreuzberg wird es wieder ganz gemütlich, im Kinderbuchladen „nimmersatt“, in der Dieffenbachstraße. Ein netter Laden mit Kaffeeausschank und einem schönen Veranstaltungsprogramm. Wenn ich im Gräfekiez wohnen würde (was ich mir gut vorstellen, mir aber nicht leisten kann), wäre ich sehr oft zu Besuch. Näher an unserem Zuhause, in Schöneberg, befindet sich „Purzelbuch“, wo es neben Kinderbüchern auch Bewegungs- und Musikangebote für die Kleinen gibt.

Soweit also meine kleine Stadtführung durch die Berliner Kinderbuchläden. Wenn ihr noch Tipps geben und Favoriten vorstellen möchtet, seid ihr herzlich eingeladen, von euren Buchladenbesuchen zu berichten.

Ein Jahr ohne Buchmesse!

In den letzten vier Jahren war ich Gast bei der Frankfurter Buchmesse. Dabei habe ich viele spannende Entdeckungen gemacht, Bekanntschaften getroffen und mich durch den Messetrubel treiben lassen. In diesem Jahr kann ich nicht dabei sein. Ein leichtes Kribbeln steigt beim Gedanken daran in mir auf und ich male mir aus, wie es wäre, sich doch noch schnell in den Zug zu setzen, was aber derzeit wirklich unmöglich ist …

So begnüge ich mich damit, am Freitag abend die Verleihung des Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreises via Internet zu verfolgen und die Pressematerialien durchzusehen. Am Samstag mache ich mich dann auf den Weg in einen Buchladen, erstehe den Gewinner in der Sparte „Bilderbuch“ und berichte im Blog von meinen Eindrücken. Dann brauche ich hoffentlich keinen Messetrubel für eine schöne Buchentdeckung. Und im Frühjahr probiere ich mal die Leipziger Buchmesse aus – da war ich schon sehr, sehr lange nicht.

Zwei Mal Kamishibai in Neukölln

Ende August hatte ich hier ein kleines Experiment angekündigt: Eine Freundin und ich, wir haben in Berlin-Neukölln einen Kamishibai-Workshop vorbereitet. Wir haben ein Theater gebastelt, eine Geschichte geschrieben und illustriert. Im Zuge unserer „Werbemaßnahmen“ zum Erzählnachmittag ergab sich spontan der Kontakt zur Pfarrerin der Genezareth-Kirche in Neukölln, die uns zum „Nachbarschaftsfest ‚WortReich‘ des interkulturellen Zentrum Genezareth“ einlud.

Diese Einladung nahmen wir gerne an und fanden uns am Freitag, 07. September auf dem Herrfurthplatz wieder, mit einem recht großen Stand und unserem kleinen Theater. Zuerst kamen wir uns ein bisschen verloren vor. Die anderen Stände boten jede Menge Sprachspiele, Bücher, Bilder und vor allem Süßigkeiten. Da kam uns unser Angebot nicht ganz konkurrenzfähig vor. Dann wurden wir jedoch sehr überrascht: Unsere Idee, die Kinder Bilder malen zu lassen, sie im Theater zu zeigen und zu erzählen, was darauf passiert, funktionierte nämlich prächtig. Ganz ohne Süßigkeiten! Wir sammelten so jede Menge schöne Bilder und Geschichten von Mondraketen, Fußballspielen, um die Welt reisenden Drachen, Sonnen in verschiedenen Farben und Autos. An den Themen seht ihr schon, dass vor allem Jungs bei unserem kleinen Theater vorbeikamen.

Der Stand beim Gemeindefest war also eine sehr gute Vorbereitung für unseren Workshop im Kulturcafé Fincan am Sonntag. Hier war unsere Teilnehmerzahl etwas kleiner, dafür waren die beiden Besucherinnen Merle und Hanna umso engagierter und begabter. Es klappte wunderbar, mit den beiden eine Geschichte zu entwickeln, Bilder dazu zu malen und das Ganze in Worte zu kleiden. Zwei Stunden arbeiteten wir konzentriert zusammen, bis wir uns eine Stärkung mit Kuchen und Tee verdient hatten. Den Höhepunkt des Nachmittags stellte die Aufführung der Geschichte vor den Eltern dar, die die beiden Kamishibai-Erzählerinnen wunderbar bewältigten.

Nun überlegen wir, ob und wie wir unseren Kamishibai-Erzählnachmittag verstetigen, wo und wie wir evtl. mit Grundschulen zusammenarbeiten, wo und wie wir finanzielle Unterstützung für unsere Materialkosten herbekommen. Der erste Probedurchgang des Experiments war also ganz erfolgreich, nun basteln wir an einer Fortsetzung, denn Kamishibai ist wirklich spannend.

Bilder, Bilder, Bilder: Die Lange Nacht der Illustration

Diese Galerie enthält 4 Fotos.

Am 31. August fand in Berlin die „Lange Nacht der Illustration“ statt. Mehr als 100 Illustratoren öffneten ihre Ateliers oder brachten ihre Werke in Buchläden, um sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. In den Stadtteilen Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln, Pankow, Mitte und Schöneberg befanden sich Stationen. Ich machte mich zuerst auf den recht weiten … Weiterlesen

Bücher und Luftballons

Katharina Bregulla / pixelio.de

Ich trenne mich sehr, sehr schwer von Dingen – insbesondere von Büchern. Durch unseren Umzug hat sich nun aber die Gelegenheit ergeben, mal ein paar „Kleinkindbücher“, also Bilderbücher für 1- bis 3-Jährige, auszusortieren. Das Bücherregal hat sonst keinen Platz mehr für Neuzugänge.

Die Entscheidung erleichtert hat mir der Tipp, die aussortierten Bücher bei einem Berliner Medienpoint abzugeben. Das sind Sammelstellen für Medienspenden aller Art, die an Menschen mit geringem Einkommen und an soziale Einrichtungen kostenlos weitergegeben werden. In einem Laden, der als sozialer Treffpunkt dient und in dem Langzeitarbeitslose die Spenden annehmen und verwalten, werden die Bücher, Musik- und Filmkassetten, Spiele etc. präsentiert. Dort kann der Besucher bis zu drei Medien gratis mitnehmen.

Im Medienpoint in Schöneberg wurde ich sehr freundlich empfangen und die Freude über meine Bücherspende war groß. Beim Stöbern habe ich auch gleich „Nachschub“ für unser Bücherregal gefunden, was die Idee des Ausmistens zwar ad absurdum führt, mir aber eine schöne Entdeckung beschert hat. Ein netter Ort, um sich von lieb gewonnenen Büchern zu trennen, denn mein Abschiedsschmerz war doch recht groß. Fast hätte ich bei der Hälfte der Bücher, meine Entscheidung, sie wegzugeben, wieder zurückgenommen. Ob diese Trennungsschwierigkeit als Charaktereigenschaft vererbt wird?

Dazu fiel mir eine Begebenheit mit unserem Sohn an diesem Wochenende ein. Wir waren auf einem Kindergartenfest und hatten einen mit Helium gefüllten Luftballon bekommen. Den ganzen Nachmittag trug der stolze Besitzer den Ballon mit sich herum, bis beim Spielen sich die Schnur vom Arm löste und der Ballon in den Himmel flog. Die Enttäuschung war riesengroß, es war schwer, den kleinen Mann zu beruhigen. Beschwichtigungen, Relativierungen, Ablenkungsversuche, nichts half. Erst die Erklärung, dass der Ballon nun eine große Reise macht und er dabei viele spannende Dinge sieht und Abenteuer erlebt, trug zur Beruhigung bei und tröstete gut.

Diesen Gedanken habe ich nun zum Trost auf unsere Bücher übertragen. Im Medienpoint können sie neue Besitzer finden und ein spannendes zweites Leben mit anderen Kindern führen.

Mehr Infos zu den Berliner Medienpoints gibt es unter http://www.kulturring.org.

Bilderbuchtage Gießen

Da ich im letzten Beitrag meine Verbindung zu Gießen herausgestellt habe, gleich noch ein Veranstaltungstipp hinterher: Vom 27.08. bis 09.09.2012 finden dort die  so genannten Bilderbuchtage statt – eine sehr schöne Veranstaltungsreihe mit Lesungen und Vorträgen für die ganze Familie.

Als Highlight kann ich die Eröffnung mit der Autorin und Illustratorin Ute Krause in der Stadtbibliothek empfehlen. Ihr Buch „Wann gehen die wieder?“ und die Mini-Fernsehserie „Luzie und die Moffels“, die beim Sandmännchen gezeigt wird, gefallen mir ganz gut. Ihre Illustrationen sind in einer Ausstellung zu sehen.

Lustig wird bestimmt auch die Lesung aus „Cowboy Klaus und das pupsende Pony“, einem derzeitigen Renner auf dem Kinderbuchmarkt.

Hier gibt es das ganze Programm der Bilderbuchtage mit allen Lesungen und genauen Informationen.

Lesung an einem Sommernachmittag: „Die Sommersprosse“ von Thomas J. Hauck und Lena Meyer

Eigentlich war heute kein Tag, um in einer Buchhandlung einer Lesung zu lauschen. Eigentlich war heute ein Tag, um an einen See zu fahren und sich dort abzukühlen. Trotzdem passte die Buchvorstellung von „Die Sommersprosse“ doch zum heutigen Tag. Vielleicht weil der Titel nach Sommer klingt. Vielleicht weil die Ilustrationen so luftig und leicht sind. Vielleicht weil die Geschichte und die Bilder nostalgische Erinnerungen wecken.

Es handelt sich doch tatsächlich um eine Liebesgeschichte, dieses Mal aber keine kitschige wie bei „Herr Anders“ von Eva Schatz und Stefanie Reich; die ich vor kurzem besprochen habe. Diese Liebesgeschichte gefällt mir richtig gut, denn es geht nicht um „Liebe auf den ersten Blick“, um die Suche nach einem perfekten Ebenbild. Es geht um Gemeinsamkeiten und Unterschiede, um die Wahrnehmung des Anderen. Tilli und Tim sind jedenfalls beste Freunde. Als Tilli eines Morgens entdeckt, dass ihr eine Sommersprosse auf der Nase fehlt, ist sie sehr traurig. Tim macht sich Sorgen um seine Freundin. Dann fällt beiden jedoch eine Lösung ein und ihre Freundschaft verändert sich.

Die Geschichte und die Bilder dazu wurden heute in der Buchhandlung „Nimmersatt“ in Berlin-Kreuzberg vorgestellt. Der Autor Thomas J. Hauck las die Geschichte und erzählte gemeinsam mit der Illustratorin Lena Meyer von der Entstehung des Buches sowie von der Zusammenarbeit mit dem österreichischen Verlag „Bibliothek der Provinz“, der es herausgebracht hat, obwohl deutschen AutorInnen auf dem österreichischen Markt normalerweise keine großen Chancen eingeräumt werden. Nach der Lesung konnten sich die Zuhörer auch die schönen Originalillustrationen von Lena Meyer ansehen, auf denen man gut die Collagetechnik sieht, die die Illustratorin angewendet hat. Die Ausstellung wird im August in Leipzig und im September in Lauf an der Pegnitz zu sehen sein. Weitere Termine für Lesungen und Ausstellungen sollen folgen.

Durch den lebendigen Vortrag von Thomas J. Hauck war die Lesung ein sehr kurzweiliges Vergnügen. Kinderbücher haben auch meistens den Vorteil, dass sie schnell vorgelesen sind. So blieb noch genügend Zeit für einen Sommergenuss: eine große Kugel Heidelbeereis!

Thomas J. Hauck und Lena Meyer: Die Sommersprosse. Bibliothek der Provinz 2011. keine Altersangabe des Verlags, ab ca. 8 Jahren. 15 Euro.

Das Blog-Maskottchen im Land der Müßiggänger

Mein Blog-Maskottchen hat sich auf Reisen begeben. Da es einem Pinocchio sehr ähnlich sieht, habe ich seine Abenteuer mal mit denen des kleinen italienischen Hampelmanns verglichen.

Glücklicherweise gibt es, bis auf die lange Holznase, jedoch nicht so viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden, wie ich vermutet hatte. Sonst wäre es meinem armen Maskottchen nämlich übel ergangen. Ich war geschockt, was der arme Pinocchio alles erleidet. Die Original-Geschichte ist dermaßen grausam und drastisch, dass ich mir demnächst mal die Disney-Version ansehen muss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dort die ganzen Grausamkeiten übernommen worden sind. Der arme Pinocchio muss mindestens 12 verschiedene Qualen und Todesarten durchstehen, ehe er von einem Holzkasper in einen richtigen Jungen verwandelt wird: abgebrannte Füße, er wird an einer Eiche gehängt, vier Monate Gefängnis, er gerät in ein Falleisen, er wird wie ein Hund gehalten und angeleint, er soll als Fisch in der Pfanne gebraten werden, Verwandlung in einen Esel, es sollen Trommeln aus seinem Fell gemacht werden, er wird von Fischen aufgefressen und von einem Haifisch verschluckt. Dieses harte Schicksal würde ich meinem Blog-Maskottchen gerne ersparen.

Eine Episode gefiel mir dann aber doch recht gut:

„[Das Land der Müßiggänger] ähnelte keinem anderen der Welt. Seine Bevölkerung bestand nur aus Jungen. Die ältesteten waren etwa vierzehn Jahre alt, die jüngsten kaum acht. Auf den Straßen herrschte eine Lustigkeit, ein Geschwätz und ein Krawall, dass man verrückt werden konnte! Überall Scharen von Taugenichtsen; hier spielte einer mit Nüssen, dort einer mit Steinchen. Dieser fuhr Rad, jener ritt auf einem Holzpferdchen, einige spielten Blindekuh, andere schlugen den Dritten ab. Jene waren als Hanswurst verkleidet und aßen brennendes Werg, andere deklamierten und sangen, machten Luftsprünge und liefen auf Händen, die Beine in der Luft. Dort spielte man Reifen, hier lief man als General verkleidet mit Papierhelm und Papierschwert verkleidet auf und ab. Der eine schrie, der andere lachte und klatschte in die Hände oder ahmte das Gackern eines Huhnes nach, das eben ein Ei gelegt hat. Kurz, ein Durcheinander, ein solches Geschrei und Lärmen, dass man sich die Ohren mit Watte verstopfen musste, um nicht taub zu werden. Auf allen Plätzen sah man kleine Leinwandtheater, von morgens bis abends mit Jungen überfüllt, und an allen Hausmauern waren Kohleinschriften zu lesen, wunderliche Sachen wie z.B.: „Es lebe die Spülerei! (statt „Spielerei“), „Wir wollen keine Schuhlen“ (statt „Schulen“), „nieder mit der Aromatik“ (statt „Arithmetik“) und lauter solcher Unsinn.“ (S. 218-220)

Die Passage habe ich ein bisschen umgewandelt:

„Die Stadt Berlin ähnelte keiner anderen in der Welt. Auf den Straßen herrschte eine Lustigkeit, ein Geschwätz und ein Krawall, dass man verrückt werden konnte! Überall Scharen von Taugenichtsen; hier spielte einer Bridge, dort lernte einer Yoga. Dieser fuhr Rad, jener genoß das Spazierengehen. Jene waren als Hipster verkleidet und rauchten Gras, andere deklamierten und sangen, machten Luftsprünge und liefen auf Händen, die Beine in der Luft. Dort ging man auf Parties, vergnügte man sich beim Karneval der Kulturen. Der eine schrie, der andere lachte und klatschte in die Hände oder ahmte das Gackern eines Huhnes nach, das eben ein Ei gelegt hat. Kurz, ein Durcheinander, ein solches Geschrei und Lärmen, dass man sich die Ohren mit Watte verstopfen musste, um nicht taub zu werden. Auf allen Plätzen sah man Freiluftkinos, von morgens bis abends überfüllt, und an allen Hausmauern waren Kohleinschriften zu lesen, wunderliche Sachen wie z.B. „Es geht nicht um ein Stück vom Kuchen, es geht um die ganze Bäckerei“ oder „Frag‘ nicht, wieso du. Frag‘ warum jemand anderes“.

Pinocchio verwandelt sich leider im Land der Müßiggänger langsam in einen Esel … ich hoffe, dieses Schicksal bleibt dem Blog-Maskottchen erspart und es kann den Müßiggang noch lange genießen.

Carlo Collodi: Pinocchio. Vollständige Ausgabe. Anaconda-Verlag 2011. ab 10 Jahren. 4,95 Euro.

P.S.: Die Fotos zu diesem Beitrag entstanden im Laden „Der Zauberkönig“, in Berlin-Neukölln. Das „Fachgeschäft der Magie“ ist auf jeden Fall einen Besuch wert.