Der Frühling lässt auf sich warten – hier ein kleiner Trost: Lesung mit Sebastian Meschenmoser

herr eichhornEs ist schon zwei Wochen her, aber im lang anhaltenden winterlichen Grau zehre ich immer noch davon: von einer Lesung mit Sebastian Meschenmoser in der Buchhandlung nimmersatt in Berlin Kreuzberg. Der Autor stellte die Bilder und Geschichten von „Herr Eichhorn und der erste Schnee“ sowie „Herr Eichhorn weiß den Weg zum Glück“ vor. Außerdem erfüllte er die Bilderwünsche aller anwesenden Kinder (und das waren ziemlich viele) und zeichnete jede Menge Tiger, Leoparden, Hunde.

Die feinen Bleistiftstriche lassen die verschiedenen Tiere sehr lebendig werden und geben ihnen einen unverwechselbaren Charakter. Wenn ich draußen Eichhörnchen durch die Bäume hüpfen sehe, kann ich mir nun gut einen Herr Eichhorn vorstellen, der immer sehr neugierig, aber auch patent und voller Tatendrang die Dinge in die Hand nimmt. Die Illustrationen von Sebastian Meschenmoser haben meist eine sehr leichte und luftige Atmosphäre, so dass ich mich an den Frühling erinnert fühle, fast egal, um welches Thema es geht.

Glücklicherweise ist sein Zeichenatelier bei nimmersatt noch einmal geöffnet, nämlich am Samstag, 16. März um 16 Uhr. Wenn der Frühling bis dahin noch nicht bei euch aufgetaucht ist, in Berlin-Kreuzberg ist er an diesem Nachmittag wahrscheinlich in der Buchhandlung zu finden!

Sebastian Meschenmoser: Herr Eichhorn und der Mond. / Herr Eichhorn und der Besucher vom blauen Planeten. / Herr Eichhorn und der erste Schnee. / Herr Eichhorn weiß den Weg zum Glück. Alle erschienen bei Esslinger. Ab 4 Jahren. 9,95 Euro.

Advertisements

Geburtstagsvorbereitungen und Arbeit: Sven Nordquists „Eine Geburtstagstorte für die Katze“

findus geburtstagstorteDer fünfte Geburtstag naht und ist gerade natürlich ein großes Thema. Da passt eine Pettersson-und-Findus-Geschichte mal wieder ganz prima. Die anderen Bände aus der Reihe, die wir bisher gelesen haben, fand ich ganz nett, aber nicht umwerfend. Das Geburtstagsbuch hat mich nun „gepackt“, denn ich fühlte mich so schön an mir sehr bekannte Situationen erinnert – so erfinderisch, verträumt und ungeschickt wie Pettersson bin ich auch manchmal.

Die Geschichte geht so: Pettersson möchte für Findus eine Geburtstagstorte backen. Für den Teig braucht der Bäcker Mehl, das er nicht mehr im Haus hat. Also möchte er ins Dorf fahren, um welches zu besorgen. Leider ist der Fahrradhinterreifen platt. Das Werkzeug für die Reparatur ist im Tischlerschuppen (N.B: Tischlerschuppen gehören scheinbar in jedes schwedische Kinderbuch. Warum? Gibt es heute noch Tischlerschuppen in Schweden?). Dummerweise ist der Schlüssel verschwunden. Schnell finden Pettersson und Findus den Schlüssel im Brunnen. Mit einer Angel könnten sie ihn herausfischen. Der alte Mann besitzt sogar eine Angel, die liegt auf dem Speicher vom Tischlerschuppen. Zum Speicher kann man durch die Dachluke klettern, man benötigt nur eine Leiter. Die Leiter wird nur unglücklicherweise von Nachbar Anderssons Stier bewacht. Den müssten die beiden Freunde erst weglocken. Mit einer gelb-roten Gardine, die Pettersson um Findus‘ Schwanz wickelt, gelingt es, freien Zugang zur Leiter zu bekommen. Dabei passiert allerdings ein Unglück und alle Eier für den Kuchenteig gehen zu Bruch. Pettersson und Findus geben aber nicht auf und es gelingt schließlich doch, die Angel zu holen, den Schlüssel aus dem Brunnen zu fischen, den Schuppen aufzuschließen, das Fahrrad zu reparieren, Mehl zu kaufen und eine wunderbare Geburtstagstorte zu backen.

Meine Geschichte geht so: An der Arbeit muss ein Brief geschrieben werden. Da das Büro vor kurzem umgezogen ist, hat sich die Adresse geändert und das Briefpapier musste neu bestellt werden. Bis neues Briefpapier da ist, muss der Briefkopf ausgedruckt werden. Leider sind noch nicht alle Drucker angeschlossen, so dass ein Farbausdruck nicht möglich ist. Also muss ich auf einen Copy-Shop ausweichen. Ich nehme meinen USB-Stick mit zum Copy-Shop und öffne dort am Computer die Datei. Unglücklicherweise benutzt mein Arbeitgeber eine eigene Schriftart, die in der Textverarbeitung des Copy-Shops nicht installiert ist. Also muss ich nochmal ins Büro zurück, um ein pdf-Dokument zu erstellen. Da ich neu bin, habe ich noch keinen Schlüssel fürs Büro, die Kollegen sind alle schon nach Hause gegangen. Und ich komme mir am Ende des Tages vor wie Pettersson, über den es heißt:

„Die Leute behaupteten, Pettersson sei verrückt. Die Leute reden ja so viel. Man weiß nicht, was man glauben soll. Er war schon manchmal ein bißchen vergeßlich und zerstreut, so wie andere war er jedenfalls nicht. Er lebte allein und redete mit seiner Katze. Das wäre ja gar nicht mal so schlimm, wenn da nicht die Sache gewesen wäre, von der Gustavsson erzählte. Die Sache mit dem Pfannkuchenteig. Da war Pettersson übers Dach geklettert, als er im Dorf einkaufen wollte. Und der Katze hatte er eine Gardine an den Schwanz gebunden.“

Hoffentlich geht die Zubereitung der leckeren Pfannkuchentorte mit Himbeer-Quark-Sahne zum Geburtstag problemloser über die Bühne.

Sven Nordquist: Eine Geburtstagstorte für die Katze. Verlag Friedrich Oetinger 1984. ab 4 Jahren. 17,95 Euro.

Kinderbücher global: „Caillou“ von Christine L’Heureux und Hélène Desputeaux

caillouAnfang des Jahres hatten wir das Vergnügen, eine Reise zu unternehmen. Es war die erste Reise für unseren Sohn mit dem Flugzeug. Das war aufregend. Neben den Abläufen am Flughafen und dem ganzen Drumherum um das Fliegen, war auch das Unterhaltungsprogramm im Flugzeug sehr spannend. Wir haben das erste Mal ein Computerspiel ausprobiert. Und haben Caillou kennen gelernt. Er ist kosmopolitischeren Freunden von mir, die aufgrund von binationalen Partnerschaften öfters zwischen Kontinenten hin- und herreisen, schon lange ein Begriff.  Mir fernsehabstinenter Mutter – seit 1998 gibt es eine kanadische Serie, die auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird – war er noch ganz unbekannt.

Caillou ist ein vierjähriger Junge, der fasziniert die Welt entdeckt und von seiner Familie und seinen Freunden durch diese geführt wird. Der Aufbau und das „Strickmuster“ der Geschichten erinnert mich an die „Bobo-Siebenschläfer-Reihe“, nur für etwas ältere Kinder: Der Protagonist meistert in den Episoden alltägliche Herausforderungen. Er bietet viel Identifikationspotential. Unterstützt wird er von seinen Eltern, die immer gute Lösungen parat haben und somit den Vorlesern als Vorbild und Ideengebern dienen können.

Während des Flugs habe ich mir überlegt, warum Turkish Airlines, diese Serie für ihr Unterhaltungsprogramm ausgewählt haben könnte. Ob Caillou unabhängig von der Heimatkultur der ZuschauerInnen funktioniert? Spricht er Kinder egal welcher Herkunft an? Eigentlich sind Erziehungsstile und Kindheiten ja durchaus kulturabhängig. In welchem Maße gilt das auch für Kinderbuchfiguren und Geschichten? Anderen Sprachen gegenüber sind Kinder ja viel aufgeschlossener als Erwachsene. So ist unser Sohn auch sehr bereitwillig dem Englisch gefolgt, das in der Serie gesprochen wurde. Vertrauen auch andere Airlines dieser recht erfolgreichen Figur? Fragen über Fragen, die weiter gereiste und in mehr als einer Kultur aufgewachsene Menschen vielleicht beantworten können. Für Expertenmeinungen bin ich sehr dankbar.

Christine L’Heureux und Hélène Desputeaux: Caillou und der verregnete Tag. Panini-Books 2008. ab 3 Jahren. 6,95 Euro. Die Reihe umfasst 16 Bände.

P.S.: Die Autorschaft der Serie ist etwas unklar. Es scheint einen Streit zwischen den ErfinderInnen der Serie und späteren Rechteinhabern zu geben – siehe die Webseite von Hélène Desputeaux.

Blogfütterung

vogelhäuschenWenn Blogleser Vöglein wären … im Winter auf der Suche nach etwas Nahrung für den Kopf … ein paar Körner, Ideen, Bücher für die langen, dunklen Winterabende … dann möchte der Pincchio gerne helfen und stellt sein Vogelhäuschen nach draußen.

Wie im Vogelhäuschen gibt es heute ein paar kleine Körner, denn für einen großen, leckeren Meisenknödel mit Haferflocken und Nüssen reicht die Zeit im Moment leider nicht. Wenn wir tiefer in die Kunst der  Vogelfütterung eingestiegen sind, dann gibt es ein paar leckere selbst gemachte Futterangebote – und kein industriell hergestelltes Massenfutter – das Internet hat dafür auch schon etwas bereit.

Hier aber erst einmal die kleinen Körner:

– Anfang des Jahres wurde die Blogbetreiberin gebeten, Ihren Blog in einer Reihe,  bei der buchaffine Blogs präsentiert werden, vorzustellen. Dazu habe ich ein kleines Interview gegeben, das hier nachzulesen ist.

– Eine weitere Interviewanfrage von einem befreundeten Blog wird mich in den nächsten Wochen noch ein bisschen beschäftigen. Ich sage euch Bescheid, wenn der Text fertig ist.

– Ich hatte von meinem Umgang mit der Koskosnuss-Reihe berichtet. Ich habe es geschafft, die Figur für eine Weile zu verdrängen … und zwar mit „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“. Ein großartiges Kinderbuch, über das ich demnächst gerne mehr schreiben möchte. Da es aber recht umfangreich ist, brauche ich für einen Bericht noch ein Weilchen.

– Eine schöne Lektüre hat uns vor kurzem unser Kindergarten beschert, mit einem so genannten Ich-Buch. Wir sollten Fotos mitbringen und unser Sohn hat der Erzieherin erzählt, was darauf zu sehen ist. Dieser kleine Text wurde aufgeschrieben, die Fotos dazu geklebt und das Ganze mit einem Klemmhosenbügel zusammengebunden. Es war für mich ein sehr rührender Moment, in dem kleinen Buch zu blättern.

– Und zum Schluss noch ein kleiner Berlin-Tipp: Im Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur „lesart“ in der Weinmeisterstraße in Berlin-Mitte ist im Moment eine spannende Ausstellung zu Märchenillustrationen zu sehen.  Hier gibt es nähere Informationen dazu.

Viel Spaß beim Picken und Knabbern!

Finstere Gestalten: „Die drei Räuber“ von Tomi Ungerer

drei räuberVor kurzem hatte ich schon den Band „Der Mondmann“ aus Tomi Ungerers Schatzkästlein vorgestellt. Das zweite Buch, das mir auf Anhieb gut gefallen hat, war „Die drei Räuber“. Die Geschichte hat mich sofort von ihrer Aussage her begeistert: Es geht nämlich darum, wie aus Menschen, die Böses tun, Wohltäter werden – also um die Wandlung vom Schlechten zum Guten. Die Räuber zeigen, dass Reichtum erst Sinn macht, wenn man damit für jemanden sorgen kann. Beim längeren Nachdenken über das Buch sind mir dann einige Aspekte aufgefallen, die mich erstaunt haben und die ich noch nicht richtig verstanden habe. Aber dazu später mehr, hier erst einmal die Geschichte in Kurzform:

Drei Räuber in weiten schwarzen Mänteln, mit hohen schwarzen Hüten rauben Kutschen aus und versetzen Reisende in Angst und Schrecken. Eines Nachts finden sie in einer Kutsche nicht Gold und Edelsteine, sondern ein trauriges Mädchen, das als Waisenkind auf dem Weg zu einer schrecklichen Tante ist. Die Räuber nehmen das Kind mit in ihre Räuberhöhle. Dort machen sie ihm ein weiches Bett. Das Mädchen entdeckt die angehäuften Schätze der Räuber und fragt, was mit all dem Reichtum passiert. Die Räuber sind erstaunt über die Frage, die sie sich noch nicht gestellt hatten. Weil ihnen das Mädchen so gut gefällt, machen sie sich auf die Suche nach anderen bedürftigen Kindern. Sie kaufen ein Schloss und sorgen für die Kinder.

Die Geschichte enthält zahlreiche Elemente, die die Fantasie anregen: Es geht um Schätze, um ein Waisenkind, es gibt ein Schloss, die Räuber benutzen außergewöhnliche Waffen (eine Donnerbüchse mit Pfefferspray). Das Buch bietet zudem die Quintessenz von Räubergeschichten, die in der Kinderliteratur öfters zu finden sind – man denke an den „Räuber Hotzenplotz“ von Ottfried Preußler. Räuber verletzen andere Menschen und müssen erzogen werden. Sie stellen mit diesem identitären Merkmal Identifikationsfiguren für Kinder dar, denn diese sollen ja schließlich auch erzogen werden.  Die Bilder des Buchs gefallen mir sehr gut. Sie bieten eine schöne Abwechslung zwischen großen Flächen und filigranen Scherenschnittelementen, zwischen bunten Seiten und viel Schwarz, zwischen Stilisierung und Detailtreue. Die Blicke der drei Räuber unter ihren schwarzen Hüten, wenn sie auf ihre erbeuteten Schätze schauen, finde ich großartig. Als Bilderbuchkino kann ich mir die Geschichte sehr gut vorstellen.

Ein bisschen ratlos hat mich die Entwicklung der Geschichte zum Ende hin gemacht.  Die von den Räubern versorgten Kinder werden nämlich alle in rote Uniformen gesteckt. Die kleine Stadt, die um das Schloss herum gebaut wird, wirkt viel zu harmonisch und konformistisch. Die Räuber erscheinen zwar als große Wohltäter, aber auch als Instanzen, die eine freie Entwicklung der Kinder behindern. Die Kinder müssen vorgeschriebenen Lebenswegen folgen, denn sie bleiben alle bis zur Hochzeit im Schloss, danach beziehen sie ein kleines Häuschen in der Stadt vor der Burgmauer. Auf diesen Seiten erschien mir der „Wohlfahrtsstaat“ der Räuber wie eine Diktatur, die die persönliche Entwicklung der Kinder ziemlich einschränkt, wo Dankbarkeit gegenüber den Wohltätern das oberste Gebot ist.  Dieses idyllische Ende erschien mir ein wenig zu dick aufgetragen – aber vielleicht gehört das zur Kinder- und Jugendliteratur dazu: Eine gehörige Portion Harmonie und Struktur mögen Kinder gern und sie sind ja auch die Zielgruppe und nicht unbedingt überreflektierte Erwachsene.

Tomi Ungerer: Die drei Räuber. Diogenes Verlag 2011. Enthalten in: Das Tomi Ungerer Kinderbuch Schatzkästlein. ab 4 Jahren. 19,95 Euro. 

Mythologie einer Mutter-Kind-Beziehung: „Die Menschenfresserin“ von Valérie Dayre

Irgendwie bin ich gerade in eimenschenfresserinne kleine frankophile Phase hineingeraten (Ungerer (der aber nicht auf französisch schreibt), Comics aus Belgien, im Original auf französisch). Bei der Beschäftigung mit „Die Menschenfresserin“ von Valérie Dayre fiel mir mal wieder auf, wie verschieden doch die Einstellungen zu Kinderbüchern in unterschiedlichen Ländern sein können. Das Buch wird sehr kontrovers diskutiert, in Deutschland aber mehr kritisiert als in Frankreich.

Eine fürchterliche Frau, ein Monster, verspürt Appetit auf ein Kind. Sie sucht ein Opfer, erweist sich dabei jedoch als sehr wählerisch und sucht überall den größten Leckerbissen. Die Gier, die in ihren Augen steht, erkennen die Menschen sofort und verstecken ihre Kinder vor der Menschenfresserin. Sie wird wütend und trifft schließlich doch ein Kind, das ungeschützt spielt. Nachdem sie dieses Kind gefressen hat, merkt sie, dass es ihr eigenes war.

Im Nachbarland wird das Buch im Unterricht in der Grundschule behandelt, wie mir bei einer kleinen oberflächlichen Internetrecherche schien. In Deutschland ist das anscheinend nicht der Fall. Professionelle Literaturkritiker loben zwar „Die Menschenfresserin“, Eltern können aber nicht so viel damit anfangen. Dabei gehört der Illustrator, Wolf Erlbruch, zu den renomiertesten und anerkanntesten Künstlern seines Fachs in Deutschland.

Ein zentrales Problem, welches das Buch in Deutschland „ungenießbarer“ macht als in Frankreich ist die Sprache. „Die Menschenfresserin“ spielt mit dem Ausdruck „à croquer“, was man mit „etwas oder jemanden zum Fressen gern haben“ übersetzen kann. Zum Inhalt des Buchs passt diese Übersetzung auch gut, nur kommt so eine andere emotionale Ebene ins Spiel. „Croquer“ klingt viel harmloser, gemütlicher, scherzhafter als „zum Fressen“. „Knabbern“ und „Anbeißen“ wären korrekter, aber dann würde die Geschichte keinen Sinn mehr machen. Durch das Verb fressen im Deutschen wird das Furchteinflößende der Bilder betont. Alles ist nur noch düster, während der Text im Französischen viel spielerischer erscheint. Zwar wurden die meisten Wortspiele in der Übersetzung gut übertragen und auch die Binnenreime beibehalten, dennoch ist schon allein der Titel „Die Menschenfresserin“ viel direkter und eindeutiger als „L’ogresse en pleurs“ – eine ogresse verspeist nämlich nicht nur Menschen.

Und so verdeckt der Schock über den grausamen Akt des Fressens die wertvollen Botschaften, die das Buch in sich trägt, z.B. die dass alle Kinder, egal ob groß, klein, dick, dünn, schlau oder dumm, geschützt werden müssen. Oder der Gedanke, dass zu viel Liebe Kindern auch nicht gut tun kann, dass sie sich durch blinde Liebe nicht frei entfalten können. Wie in einem antiken Mythos wird ein Gleichnis der Mutter-Kind-Beziehung entfaltet, der nachdenklich macht und ein psychologisches Muster zum Vorschein bringt, das wahrscheinlich weiter verbreitet ist, als man zuerst einmal meinen könnte.

Valérie Dayre: Die Menschenfresserin. Peter-Hammer-Verlag 1997. ab 5 Jahren. 13,90 Euro.

Comics zur Einführung: Benni Bärenstark

Das neue Jahr hbenni bärenstark1at vor ein paar Tagen begonnen, ich wünsche euch alles Gute! Wie es sich für einen spannenden Jahresanfang gehört, möchte ich heute einen kleinen Ausblick geben – einen Ausblick auf eine Neuerscheinung, mit der ihr hoffentlich viel Spaß haben werdet.

Eigentlich bin ich kein großer Comic-Fan. Ich hatte nur eine ganz kurze „Lustiges-Taschenbuch-Phase“, habe die bunten Bildchen schnell hinter mir gelassen und war immer mehr von Bleiwüsten angezogen. Mir leuchtet aber ein, dass Comics sehr gut das Lesenlernen unterstützen und eine große Motivation für die Beschäftigung mit Büchern sein können. Das Vorlesen ist zwar etwas schwierig, aber die großen Buchstaben sind bestimmt interessant in Phasen, in denen Kinder sich gerne mit Buchstaben beschäftigen und diese für sich entdecken.

Also möchte ich mich gerne auf den Tipp einer Freundin einlassen, die mir den kleinen Benni Bärenstark ans Herz gelegt hat. Der Charakter wurde vom belgischen Comiczeichner Peyo, dem Erfinder der Schlümpfe, entwickelt. Im Februar 2013 erscheinen drei Bände aus der Serie neu und sie sind dann wieder lieferbar.

benni bärenstark2Benni ist ein kleiner, ganz normaler Junge – das heißt, er wäre es gern, ist er aber nicht, denn er ist unglaublich stark! Bäume ausreißen, höher als ein Haus springen, Autos mit bloßen Händen durch die Luft schleudern? Kein Problem für ihn – Schwierigkeiten bereitet ihm nur, seine Kräfte im Alltag richtig zu dosieren. Deshalb will auch niemand mit ihm spielen, denn alles, was er anfasst, geht nur allzu leicht kaputt. Zumindest solange er keinen Schnupfen hat, denn dann verlassen ihn seine Kräfte, und er ist wirklich nur ein braver, kleiner Junge, dem allerdings jede Art von schlechtem Benehmen oder gar kriminelle Machenschaften strikt zuwider sind. So gerät er stets aufs Neue in abenteuerliche Verwicklungen, bei denen er seine Superkräfte dann doch sinnvoll einsetzen kann, und wenn er schön darauf achtet, sich nicht zu erkälten, haben Schurken und Bösewichter gegen ihn kaum eine Chance.

Dieser kleine Held scheint mir viel Identifikationspotential für unseren fast Fünfjährigen zu bieten, der sich manchmal auch so gibt, als habe er Bärenkräfte. Erkältungen sind zwar im Moment nicht so das Thema, aber ein bisschen Gesundheitserziehung schadet bestimmt nicht.  Und so freue ich mich auf eine erste Begegnung mit Benni Bärenstark.

Peyo: Benni Bärenstark. Band 1: Die roten Taxis. Toonfish Verlag angekündigt ab Februar 2013. ab 5 Jahren. 11,95 Euro.

Peyo: Benni Bärenstark. Band 2: Madame Albertine. Toonfish Verlag angekündigt ab Februar 2013. ab 5 Jahren. 11,95 Euro.

Wie und wo anfangen? „Der Mondmann“ von Tomi Ungerer

mondmannDas Werk von Tomi Ungerer ist beeindruckend. Schon die Biogaphie des Künstlers bei Wikipedia liest sich wie ein Abenteuerroman. Die Liste seiner Bilderbücher für Kinder und Erwachsene ist lang. Sogar ein Museum wurde dem Autor noch zu Lebzeiten gewidmet.

Zu seinem 80. Geburtstag brachte der Diogenes-Verlag eine Sammlung mit vier Bilderbüchern heraus, mit dem ich mich in den letzten Tagen beschäftigt habe. Alle vier Bücher haben einen ganz eigenen Charme, so dass ich wirklich nicht weiß, bei welchem Schatz ich anfangen könnte, um ihn hier vorzustellen. Wie sich dem Werk des großen Künstlers nähern?

Das Schöne an Kinderbüchern ist nun, dass sie meistens einen Bezug zum Alltag bieten, konkrete Anlässe zu denen sie passen. Und so habe auch ich einen Anfang gefunden: Der erste Band von Tomi Ungerer, den ich heute vorstellen möchte, heißt „Der Mondmann“. Das Bilderbuch von 1966 ergänzt hervorragend meine kleine Mondleidenschaft, die ich mit unserem Sohn teile.  Seit er ab einem Alter von ca. 1,5 Jahren ständig auf den Mond zeigte und ihn immer und überall bemerkte, schaue ich mir den Erdtrabanten noch viel lieber an. Mein Lieblingseinschlaflied ist „Der Mond ist aufgegangen“. Heute ist nun Vollmond angesagt, der echte Mondmann könnte heute also gut zu sehen sein (wenn die Wolken es zulassen).

Der kleine, rundliche Mondmann von Tomi Ungerer möchte nicht länger einsam am Himmel wohnen. Er sehnt sich nach Gesellschaft und Abwechslung. Er möchte die Erde besuchen. Als ein Komet an ihm vorbeifliegt, nutzt er die Gelegenheit und hängt sich an ihn dran. Der Empfang bei den Menschen ist jedoch  wenig freundlich, der Mondmann wird ins Gefängnis geworfen, weil er als Eindringling und Feind betrachtet wird. Der Mondmann ist sehr enttäuscht und verzweifelt, da kommen ihm die Mondphasen zur Hilfe. Weil er abnimmt und abnimmt, kann er aus dem Gefängnis verschwinden und sich seinen Traum vom Tanz beim Gartenfest doch noch erfülllen. Lange währt diese Freude nicht, denn schon bald ist ihm die Polizei wieder auf den Fersen. Da kehrt er lieber wieder in seine silberne Wohnung zurück.

Die Erde ist ein sehr unsicherer Platz für den knuddeligen Mondmann, seine Sehnsucht erfüllt sich bei den Menschen nur für kurze Zeit. Am sichersten ist er in seiner Heimat aufgehoben. Vielleicht sollte ich an die Geschichte vom Mondmann denken, wenn ich mal wieder sehnsüchtig den Mond anschaue und mir vorstelle, wie es doch gerade anderswo sein könnte, wo ich nicht bin. Und dann bekommt die melancholische Stimmung des Buchs einen bodenständigen und geerdeten Dreh. Gut, dass der Mondmann seinen Platz am Himmel hat.

Tomi Ungerer: Der Mondmann. Diogenes Verlag 2011. Enthalten in: Das Tomi Ungerer Kinderbuch Schatzkästlein. ab 4 Jahren. 19,95 Euro.

P.S.: Das „Schatzkästlein“ kann einen Einstieg in das Werk von Tomi Ungerer bieten. Ich finde das Format der Bilderbücher aber zu klein. Ich denke, die Illustrationen kommen besser im A4-Format zur Geltung. „Der Mondmann“ ist auch in einer größeren Ausgabe lieferbar.

2. P.S.: Für alle erwachsenen Mondfans habe ich noch einen kleinen Lesetipp: Bernd Brunner: Mond. Die Geschichte einer Faszination. Kunstmann Verlag 2011. 19,90 Euro.

Und noch ein P.S.: In Frankreich ist gerade ein Zeichentrickfilm zum Buch in die Kinos gekommen. Die Bilder dazu sehen zauberhaft aus. Im März soll der Film in die deutschen Kinos kommen. Unbedingt vormerken!

Fünf Strategien zum Umgang mit dem „Kokosnuss“-Phänomen (und wie sie wirken)

kokosnuss weihnachtsmannIch leide gerade Höllenqualen. Aus dem Kindergarten wurde der „Kokosnuss-Bazillus“ bei uns eingeschleppt und es ist noch furchtbarer als ich befüchtet hatte.

Bei einer Lesung in Gießen hatte ich die Reihe vom kleinen Drachen Kokosnuss von Ingo Siegner schon kennen gelernt und war nicht begeistert. Zu holzschnittartig erschienen mir die Figuren, zu baukastenprinzipmäßig die einzelnen Geschichten. Ich habe nicht verstanden, warum die Reihe so erfolgreich ist. Damals war unser Sohn 2,5 Jahre alt und fand die Lesung genauso langweilig wie ich.

Nun ist es aber soweit, dass der kleine Bücherfreund leider Gefallen gefunden hat an dem kleinen roten Drachen und zwar ziemlich intensiv. Was soll ich tun als bildungsbeflissene Mama, die mit Unterhaltungskultur nicht so viel anfangen kann? In den letzten Wochen habe ich fünf Strategien entwickelt, um dem Phänomen zu begegnen. Sie funktionieren mehr oder weniger gut.

1) Entspannung durch Erinnerung an die eigene Kindheit: Der Gedanke an Parallelen zu anderen Kinderserien hilft mir sehr. Ich habe selbst recht viel „Benjamin Blümchen“-Geschichten gehört, die ja auch nicht unbedingt zur Hochkultur zu zählen sind. Aber ob sie so stereotyp aufgebaut waren?

2) Bücher nur aus der Bibliothek ausleihen: Diese Strategie entlastet ungemein. Man hat die Bände nicht im Bücherregal stehen und die Auswahl bleibt natürlicherweise eingeschränkt. Aufgrund der großen Nachfrage in den Bibliotheken hat man auch immer wieder eine gute Ausrede: Schade, alle Bücher ausgeliehen!

3) Unlust zum Vorlesen ausdrücken, Ablenkung und andere Lieblingsbücher hervorholen: Funktioniert leider gar nicht, bzw. nur sehr kurzfristig. Zum einen lese ich zu gern vor, als dass ich den kleinen Bücherfreund ständig vertrösten wollte. Seine Bücherfreude soll ja auch nicht getrübt werden. Zum anderen ist seine Neugier auf die Kokosnuss-Geschichten einfach zu groß, als dass andere Bücher gerade von großem Interesse wären.

4) Argumente sammeln und mit dem Kind diskutieren: Tröstlich ist der Gedanke, dass die Auseinandersetzung mit schlechter Literatur die Kritikkompetenz und Analysefähigkeit schult. Ich fasse meine Kritikpunkte zusammen (monotone Wortwahl, unlogische Geschichten mit unmotivierten Wendungen, platte Botschaften) und der kleine Drachenfreund versteht davon überhaupt nichts …

5) Verbesserungsvorschläge sammeln: Aus einer solchen kleinen Diskussion entwickelte sich neulich dennoch eine lustige Situation. Ich erklärte, dass ich den Namen Kokosnuss für einen kleinen roten Drachen blöd finde (Kokosnüsse sind braun, rund, hart, hängen an Bäumen – der Drachen ist rot, überhaupt nicht rund, kann fliegen) – was für meinem Sohn durchaus nachvollziehbar war. Daraufhin machten wir uns auf die lustige Suche nach einem anderen Namen. Wir hatten sehr viel Spaß dabei und sind auch fündig geworden. Wir würden Kokosnuss gerne umbenennen in „Feurich“.

Wenn der Autor sich auf diesen Vorschlag einlässt und gemeinsam mit dem Lektor noch nach Variationen zum Verb „sagen“ als Redeausleitung in Dialogen sucht, sind meine schlimmsten Höllenqualen fürs Erste gelindert. So richtig froh bin ich aber erst, wenn wir es endlich schaffen, zu „Winnie, the Puh“ im englischen Original, weiterzugehen.

Ingo Siegner: Der kleine Drache Kokosnuss besucht den Weihnachtsmann. cbj Verlag 2006. ab 6 Jahren. 7,99 Euro.

Weihnachtsgrüße

weihnachten 2012Ich wünsche Euch allen frohe Weihnachtsfeiertage mit zahlreichen schönen Vorlesestunden, wunderbaren Geschichten und viel Spaß beim Auspacken von Buchgeschenken.

Wahrscheinlich (hoffentlich) werde ich über die Feiertage auch Zeit und Muße haben, um mich mit einigen schönen Büchern zu beschäftigen und „Futter“ auf Vorrat für den Blog zu produzieren. Mal sehen, wie es dann hier im Neuen Jahr weiter geht.

Einen Post habe ich noch parat und den wollte ich euch gerne zur Unterhaltung über die Feiertage mitgeben. Daher gibt es heute gleich zwei Mal Nachrichten vom Blog. Viel Vergnügen beim Schmökern!