Ein rasantes Abenteuer im Kopf: „Peterchens Mondfahrt“ von Gerdt von Bassewitz, illustriert von Hans Baluschek

Dieser Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur hat mich umgehauen! Wie können so viele Ideen, Bilder und Einfälle auf so wenige Seiten passen? Die Geschichte von Peterchens und Anneliesens Mondfahrt nimmt es an Spannung und Effekten mit jedem Hollywood-Blockbuster auf. Beim Lesen hat das Kopfkino bei mir als erwachsener Leserin so viel zu tun, dass ich mich frage, wie das erst bei Kindern funktioniert? Aber der Reihe nach …

Zuerst einmal die Geschichte: Dem Maikäfer Sumsemann wurde ein körperlicher Defekt vererbt. Wie seinem Großvater fehlt ihm ein Bein. Die Nachtfee hat es aus Versehen in einen Zauber hineingezogen und nun liegt es auf dem Mond. Nur mit der Hilfe zweier artiger Kinder, die keinem Tier etwas zu leide tun, kann Herr Sumsemann sein fehlendes Bein wieder bekommen. In Anneliese und Peter findet der Maikäfer solche Musterkinder und damit beginnt das Abenteuer. Die drei fliegen zur Sternenwiese, fahren auf der Milchstraße zum Schloss der Nachtfee, reiten mit dem großen Bären zur Weihnachtswiese, kommen anschließend am Osternest vorbei und werden schließlich mit einer Kanone zum Mondberg geschossen, wo der Mondmann wohnt und dort sein Unwesen treibt. Nach einem dramatischen Kampf mit diesem Riesen, finden die Kinder das Bein und kleben es dem überglücklichen Maikäfer mit Spucke wieder an.

In 14 Kapiteln begegnen die Kinder im Himmel dem Sandmännchen, der Nachtfee, dem Donnermann, der Windliese, der Blitzhexe, dem Regenfritz, dem Sturmriesen, dem Hagelhans, der Frau Holle, dem Eismax, dem Wassermann, dem Taumariechen, dem Milchstraßenmann und zahlreichen anderen Himmelsgestalten. Die Figuren werden mit eigenen Liedern eingeführt, so dass die einzelnen Jahreszeiten, Wetter- und Himmelsphänomene mit schönen Erklärungen verknüpft werden. Der Kampf mit dem Mondmann am Ende ist sehr spannend und recht gruselig, dafür braucht man wirklich mutige Zuhörer. Ansonsten finde ich die Sprache aber trotz ihres Alters – das Buch erschien zuerst 1915, ein Theaterstück mit der Geschichte wurde schon 1912 aufgeführt (die Geschichte feiert also dieses Jahr ihren 100. Geburtstag!) – sehr lebendig und gar nicht schwerfällig. Die Gemälde von Hans Baluschek, die das Erzählte illustrieren, geben dem Märchen eine Patina, die seine Rasanz etwas einholt. Damit das Kino im Kopf nicht ganz verrückt spielt.

Gerdt von Bassewitz: Peterchens Mondfahrt. Illustriert von Hans Baluschek. Bassermann Verlag 2009. ab 6 Jahren. 6,95 Euro.

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Spaß mit Gedichten im Alltag: „Superguppy“ von Edward van de Vendel. Illustriert von Fleur van de Weel.

Unser Sohn hat, vermittelt durch den Kindergarten, gerade das Reimen für sich entdeckt. Das geht dann so: Kind: „Sag‘ mal Wald!“ – Mama: „Wald“ – Kind: „Deine Unterhose knallt.“ oder: Kind: „Sag‘ mal grün!“ – Mama: „Grün“ – Kind: „Du stehst nackig auf der Bühn‘.“ Kindergartenhumor eben … Aber vielleicht kann ich dieses Interesse am Reimen auch für mich nutzen und meine Vorliebe für Gedichte, mit der die regelmäßigen Blogleser ja schon vertraut sind, einfließen lassen? Ich hätte da auch ein paar Anregungen!

Der Band „Superguppy“ von Edward van de Vendel knüpft nämlich prima an kindliche Vorstellungswelten an und macht aus Erfahrungen und Beobachtungen kleine Sprachkunstwerke. Die 51 Gedichte in dem Band tragen einzelne Substantive als Titel wie „Handschuh“, „Brief“ oder „Obstkorb“ und thematisieren Alltagsbegebenheiten, Gefühle und Jahreszeiten. Dabei fließt immer ganz viel Phantasie und die Liebe zu Details und Kleinigkeiten ein. Ein schönes Beispiel ist das Gedichte „Dusche“:

Swusch und schwapp / Duschwasser fällt / auf mich herab – / alles passt, das seh ich gleich. / Ein Wassermantel dick und weich. / Ui, es spritzt und nichts bleibt trocken! / Wasserpulli, Wassersocken / Wasserhaare, Wasserhaut – / wieso muss ich jetzt schon raus? / Wasserkleider weggespült. / Mich noch nie so kühl gefühlt.

Die Gedichte werden von Illustrationen in einem leuchtenden Grün-Schwarz-Kontrast, die einen lustigen Hund zeigen, begleitet. So wird ihr meist fröhlicher, manchmal verschmitzter Charakter gut unterstrichen. Alle Gedichte bestehen aus mal mehr, mal weniger klassischen Reimen, was bei neuerer Lyrik ja nicht selbstverständlich ist. Manche Reime sind nicht sonderlich überraschend wie oben im Gedicht „Dusche“, manchmal gelingen aber originelle und verblüffende Kombinationen wie im Gedicht „Garten“, wo es heißt: „Überall Farben wie Lippenstifte, / überall Blumen und Blütendüfte.“

Etwas unsicher bin ich mir noch, wie ich die Gedichte an den kleinen Mann bringe. Schauen wir uns gemeinsam das Buch an und lesen nacheinander die einzelnen Gedichte vor? Oder lerne ich Gedichte auswendig und bringe sie dann in passenden Situationen ein? Ich bin jedenfalls gespannt, ob der Humor des Superguppy-Hundes genauso gut ankommt, wie die Witze der Kindergartenfreunde.

Edward van de Vendel: Superguppy. Illustriert von Fleur van de Weel. Boje Verlag 2008. ab 6 Jahren. 9,95 Euro.

Ein tief bewegendes Buch zum Trösten: „Wie Niklas ins Herz der Welt geriet“ von Gert Scobel, illustriert von Ayano Imai

So schmerzhaft das Gefühl der Trauer sein kann: Für mich hat sie meistens auch etwas Schönes. Das beste Beispiel dafür ist das Buch „Wie Nikals ins Herz der Welt geriet“, ein wunderschöner Text mit dazu passenden Bildern über die Trauer eines Jungen, dessen Hund Lola gestorben ist.

Nichts kann Niklas mehr freuen. Die Spiele mit seinen Freunden machen nicht so viel Spaß wie früher. Er schläft schlecht. Niklas denkt viel nach und stellt Fragen. Ein Satz seiner Lehrerin geht ihm nicht aus dem Kopf: „Man sieht die Schönheit der Dinge immer erst, wenn sie weit weg oder verschwunden sind.“ Eines Tages trifft er im Park einen alten Mann, mit dem er ins Gespräch kommt. Beide fühlen sich in ihrer Trauer vereint, denn die Frau des Mannes ist gestorben.

So reden die beiden über ihre Erinnerungen und Gefühle. Der Mann kann Niklas eine wichtige Botschaft vermitteln: Wenn wir traurig sind, dann fühlen wir manchmal die Kraft des Lebens viel stärker. „Wir spüren dann all das, was uns nahe ist, und all das, was sich weit weg in unendlicher Ferne befindet. Und dabei geraten wir unmerklich ins Herz der Welt.“ Durch diese Botschaft erfährt Niklas, dass Trauer etwas ist, was zum Leben dazu gehört, das man sie annehmen kann und dann getröstet wird, sei es durch das Reden mit einem Menschen, dem es ähnlich ergeht oder durch einen Blick in den Sternenhimmel, der zeigt: „Es ist schön, so wie es ist.“

Gert Scobel / Ayano Imai: Wie Niklas ins Herz der Welt geriet. Berlin Verlag (Bloomsbury) 2008. ab 6 Jahren. 12,90 Euro.

Michael Ende schreibt nicht für Kinder (Teil 2)

Hier ist die Fortsetzung zum meinem Beitrag vom 12. Januar 2012 …

Eine zweite wichtige ideologische Grundlage von „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“, die Julia Voss in der Studie „Darwins Jim Knopf“ anreißt, stellt die Antroposophie von Rudolf Steiner dar. Michael Ende kannte dessen Lehre und besuchte eine Waldorfschule. Die oben genannte Studie bezieht die Verbindungen zur Antroposophie vor allem auf das Wissenschaftsverständnis, das Wissen mit Spiritualität zusammen denkt und wo der Glaube an die Macht der Phantasie stets präsent ist. Die beiden Jim-Knopf-Bücher sind phantastische Werke, in denen naturwissenschaftliche Beschreibungen und Erklärungen jedoch über den gesamten Text verstreut, zu finden sind. Wenn das „Tal der Dämmerung“ als enge Schlucht beschrieben wird, aus der der Schall keinen Ausweg findet, oder seltsame Erscheinungen in der Wüste als Fata Morganas und Luftspiegelungen erläutert werden, dann verbinden sich Phantasie und naturwissenschaftliche Erklärungsmuster.

Dieter Schütz / pixelio.de

Die Antroposophie scheint meiner Meinung nach aber nicht nur im Welt- und Wissenschaftsverständnis durch, sondern auch im Bild, das in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von der Schule und vom Lernen gezeichnet wird. Der Drache Frau Mahlzahn betreibt in der Drachenstadt Kummerland eine Schule, in der entführte Kinder unter seiner Willkür und Gewaltherrschaft zu leiden haben. Diese Beschreibung einer Drachenschule bezieht sich auf die pädagogischen Einrichtungen im Nationalsozialismus. Zusätzlich wird traditionelles Lernen unter „Zwang“ jedoch auch grundsätzlich in Frage gestellt, und zwar durch die Hauptfigur Jim Knopf. Im 23. Kapitel kommt es zu einem Streitgespräch zwischen  Jim und seiner zukünftigen Verlobten Li Si, denn der Lummerländer, der bisher keine Schule kannte, möchte nicht lesen, schreiben und rechnen lernen.  Er muss erst von der Nützlichkeit dieser Fähigkeiten überzeugt werden. Die kleine Prinzessin hat eine mandalanische Schule besucht, wo selbstbestimmtes Lernen scheinbar möglich war. Trotz der Zweifel von Jim Knopf an der Notwendigkeit, lesen und schreiben zu können, wird im Buch durchgehend sehr offensichtlich thematisiert, wie wichtig Schrift ist, auch im Erscheinungsbild des Textes. Jim Knopf landet nur auf Lummerland, weil die Piraten die Adresse von Frau Mahlzahn zu krakelig und falsch geschrieben haben. Der Kaiser verbreitet seine Trauer über den Raub seines Kindes über ein Gedicht, das in Mandala überall zu lesen ist. Ohne Li Sis Flaschenpost wäre eine Befreiung aus der Drachenstadt nicht möglich gewesen.  Ob Jim Knopf lesen, schreiben und rechnen lernt, ist am Ende von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ noch offen. Ich bin mir aber sicher, dass in „Jim Knopf und die Wilde 13“ dieses Problem zu einem glücklichen Ende geführt wird.

Damit ist auch erst einmal die kleine Jim-Knopf-und-Michael-Ende-Serie im Blog beendet. Es wird wieder Zeit für Bilderbücher und weniger anspruchsvolle Literatur …

Michael Ende schreibt nicht für Kinder (Teil 1)

Michael Ende ist einer der bekanntesten Kinderbuchautoren in Deutschland. Seine Bücher wurden verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auch die Literaturwissenschaft hat sich seinem Werk angenommen. Zu „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ sowie „Jim Knopf und die wilde 13“ habe ich mir eine interessante Studie von Julia Voss angeschaut, die das Verhältnis von Michael Ende zu Charles Darwins Evolutionstheorie beleuchtet. Ausgangspunkt ihrer Analyse ist die Feststellung, dass die Figur des Jim Knopf auf einen kleinen Jungen zurückgehen könnte, der Jemmy Button hieß. Er wurde bei einer Forschungsreise von Charles Darwin zusammen mit anderen Eingeborenen in Südamerika gefangen genommen und nach England gebracht wurde, um dort „zivilisiert“ zu werden.

Ausgehend von dieser Namensähnlichkeit zeigt Julia Voss, wie in den Jim-Knopf-Büchern die Lehren von Darwin und deren deutsche bzw. nationalsozialistische Variationen rezipiert und kritisiert werden. Demnach zeichnet Michael Ende in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ sowie „Jim Knopf und die wilde 13“ ein Gegenbild zur nationalsozialistischen Rassenideologie. Die beiden Bücher sind gespickt mit Details, die auf den ersten Blick phantastisch anmuten, sich aber bei näherem Hinsehen auf die Lebenswirklichkeit im Dritten Reich beziehen. Das auffälligste Detail stellt ein Schild dar, das vor der Drachenstadt Kummerland steht: „Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten.“ Und im Kapitel zuvor treffen Jim und Lukas auf den Halbdrachen Nepomuk, der sich darüber beklagt, nicht in die Drachenstadt eingelassen zu werden, weil seine Mutter ein Nilpferd war.

Die Geschichte der beiden Freunde, die ausziehen, um den Drachen Frau Mahlzahn zu besiegen und die kleine Prinzessin Li Si zu befreien, basiert auf der mythologischen Welt der Nibelungen und anderen Heldensagen, die im Nationalsozialismus in der Kinderliteratur eine wichtige Rolle spielten. Bei Michael Ende bekommt die Drachengeschichte jedoch eine freundliche Wendung: Frau Mahlzahn wird nicht getötet, sondern gefesselt. Aus Dankbarkeit gibt sie Jim und Lukas einen entscheidenden Hinweis zur Lösung eines wichtigen Problems. Sie verwandelt sich nach einem langen Schlaf in einen „Goldenen Drachen der Weisheit“.

Dieses Beispiel zeigt, wie in den Jim-Knopf-Büchern Elemente der nationalsozialistischen Ideologie aufgenommen werden. Trotz der positiven Wendung hinterlassen die oben erwähnten Details aber dennoch ein Unbehagen, denn zuerst einmal werden die Begriffe der Ideologie eingeführt. Die Geschichten versorgen Kinder mit Wörtern, die unnötig sind, z.B. „Neger“ oder „reinrassig“. Es stellte sich mir die Frage, ob diese Begriffe rassistisches Denken befördern, obwohl sie im Buch eigentlich anders intendiert sind. Leider geht die Studie von Julia Voss dieser Frage nicht nach. Um sie zu beantworten, müsste man eine Rezeptionsanalyse vornehmen, die in der Literaturwissenschaft meistens ausgespart wird.

– Fortsetzung folgt –

Julia Voss: Darwins Jim Knopf. S. Fischer Wissenschaft 2009.

Meine Lieblingsstellen und Lieblingsfiguren: „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“

In „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ sowie „Jim Knopf und die wilde 13“  wimmelt es von phantastischen Figuren, deren Eigenschaften aber gar nicht soweit entfernt von der Realität sind wie sie auf den ersten Blick scheinen. Diese Art von Phantastik gefällt mir sehr gut, daher möchte ich meine beiden Lieblingsfiguren und schöne Passagen, in denen ihre Eigenarten erläutert werden, vorstellen.

1) Ping Pong und die mandalanischen Speisen

Das mandalanische Kind, bzw. Kindeskind, Ping Pong, ist 368 Tage alt, kann jedoch schon perfekt sprechen und für sich selbst sorgen. Zwar trägt der kleine Mandalanier noch Windeln, allerdings besitzt er so viel Mut und Verstand, dass er Jim und Lukas aus einer sehr gefährlichen Situation befreit. Er ist sehr hilfsbereit. Bei ihrer ersten Begegnung bietet er den beiden Freunden, die hungrig und ohne Geld in Mandala gelandet sind, einheimische Speisen an:

„’Und was darf ich den ehrenwerten Fremdlingen nun zu essen bringen?‘ ‚Ja‘, meinte Lukas ein wenig ratlos, ‚was gibt’s denn?‘ Der kleine Gastgeber begann eifrig aufzuzählen: ‚Vielleicht hundertjährige Eier auf einem zarten Salat aus Eichhörnchenohren? Oder möchtet ihr lieber gezuckerte Regenwürmer in saurer Sahne? Sehr gut ist auch Baumrindenpüree mit geraspelten Pferdehufen überstreut. Oder hättet ihr gern gesottene Wespennester mit Schlangenhaut in Essig und Öl? Wie wäre es mit Ameisenklößchen auf köstlichem Schneckenschleim? Sehr empfehlenswert sind auch geröstete Libelleneier in Honig oder zarte Seidenraupen mit weichgekochten Igelstacheln. Vielleicht zieht ihr aber knusprige Heuschreckenbeine mit einem Salat aus pikanten Maikäferfühlern vor?‘ (aus: Siebentes Kapitel, in dem Emma Karussell spielen soll und die beiden Freunde ein Kindeskind kennenlernen, S. 50)

2)  Herr Tur Tur und die Verschiebung der Perspektive

Neben  Ping Pong helfen zwei weitere Figuren Jim und Lukas auf ihrem Weg in die Drachenstadt. In der Wüste „Das Ende der Welt“ treffen sie den Scheinriesen mit Namen Herr Tur Tur, der sich sehr einsam fühlt. Alle Menschen haben Angst vor ihm, weil er so groß scheint. Die Erklärung seiner Eigenart gibt ein gutes Beispiel für Michael Endes Verfahren Phantastik und Naturwissenschaft zu verbinden:

„Herr Tur Tur nickte ernst und fuhr fort: ‚Wenn einer von ihnen jetzt aufstünde und wegginge, würde er doch immer kleiner und kleiner werden, bis er am Horizont schließlich nur noch wie ein Punkt aussähe. Wenn er dann wieder zurückkäme, würde er langsam immer größer werden, bis er zuletzt in seiner wirklichen Größe vor uns stünde. Sie werden aber zugeben, dass der Betreffende dabei in Wirklichkeit immer gleich groß bleibt. Es scheint nur so, als ob er erst immer kleiner und dann wieder größer würde.‘ ‚Richtig!‘ sagte Lukas. ‚Nun‘, erklärte Herr Tur Tur, ‚bei mir ist das einfach umgekehrt. Das ist alles. Je weiter ich entfernt bin, desto größer sehe ich aus. Und je näher ich komme, desto mehr erkennt man meine wirkliche Gestalt.‘ ‚Sie meinen‘, fragte Lukas, ‚Sie werden gar nicht wirklich kleiner, wenn Sie näher kommen? Und Sie sind auch nicht wirklich so riesengroß, wenn Sie weit entfernt sind, sondern es sieht nur so aus?‘ ‚ Sehr richtig‘, antwortete Herr Tur Tur. ‚ Deshalb sage ich, ich bin ein Scheinriese. Genauso, wie man die anderen Menschen Scheinzwerge nennen könnte, weil sie ja von weitem wie Zwerge aussehen, obwohl sie es gar nicht sind.’“ (aus: Siebzehntes Kapitel, in dem der Scheinriese seine Eigenart erklärt und sich dankbar erweist, S. 132)

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Thienemann 2004. ab 6 Jahren. 14,90 Euro. (Gebunden mit Halbleinen)

Begegnungen mit Jim Knopf

Herzlich willkommen im Blog-Jahr 2012. Auf spannende und fröhliche zwölf kommende Monate mit vielen Entdeckungen beim Vorlesen. 

Und nun geht es los:

Seit nun schon vier Monaten herrscht bei uns die „Jim-Knopfo-Manie“. Es fing mit zwei Bilderbuchausgaben von einzelnen Episoden – „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer machen einen Ausflug“ sowie „Wie Jim Knopf nach Lummerland kam“ – an. Dann wurde es durch eine kleine Theateraufführung im Kindergarten, bei der die großen Jungs die Piratentruppe namens „Die Wilde 13“ spielen durften, aufgegriffen. Die Jungs nannten ihre Erzieherin plötzlich „Frau Mahlzahn“ und ich hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte …

Außerdem wurde die Manie unterstützt durch Hörbücher, die ich irgendwann mal günstig gekauft hatte. Auf den CDs liest Michael Ende die Geschichte selbst vor und ich bin immer wieder fasziniert von der Art, wie er das tut. Den Mittagspausen am Wochenende, in denen wir die CDs hören, fieberte ich immer entgegen, um der tollen Stimme lauschen zu können. Schließlich habe ich den Band „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ besorgt und nun steht jeden Abend ein Kapitel zum Vorlesen an. In den Ferien sind es auch öfters mal mehr geworden.

Zwischenzeitlich habe ich mir ziemliche Sorgen gemacht: Zum einen weil bei der Hartnäckigkeit und Ausdauer, mit der mein Sohn nach dem Buch verlangt, jegliche sonstige Lektüreerfahrung, die im Blog dokumentiert werden könnte, unmöglich wird. Zum anderen weil mir immer wieder ein Lied von der Band Tocotronic, die ich in meiner Jugend sehr verehrt habe, in den Sinn kam. Es heißt: „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“, erschien 1995 auf der Platte „Nach der verlorenen Zeit“. Hier ist der Text:

Ein Lied mehr zur Lage der Nation, // und zur Degeneration meiner Generation. // Zur Unentschlossenheit der Jugend, // zur Verdrossenheit der Tugend. // Zu meiner aussichtslosen Lage, // und zur Klärung der Schuldfrage. // Und darum klag ich an:

Michael Ende, nur du bist schuld daran, // Daß aus uns nichts werden kann. // Du hast uns mit deinen Tricks, // aus der Gesellschaft ausgeixt. // Mit den Eltern aller Schichten, // willst du uns vernichten.

Der Song ironisiert Diskussionen über den Einfluss von Büchern auf junge Menschen. Michael Endes Werken, insbesondere auch den beiden Jim-Knopf-Bänden, wurde immer vorgeworfen, sie seien eskapistisch und würden gesellschaftlichen Fragen ausweichen, weil sie Fantasiewelten entwerfen und das Verschwinden von Fantasie anprangern. Seine Bücher seien „Opium für Kinder“.

Diese Kritik ist auf der inhaltlichen Ebene unberechtigt. „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ nimmt mehrere gesellschaftliche Debatten auf und thematisiert wichtige Fragen, wie ich in einem späteren Blogeintrag noch ausführlich erläutern möchte. Diese sind freilich relativ eng an den Entstehungszeitraum des Buches, also die 1950er Jahre und an den Nationalsozialismus gebunden.

Auf der Ebene des Gebrauchs ist die Kritik jedoch nachvollziehbar, denn bei der Sogwirkung, die das Buch bei unserem Sohn bisher entfaltet hat, frage ich mich schon, ob Lesen manchmal vielleicht doch schadet. Weil es von anderen wichtigen Erfahrungen abhält. Weil manche Geschichten den ganzen Verstand einzunehmen scheinen und kaum noch Platz für andere Gedanken bleibt. Das Lesen hat ein sehr positives Image, aber gibt es nicht auch hierbei manchmal ein Zuviel des Guten?

Ich hoffe, es wird euch in den nächsten Wochen nicht zuviel Jim Knopf, denn ich habe noch mindestens zwei Blogeinträge zu Michael Endes Roman in der Schublade. Dabei bin ich auch gespannt auf eure Erfahrungen mit Michael Endes Werk. Welchen Einfluss hatte Michael Ende auf euer Leben?

Michael Ende: Wie Jim Knopf nach Lummerland kam. Thienemann 2010. ab 2 Jahren. 6,95 Euro. (Pappbilderbuch)

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer machen einen Ausflug. Thienemann 2007. ab 2 Jahren. 5,95 Euro. (Pappbilderbuch)

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Thienemann 2004. ab 6 Jahren. 14,90 Euro. (Gebunden mit Halbleinen)