Bummeleien.“Bettina bummelt“ von Elizabeth Shaw

bettina bummeltWas für ein herrliches Wort! Bummeln! Mit so schönen Wörterbuchbedeutungen: 1) schlendernd, ohne Ziel durch die Straßen spazieren gehen, 2) Lokale besuchen, 3) langsam arbeiten, trödeln, 4) nichts tun, faulenzen. Mit einer lustigen Wortgeschichte: Es kommt ursprünglich aus dem Niederdeutschen und bezeichnete das Hin- und Herschwanken einer schwingenden Glocke, die das Geräusch „bum, bum“ von sich gibt. Mit interessanten Zusammensetzungen: Bummelzug, Bummelliese, Bummelfritze, Bummelstreik, Bummelant. Was ist bloß ein Bummerl? Aha: so heißt in Österreich umgangssprachlich ein Tor im Sport – wie niedlich!

Ihr könnt lesen: Dieses Wort begeistert mich. Und passenderweise gibt es ein Kinderbuch von meiner Lieblingskindheitsautorin Elizabeth Shaw (über die ich unbedingt noch schreiben möchte, wenn ich endlich mal in diese Bibliothek mit einem hochinteressanten Buch über sie komme) über dieses Wort: „Bettina bummelt“, das ich vor einiger Zeit neu für mich entdeckt habe.

Bettina bummelt gerne auf dem Weg von der Schule nach Hause, die Mutter wartet schon mit dem Essen und ärgert sich über die Unpünktlichkeit ihrer Tochter. Um das Mädchen zu erziehen, werden in der Geschichte die Rollen vertauscht: eines Tages bummelt auch mal die Mutter (sie kauft sich einen neuen Hut – sehr extravagant). So erfährt Bettina, wie es ist, auf jemanden warten zu müssen. Diese pädagogische Botschaft nervt mich ein bisschen, denn ich mag Bummeleien sehr und finde, besonders Kinder sollten das Recht haben zu bummeln (das Mittagessen kann die Mutter ja später warm machen), genauso wie Erwachsene! Nichtsdestotrotz finde ich es toll, dass sich Elizabeth Shaw dieses Wortes angenommen hat und mit der bummelnden Bettina eine schöne Identifikationsfigur für mich geschaffen hat. In diesem Sinne ein Hoch auf das Bummelantentum!

Elizabeth Shaw: Bettina bummelt. Mit Illustrationen von Elizabeth Shaw. Dritte Auflage. Der Kinderbuchverlag 2013. 9,90 Euro. ab 4 Jahren.

Sieben Fragen im Winter: „Kennys Fenster“ von Maurice Sendak

kennys fensterMein Sohn sagte vor kurzem: „Mama, dieser Winter ist voller Geheimnisse“. Warum? Geheimnisse sind etwas sehr Schönes, wie tanzende Schneeflocken im Straßenlaternenlichtkegel, wie Schneeschichten auf graubraunen Ästen und Zweigen, die die knorrigen Arme der Baumriesen leicht und luftig wirken lassen.

Sehr geheimnisvoll ist auch das Buch „Kennys Fenster“ von Maurice Sendak, dem laut Klappentext berühmtesten Kinderbuchillustrator des 20. Jahrhunderts, dessen Klassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ mich tief berührt hat. In „Kennys Fenster“ bekommt ein Junge während eines Traums die Aufgabe, Antworten auf sieben Fragen zu finden. Als er aufwacht, versucht Kenny zusammen mit seinem Teddy Bucky, seiner Hündin Baby, einer Ziege und zwei Zinnsoldaten die Fragen bzw. Rätsel zu beantworten. Die Lösungen, Antworten und weitere Fragen findet er und mit ihm der Leser ganz beiläufig, im Alltag, wie z.B. bei der Frage: „Was schaut nach drinnen und nach draußen?“

Kenny beobachtet vom Himmel fallende Schneeflocken am Fenster. „Ich möchte gerne wissen, warum Schnee da oben schmutzig aussieht und hier unten sauber.“ Das Fenster gibt dem Jungen die Möglichkeit, die Natur zu beobachten. Dann wendet er sich aber seinen Spielkameraden, dem Teddy und den Zinnsoldaten zu. Als es zum Streit beim Spiel kommt, bricht die Sonne durch die Wolken, das Fenster lässt die Winterluft ins Zimmer. Kenny sieht im Schnee spielenden Kinder zu und beobachtet ein Baby, dessen Vater ihm die Schneeflocken zeigen möchte. Schließlich kommt Kennys Freund vorbei und lädt ihn zum Spielen nach Draußen ein. Das Fenster bekommt in dieser Episode verschiedene Rollen: Spiegel der Wissbegierde des Jungen, Rahmen für die Neugierde auf die Welt, Ablenkungsinstrument, Mittel zur Kontaktaufnahme. Es schaut nach drinnen und nach draußen.

Ähnlich komplex wie diese geheimnisvolle Frage und doch immer mit einem Blick, der am Alltag von Kindern orientierten ist, werden auch die anderen sechs Aufgaben gelöst. Es geht dabei um Liebe, Konflikte mit Freunden, Wünsche und Träume.

Maurice Sendak: Kennys Fenster. Aladin Verlag Hamburg. ab 5 Jahren. 14,90 Euro.

Poetisches Gärtnern für Kinder: „Das Tomatenfest“ von Satomi Ichikawa

tomatenfestZu Ostern haben wir die Großeltern besucht, die einen üppigen und großen Garten ihr eigen nennen. Meine Mutter ist eine sehr engagierte Gärtnern und bezieht ihren Enkel gerne in die Gartenarbeit ein, was ich sehr schön finde. So hatte unser Sohn im letzten Jahr ein eigenes kleines Beet mit Salat, Möhren, Radieschen und Erbsen. Im Gewächshaus liebt er es zu gießen und die kleinen Pflänzchen unter Wasser zu setzen. Die Tomaten wuchsen sehr gut im letzten Jahr.

Beim Moritzverlag bin ich nun auf eine Neuerscheinung gestoßen, die diese ersten Gärtnererfahrungen in eine schöne Geschichte und ein bisschen exotische, aber dennoch vertraute Bilder kleidet: „Das Tomatenfest“ von Satomi Ichikawa. Ein Tomatenpflänzchen aus dem Supermarkt findet bei dem Mädchen Hana ein neues Zuhause. Sie hegt, pflegt und beschützt es. Sogar in die Ferien zu ihrer Oma muss die Tomatenpflanze mit. Dort pflanzen sie sie in den Gemüsegarten und bald sieht Hana erste kleine Tomatenkugeln. Auch ein schlimmer Sturm kann ihnen nichts anhaben. Endlich sind die Tomaten rot und reif. Hana ist stolz und fühlt sich jetzt wie eine richtige Gärtnerin. Was wird sie wohl im nächsten Jahr pflanzen?

Mit dieser Geschichte können wir unsere eigenen Gartenerfahrungen wieder erkennen. Das Buch zeigt, dass man die Freude über die eigenen, gepflegten Gewächse mit anderen teilen kann und sie dadurch umso größer wird. Sehr interessant ist der Blick einer in Paris lebenden Japanerin auf das Thema – Pflanzt man in Japan auch Tomaten an? Welche Bedeutung hat das Gärtnern dort? – und ihre Umsetzung der Geschichte in Bildern, die zwischen leicht europäisierten Gesichtern und japanischen Zeichenstrichen schwanken. Gut gefällt mir außerdem, dass das Buch sachliche Informationen über eher alltägliche Handlungen mit einer poetischen Sprache verbindet. Kinder lernen darin etwas über die Welt, ohne mit einer trockenen Sachbuchsprache konfrontiert zu sein.

Mit „Das Tomatenfest“ kann nun wirklich der Frühling (oder gleich der Sommer) kommen!

Satomi Ichikawa: Das Tomatenfest. Aus dem Französischen von Eva Ziebura. Moritzverlag 2013. ab 4 Jahren. 12,95 Euro.

Kinderbücher global: „Caillou“ von Christine L’Heureux und Hélène Desputeaux

caillouAnfang des Jahres hatten wir das Vergnügen, eine Reise zu unternehmen. Es war die erste Reise für unseren Sohn mit dem Flugzeug. Das war aufregend. Neben den Abläufen am Flughafen und dem ganzen Drumherum um das Fliegen, war auch das Unterhaltungsprogramm im Flugzeug sehr spannend. Wir haben das erste Mal ein Computerspiel ausprobiert. Und haben Caillou kennen gelernt. Er ist kosmopolitischeren Freunden von mir, die aufgrund von binationalen Partnerschaften öfters zwischen Kontinenten hin- und herreisen, schon lange ein Begriff.  Mir fernsehabstinenter Mutter – seit 1998 gibt es eine kanadische Serie, die auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird – war er noch ganz unbekannt.

Caillou ist ein vierjähriger Junge, der fasziniert die Welt entdeckt und von seiner Familie und seinen Freunden durch diese geführt wird. Der Aufbau und das „Strickmuster“ der Geschichten erinnert mich an die „Bobo-Siebenschläfer-Reihe“, nur für etwas ältere Kinder: Der Protagonist meistert in den Episoden alltägliche Herausforderungen. Er bietet viel Identifikationspotential. Unterstützt wird er von seinen Eltern, die immer gute Lösungen parat haben und somit den Vorlesern als Vorbild und Ideengebern dienen können.

Während des Flugs habe ich mir überlegt, warum Turkish Airlines, diese Serie für ihr Unterhaltungsprogramm ausgewählt haben könnte. Ob Caillou unabhängig von der Heimatkultur der ZuschauerInnen funktioniert? Spricht er Kinder egal welcher Herkunft an? Eigentlich sind Erziehungsstile und Kindheiten ja durchaus kulturabhängig. In welchem Maße gilt das auch für Kinderbuchfiguren und Geschichten? Anderen Sprachen gegenüber sind Kinder ja viel aufgeschlossener als Erwachsene. So ist unser Sohn auch sehr bereitwillig dem Englisch gefolgt, das in der Serie gesprochen wurde. Vertrauen auch andere Airlines dieser recht erfolgreichen Figur? Fragen über Fragen, die weiter gereiste und in mehr als einer Kultur aufgewachsene Menschen vielleicht beantworten können. Für Expertenmeinungen bin ich sehr dankbar.

Christine L’Heureux und Hélène Desputeaux: Caillou und der verregnete Tag. Panini-Books 2008. ab 3 Jahren. 6,95 Euro. Die Reihe umfasst 16 Bände.

P.S.: Die Autorschaft der Serie ist etwas unklar. Es scheint einen Streit zwischen den ErfinderInnen der Serie und späteren Rechteinhabern zu geben – siehe die Webseite von Hélène Desputeaux.

Überraschungsmomente: „Mia schläft woanders“ von Pija Lindenbaum

Nun habe ich es endlich geschafft, den diesjährigen  Sieger in der Sparte Bilderbuch des Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreises 2012 zu besorgen. Im Buchhandel gab es Lieferengpässe, in den Berliner Bibliotheken waren alle Exemplare ausgehliehen. Der Preis hat also seine Wirkung gezeigt. Obwohl die Autorin eigentlich schon bekannt sein müsste. In ihrer Heimat Schweden hat sie zahlreiche Preise verliehen bekommen, ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. In Deutschland sind seit 2005 drei Bücher mit ihrer Heldin Franziska (so sollte aber eigentlich keine Heldin heißen, finde ich) erschienen. In bester Pippi-Langstrumpf-Tradition erzählt die Autorin Geschichten von starken Mädchen. So auch in „Mia schläft woanders“. Mia erlebt bei einem Übernachtungsbesuch recht gruselige Dinge und bewegt sich durch Furcht erregende Räume, von Angst ist im ganzen Buch aber niemals die Rede.

Dabei werden einige Kindererfahrungen in eine Geschichte und in Bilder verpackt, die sehr überraschend komponiert sind. Es geht um Gefühle der Fremdheit gegenüber unbekannten Menschen, Räumen und Gewohnheiten, um das Gefühl der Freundschaft, das auf eine Probe gestellt wird, um das Gefühl der Vorfreude und der großen Erwartungen an Ereignisse, die durch das Erleben selbst nicht eingelöst werden können, es geht um die Suche nach Schutz und Hilfe in der Dunkelheit. All diese Erfahrungen, die in „normalen“ Alltagsgeschichten für Kinder unter dem Begriff Angst zusammen gefasst sind, werden aufgedröselt und in einzelnen Szenen genauer betrachtet.

Es ergeben sich somit schöne Perspektivverschiebungen und Rätselhaftigkeiten. Was Cerisia, der Freundin von Mia, vertraut und lieb ist, erscheint der Besucherin unheimlich und abstoßend, wie der Hund der Gastgeberfamilie, der eine eklige Beule auf dem Kopf hat. Im Fokus bleibt dabei allerdings Mias Erleben. Ihre Freundin wird ganz schön abfällig geschildert. Auf einigen Bildern sieht ihre Nase doch sehr stark wie der Rüssel eines Schweins aus. Ihr Verhalten gegenüber dem Übernachtungsgast ist nicht gerade vorbildlich.

Die große Wohnung der Gastfamilie, die beim ersten Besuch sehr beeindruckt, auf den zweiten Blick aber einige Makel hat, wie z.B. Kaffeeflecken auf dem Sofa, erscheint als Kulisse, in der deutlich wird, wie sich Bilder von Menschen, die wir kennen lernen, ergänzen und verschieben, wenn wir in ihre Privatsphäre eingelassen werden. Diese Ergänzungen und Verschiebungen funktionieren auch wunderbar in der Korrespondenz von Text und Bild. Der Text ist an einigen Stellen ganz sparsam und  offen. Erst durch die Bilder wird deutlich, was mit den Worten gemeint sein könnte. Diese Text-Bild-Verbindung finde ich sehr gut gelungen.

So zeigt „Mia schläft woanders“ eine problematische Freundschaft, die durch Mias Fremdheitsgefühle auf eine Probe gestellt wird. Beiläufig wird dann erzählt, wie sich die Situation für Mia und Cerisia auflöst und wie die beiden Mädchen es doch noch schaffen, das Versprechen einer durchquatschten Nacht mit verrückten und gruseligen Geschichten im Dunkeln, einzulösen. Der Schlusssatz relativiert dieses positive Erlebnis sehr stark und holt eine pessimistische Sicht  in die Geschichte zurück. So habe ich als Leserin mich gefragt, wo das Mut machende Moment, das ich in der Literatur sehr schätze, versteckt ist. Ist die Geschichte nicht ein bisschen zu düster und vermittelt eine zu negative Sicht auf Freundschaft und Fremdheitserfahrungen?

Mit dieser sehr subjektiven Frage, möchte ich aber die Rezension nicht beschließen. Denn vom ästhetischen und künstlerischen Standpunkt betrachtet, denke ich, dass „Mia schläft woanders“ ein großartiges Bilderbuch ist, welches die Möglichkeiten des Genres wunderbar ausschöpft und gestaltet.

Pija Lindenbaum: Mia schläft woanders. Verlag Friedrich Oetinger 2011. ab 5 Jahren. 12,95 Euro.

Viel Spaß beim Suchen und Finden: „Unser Haus“ von Antje von Stemm

Die Vorliebe für textlastige Bücher, die mich bei unserem Sohn bisher immer sehr erstaunt hat, schwächt sich langsam etwas ab. Seit einigen Monaten interessiert er sich für Wimmelbücher und sucht gerne die Details in den großen Bildern. Da kommt diese Entdeckung gerade recht: Antje von Stemms „Unser Haus“ ist ein reines Bilderbuch.

Zu sehen ist ein Mehrfamilienhaus mit drei Stockwerken und sechs Mietparteien. Es wohnen in diesem Haus: ein Seemann, eine Studenten-WG, eine pensionierte Opernsängerin, eine Kleinfamilie, ein designorientiertes Paar und eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern. Den Tagesablauf dieser Bewohner kann man mit der Hilfe von großen Klappen nachvollziehen und so mehrere Geschichten im Haus finden. Man kann Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Mietparteien ausmachen, man kann Verknüpfungen zwischen ihnen aufdecken. Man kann die Vielfalt von Lebensstilen entdecken. Man kann nach Details suchen und das Prinzip der Variation verstehen. „Unser Haus“ kann man als kleine Einführung in die Soziologie lesen und sich an der originellen Buchidee der Autorin erfreuen.

Antje von Stemm: Unser Haus! Zweite Auflage. cbj Verlag 2005. ab 4 Jahren. 14,90 Euro.

Urzeitroboter 1. Teil: „Neue Karlchen-Geschichten“ von Rotraut Susanne Berner

Wir haben das erste Buch aus der Nominierungsliste für den Bilderbuchpreis „Urzeitroboter. Das lustigste Bilderbuch 2012“ vorgelesen: eine Sammlung der seit 2001 erscheinenden Karlchen-Geschichten von Rotraut Susanne Berner, einer u.a. für ihre Wimmelbücher sehr bekannten Illustratorin. Die kurzen Texte beschreiben Alltagsbegebenheiten rund um den kleinen Hasen Karlchen, dessen Name an die Fritzchen-Witze erinnert, die zu meiner Kindergartenzeit erzählt wurden und Knirpse zum Kichern, Erwachsene aber eher zum Gähnen brachten. Genauso ging es uns mit den Karlchen-Geschichten. Unser Sohn mag sie, auch wenn er nicht in schallendes Gelächter ausgebrochen ist. Wir vermissen die Pointen. Es stellte sich ein gewisser „Bobo-Siebenschläfer-Effekt“ ein, denn die Texte sind sehr stark auf die Erfahrungswelt der Kinder bezogen, Erwachsenen wird aber schnell langweilig beim Vorlesen. Da helfen ein bisschen die warmherzigen Illustrationen, die aber leider doch recht spärlich gesät sind.

Mein Fazit: Die Geschichten gehören zu einer Reihe, die schon seit langem fortgesetzt wird. (minus) Die Geschichten sprechen Kinder gut an. (plus) Der Spaß beim Vorlesen für Erwachsene hält sich in Grenzen (minus). Mehr Illustrationen wären schön gewesen. (minus)

Rotraut Susanne Berner: Neue Karlchen-Geschichten. Ein Vorlese-Bilder-Buch. Hanser-Verlag. ab 3 Jahren. 9,90 Euro.

Bücher für „neue Väter“: Willi Wiberg

Im Moment macht sich der „Spiegel“ gerade auf die Suche nach „neuen Vätern“ und beklagt deren oberflächliche Beteiligung im Haushalt und in der Kinderbetreuung (hier z.B. ein Artikel vom 07.11.). Wenn Frau und Mann dann mal die Rollen tauschen, treffen sie auf Kinderbücher, die traditionelle Rollenverteilungen zementieren. Im Blogeintrag über die „Conni-Bücher“ hatte ich mich über das veraltete Rollenbild beschwert, das die Bände vermitteln.

Durch den Tipp einer Freundin bin ich auf eine, neben anderen, vielversprechende Alternative gestoßen. Und die kommt – wie könnte es auch anders sein – aus Skandinavien! Der kleine Willi Wiberg, ein Geschöpf der schwedischen Autorin Gunilla Bergström, kämpft sich in zahlreichen Bänden gemeinsam mit seinem Papa durch den Alltag. Ich habe kürzlich die Geschichte „Mach schnell, Willi Wiberg“ ausgeliehen und war ganz angetan von den charmanten Zeichnungen mit collagenähnlichen Elementen sowie der augenzwinkernden Geschichte. Der kleine Junge trödelt morgens und lässt sich von den Ermahnungen seines Vaters, dass es doch Zeit für den Kindergarten sei, nicht aus der Ruhe bringen. Eine Mutter kommt in diesem Band gar nicht vor. Und auch in den anderen Geschichten werden nur Willis Tante oder seine Großmutter kurz erwähnt.

Die Geschichten erscheinen schon seit Anfang der 1970er Jahre. Der letzte Band wurde 2006 veröffentlicht. Viele Bücher kann man in Neuauflagen beim Oetinger Verlag kaufen, einige Bände gibt es nur noch antiquarisch. Da wird doch glatt die Sammlerleidenschaft geweckt!  Ich glaube, Willi Wiberg und ich, wir werden Freunde. Ich muss nur noch meinen Mann von diesem neuen Freund berichten …

Gunilla Bergström: Mach schnell, Willi Wiberg. Oetinger Verlag 1976 (Neuauflage 2009). ab 4 Jahren. 9,90 Euro.

Kinderbücher bodenständig und praktisch: Die Conni-Reihe

Manchmal schleichen sich Kinderbuchfiguren in den Alltag ein und man weiß nicht, wo sie herkommen. Dann sind sie da und gehen nicht wieder weg. Dann ist man wohl den Marketing-Strategen der Verlage auf den Leim gegangen.

Conni ist so eine Figur, die sich, vor allem in der Form von Pixie-Büchern, bei uns eingeschlichen hat. Die Conni-Reihe bietet eine Rundum-Versorgung mit Webseite für Kinder, Kuschelkissen und Arzttasche. Angefangen hat es bei uns mit der Geschichte „Conni feiert Weihnachten“. Und weil die so praktisch die Abläufe und Begriffe rund um das Weihnachtsfest erzählt, folgte „Conni und der Osterhase“. Und dann ergeben sich für viele weitere Alltagserlebnisse und -ereignisse Anlässe, um mal bei Conni vorbeizuschauen: „Conni kommt in den Kindergarten“, „Conni geht zum Arzt“, „Conni zieht um“ und so weiter und so weiter.

Dabei mag ich die Figur eigentlich ganz gerne: Das Mädchen ist sehr bodenständig, legt nicht viel Wert auf Klamotten und Konsumgüter, weiß sich in allen Situationen zu helfen. In ihrer praktischen und zupackenden Art bleibt sie aber dennoch blass, denn sie hat keine Ecken und Kanten. Conni ist das Gegenteil von Juli, den ich in einem früheren Artikel vorgestellt habe, und in dessen Welt es manchmal etwas chaotisch zu geht. Bei Conni hingegen ist immer aufgeräumt, haben die Eltern stets gute Laune und erklären mit Geduld den Alltag im Vorstadthäuschen. Dabei ergeben sich für die Vorleser noch praktische Tipps, wie man selbst Weihnachtskugeln bastelt oder ein Ostergärtchen mit Häuschen anlegt. Das hilft, den Familienalltag zu strukturieren, es beschleicht mich aber das Gefühl, dass die Bücherwelt meines Kindes nicht nur aus Conni-Geschichten bestehen sollte, in denen alles aufgeräumt ist, Konflikte sich in null-komma-nichts lösen und die Welt nur aus Alltagsbegebenheiten besteht.

Liane Schneider, Eva Wenzel-Bürger: Das große Conni-Buch. Carlsen 2010. ab 2 Jahren. 12,90 Euro.

P.S. Im Moment könnten wir den Band „Conni hilft Mama“ gebrauchen, denn die Erkältungszeit hat mich und unseren Papa erwischt und wir sind etwas eingeschränkt arbeitsfähig. Der Papa kommt in den Conni-Geschichten allerdings nur am Rande vor. Er macht auch keine Arbeit im Haushalt. Wobei wir bei einem weiteren Ärgernis der Conni-Geschichten wären: Die Rollenverteilung zwischen den Eltern ist steinzeitlich. Aber das ist ein Problem, das in zahllosen Kinderalltagsbüchern, besteht.

Kinderalltagsliteratur: „Juli“

Es müssen nicht immer die tollsten phantastischsten Welten, die lustigsten Monster und verrücktesten Ritter sein. Juli ist ein Junge zwischen vier und fünf, der in sieben Geschichten von Kirsten Boie (Text) und Jutta Bauer (Illustration) kleine und große Alltagsprobleme bewältigen muss. Er erlebt einen schrecklichen Tag, an dem alles schief geht, verzettelt sich auf dem Heimweg vom Kindergarten,trifft einen Jungen im Rollstuhl, muss Spielsachen für einen Wohltätigkeitsbasar abgeben, lernt Rad fahren, begegnet einem Monster auf dem Klo und findet eine neue Kindergartenliebe.

Dabei sind die Geschichten in einem mir aus Kinderbüchern bisher unbekannten Ton, einer für Vorleser ungewohnten Perspektive geschrieben: wie in einem inneren Monolog werden alle Erlebnisse aus Julis Blickwinkel geschildert. In wunderbaren Assoziationsketten, mit herrlich übertriebenen Zeitangaben, in Wendungen, die sich ums Wetten, Miteinandermessen und Vergleichen drehen, wird die Gefühlswelt von Juli anschaulich. Seine Gefühle und Gedanken werden konkret erfahrbar, denn sie sind mit verschiedenen Sinnes- und vor allem Körperwahrnehmungen verknüpft. Juli haut, schubst, prügelt sich, boxt, wenn er sich ärgert. In seinem Bauch kribbelt es, wenn er sich freut oder aufgeregt ist. Diese Schilderungen machen großen Spaß beim Vorlesen und zeigen eine kindliche Logik, die Erwachsenen oft verschlossen ist.

In den Juli-Geschichten geschieht alles innerhalb der dem Vierjährigen eigenen Logik. Kein erhobener Zeigefinger löst die Geschichten auf, die Probleme werden von den Figuren allein bewältigt, ohne das Eingreifen von Menschen, die für diese Probleme gewöhnlicherweise zuständig sind oder sich fühlen (Erzieherinnen, Eltern). Damit vermitteln die Geschichten eine wichtige Botschaft, auch für die Vorleser: schwierige Situationen lassen sich gut mit kindlicher Eigenlogik meistern, die nicht immer zur Elternlogik passen muss, aber trotzdem funktioniert.

Spannend ist für Vorleser aber nicht nur diese „Botschaft“. Auch die selbstironischen Zeichnungen eines urbanen, „grünen“ Milieus machen Spaß, auch wenn diese in den 1980er Jahren verhaftet sind, denn die Geschichten stammen aus den Jahren 1991 bis 1999. Einige Aspekte dieses Milieus sind heute noch aktuell, manches könnte man hinzufügen oder weglassen. Die unterschiedlichen Erscheinungsdaten der Geschichten, die 2005 in einem Sammelband in der Gulliver-Reihe im Beltz&Gelberg Verlag erschienen sind, erklären auch die recht disparat wirkenden Illustrationen. In jeder Geschichte sehen Juli und seine Freunde, seine Eltern und seine Umgebung ein bisschen anders aus. Die Figuren wandeln sich in Details, sind nicht fließbandreproduziert und transportieren in jeder Situation etwas sehr Besondere. In den Einzelbänden zu den Geschichten wird diese spezifische Atmosphäre auch noch deutlicher, denn dort sind noch mehr Bilder eingearbeitet als im Sammelband.

In den Juli-Geschichten finden sich viele Zutaten, die die Texte für Vorleser und Zuhörer interessant machen: Alltagsprobleme von Kindern werden aufgegriffen, eine Welt erzählt, die Kindergartenkinder gut kennen, zu der es viele Anknüpfungspunkte gibt. Dem Vorleser vermitteln die Geschichten ungewohnte Sichtweisen, regen an zum Nachdenken über Alltagssituationen und über die kindliche Logik. Für mich sind die Juli-Geschichten echte Literatur, gar nicht so weit entfernt von „erwachsener“ Literatur, mit viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren.

  Jutta Bauer / Kirsten Boie: Juli! Geschichten zum Vorlesen. Beltz&Gelberg 2008. ab 4 Jahren. 9,95 Euro.