Die Renaissance und Pädagogik der Fabel: „Steinsuppe“ von Anaïs Vaugelade

Fabeln sind eine beliebte Gattung in der Kinderliteratur. Insbesondere in den letzten Jahren erschienen eine Reihe von interessanten Bilderbüchern, die sich am Muster der Fabel orientieren, z.B. „Alle seine Entlein“ von Christian Duda und Julia Friese, „Vom Fuchs, der seinen Verstand verlor“ von Martin Baltscheit oder „Steinsuppe“ von Anaïs Vaugelade. Tiere handeln, denken und sprechen in den Geschichten wie Menschen. Ein moralisches Problem oder Dilemma wird so anschaulich gemacht. Fabeln wurden und werden vor allem als Lehrtexte verwendet.

Die Bilderbuchgeschichten von heute gehen in der Vermittlung ihrer Lehre oder Moral ganz anders vor als Fabeln in der Aufklärung, wo sie hauptsächlich der Kritik an der gesellschaftlichen Ordnung dienten. Der wichtigste Unterschied: Wurde in der klassischen Fabel am Ende ein Lehrsatz explizit ausformuliert, so fehlt dieser heute meist völlig. Die Fabeln sollen mehr zum Diskutieren und Nachdenken anregen, als eine konkrete Moral vorzugeben. Ein gutes Beispiel dafür ist das Bilderbuch „Steinsuppe“ von Anaïs Vaugelade.

Ein alter Wolf nähert sich dem Dorf der Tiere. Bei der Henne will er sich aufwärmen und Steinsuppe kochen. Davon hat diese noch nie etwas gehört, wird neugierig und lässt den Wolf herein. Der Abend wird gemütlich, weil das Schwein, das Pferd, die Ente, das Schaf, die Ziege und der Hund auch vorbeikommen und mit essen. Jedes Tier trägt zur Steinsuppe eine neue Zutat bei, so wird daraus ein leckerer Eintopf. Wie es weitergeht, wird hier nicht verraten, denn „Steinsuppe“ ist eines der spannendsten Bilderbücher, die ich kenne. Großartig sind vor allem die Gesichtsausdrücke der Tiere, in denen so viele Nuancen und Aussagen über verschiedene Typen und Gefühle stecken, dass man sich daran nicht satt sehen kann.

Die Fabel spielt mit Märchenmotiven, vor allem mit der Charakterisierung des Wolfs als verschlagenem, gierigem und hinterhältigem Wesen. In der irischen Märchentradition wird zudem die Geschichte von der Steinsuppe erzählt, die einem mittellosen Soldaten die sonst verweigerte Hilfe einer Dorfgemeinschaft einbringt. Mit diesen literarischen Anspielungen stellt das Bilderbuch eine anspruchsvolle intellektuelle Aufgabe dar. Hinter der einfachen Sprache und klaren Bildern verbirgt sich ein Kosmos an Bedeutungen, der wie bei der klassischen Fabel durch das Nachdenken über Anspielungen und Verweise erschlossen werden will.

Anaïs Vaugelade: Steinsuppe. Beltz&Gelberg Minimax 2004. ab 5 Jahren. 5,95 Euro.

Kasperletheater

Der Kindergeburtstag naht! Bei der letzten Feier funktionierte die Aufführung eines Kasperlestückes gut. Wir haben ein Bettlaken zwischen die Türrahmen gespannt, eine Kasperhandpuppe besorgt und die restlichen Figuren mit Kuscheltieren besetzt. Den Text des Stücks haben wir dem Buch „Neues von Kasperle und seinen Freunden“ entnommen. Fertig war die kleine Aufführung und die 2- und 3-jährigen Kinder haben gespannt gelauscht, auch wenn der Text an einigen Stellen etwas holperte.

Dieses Jahr können wir auf ein erweitertes Handpuppenpersonal (Prinzessin, Großmutter, Polizist, Krokodil) zurückgreifen und haben mehr Stücke zur Auswahl, denn wir haben noch „Neue Kasperlestücke für viele Anlässe“ geschenkt bekommen. Dafür ist das Publikum älter und bestimmt anspruchsvoller. Vielleicht sollten wir einen Probedurchlauf machen, damit der Text besser sitzt als im letzten Jahr.

Die Stücke aus den beiden Büchern mit Kasperlestücken sind jedenfalls sehr ähnlich gestrickt: Sie eignen sich für zwei Spieler, Hinweise zu Kulissen, Dauer, Figuren und Requisiten werden zur Einleitung übersichtlich präsentiert. Die Geschichten sind meist an bestimmte Anlässe gekoppelt, es gibt also z.B. Geburtstags- oder Weihnachtsstücke. Im Buch „Neues von Kasperle und seinen Freunden“ scheint mir der Text und die Sprache etwas komplexer zu sein, aber hier sind auch Altersangaben zu den einzelnen Stücken gemacht.

Ich finde die Begeisterung von Kindern für Kasperlestücke immer faszinierend: wie sie in den Geschichten aufgehen, mit den Figuren interagieren und in die Welt von Kasper versinken. Der Mikrokosmos der Kaspergeschichten ist dem Märchen vergleichbar. Die Verhältnisse sind überschaubar. Das Gute besiegt am Ende das Böse. Allerdings trägt das Kasperletheater eher satirische und clowneske Züge. Hier kann der Kasper auch mal gegen den König revoltieren. Und der Held muss nicht immer so perfekt sein, wie im Märchen, ihm dürfen auch mal Missgeschicke passieren.

Für diesen Geburtstag habe ich ein Stück ausgesucht, bei dem Kasper gegen eine Hexe kämpft. Sie ist beleidigt, weil sie nicht zum Geburtstag der Großmutter eingeladen wurde und verzaubert aus Rache die Prinzessin und Kaspers Freund Seppel. Kasper macht den Zauber rückgängig und am Ende hat der Held sich dann ein großes Stück Kuchen verdient, genauso wie die Puppenspieler.

Heike Brock und Peter Wilhelm: Neues von Kasperle und seinen Freunden. 9 lustige Kasperlestücke. Urania Verlag 2003. 9,90 Euro.

Ursula Lietz: Neue Kasperlestücke für viele Anlässe zum Nachspielen und Mitmachen für Menschen ab 3 Jahren. Ökotopia Verlag 2010. 12,90 Euro.