Vorurteile und Stereotype in Kinderklassikern: „Pippi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren

Pippi LangstrumpfAls Vorlesebuch steht „Pippi Langstrumpf“ bei uns gerade hoch im Kurs. Der Klassiker fasziniert mich und meinen Sohn. Der fröhliche Non-Konformismus des rothaarigen Mädchens macht mir viel Spaß. Anknüpfend an die Debatte um Rassismus und Stereotype in Kinderbücher (meist am Beispiel von Otfried Preußler und Michael Ende) hatte ich bei der Lektüre an einigen Stellen aber auch Bauchschmerzen, denen ich heute mal auf den Grund gehen möchte.

Bei der Boell-Stiftung fand ich auch einige Argumente für mein Unbehagen. In einem Artikel beschreibt die Autorin Olenka Bordo fundiert, wie Vorurteile in der Kinderliteratur wirken.  Astrid Lindgrens Werk „Pippi Langstrumpf“, das 1944 in Schweden und 1949 erstmals in Deutschland erschien, wirft sie vor, es würde Vorurteile und Stereotype vermitteln, rassistische und unreflektierte Handlungen darstellen und wäre sehr unkritisch gegenüber der Verharmlosung von historischen Ereignissen wie der Kolonialisierung.

Um ihre Argumentation zu überprüfen, habe ich mir das erste Kapitel (bzw. die erste Geschichte) des ersten Buchs genauer angesehen. Tommy und Annika sprechen das erste Mal mit Pippi, nachdem sie darüber gestaunt haben, wie Pippi aussieht (abstehende Zöpfe, Sommersprossen, weiße Zähne, selbst genähtes Kleid,  zu große Schuhe) und was sie tut (die Straße entlang gehen, zuerst mit einem Bein im Rinnstein, mit dem anderen auf dem Bürgersteig und dann läuft sie rückwärts). In ihrer ersten Unterhaltung rechtfertigt Pippi ihr ungewöhnliches Verhalten. Sie sagt:  „Leben wir etwa nicht in einem freien Land? Darf man nicht gehen, wie man möchte? Übrigens will ich dir sagen, dass in Ägypten alle Menschen so gehen, und niemand findet das im Geringsten merkwürdig.“ (S. 16)

Mit dieser Antwort auf Tommys Frage, warum sie sich ungewöhnlich verhält, wird Pippis Logik eingeführt, die im weiteren Verlauf des Dialogs noch erläutert wird. Pippis Gedanken spielen dabei mit Vorurteilen und Stereotypen.  Sie spricht über Länder, in denen sie als Seeräubertochter angeblich schon war und wo sie beobachtet hat, was in anderen Kulturen aus ihrer Wahrnehmung heraus normal ist. Pippi benutzt die Andersartigkeit der Ägypter zur Rechtfertigung ihres Verhaltens gegenüber Annika und Tommy. Irgendwo hat das kleine rothaarige Mädchen scheinbar schon gelernt, dass Differenz begründet werden muss und dass der Rückgriff auf exotische Kulturen eine akzeptable Begründung darstellt. Schließlich können ihre Freunde die Behauptungen Pippis nicht überprüfen, denn sie haben Schweden noch nicht verlassen. Vielleicht regen Pippis Erzählungen aber ihre Neugier auf andere Länder an?

Bemerkenswert ist in Pippis Begründung der Satz: „Leben wir etwa nicht in einem freien Land?“ Das kleine rothaarige Mädchen erinnert Tommy und Annika daran, dass sich in Schweden jedeR so verhalten kann, wie er/sie möchte, egal woher dieses Verhalten kommt oder welcher Norm es entspricht. Der Rückgriff auf nicht-schwedische Hintergründe sollte nicht zu Diskriminierung führen.

Im weiteren Verlauf des Dialogs, der auch der Einführung der Charaktere von Tommy (der Skeptische) und Annika (die Vorsichtige) dient, wird Pippis Argumentation auf die Probe gestellt. Dabei wird das für Kinder zwischen fünf und acht Jahren sehr wichtige Thema „Wahrheit und Lüge“ aufgegriffen. Tommy bezichtigt Pippi der Lüge. Sie gibt daraufhin traurig zu, dass sie nicht die Wahrheit gesagt hat. Nach einer kurzen Entschuldigung für diese nicht-gesellschaftskonforme Redeweise fährt sie unbekümmert fort, weiter Geschichten von fernen Ländern zu erzählen: „Und übrigens […] will ich euch sagen, dass es im Kongo keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag. Sie fangen früh um sieben an und hören nicht eher auf, als bis die Sonne untergegangen ist.“ (S. 17) Mit dieser klar sowohl durch den Kontext als auch den Inhalt gekennzeichneten Lüge wird deutlich markiert, wie Pippi über andere Kulturen spricht: Sie erzählt Geschichten, spinnt Seemannsgarn. In ihrem Kopf regiert die Fiktion.

Ich denke somit nicht, dass das kleine rothaarige Mädchen Stereotype  oder Vorurteile über andere Länder vermittelt. Ihre Ausführungen sind in spielerische Kontexte eingebettet und als solche gekennzeichnet. Das Spielerische ihrer Gedanken können sich die Leser der Geschichten leicht bewusst machen. Es stellt sich für mich nur die Frage, wie die RezipientInnen diesen Leseeindruck thematisieren können? Vielleicht wäre die Frage spannend: Welche Geschichte würde Pippi wohl über die Menschen in Deutschland erzählen?

Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger 1986. Übersetzung von Cäcilie Heinig. 8,90 Euro. ab 5 Jahren.

 

 

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Urzeitroboter – Der Gewinner!

Nachdem ihr meine Wertung ja schon kennt, hier noch das offzielle Ergebnis des Wettbewerbs. Denn nun steht er fest, der Gewinner des Urzeitroboterpreises und somit das lustigstes Bilderbuch 2012.

Es ist „Das bewegte Buch“ von den Krickelkrakels. Herzlichen Glückwunsch!

Die Preisverleihung fand am 03. September in Hamburg, bei einem Grillen vorm Verlagshaus von Gruner+Jahr statt. Der Gewinner wurde am 05. September in der letzten Ausgabe der Brigitte MOM bekannt gegeben. Wahrscheinlich wurde den Autoren dort auch die Trophäe überreicht. Auf der Seite des „Urzeitroboter“ kann man sicher bald Fotos von der Veranstaltung sehen.

Hier noch die Top 5 aus den 12 der Jury vorgeschlagenen Büchern:

  1. „Das bewegte Buch“ (Oetinger) mit 12 Punkten
  2. „Sieben Hamster“ (Gerstenberg) mit 10 Punkten
  3. „Alle Kinder“ (Klett) mit 8 Punkten
  4. „Opa Jan und der turbulente Geburtstag“ (Esslinger) mit 7 Punkten
  5. „10 kleine Schafe“ (Loewe) und „Herr Anders“ (Tulipan) mit jeweils 6 Punkten

Urzeitroboter 4. Teil: „Das bewegte Buch“ von Die Krickelkrakels

Nach der Schadenfreude und der Fröhlichkeit habe ich mit dem vierten Buch aus der „Urzeitroboter“-Serie eine neue Art von Humor bei unserem Sohn entdeckt: die Anarchie. Nicht dass anarchistische Anwandlungen nicht schon längst bei ihm zu Tage getreten wären. Aber dieses Buch zeigt spielerisch eine Seite von Drei- und Vierjährigen, die mal mehr, mal weniger ausgeprägt, den Alltag oft genug bestimmt: das nicht zu tun, was von ihnen verlangt wird, Grenzen auszutesten, Dinge auf den Kopf zu stellen. Was in diesem Buch tatsächlich wörtlich genommen werden kann.

„Das bewegte Buch“ des Illustratorenkollektivs „Die Krickelkrakels“ ist ein so genanntes Mitmachbuch, d.h. die kleinen Leser werden auf jeder Seite aufgefordert, etwas zu tun. Ein Lied singen, einen gezeichneten Frosch küssen, marsianisch sprechen, das Buch schütteln, in einem Labyrinth den richtigen Weg finden. Durch die Aktionen wird die „Handlung“ des Buches vorangetrieben. Unserem Sohn macht nun am meisten Spaß, die Anweisungen auf den Seiten demonstrativ zu verneinen und oder sie auf den Kopf zu stellen, nicht zu tun, was von ihm verlangt wird. Das erhöht den Spaßfaktor des Buches, der sowieso schon recht hoch ist, noch einmal ungemein, denn in diesem Fall sind es ja nicht meine Anweisungen, die missachtet werden. Und ein bisschen Anarchie tut im Alltag immer gut … Ein super Buch zum Verschenken übrigens, finde ich.

Mein Fazit: Macht Eltern und Kindern viel Spaß. (plus) Den Illustrationen merkt man an, dass sie von verschiedenen Zeichnern stammen, was aber viel Abwechslung bringt. (plus) Die Einfälle sind witzig und innovativ. (plus)

Die Krickelkrakels: Das bewegte Buch. Oetinger Verlag 2011. ab 4 Jahren. 12,95 Euro.

Das Struwelpeterprinizp: „Räuberkinder“ von Antje Damm und „Das Mohrrübensuppen-Abenteuer“ von Julia Friese

Diese beiden Bilderbücher sind sehr besonders: Erstens wegen ihrer Illustrationen. Antje Damms „Räuberkinder“ ist mit einfachen, etwas krakeligen Strichen gezeichnet und mit einer Art Collagentechnik ergänzt. Ein florales, nostalgisches Tapetenmuster wurde z.B. in ein Bild eingefügt. Julia Frieses Bilder im „Mohrrübensuppen-Abenteuer“ sehen aus, wie durch ein Druckverfahren, z.B. Linolschnitt oder Holzdruck, hergestellt. Sie verwenden ein geringes Farbspektrum – orange, rot, gelb, schwarz, ein wenig grün – und sind deshalb sehr expressiv.

Zweitens sind die beiden Bücher auch wegen ihres Inhalts besonders. Zuerst hat mich dieser sehr verblüfft, aber ich glaube, jetzt habe ich verstanden, wie sie funktionieren. In Antje Damms Buch lernen wir einen Jungen und ein Mädchen kennen: „Das sind zwei Räuberkinder und sie sind wirklich sehr, sehr böse.“ Sie ärgern Hunde, belästigen Passanten auf der Straße, verwüsten das Badezimmer und treiben anderen Unsinn. Aber keine Angst, am Ende zeigen auch die Räuberkinder ihre liebenswerte Seite. In Julia Frieses Buch geht es um das Mittagessen im Kindergarten. Statt der ersehnten Hefeknödel mit roter Sauce gibt es Mohrrübeneintopf. Jedes Kind geht anders mit seiner Portion um: In Moritz‘ Suppenschüssel schwimmt ein Engel, Pauline malt ein Gruppenbild aus Möhrensuppe, Leander isst mindestens zehn Teller leer.

In beiden Büchern werden Erwachsene nervende Verhaltensweisen thematisiert. Ein Hauch von Anarchie durchweht sie. Das irritierte mich zuerst, denn ich fürchtete einen Nachahmungseffekt. Eigentlich scheint sich dahinter aber ein traditionelles Prinzip von Kinderbüchern zu verstecken: Das Vorgehen erinnerte mich an die Struwelpetergeschichten, wo ja auch „schlechtes“ Verhalten gezeigt wird. Der gravierende Unterschied zwischen dem Struwelpeter, dem Suppenkaspar, dem Daumenlutscher oder dem Hans-Guck-in-die-Luft sowie den „Räuberkindern“ und dem „Mohrrübensuppen-Abenteuer“ besteht in den Konsequenzen, die die betroffenen Kinder erfahren. Im 19. Jahrhundert wurden sie grausam bestraft, im modernen Kinderbuch wird dem unerwünschten Verhalten ein positives Beispiel gegenübergestellt. Die Kinder verstehen dann schon, dass sie ihre Kindergartenfreunde nicht mit Suppe bewerfen sollen.

Antje Damm: Räuberkinder. Gerstenberg Verlag 2009. ab 2 Jahren. 7,90 Euro.

Julia Friese: Das Mohrrübensuppen-Abenteuer. Bajazzo Verlag 2004. ab 4 Jahren. 13,90 Euro.