Ein Jahr ohne Buchmesse!

In den letzten vier Jahren war ich Gast bei der Frankfurter Buchmesse. Dabei habe ich viele spannende Entdeckungen gemacht, Bekanntschaften getroffen und mich durch den Messetrubel treiben lassen. In diesem Jahr kann ich nicht dabei sein. Ein leichtes Kribbeln steigt beim Gedanken daran in mir auf und ich male mir aus, wie es wäre, sich doch noch schnell in den Zug zu setzen, was aber derzeit wirklich unmöglich ist …

So begnüge ich mich damit, am Freitag abend die Verleihung des Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreises via Internet zu verfolgen und die Pressematerialien durchzusehen. Am Samstag mache ich mich dann auf den Weg in einen Buchladen, erstehe den Gewinner in der Sparte „Bilderbuch“ und berichte im Blog von meinen Eindrücken. Dann brauche ich hoffentlich keinen Messetrubel für eine schöne Buchentdeckung. Und im Frühjahr probiere ich mal die Leipziger Buchmesse aus – da war ich schon sehr, sehr lange nicht.

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The winner is: Martin Baltscheits „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“

 Die Entscheidung der Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises in der Sparte Bilderbuch leuchtet auf vielen Ebenen ein. Der Autor und Illustrator Martin Baltscheit hat schon einige tolle Bücher veröffentlicht – z.B. „Zarah, du hast doch keine Angst“, zusammen mit Zoran Drvenkar oder die „Geschichten vom Herrn Paul“, zusammen mit Ulf K. Seine Leistungen gehörten längst gewürdigt. Sein neues Buch ragt aus dieser Liste noch einmal heraus, weil es ein sehr aktuelles, gesellschaftsrelevantes Thema aufgreift: Es handelt vom Altwerden, vom Vergessen und Erinnern, vom Versorgtwerden.

Ein stolzer, schlauer, furchtloser und gefährlicher Fuchs wird graubärtig, kränklich und sehr vergesslich. Erst verwechselt er die Wochentage und geht am Mittwoch in die Kirche. Dann vergisst er auf der Jagd das Jagen und erkennt sein eigenes Spiegelbild im Fluss nicht mehr.

Der Pressetext der Jugendliteraturpreisjury nennt das Stichwort „Demenz“, was mich aber eher abgeschreckt hat. Warum sollte ich meinem Kind ein Buch über die Krankheit „Demenz“ vorlesen? Unsere Großeltern sind noch recht weit von einem entsprechenden Alter entfernt. Ein über 80jähriger Nachbar ist zwar massiv schwerhörig und zeigt auch sonst gravierende Alterserscheinungen. Diese Besonderheiten lassen sich aber prima erklären lassen, ohne auf medizinisches Fachwissen und Details zurückgreifen zu müssen. Überzeugender ist da schon der Hinweis der Jury auf die Bezüge des Buchs zur kindlichen Geistesverfassung im Alter des anvisierten Lesepublikums, um die fünf Jahre: Denn auch Kinder kennen das Vergessliche, Schusselige, so etwas wie: „Wo ist dein Anorak?“ nach dem Spielplatzbesuch und die typische Kinder-Antwort darauf: „Welcher Anorak?“

Das Herausragende der „Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ liegt aber vor allem in den reichhaltigen Anknüpfungspunkten an viele verschiedene Themen: Eine Fabel, die von einem Individuum erzählt. Eine Fabel, die von der Veränderung einer Geistesverfassung erzählt. Eine Fabel, die von einer Gemeinschaft erzählt. Eine Fabel, die von bedeutenden Veränderungen und Entwicklungen in der heutigen Gesellschaft erzählt.

Damit kommt dem Bilderbuch wieder eimal die Funktion zu, große Themen zu veranschaulichen. Und besonders das Thema „Altern“ scheint zur Zeit in Mode zu sein, denn im letzten Jahr wurde Stian Holes „Garmans Sommer“ mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. In diesem Buch denkt der Junge Garman über Angst, Tod, Vergänglichkeit nach, während er mit seinen drei alten Tanten den letzten Sommer vor der Schuleinführung verbringt. Diese Themen scheinen mir gut geeignet für Philosophiestunden, besondere Zeiten an Feiertagen, im Urlaub. Im Kinderalltag kann ich mir vorstellen, mit diesen großen Themen leicht überfordert zu sein.

Martin Baltscheit: Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor. Bloomsbury 2010. Ab 5 Jahren. 13,90 Euro.

Stian Hole: Garmans Sommer. Carl Hanser Verlag 2009. Ab 5 Jahren. 14,90 Euro.

Buchmesse – Auf Entdeckungsreise

Eigentlich sind Buchmessen sehr anstrengende und nervige Veranstaltungen. In den letzten Jahren litt ich bei meinen Buchmessenbesuchen meist unter einer akuten Reizüberflutung und wusste nicht, was ich mit den ganzen Informationen alles anfangen soll. Dazu die vielen Menschen, die langen Wege, der hohe Geräuschpegel …

Dieses Jahr war es anders. Zum einen zeigten sich die Gänge am ersten Tag für Fachbesucher tausendmal menschenleerer als an den Publikumstagen am Wochenende. Zum anderen hat es sehr viel Spaß gemacht, auf Entdeckungstour für den Blog zu gehen. Dabei wurde mir deutlich, wie wichtig es ist, Kinderbücher „in echt“ zu sehen und anzufassen. Denn wenn man das Format, den Umfang, das Papier oder das Gewicht erleben kann, bekommt man einen ganz anderen Eindruck von den Büchern, als durch bloße Abbildungen von Covern und Inhaltsbeschreibungen. Außerdem vermitteln die Präsentationen der Verlage einen weiteren Blick auf neue Bücher als die Auslagen der örtlichen Buchhandlung (die bei uns sowieso nicht sehr spannend ist) oder die Rezensionsseiten der Tageszeitung. Und dabei habe ich so viele interessante Entdeckungen gemacht, dass – wie immer – zu wenig Zeit zur Verfügung steht, um sie auszuprobieren, zu wenig Geld vorhanden ist, um sie zu kaufen und zu wenig Platz im Bücherregal bleibt, um sie aufzubewahren.

So hat sich aber genügend Stoff für den Blog für die nächsten Monate angesammelt. Das sind die Themen, über die ich schreiben möchte: zweisprachige Bilderbücher – Bilderbücher und Vorlesen ohne Text – Märchenillustrationen. Und das sind Tipps, die ich vorstellen werde: ein Buch für werdende große Brüder und Schwestern – ein Buch für ganz Kleine – ein Buch für trotzige Mädchen.Vielleicht kommen am Freitag noch neue Themen dazu, denn dann fahre ich noch einmal zur Buchmesse, kümmere mich aber hauptsächlich um Erwachsenenliteratur. Ganz bestimmt schreibe ich am Wochenende aber über den diesjährigen Gewinner des deutschen Jugendliteraturpreises in der Sparte Bilderbuch. Einen klaren Favoriten konnte ich unter den Nominierungen noch nicht ausmachen, daher bin ich umso gespannter auf die Entscheidung der Jury. Hier werden die nominierten Bücher vorgestellt:

http://www.djlp.jugendliteratur.org/nominierungen_bilderbuch-9.html