Noch ein Monstermädchen: „Marie und die Nachtmonster“ von Marjane Satrapi

Während das Mädchen Carola aus Kurt Krömers und Jakob Heins „Gute Nacht, Carola“ mich ziemlich genervt hat, bin ich sehr begeistert von der kleinen Marie aus „Marie und die Nachtmonster“ von Marjane Satrapi. Die iranische Autorin und Zeichnerin kannte ich durch ihren beeindruckenden Comic „Persepolis“, der 2004 Furore machte. Ihr Kinderbuch ähnelt mit seinen einfachen und klaren Strichen den Comic-Bildern, ohne dabei ebenso düster zu wirken. Die Nachtmonster sind sehr schelmisch gezeichnet. Ein Katzenkönig aus der Geschichte erinnerte mich an ein „Kultbuch“ aus meiner Kindheit: „Das Katzenhaus“ von Samuil Marschak und Erich Gürtzig.

Maries strahlende Augen nehmen den Betrachter rasch gefangen. So sympathisch wie ihr Gesichtsausdruck ist auch ihre Geschichte erzählt. Marie fürchtet sich vor den Nachtmonstern. Um dieses Problem zu lösen, schneidet sie den Mond aus, sperrt ihn in einen Käfig und bewahrt sein Licht in ihrem Zimmer auf, denn die Monster kommen nur in der Dunkelheit. Ohne Mondlicht können die Katzen jedoch keine Mäuse mehr jagen und die Ratten übernehmen die Herrschaft in der Stadt. Der Katzenkönig sucht gemeinsam mit Marie eine Lösung, die die beiden auch finden, die hier aber nicht verraten werden soll. Besonders imponiert hat mir an der Geschichte der kleinen Marie, das sie zuerst ihr Monster-Problem allein löst, dann aber auch bereit ist, sich helfen zu lassen, als sich herausstellt, das ihre Lösung Nachteile für andere hat. Diese Heldin, die ihre Ängste nicht wegquatscht, ist mir viel lieber als ein Mädchen, das mit ihrer angeblichen Furchtlosigkeit ihre Umwelt in Angst und Schrecken versetzt.

Marjane Satrapi: Marie und die Nachtmonster. Bloomsbury Verlag 2007. ab 4 Jahren. 12,90 Euro.

Advertisements

Monstermädchen: „Gute Nacht, Carola“ von Jakob Hein und Kurt Krömer, mit Bildern von Manuela Olten

An den Themen „Monster“ und „Gutenachtgeschichten“ kommt man bei Bilder- und Vorlesebüchern nicht vorbei, die Geschichten füllen Regale. In der letzten Zeit werden öfters Mädchen mit nächtlichen Monsterbesuchen konfrontiert, z.B. in „Gute Nacht, Carola“ oder „Marie und die Nachtmonster“ (das ich in einem späteren Beitrag vorstellen möchte). Endlich bekommen sie auch das Recht, sich gegen die bösen Geister aus der Dunkelheit zu wehren. Leider wirkt die Heldin aus „Gute Nacht, Carola“ dabei etwas angestrengt. Ob es am ziemlich altmodischen Namen „Carola“ liegt? So heißt doch heutzutage kein Kind …

Carolas hervorstechende Eigenschaft ist jedenfalls die Furchtlosigkeit, wie im Bilderbuch ausführlich erläutert wird. „Carola fand, wer sich nicht fürchtet, hat mehr Zeit zum Spielen“. So viel Selbstbewusstsein ist beeindruckend. Doch in einer Nacht ist plötzlich alles anders, denn ihr Bruder schläft auswärts und der Vater ist verreist – da fehlen wohl die männlichen Beschützer. Carola kann nicht schlafen und eine tiefe, grauenvolle Stimme ruft aus der Dunkelheit nach ihr. Unter ihrem Bett entdeckt sie ein Monster, dem sie mit viel Courage begegnet. Das „Wesen“ und das Mädchen verwickeln sich in eine Diskussion über das „Böse“. Carola redet im weiteren Verlauf das arme Monster in Grund und Boden, bis es nicht mehr böse sein möchte, sondern sich friedlich unters Bett legt.

Carola erinnert mich an eine ziemlich verbissene, neunmalkluge Emanze, die ihre Umwelt nervt und es schafft, den letzten Geheimnissen ihre Würde zu nehmen. Ob das ein Kommentar der Autoren zum Feminismus sein soll? Trotz dieser unangenehmen Heldin und ihrer wenig überzeugenden, seltsamen philosophisch angehauchten Konversation mit dem Monster, beeindrucken in „Gute Nacht, Carola“ der originelle Bildaufbau und die liebevollen Details in Manuela Oltens Illustrationen. Die Seite, auf der Carola Grimassen schneidet, weil sie nicht schlafen kann, ist großartig.

P.S.: „Gute Nacht, Carola“ sollte mein Weihnachtsgeschenktipp werden. Da mir das Buch dann noch nicht so gut gefiel, wollte ich es nicht ohne Weiteres empfehlen.

Jakob Hein, Kurt Krömer: Gute Nacht, Carola. Mit Bildern von Manuela Olten. Carlsen Verlag 2010. ab 4 Jahren. 14,90 Euro.

Was lesen ErzieherInnen im Kindergarten vor? „‚Oma‘ schreit der Frieder!“ von Gudrun Mebs

Im Alltag erfährt man als Eltern von 3-Jährigen recht selten, was im Kindergarten vorgelesen wird. Meist gibt es „wichtigere“ Angelegenheiten, die es mit den Erzieherinnen zu besprechen gibt und die Kinder selbst können sich noch nicht so gut artikulieren, als das sie von den Büchern berichten könnten. In den Ferien sind wir nun zufällig auf eine Kindergartenlektüre unseres Sohnes gestoßen, die uns schmunzeln ließ, denn sie passt hervorragend zu „unserer“ Erzieherin. Es handelt sich um den Band „’Oma‘ schreit der Frieder!“ von Gudrun Mebs, der 1984 erstmals erschien und kurze Geschichten aus dem Alltag des Jungen Frieder, der bei seiner Großmutter lebt, enthält.

Jede Episode beginnt mit dem Satz: „’Oma‘ schreit der Frieder und zupft an Omas Rock.“ Dann hat Frieder meist eine Bitte, die die Großmutter mit einem Hinweis auf die noch zu erledigende Hausarbeit abweist. Der Konflikt zwischen den Interessen der beiden wird dann durch eine pfiffige Idee der Oma aufgelöst. So vermittelt jede Geschichte eine erzieherische Botschaft, was mich als Vorleserin etwas ermüdet. Nur bei einer Episode habe ich mich halb tot gelacht. Sie heißt „Mensch, ärgere dich nicht“ und Frieder sperrt seine Oma aus. Die wartet geduldig auf der Flurtreppe bis der Enkel sich Sorgen macht und bereitwillig die Tür wieder öffnet.

Ihre pfiffigen Ideen machen die Oma sympathisch, auch wenn sie ansonsten recht ruppig mit ihrem Enkel umgeht. Ihre Sprache mutet ein wenig seltsam an, denn sie spricht vorzugsweise in Redewendungen wie „Eine alte Frau ist kein D-Zug.“ oder „Bub, hat dich denn der wilde Watz gebissen?“. Außerdem beschimpft sie das Kind ständig mit Worten wie „Dreckspatz“, „Lauser“, „Schlüssellochgucker“ oder „Frechdachs“. Daher scheinen mir die Geschichten in pädagogischer Perspektive etwas altmodisch, aber zum Vorlesen im Kindergarten zwischen Mittagessen und Zähneputzen, wenn der Waschraum von einer anderen Gruppe noch besetzt ist, sind sie auch wegen ihrer Kürze bestens geeignet.

P.S.: Rotraut Susanne Berner, bekannt für ihre Wimmelbücher, hat die Geschichten illustriert.

Gudrun Mebs: „Oma“, schreit der Frieder. Carlsen Verlag 2009. ab 5 Jahren. 5,95 Euro (Taschenbuch).

Bald wird’s lustig: Der Bilderbuchpreis „Urzeitroboter 2012“

Irgendwann im letzten Herbst bin ich auf den Preis für das lustigste Bilderbuch des Jahres  mit dem schönen Namen „Urzeitroboter“, den der Illustrator und Autor Patrick Wirbeleit ins Leben gerufen hat, gestoßen. Ich habe  mich für die Jury beworben und wurde nun tatsächlich als Jurorin ausgewählt. Ende Februar bringt uns der Postbote nun wahrscheinlich kistenweise von Verlagen vorgeschlagene, lustige Bilderbücher ins Haus. Hoffentlich komme ich vor Lachen dann noch zum Blogschreiben, denn natürlich möchte ich gerne über diese hoffentlich fröhliche Erfahrung als Jurymitglied berichten.

Michael Ende schreibt nicht für Kinder (Teil 2)

Hier ist die Fortsetzung zum meinem Beitrag vom 12. Januar 2012 …

Eine zweite wichtige ideologische Grundlage von „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“, die Julia Voss in der Studie „Darwins Jim Knopf“ anreißt, stellt die Antroposophie von Rudolf Steiner dar. Michael Ende kannte dessen Lehre und besuchte eine Waldorfschule. Die oben genannte Studie bezieht die Verbindungen zur Antroposophie vor allem auf das Wissenschaftsverständnis, das Wissen mit Spiritualität zusammen denkt und wo der Glaube an die Macht der Phantasie stets präsent ist. Die beiden Jim-Knopf-Bücher sind phantastische Werke, in denen naturwissenschaftliche Beschreibungen und Erklärungen jedoch über den gesamten Text verstreut, zu finden sind. Wenn das „Tal der Dämmerung“ als enge Schlucht beschrieben wird, aus der der Schall keinen Ausweg findet, oder seltsame Erscheinungen in der Wüste als Fata Morganas und Luftspiegelungen erläutert werden, dann verbinden sich Phantasie und naturwissenschaftliche Erklärungsmuster.

Dieter Schütz / pixelio.de

Die Antroposophie scheint meiner Meinung nach aber nicht nur im Welt- und Wissenschaftsverständnis durch, sondern auch im Bild, das in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von der Schule und vom Lernen gezeichnet wird. Der Drache Frau Mahlzahn betreibt in der Drachenstadt Kummerland eine Schule, in der entführte Kinder unter seiner Willkür und Gewaltherrschaft zu leiden haben. Diese Beschreibung einer Drachenschule bezieht sich auf die pädagogischen Einrichtungen im Nationalsozialismus. Zusätzlich wird traditionelles Lernen unter „Zwang“ jedoch auch grundsätzlich in Frage gestellt, und zwar durch die Hauptfigur Jim Knopf. Im 23. Kapitel kommt es zu einem Streitgespräch zwischen  Jim und seiner zukünftigen Verlobten Li Si, denn der Lummerländer, der bisher keine Schule kannte, möchte nicht lesen, schreiben und rechnen lernen.  Er muss erst von der Nützlichkeit dieser Fähigkeiten überzeugt werden. Die kleine Prinzessin hat eine mandalanische Schule besucht, wo selbstbestimmtes Lernen scheinbar möglich war. Trotz der Zweifel von Jim Knopf an der Notwendigkeit, lesen und schreiben zu können, wird im Buch durchgehend sehr offensichtlich thematisiert, wie wichtig Schrift ist, auch im Erscheinungsbild des Textes. Jim Knopf landet nur auf Lummerland, weil die Piraten die Adresse von Frau Mahlzahn zu krakelig und falsch geschrieben haben. Der Kaiser verbreitet seine Trauer über den Raub seines Kindes über ein Gedicht, das in Mandala überall zu lesen ist. Ohne Li Sis Flaschenpost wäre eine Befreiung aus der Drachenstadt nicht möglich gewesen.  Ob Jim Knopf lesen, schreiben und rechnen lernt, ist am Ende von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ noch offen. Ich bin mir aber sicher, dass in „Jim Knopf und die Wilde 13“ dieses Problem zu einem glücklichen Ende geführt wird.

Damit ist auch erst einmal die kleine Jim-Knopf-und-Michael-Ende-Serie im Blog beendet. Es wird wieder Zeit für Bilderbücher und weniger anspruchsvolle Literatur …

Michael Ende schreibt nicht für Kinder (Teil 1)

Michael Ende ist einer der bekanntesten Kinderbuchautoren in Deutschland. Seine Bücher wurden verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auch die Literaturwissenschaft hat sich seinem Werk angenommen. Zu „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ sowie „Jim Knopf und die wilde 13“ habe ich mir eine interessante Studie von Julia Voss angeschaut, die das Verhältnis von Michael Ende zu Charles Darwins Evolutionstheorie beleuchtet. Ausgangspunkt ihrer Analyse ist die Feststellung, dass die Figur des Jim Knopf auf einen kleinen Jungen zurückgehen könnte, der Jemmy Button hieß. Er wurde bei einer Forschungsreise von Charles Darwin zusammen mit anderen Eingeborenen in Südamerika gefangen genommen und nach England gebracht wurde, um dort „zivilisiert“ zu werden.

Ausgehend von dieser Namensähnlichkeit zeigt Julia Voss, wie in den Jim-Knopf-Büchern die Lehren von Darwin und deren deutsche bzw. nationalsozialistische Variationen rezipiert und kritisiert werden. Demnach zeichnet Michael Ende in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ sowie „Jim Knopf und die wilde 13“ ein Gegenbild zur nationalsozialistischen Rassenideologie. Die beiden Bücher sind gespickt mit Details, die auf den ersten Blick phantastisch anmuten, sich aber bei näherem Hinsehen auf die Lebenswirklichkeit im Dritten Reich beziehen. Das auffälligste Detail stellt ein Schild dar, das vor der Drachenstadt Kummerland steht: „Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten.“ Und im Kapitel zuvor treffen Jim und Lukas auf den Halbdrachen Nepomuk, der sich darüber beklagt, nicht in die Drachenstadt eingelassen zu werden, weil seine Mutter ein Nilpferd war.

Die Geschichte der beiden Freunde, die ausziehen, um den Drachen Frau Mahlzahn zu besiegen und die kleine Prinzessin Li Si zu befreien, basiert auf der mythologischen Welt der Nibelungen und anderen Heldensagen, die im Nationalsozialismus in der Kinderliteratur eine wichtige Rolle spielten. Bei Michael Ende bekommt die Drachengeschichte jedoch eine freundliche Wendung: Frau Mahlzahn wird nicht getötet, sondern gefesselt. Aus Dankbarkeit gibt sie Jim und Lukas einen entscheidenden Hinweis zur Lösung eines wichtigen Problems. Sie verwandelt sich nach einem langen Schlaf in einen „Goldenen Drachen der Weisheit“.

Dieses Beispiel zeigt, wie in den Jim-Knopf-Büchern Elemente der nationalsozialistischen Ideologie aufgenommen werden. Trotz der positiven Wendung hinterlassen die oben erwähnten Details aber dennoch ein Unbehagen, denn zuerst einmal werden die Begriffe der Ideologie eingeführt. Die Geschichten versorgen Kinder mit Wörtern, die unnötig sind, z.B. „Neger“ oder „reinrassig“. Es stellte sich mir die Frage, ob diese Begriffe rassistisches Denken befördern, obwohl sie im Buch eigentlich anders intendiert sind. Leider geht die Studie von Julia Voss dieser Frage nicht nach. Um sie zu beantworten, müsste man eine Rezeptionsanalyse vornehmen, die in der Literaturwissenschaft meistens ausgespart wird.

– Fortsetzung folgt –

Julia Voss: Darwins Jim Knopf. S. Fischer Wissenschaft 2009.

Meine Lieblingsstellen und Lieblingsfiguren: „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“

In „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ sowie „Jim Knopf und die wilde 13“  wimmelt es von phantastischen Figuren, deren Eigenschaften aber gar nicht soweit entfernt von der Realität sind wie sie auf den ersten Blick scheinen. Diese Art von Phantastik gefällt mir sehr gut, daher möchte ich meine beiden Lieblingsfiguren und schöne Passagen, in denen ihre Eigenarten erläutert werden, vorstellen.

1) Ping Pong und die mandalanischen Speisen

Das mandalanische Kind, bzw. Kindeskind, Ping Pong, ist 368 Tage alt, kann jedoch schon perfekt sprechen und für sich selbst sorgen. Zwar trägt der kleine Mandalanier noch Windeln, allerdings besitzt er so viel Mut und Verstand, dass er Jim und Lukas aus einer sehr gefährlichen Situation befreit. Er ist sehr hilfsbereit. Bei ihrer ersten Begegnung bietet er den beiden Freunden, die hungrig und ohne Geld in Mandala gelandet sind, einheimische Speisen an:

„’Und was darf ich den ehrenwerten Fremdlingen nun zu essen bringen?‘ ‚Ja‘, meinte Lukas ein wenig ratlos, ‚was gibt’s denn?‘ Der kleine Gastgeber begann eifrig aufzuzählen: ‚Vielleicht hundertjährige Eier auf einem zarten Salat aus Eichhörnchenohren? Oder möchtet ihr lieber gezuckerte Regenwürmer in saurer Sahne? Sehr gut ist auch Baumrindenpüree mit geraspelten Pferdehufen überstreut. Oder hättet ihr gern gesottene Wespennester mit Schlangenhaut in Essig und Öl? Wie wäre es mit Ameisenklößchen auf köstlichem Schneckenschleim? Sehr empfehlenswert sind auch geröstete Libelleneier in Honig oder zarte Seidenraupen mit weichgekochten Igelstacheln. Vielleicht zieht ihr aber knusprige Heuschreckenbeine mit einem Salat aus pikanten Maikäferfühlern vor?‘ (aus: Siebentes Kapitel, in dem Emma Karussell spielen soll und die beiden Freunde ein Kindeskind kennenlernen, S. 50)

2)  Herr Tur Tur und die Verschiebung der Perspektive

Neben  Ping Pong helfen zwei weitere Figuren Jim und Lukas auf ihrem Weg in die Drachenstadt. In der Wüste „Das Ende der Welt“ treffen sie den Scheinriesen mit Namen Herr Tur Tur, der sich sehr einsam fühlt. Alle Menschen haben Angst vor ihm, weil er so groß scheint. Die Erklärung seiner Eigenart gibt ein gutes Beispiel für Michael Endes Verfahren Phantastik und Naturwissenschaft zu verbinden:

„Herr Tur Tur nickte ernst und fuhr fort: ‚Wenn einer von ihnen jetzt aufstünde und wegginge, würde er doch immer kleiner und kleiner werden, bis er am Horizont schließlich nur noch wie ein Punkt aussähe. Wenn er dann wieder zurückkäme, würde er langsam immer größer werden, bis er zuletzt in seiner wirklichen Größe vor uns stünde. Sie werden aber zugeben, dass der Betreffende dabei in Wirklichkeit immer gleich groß bleibt. Es scheint nur so, als ob er erst immer kleiner und dann wieder größer würde.‘ ‚Richtig!‘ sagte Lukas. ‚Nun‘, erklärte Herr Tur Tur, ‚bei mir ist das einfach umgekehrt. Das ist alles. Je weiter ich entfernt bin, desto größer sehe ich aus. Und je näher ich komme, desto mehr erkennt man meine wirkliche Gestalt.‘ ‚Sie meinen‘, fragte Lukas, ‚Sie werden gar nicht wirklich kleiner, wenn Sie näher kommen? Und Sie sind auch nicht wirklich so riesengroß, wenn Sie weit entfernt sind, sondern es sieht nur so aus?‘ ‚ Sehr richtig‘, antwortete Herr Tur Tur. ‚ Deshalb sage ich, ich bin ein Scheinriese. Genauso, wie man die anderen Menschen Scheinzwerge nennen könnte, weil sie ja von weitem wie Zwerge aussehen, obwohl sie es gar nicht sind.’“ (aus: Siebzehntes Kapitel, in dem der Scheinriese seine Eigenart erklärt und sich dankbar erweist, S. 132)

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Thienemann 2004. ab 6 Jahren. 14,90 Euro. (Gebunden mit Halbleinen)

Zirkusgeschichten: „Bravo Pulcinella“ von Brigitte Endres, mit Bildern von Karsten Teich

Zirkusse galten einmal als Orte des Träumens und Staunens. Als solche waren sie meist mit Kindheitserlebnissen verbunden und hatten in der Vorstellungswelt von Kindern einen festen Platz. Wieviele Clowns traf man an Fasching verkleidet im Kindergarten? Sicher mehr als Supermans oder Spidermans. Heute führen Zirkusse ein Nischendasein. Zwei Beobachtungen habe ich dazu in den letzten Monaten gemacht.

Vor kurzem gastierte der sehr große Zirkus „Krone“ in unserer Stadt. Alles war riesig an diesem Zirkus: das Zelt, der Fuhrpark, die Zäune zur Absperrung. Die Schlange an der Kasse vor den Vorstellungen war auch nicht zu verachten. Uns war der Eintritt zu teuer. Außerdem wurde mir ein schlechtes Gewissen gemacht: Neben dem Eingang demonstrierten Tierschützer gegen die schlechte Behandlung der Zirkustiere. So erscheint der Zirkus als fragwürdige Unterhaltungsmaschine, der nichts von Zauber und Träumen mehr anhaftet.

Daneben gibt es aber auch eine kleine Renaissance des Zirkus: In sozialpädagogischen Projekten und großstädtischen Kinderfreizeitangeboten, wo Kinder lernen, Kunststücke zu vollbringen, sich also konzentriert mit einer Sache zu beschäftigen, diese anderen zu zeigen und Geschicklichkeit und Ausdauer zu trainieren. Der Cabuwazi-Kinder- und Jugendzirkus in Berlin bietet z.B. jungen Menschen in sozialen Brennpunkten Trainings, Auftritte und Austausche mit anderen europäischen Kinderzirkusgruppen. Trotz dieser kleinen Renaissance des Zirkus und der Erkenntnis, welche Wert diese Institution für Kinder haben kann, ist das Thema in Kinderbüchern noch recht selten vertreten.

Die Faszination des Zirkus nimmt das Buch „Bravo Pulcinella!“ von Brigitte Endres mit Bildern von Karsten Teich auf. Die Flohdame mit dem etwas komplizierten und extravaganten Namen Pulcinella mischt fleißig mit im Zirkus Rinaldini. Dort nimmt sie an allen Vorstellungen teil, reitet auf Pferden, dressiert den Elefanten und steht immer im Rampenlicht. Bis ihr eines Tages eine fiese Mücke eröffnet, es würde sie kein Mensch bei den Vorstellungen sehen, der Applaus gelte den großen Tieren und Dompteuren. Sie sei ja viel zu klein, als dass die Zuschauer sie überhaupt bemerken könnten. Pulcinella wird sehr nachdenklich und traurig. Sie verlässt den Zirkus. Glücklicherweise trifft sie ein paar Katzenflöhe, die ihr vom Flohzirkus berichten, wo Pulcinella eine neue Heimat findet und ihre Künste im richtigen Rahmen bestaunt und bewundert werden können.

Eigentlich ist die Geschichte soweit recht stereotyp, aber durch die Einbettung in das Zirkusmilieu wird sie sehr bunt und außergewöhnlich. Die Bilder von Karsten Teich, die den Fokus mal auf die Welt der großen Tiere und Erwachsenen setzen und mal die kleine Pulcinella unter die Lupe nehmen, zitieren klassische Vorstellungen vom Zirkus mit einer Manege, Scheinwerfern und dem staunenden Publikum. Große Bilder voller Trubel wechseln sich ab mit ruhiger gestalteten Seiten und Detailzeichnungen. So macht die Renaissance des Zirkus im Kinderbuch Spaß und die Faszination für diese bunte Welt kehrt zurück.

Brigitte Endres: Bravo Pulcinella! Mit Illustrationen von Karsten Teich. Aufbau Verlag 2011. ab 4 Jahren. 14,90 Euro.

Begegnungen mit Jim Knopf

Herzlich willkommen im Blog-Jahr 2012. Auf spannende und fröhliche zwölf kommende Monate mit vielen Entdeckungen beim Vorlesen. 

Und nun geht es los:

Seit nun schon vier Monaten herrscht bei uns die „Jim-Knopfo-Manie“. Es fing mit zwei Bilderbuchausgaben von einzelnen Episoden – „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer machen einen Ausflug“ sowie „Wie Jim Knopf nach Lummerland kam“ – an. Dann wurde es durch eine kleine Theateraufführung im Kindergarten, bei der die großen Jungs die Piratentruppe namens „Die Wilde 13“ spielen durften, aufgegriffen. Die Jungs nannten ihre Erzieherin plötzlich „Frau Mahlzahn“ und ich hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte …

Außerdem wurde die Manie unterstützt durch Hörbücher, die ich irgendwann mal günstig gekauft hatte. Auf den CDs liest Michael Ende die Geschichte selbst vor und ich bin immer wieder fasziniert von der Art, wie er das tut. Den Mittagspausen am Wochenende, in denen wir die CDs hören, fieberte ich immer entgegen, um der tollen Stimme lauschen zu können. Schließlich habe ich den Band „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ besorgt und nun steht jeden Abend ein Kapitel zum Vorlesen an. In den Ferien sind es auch öfters mal mehr geworden.

Zwischenzeitlich habe ich mir ziemliche Sorgen gemacht: Zum einen weil bei der Hartnäckigkeit und Ausdauer, mit der mein Sohn nach dem Buch verlangt, jegliche sonstige Lektüreerfahrung, die im Blog dokumentiert werden könnte, unmöglich wird. Zum anderen weil mir immer wieder ein Lied von der Band Tocotronic, die ich in meiner Jugend sehr verehrt habe, in den Sinn kam. Es heißt: „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“, erschien 1995 auf der Platte „Nach der verlorenen Zeit“. Hier ist der Text:

Ein Lied mehr zur Lage der Nation, // und zur Degeneration meiner Generation. // Zur Unentschlossenheit der Jugend, // zur Verdrossenheit der Tugend. // Zu meiner aussichtslosen Lage, // und zur Klärung der Schuldfrage. // Und darum klag ich an:

Michael Ende, nur du bist schuld daran, // Daß aus uns nichts werden kann. // Du hast uns mit deinen Tricks, // aus der Gesellschaft ausgeixt. // Mit den Eltern aller Schichten, // willst du uns vernichten.

Der Song ironisiert Diskussionen über den Einfluss von Büchern auf junge Menschen. Michael Endes Werken, insbesondere auch den beiden Jim-Knopf-Bänden, wurde immer vorgeworfen, sie seien eskapistisch und würden gesellschaftlichen Fragen ausweichen, weil sie Fantasiewelten entwerfen und das Verschwinden von Fantasie anprangern. Seine Bücher seien „Opium für Kinder“.

Diese Kritik ist auf der inhaltlichen Ebene unberechtigt. „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ nimmt mehrere gesellschaftliche Debatten auf und thematisiert wichtige Fragen, wie ich in einem späteren Blogeintrag noch ausführlich erläutern möchte. Diese sind freilich relativ eng an den Entstehungszeitraum des Buches, also die 1950er Jahre und an den Nationalsozialismus gebunden.

Auf der Ebene des Gebrauchs ist die Kritik jedoch nachvollziehbar, denn bei der Sogwirkung, die das Buch bei unserem Sohn bisher entfaltet hat, frage ich mich schon, ob Lesen manchmal vielleicht doch schadet. Weil es von anderen wichtigen Erfahrungen abhält. Weil manche Geschichten den ganzen Verstand einzunehmen scheinen und kaum noch Platz für andere Gedanken bleibt. Das Lesen hat ein sehr positives Image, aber gibt es nicht auch hierbei manchmal ein Zuviel des Guten?

Ich hoffe, es wird euch in den nächsten Wochen nicht zuviel Jim Knopf, denn ich habe noch mindestens zwei Blogeinträge zu Michael Endes Roman in der Schublade. Dabei bin ich auch gespannt auf eure Erfahrungen mit Michael Endes Werk. Welchen Einfluss hatte Michael Ende auf euer Leben?

Michael Ende: Wie Jim Knopf nach Lummerland kam. Thienemann 2010. ab 2 Jahren. 6,95 Euro. (Pappbilderbuch)

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer machen einen Ausflug. Thienemann 2007. ab 2 Jahren. 5,95 Euro. (Pappbilderbuch)

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Thienemann 2004. ab 6 Jahren. 14,90 Euro. (Gebunden mit Halbleinen)