Sieben Fragen im Winter: „Kennys Fenster“ von Maurice Sendak

kennys fensterMein Sohn sagte vor kurzem: „Mama, dieser Winter ist voller Geheimnisse“. Warum? Geheimnisse sind etwas sehr Schönes, wie tanzende Schneeflocken im Straßenlaternenlichtkegel, wie Schneeschichten auf graubraunen Ästen und Zweigen, die die knorrigen Arme der Baumriesen leicht und luftig wirken lassen.

Sehr geheimnisvoll ist auch das Buch „Kennys Fenster“ von Maurice Sendak, dem laut Klappentext berühmtesten Kinderbuchillustrator des 20. Jahrhunderts, dessen Klassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ mich tief berührt hat. In „Kennys Fenster“ bekommt ein Junge während eines Traums die Aufgabe, Antworten auf sieben Fragen zu finden. Als er aufwacht, versucht Kenny zusammen mit seinem Teddy Bucky, seiner Hündin Baby, einer Ziege und zwei Zinnsoldaten die Fragen bzw. Rätsel zu beantworten. Die Lösungen, Antworten und weitere Fragen findet er und mit ihm der Leser ganz beiläufig, im Alltag, wie z.B. bei der Frage: „Was schaut nach drinnen und nach draußen?“

Kenny beobachtet vom Himmel fallende Schneeflocken am Fenster. „Ich möchte gerne wissen, warum Schnee da oben schmutzig aussieht und hier unten sauber.“ Das Fenster gibt dem Jungen die Möglichkeit, die Natur zu beobachten. Dann wendet er sich aber seinen Spielkameraden, dem Teddy und den Zinnsoldaten zu. Als es zum Streit beim Spiel kommt, bricht die Sonne durch die Wolken, das Fenster lässt die Winterluft ins Zimmer. Kenny sieht im Schnee spielenden Kinder zu und beobachtet ein Baby, dessen Vater ihm die Schneeflocken zeigen möchte. Schließlich kommt Kennys Freund vorbei und lädt ihn zum Spielen nach Draußen ein. Das Fenster bekommt in dieser Episode verschiedene Rollen: Spiegel der Wissbegierde des Jungen, Rahmen für die Neugierde auf die Welt, Ablenkungsinstrument, Mittel zur Kontaktaufnahme. Es schaut nach drinnen und nach draußen.

Ähnlich komplex wie diese geheimnisvolle Frage und doch immer mit einem Blick, der am Alltag von Kindern orientierten ist, werden auch die anderen sechs Aufgaben gelöst. Es geht dabei um Liebe, Konflikte mit Freunden, Wünsche und Träume.

Maurice Sendak: Kennys Fenster. Aladin Verlag Hamburg. ab 5 Jahren. 14,90 Euro.

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Blogfütterung

vogelhäuschenWenn Blogleser Vöglein wären … im Winter auf der Suche nach etwas Nahrung für den Kopf … ein paar Körner, Ideen, Bücher für die langen, dunklen Winterabende … dann möchte der Pincchio gerne helfen und stellt sein Vogelhäuschen nach draußen.

Wie im Vogelhäuschen gibt es heute ein paar kleine Körner, denn für einen großen, leckeren Meisenknödel mit Haferflocken und Nüssen reicht die Zeit im Moment leider nicht. Wenn wir tiefer in die Kunst der  Vogelfütterung eingestiegen sind, dann gibt es ein paar leckere selbst gemachte Futterangebote – und kein industriell hergestelltes Massenfutter – das Internet hat dafür auch schon etwas bereit.

Hier aber erst einmal die kleinen Körner:

– Anfang des Jahres wurde die Blogbetreiberin gebeten, Ihren Blog in einer Reihe,  bei der buchaffine Blogs präsentiert werden, vorzustellen. Dazu habe ich ein kleines Interview gegeben, das hier nachzulesen ist.

– Eine weitere Interviewanfrage von einem befreundeten Blog wird mich in den nächsten Wochen noch ein bisschen beschäftigen. Ich sage euch Bescheid, wenn der Text fertig ist.

– Ich hatte von meinem Umgang mit der Koskosnuss-Reihe berichtet. Ich habe es geschafft, die Figur für eine Weile zu verdrängen … und zwar mit „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“. Ein großartiges Kinderbuch, über das ich demnächst gerne mehr schreiben möchte. Da es aber recht umfangreich ist, brauche ich für einen Bericht noch ein Weilchen.

– Eine schöne Lektüre hat uns vor kurzem unser Kindergarten beschert, mit einem so genannten Ich-Buch. Wir sollten Fotos mitbringen und unser Sohn hat der Erzieherin erzählt, was darauf zu sehen ist. Dieser kleine Text wurde aufgeschrieben, die Fotos dazu geklebt und das Ganze mit einem Klemmhosenbügel zusammengebunden. Es war für mich ein sehr rührender Moment, in dem kleinen Buch zu blättern.

– Und zum Schluss noch ein kleiner Berlin-Tipp: Im Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur „lesart“ in der Weinmeisterstraße in Berlin-Mitte ist im Moment eine spannende Ausstellung zu Märchenillustrationen zu sehen.  Hier gibt es nähere Informationen dazu.

Viel Spaß beim Picken und Knabbern!

Reisen, Reimen und Advent: „Wie’s auf dem Mond zugeht“ von Mascha Kaléko

Es wird mal wieder Zeit für Gedichte. Dieses Mal habe ich eines für alle Fernwehgeplagten, die dem grauen November gerne entkommen würden, gefunden.

Die Dichterin Mascha Kaléko ist bekannt geworden für ihren Band „Lyrisches Stenogrammheft“ von 1933. Für Kinder hat sie auch sehr schöne Gedichte geschrieben, die kleine Gedankenreisen möglich machen. Ich  mag z.B. dieses Gedicht sehr gerne:

Wenn ich eine Wolke wäre

Wenn ich eine Wolke wäre,  // segelt‘ ich nach Irgendwo // Durch die weiten Himmelsmeere // von Berlin bis Mexiko.

Blickte in die Vogelnester, // rief die Katzen auf dem Dach, // winkte Brüderchen und Schwester // morgens aus dem Schlafe wach.

Wenn ich eine Wolke wäre, // zög ich mit dem Wüstenwind // zu den Inseln, wo die Menschen gelb und mandeläugig sind // oder braun wie Schokolade // oder mandarinenrot, // wo die Kokosnüsse wachsen, // Feigen und Johannisbrot.

Sehr viel Spaß hatten wir auch mit den Limericks im Band „Wie’s auf dem Mond zugeht“. Zwei davon handeln von Orten, mit denen wir Verbindungen haben – Kassel und Gießen. Der letztere lautet:

Es ärgert sich einer in Gießen, // daß ihn seine Nachbarn nicht grüßen. // Doch er zog seinen Hut, // wie’s ein Gentleman tut. // Nun grüßt ihn ein jeder in Gießen.

Weil der Advent mit großen Schritten naht und auch der Winter schon vor der Tür stehen soll, muss ich euch unbedingt noch das folgende Gedicht ans Herz legen:

Advent

Der Frost haucht zarte Häkelspitzen // perlmuttergrau ans Scheibenglas. // Da blühn bis an die Fensterritzen // Eisblumen, Sterne, Farn und Gras.

Kristalle schaukeln von den Bäumen, // die letzten Vögel sind entflohn. // Leis fällt der Schnee … In unsern Träumen // Weihnachtet es seit gestern schon.

Mascha Kaléko: Wie’s auf dem Mond zugeht. Mit Illustrationen von Verena Ballhaus. Boje Verlag 2010. ab 4 Jahren. 9,95 Euro.

Spaß in Eis und Schnee: „10 kleine Pinguine“ von Joëlle Jolivet und Jean-Luc Fromental

Bei den momentanen Kühlschranktemperaturen draußen wäre ich manchmal gern ein Pinguin, der perfekt an die eisigen Wetterverhältnisse angepasst ist. Ich mag die kleinen Herren im Frack, die so lustig watscheln. Vom französischen Autoren-Illustrations-Duo Joëlle Jolivet und Jean-Luc Fromental, dessen Bildersprache mich sehr beeindruckt, gibt es gleich zwei Bilderbücher, in denen Pinguine die Hauptrolle spielen. Im ersten mit dem Titel „365 Pinguine“ bekommt eine Familie am 1. Januar ein Paket mit einem Pinguin, der in einem Brief um Futter bittet. Am nächsten Tag kommt der zweite Pinguin, der um Hilfe fragt und so steht jeden Tag ein Pinguin mehr vor der Tür. Mit jedem neuen Besucher wird das Chaos in der Wohnung der Familie größer. Dieses Buch steht noch auf meinem Wunschzettel. Das riesige Format (36,2cm x 28,4cm) hat mich bisher ein wenig abgeschreckt, denn das passt nicht in unser Bücherregal …

Stattdessen habe ich das andere Pinguin-Werk besorgt: „10 kleine Pinguine“, ein Pop-Up-Bilderbuch, in dem die lustige Geschichte von 10 kleinen Frackträgern, die einer nach dem anderen der Gruppe abhanden kommen, in Reimen erzählt wird. Einer fällt ins Wasser, einer fährt mit einem Schiff davon, einer verirrt sich im Korallenriff usw. Dabei kann man durch Zieh- und Drehmechanismen das Verschwinden der Pinguine selbst in die Hand nehmen. Die kleinen Pop-Up-Bühnen sind sehr raffiniert aufgebaut und funktionieren wirklich prima, auch nach öfterem Hin- und Herschieben der Pfeile. Ein wenig stören mich die Reime, die die tollen Bilder begleiten.  In einigen Versen stimmt der Rhythmus überhaupt nicht. Wortneuschöpfungen wie „Sümpf“, was sich dann auf „fünf“ reimen soll, wirken bemüht. Leider habe ich das französische Original nicht, um zu überprüfen, ob die Reime auch dort so holpern. Die Übersetzerin Ebi Naumann hatte jedenfalls eine sehr schwierige Aufgabe zu bewältigen und für 10 süße kleine Pinguine nehme ich gerne die ungelenken Verse in Kauf.

Joëlle Jolivet und Jean-Luc Fromental: 365 Pinguine. Carlsen Verlag 2008. ab 5 Jahren. 16,00 Euro.

Joëlle Jolivet und Jean-Luc Fromental: 10 kleine Pinguine. Carlsen Verlag 2010. ab 3 Jahren. 14,90 Euro.

Gustav Falke: Winter (um 1910)

Der Winter ist eigentlich noch nicht da – egal. Mit dem folgenden expressionistischen Gedicht wird eine etwas unheimliche Winterlandschaft lebendig. Vergnügliches Gruseln!

Gustav Falke: Winter

Ein weißes Feld, ein stilles Feld. // Aus veilchenblauer Wolkenwand // Hob hinten, fern am Horizont, // Sich sacht des Mondes roter Rand.

Und hob sich ganz heraus und stand // Bald eine runde Scheibe da, // In düstrer Glut. Und durch das Feld // Klang einer Krähe heisres Krah.

Gespenstig durch die Winternacht // Der große dunkle Vogel glitt, // Und unten huschte durch den Schnee // Sein schwarzer Schatten lautlos mit.

Fritz Koegel / Emily Koegel: Der Bratapfel (um 1922)

Hier kommt das zweite Gedicht aus der kleinen Weihnachtsreihe. Ein schöner Klassiker, der mit seinen zahlreichen Reimen richtig viel Spaß macht. Man riecht den Bratapfel schon, sieht ihn im Ofen vor sich und hat den Geschmack auf der Zunge.

Fritz Koegel / Emily Koegel: Der Bratapfel

Kinder, kommt und ratet, // Was im Ofen bratet! // Hört, wie’s knallt und zischt! // Bald wird er aufgetischt, // Der Zipfel, der Zapfel, // Der Kipfel, der Kapfel // Der gelbrote Apfel.

Kinder, lauft schneller; // Holt einen Teller, // Holt eine Gabel! // Sperrt auf den Schnabel // Für den Zipfel, den Zapfel, // Den Kipfel, den Kapfel. // Den goldbraunen Apfel.

Sie pusten und prusten, // Sie gucken und schlucken, // Sie schnalzen und schmecken, // Sie lecken und schlecken // Den Zipfel, den Zapfel, // Den Kipfel, den Kapfel. // Den knusprigen Apfel.

Meine Nikolausüberraschung: Christian Morgenstern: Wenn es Winter wird (um 1910)

Bisher hat die Weihnachtsstimmung im Blog noch gar nicht Einzug gehalten … aber nun geht es los! Zum Nikolaus habe ich mir eine Überraschung ausgedacht: In den nächsten Tagen präsentiere ich einige Winter- und Weihnachtsgedichte … zum Nachsprechen und Auswendiglernen (was den Kindern wahrscheinlich leichter fällt als den Vorlesern). Die Gedichte sind aus dem Bändchen „Die Wundertüte. Alte und neue Gedichte für Kinder“, hrsg. von Ursula und Heinz Kliewer. Reclam 2010. 14,00 Euro.  Dort sind auch noch neuere Weihnachts- und Wintergedichte von z.B. Christine Nöstlinger enthalten, die ich wegen des Urheberrechts nicht in den Blog  aufnehmen kann.

Leider ist der Zeilenumbruch bei WordPress blöd eingestellt. Daher schreibe ich die Verse hintereinander und trenne sie durch zwei Schrägstriche.

Christian Morgenstern: Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen, // so daß man fast drauf gehen kann, // und kommt ein großer Fisch geschwommen // so stößt er mit der Nase an.

Und nimmst du einen Kieselstein // und wirfst ihn drauf, so macht es klirr // und titscher – titscher – tischer – dirr … // Heissa du lustiger Kieselstein! Er zwitschert wie ein Vögelein // und tut als wie ein Schwälblein fliegen – doch endlich bleibt mein Kieselstein // ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.

Da kommen die Fische haufenweis // und schaun durch das klare Fenster von Eis // und denken, der Stein wär etwas zum Essen; // doch so sehr sie die Nase ans Eis auch pressen, // das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt, // sie machen sich nur die Nase kalt.

Aber bald, aber bald // werden wir selbst auf eignen Sohlen // hinausgehn können und den Stein wieder holen.