Vorurteile und Stereotype in Kinderklassikern: „Pippi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren

Pippi LangstrumpfAls Vorlesebuch steht „Pippi Langstrumpf“ bei uns gerade hoch im Kurs. Der Klassiker fasziniert mich und meinen Sohn. Der fröhliche Non-Konformismus des rothaarigen Mädchens macht mir viel Spaß. Anknüpfend an die Debatte um Rassismus und Stereotype in Kinderbücher (meist am Beispiel von Otfried Preußler und Michael Ende) hatte ich bei der Lektüre an einigen Stellen aber auch Bauchschmerzen, denen ich heute mal auf den Grund gehen möchte.

Bei der Boell-Stiftung fand ich auch einige Argumente für mein Unbehagen. In einem Artikel beschreibt die Autorin Olenka Bordo fundiert, wie Vorurteile in der Kinderliteratur wirken.  Astrid Lindgrens Werk „Pippi Langstrumpf“, das 1944 in Schweden und 1949 erstmals in Deutschland erschien, wirft sie vor, es würde Vorurteile und Stereotype vermitteln, rassistische und unreflektierte Handlungen darstellen und wäre sehr unkritisch gegenüber der Verharmlosung von historischen Ereignissen wie der Kolonialisierung.

Um ihre Argumentation zu überprüfen, habe ich mir das erste Kapitel (bzw. die erste Geschichte) des ersten Buchs genauer angesehen. Tommy und Annika sprechen das erste Mal mit Pippi, nachdem sie darüber gestaunt haben, wie Pippi aussieht (abstehende Zöpfe, Sommersprossen, weiße Zähne, selbst genähtes Kleid,  zu große Schuhe) und was sie tut (die Straße entlang gehen, zuerst mit einem Bein im Rinnstein, mit dem anderen auf dem Bürgersteig und dann läuft sie rückwärts). In ihrer ersten Unterhaltung rechtfertigt Pippi ihr ungewöhnliches Verhalten. Sie sagt:  „Leben wir etwa nicht in einem freien Land? Darf man nicht gehen, wie man möchte? Übrigens will ich dir sagen, dass in Ägypten alle Menschen so gehen, und niemand findet das im Geringsten merkwürdig.“ (S. 16)

Mit dieser Antwort auf Tommys Frage, warum sie sich ungewöhnlich verhält, wird Pippis Logik eingeführt, die im weiteren Verlauf des Dialogs noch erläutert wird. Pippis Gedanken spielen dabei mit Vorurteilen und Stereotypen.  Sie spricht über Länder, in denen sie als Seeräubertochter angeblich schon war und wo sie beobachtet hat, was in anderen Kulturen aus ihrer Wahrnehmung heraus normal ist. Pippi benutzt die Andersartigkeit der Ägypter zur Rechtfertigung ihres Verhaltens gegenüber Annika und Tommy. Irgendwo hat das kleine rothaarige Mädchen scheinbar schon gelernt, dass Differenz begründet werden muss und dass der Rückgriff auf exotische Kulturen eine akzeptable Begründung darstellt. Schließlich können ihre Freunde die Behauptungen Pippis nicht überprüfen, denn sie haben Schweden noch nicht verlassen. Vielleicht regen Pippis Erzählungen aber ihre Neugier auf andere Länder an?

Bemerkenswert ist in Pippis Begründung der Satz: „Leben wir etwa nicht in einem freien Land?“ Das kleine rothaarige Mädchen erinnert Tommy und Annika daran, dass sich in Schweden jedeR so verhalten kann, wie er/sie möchte, egal woher dieses Verhalten kommt oder welcher Norm es entspricht. Der Rückgriff auf nicht-schwedische Hintergründe sollte nicht zu Diskriminierung führen.

Im weiteren Verlauf des Dialogs, der auch der Einführung der Charaktere von Tommy (der Skeptische) und Annika (die Vorsichtige) dient, wird Pippis Argumentation auf die Probe gestellt. Dabei wird das für Kinder zwischen fünf und acht Jahren sehr wichtige Thema „Wahrheit und Lüge“ aufgegriffen. Tommy bezichtigt Pippi der Lüge. Sie gibt daraufhin traurig zu, dass sie nicht die Wahrheit gesagt hat. Nach einer kurzen Entschuldigung für diese nicht-gesellschaftskonforme Redeweise fährt sie unbekümmert fort, weiter Geschichten von fernen Ländern zu erzählen: „Und übrigens […] will ich euch sagen, dass es im Kongo keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag. Sie fangen früh um sieben an und hören nicht eher auf, als bis die Sonne untergegangen ist.“ (S. 17) Mit dieser klar sowohl durch den Kontext als auch den Inhalt gekennzeichneten Lüge wird deutlich markiert, wie Pippi über andere Kulturen spricht: Sie erzählt Geschichten, spinnt Seemannsgarn. In ihrem Kopf regiert die Fiktion.

Ich denke somit nicht, dass das kleine rothaarige Mädchen Stereotype  oder Vorurteile über andere Länder vermittelt. Ihre Ausführungen sind in spielerische Kontexte eingebettet und als solche gekennzeichnet. Das Spielerische ihrer Gedanken können sich die Leser der Geschichten leicht bewusst machen. Es stellt sich für mich nur die Frage, wie die RezipientInnen diesen Leseeindruck thematisieren können? Vielleicht wäre die Frage spannend: Welche Geschichte würde Pippi wohl über die Menschen in Deutschland erzählen?

Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger 1986. Übersetzung von Cäcilie Heinig. 8,90 Euro. ab 5 Jahren.

 

 

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Ein Buch, das es noch nicht gibt: „Mein kleiner Fisch“ von Julia Reiter

Mein kleiner FischVor kurzem meldete sich eine Illustratorin bei mir und sie stellte mir ein Buch vor, das es noch nicht gibt. Sie möchte es ohne die Hilfe eines Verlags drucken lassen. Mir gefiel ihre Arbeit sehr gut und so möchte ich euch ihr Projekt ans Herz legen. Hier ist der Link zur Finanzierungsseite für das Buch: http://www.startnext.de/meinkleinerfisch

Neben den schönen Aquarellen und der liebevollen Gestaltung finde ich auch die Geschichte des Buchs ganz interessant: Die Illustratorin wurde inspiriert von einem Buch aus ihrer Kindheit. Sie fand als Erwachsene die Zeichnungen langweilig und das Zusammenspiel von Text und Bildern misslungen. So wollte sie aus dieser Geschichte etwas Eigenes machen.

Dieser Gedanke gefällt mir: Welches Buch aus meiner Kindheit würde ich gerne mal neu gestalten? Was würde ich anders machen? Zwar fehlen mir die gestalterischen Mittel für so eine Aufgabe, aber als Gedankenexperiment finde ich die Vorstellung ganz spannend. Da werde ich am langen Wochenende mal mein Bücherregal durchstöbern. Und ihr? Habt ihr auch ein Lieblingsbuch aus eurer Kindheit, das ihr gerne anders gestalten würdet? Ich bin gespannt auf eure Ideen!

Julia Reiter: Mein kleiner Fisch. Noch nicht erschienen. 18 Euro. ab 4 Jahren.

Sieben Fragen im Winter: „Kennys Fenster“ von Maurice Sendak

kennys fensterMein Sohn sagte vor kurzem: „Mama, dieser Winter ist voller Geheimnisse“. Warum? Geheimnisse sind etwas sehr Schönes, wie tanzende Schneeflocken im Straßenlaternenlichtkegel, wie Schneeschichten auf graubraunen Ästen und Zweigen, die die knorrigen Arme der Baumriesen leicht und luftig wirken lassen.

Sehr geheimnisvoll ist auch das Buch „Kennys Fenster“ von Maurice Sendak, dem laut Klappentext berühmtesten Kinderbuchillustrator des 20. Jahrhunderts, dessen Klassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ mich tief berührt hat. In „Kennys Fenster“ bekommt ein Junge während eines Traums die Aufgabe, Antworten auf sieben Fragen zu finden. Als er aufwacht, versucht Kenny zusammen mit seinem Teddy Bucky, seiner Hündin Baby, einer Ziege und zwei Zinnsoldaten die Fragen bzw. Rätsel zu beantworten. Die Lösungen, Antworten und weitere Fragen findet er und mit ihm der Leser ganz beiläufig, im Alltag, wie z.B. bei der Frage: „Was schaut nach drinnen und nach draußen?“

Kenny beobachtet vom Himmel fallende Schneeflocken am Fenster. „Ich möchte gerne wissen, warum Schnee da oben schmutzig aussieht und hier unten sauber.“ Das Fenster gibt dem Jungen die Möglichkeit, die Natur zu beobachten. Dann wendet er sich aber seinen Spielkameraden, dem Teddy und den Zinnsoldaten zu. Als es zum Streit beim Spiel kommt, bricht die Sonne durch die Wolken, das Fenster lässt die Winterluft ins Zimmer. Kenny sieht im Schnee spielenden Kinder zu und beobachtet ein Baby, dessen Vater ihm die Schneeflocken zeigen möchte. Schließlich kommt Kennys Freund vorbei und lädt ihn zum Spielen nach Draußen ein. Das Fenster bekommt in dieser Episode verschiedene Rollen: Spiegel der Wissbegierde des Jungen, Rahmen für die Neugierde auf die Welt, Ablenkungsinstrument, Mittel zur Kontaktaufnahme. Es schaut nach drinnen und nach draußen.

Ähnlich komplex wie diese geheimnisvolle Frage und doch immer mit einem Blick, der am Alltag von Kindern orientierten ist, werden auch die anderen sechs Aufgaben gelöst. Es geht dabei um Liebe, Konflikte mit Freunden, Wünsche und Träume.

Maurice Sendak: Kennys Fenster. Aladin Verlag Hamburg. ab 5 Jahren. 14,90 Euro.

Vorlesekapitulation?: „Urmel aus dem Eis“ von Max Kruse

Vor kurzem isurmelt der Kinderbuchklassiker „Urmel aus dem Eis“ zu uns gekommen und mutigerweise habe ich mich Hals über Kopf ins Vorlesen gestürzt. Und dann musste ich feststellen: Was für eine schwierige Aufgabe! Dieses Buch halbwegs adäquat vorzulesen, ist mir fast umöglich. Warum?

Hier der Hintergrund der Handlung: Auf der Insel Titiwu leben Professor Habakuk Tibatong, viele Tiere und Tim Tintenkleks glücklich und zufrieden. Das Schwein Wutz führt den Haushalt. Alle Tiere gehen freiwillig in die Sprachschule des Professors – doch alle haben ihre unverkennbare, individuelle Sprechweise. Der Waran Wawa lebt in einer Muschel am Strand von Titiwu. Er hat Probleme mit dem z und sagt stattdessen immer tsch. Ping, ein Pinguin, ist neidisch auf Wawas Muschel und möchte gerne auch eine haben. Sein Sprachproblem ist das sch; er sagt stattdessen pf – so streitet er sich mit Wawa um die „Mupfel“. Daneben gibt es Schusch, den Schuhschnabel, der ä statt dem i setzt. Außerdem ist da noch Seele-Fant, ein See-Elefant, der gerne und oft traurige Lieder singt. Wegen seines Sprachfehlers, statt einem i und e ein ö zu singen, klingt sein Lieblingslied so: „Öch weiß nöcht, was soll ös bedeuten …“

Diese individuellen Sprechweisen sind eine echte Herausforderung für mich als Vorleserin, sie verursachen mir Knoten in der Zunge. Ich habe das Gefühl, man muss den Tierstimmen einen bestimmten Klang geben, um ihre Sprache vorlesen zu können – ich bin allerdings nicht besonders begabt im Stimmen- und Spracheimitieren. Da ich zur Zeit Deutsch als Fremdsprache unterrichte, werde ich öfters nach deutschen Dialekten gefragt. Mein „Kölsch“, „Sächsisch“ oder „Bayrisch“ klingt dann aber immer sehr sehr ungelenk und noch irgendwie sehr hochdeutsch. Genauso geht es mir mit der Variation von Stimmen in Vorlesetexten. Alles klingt mehr oder weniger gleich und ich habe das Gefühl, ich stottere und stammle.

Dabei finde ich die Idee mit den Sprachfehlern sehr einleuchtend und kindgerecht. So können sich die kleinen Sprachlerner, die oft selbst noch manche Laute nicht standardsprachengerecht bilden, gut wiedererkennen. Und lustig sind diese Sprachfehler natürlich auch. Allerdings machen sie mir ein bisschen Probleme beim Verständnis der Geschichte. Vor lauter Zungenverknotung bekomme ich oft nicht mit, was denn eigentlich passiert im Text.

Daher habe ich mir mal eine Zusammenfassung gesucht, die ich euch nicht vorenthalten möchte: Eines Tages schmilzt ein angeschwemmter Eisblock und ein Urmel-Ei wird freilegt. Gemeinsam brüten die Tiere von Titiwu das Urmel aus. Leichtfertig teilt der Professor Habakuk Tibatong per Flaschenpost der Welt mit, dass es Urmels gibt. Das ruft König Futsch, der in der Demokratie eigentlich kein König mehr ist, auf den Plan. Er will das Urmel fangen und in sein Königreich tot oder lebendig bringen. Allerhand Aufregung und Turbulenz folgen.

Die Inhalte der Geschichte finde ich schon ganz spannend. Ein König, der eigentlich kein König mehr ist? Ein Forscher, dessen Forschungsergebnisse nicht anerkannt werden? Was hat das wohl zu bedeuten? Um diese Fragen zu beantworten, muss ich mich aber wohl noch einige Male durch die Sprachfehler durcharbeiten. Mal sehen, ob unser Sohn da mitmacht. Oder ob ich doch auf die Zeichentrickversion – oder auf die Augsburger Puppenkiste – oder auf ein Hörbuch mit Dirk Bach ausweiche?

Max Kruse: Urmel aus dem Eis. Thienemann-Verlag 1995. ab 8 Jahren. 9,95 Euro.

Finstere Gestalten: „Die drei Räuber“ von Tomi Ungerer

drei räuberVor kurzem hatte ich schon den Band „Der Mondmann“ aus Tomi Ungerers Schatzkästlein vorgestellt. Das zweite Buch, das mir auf Anhieb gut gefallen hat, war „Die drei Räuber“. Die Geschichte hat mich sofort von ihrer Aussage her begeistert: Es geht nämlich darum, wie aus Menschen, die Böses tun, Wohltäter werden – also um die Wandlung vom Schlechten zum Guten. Die Räuber zeigen, dass Reichtum erst Sinn macht, wenn man damit für jemanden sorgen kann. Beim längeren Nachdenken über das Buch sind mir dann einige Aspekte aufgefallen, die mich erstaunt haben und die ich noch nicht richtig verstanden habe. Aber dazu später mehr, hier erst einmal die Geschichte in Kurzform:

Drei Räuber in weiten schwarzen Mänteln, mit hohen schwarzen Hüten rauben Kutschen aus und versetzen Reisende in Angst und Schrecken. Eines Nachts finden sie in einer Kutsche nicht Gold und Edelsteine, sondern ein trauriges Mädchen, das als Waisenkind auf dem Weg zu einer schrecklichen Tante ist. Die Räuber nehmen das Kind mit in ihre Räuberhöhle. Dort machen sie ihm ein weiches Bett. Das Mädchen entdeckt die angehäuften Schätze der Räuber und fragt, was mit all dem Reichtum passiert. Die Räuber sind erstaunt über die Frage, die sie sich noch nicht gestellt hatten. Weil ihnen das Mädchen so gut gefällt, machen sie sich auf die Suche nach anderen bedürftigen Kindern. Sie kaufen ein Schloss und sorgen für die Kinder.

Die Geschichte enthält zahlreiche Elemente, die die Fantasie anregen: Es geht um Schätze, um ein Waisenkind, es gibt ein Schloss, die Räuber benutzen außergewöhnliche Waffen (eine Donnerbüchse mit Pfefferspray). Das Buch bietet zudem die Quintessenz von Räubergeschichten, die in der Kinderliteratur öfters zu finden sind – man denke an den „Räuber Hotzenplotz“ von Ottfried Preußler. Räuber verletzen andere Menschen und müssen erzogen werden. Sie stellen mit diesem identitären Merkmal Identifikationsfiguren für Kinder dar, denn diese sollen ja schließlich auch erzogen werden.  Die Bilder des Buchs gefallen mir sehr gut. Sie bieten eine schöne Abwechslung zwischen großen Flächen und filigranen Scherenschnittelementen, zwischen bunten Seiten und viel Schwarz, zwischen Stilisierung und Detailtreue. Die Blicke der drei Räuber unter ihren schwarzen Hüten, wenn sie auf ihre erbeuteten Schätze schauen, finde ich großartig. Als Bilderbuchkino kann ich mir die Geschichte sehr gut vorstellen.

Ein bisschen ratlos hat mich die Entwicklung der Geschichte zum Ende hin gemacht.  Die von den Räubern versorgten Kinder werden nämlich alle in rote Uniformen gesteckt. Die kleine Stadt, die um das Schloss herum gebaut wird, wirkt viel zu harmonisch und konformistisch. Die Räuber erscheinen zwar als große Wohltäter, aber auch als Instanzen, die eine freie Entwicklung der Kinder behindern. Die Kinder müssen vorgeschriebenen Lebenswegen folgen, denn sie bleiben alle bis zur Hochzeit im Schloss, danach beziehen sie ein kleines Häuschen in der Stadt vor der Burgmauer. Auf diesen Seiten erschien mir der „Wohlfahrtsstaat“ der Räuber wie eine Diktatur, die die persönliche Entwicklung der Kinder ziemlich einschränkt, wo Dankbarkeit gegenüber den Wohltätern das oberste Gebot ist.  Dieses idyllische Ende erschien mir ein wenig zu dick aufgetragen – aber vielleicht gehört das zur Kinder- und Jugendliteratur dazu: Eine gehörige Portion Harmonie und Struktur mögen Kinder gern und sie sind ja auch die Zielgruppe und nicht unbedingt überreflektierte Erwachsene.

Tomi Ungerer: Die drei Räuber. Diogenes Verlag 2011. Enthalten in: Das Tomi Ungerer Kinderbuch Schatzkästlein. ab 4 Jahren. 19,95 Euro. 

Drachen überall – Drachen in der Literaturgeschichte

Copyright 2008 – Karin Dickel-Jonasch http://www.scherenschnitte-online.de

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel für ein literaturwissenschaftliches Handbuch verfasst. Das „Lexikon literarischer Symbole“ ist vor kurzem erschienen, was mir nun Gelegenheit gegeben hat, darin noch einmal zu blättern. Dabei bin ich auf den sehr schönen Artikel meiner Kollegin Claudia Lauer zu „Drachen“ gestoßen, der wunderbar ein paar unserer Buchentdeckungen aus den letzten Wochen ergänzt und ein neues Licht auf einen Lieblingsklassiker wirft.

Die Verfasserin des Lexikonartikels schreibt, Drachen seien in der Literatur Symbole des Glücks, des Destruktiven, des Bösen und der Unterwelt. Sie verkörpern innere Zustände, Entwicklungsprozesse und politische Herrschaftssysteme. Als Glücksbringer, die von einem Helden bezwungen worden sind, verschaffen sie dem Bezwinger physische Kraft, materiellen Gewinn, Weisheit sowie besondere Fertigkeiten. Sie können den Menschen als Gefährten dienen. Als Repräsentanten  des Bösen und der Unterwelt fordern sie Helden heraus und stellen sie auf eine Probe. Im Kampf mit ihnen ist Mut und Kraft gefordert. Wenn der Drachen bezwungen wurde, zeigt sich oft ein guter Kern Hässlichen, das Böse wir relativiert. In der Psychoanalyse wird der Kampf mit dem Drachen als Ereignis der Persönlichkeitsentwicklung, die zu einer Befreiung gegen regressive Mächte dient, beschrieben. Die Mächte, die Drachen repräsentieren, können z.B. das männliche-patriarchalische Prinzip oder politische Tyrannen sein.

In der Kinder- und Jugendliteratur sind Drachen sehr weit verbreitet. In unserem Lieblingsklassiker „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ kämpfen die beiden Helden gegen den Drachen Frau Mahlzahn und geben ihm nach ihrem Sieg die Chance, sich in einen goldenen Drachen der Weisheit zu verwandeln. Als Symbol der Persönlichkeitsentwicklung hatte ich diese Figur bisher schon gelesen. Nach der Lektüre des Artikels erscheint mir die politische Bedeutung aber auch sehr wichtig. Frau Mahlzahn wohnt schließlich in der Drachenstadt Kummerland, die eindeutig Merkmale eines nationalsozialistischen Staates trägt. Die Versöhnung mit dem Drachen nimmt dann aber ziemlich revisionistische Züge an, die wohl der Entstehungszeit des Buches (Ende der 1950er Jahre) geschuldet ist.

Der zweite Drachen ist mir vor kurzem in einem Antiquariat begegnet. Gezeichnet hat ihn der in Österreich lebende Illustrator Walter Schmögner. Der Drache ist eindeutig ein Glücksdrache, seine Befreiung aus der Unterwelt bewältigt er ohne die Hilfe eines Helden. Das Unglück, das er überwindet, heißt Einsamkeit und Langeweile, besiegt wird es durch einen Besuch im Zoo , wo er seine Kuntstücke vorführen  und die anderen Tiere belustigen kann. Auf dem Weg dorthin trifft er zudem eine kleine Maus, die am Ende seine Gefährtin wird. Die Geschichte des Drachen in „Das Drachenbuch“ ist wie ein Comicstrip gezeichnet. Die Bilder sind sehr charmant, fröhlich und komisch. Eigentlich viel zu schade, um sie zwischen zwei Buchdeckeln zu verstecken.

Der dritte Drachen hat uns aus dem Kindergarten heimgesucht. Gerade wünsche ich mir dringend einen Helden, der ihn besiegt! „Der kleine Drache Kokosnuss“ nervt nämlich mit seinem platten und biederen Charakter und seinen schlecht erzählten Geschichten ganz schön. Unser Sohn hat sich wohl symbolisch in die Unterwelt der Kinderliteratur locken lassen. Wie kriegen wir ihn da bloß wieder raus? Denn als Gefährten und Glücksbringer wünsche ich mir für mein Kind keine verniedlichten, kreuzbraven Wesen, die selten eigene Ideen in ihre Abenteuer einbringen.

Günter Butzer, Joachim Jacob (Hrsg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole. Zweite Auflage. Metzler Verlag Stuttgart 2012.

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Thienemann 2004. ab 6 Jahren. 14,90 Euro. (Gebunden mit Halbleinen)

Walter Schmöger: Das Drachenbuch. Insel Verlag 1969. ab 4 Jahren. Neuauflage: Residenz Verlag 2010. 8,90 Euro.

Begegnung mit einem sehr merkwürdigen Hasen: „Die Geschichte vom Hasen“ von Kurt Schwitters

Der Osterhase kommt bald vorbei. Ich wollte euch heute noch einen anderen, ebenso besonderen Hasen vorstellen. Seine Geschichte beginnt folgendermaßen: „Es war einmal ein Hase, der war braun, hatte lange Haar und lange Ohren, einen kurzen Schwanz und hüpfte um die Ecke. Er hüpfte auch dann um die Ecke herum, wenn gar keine Ecke da war. Doch eigentlich war er gar nicht braun, sondern rosa, und seine Haare waren eigentlich kurz, sein Schwanz geringelt, und er hüpfte eigentlich überhaupt nicht, sondern grunzte und wühlte im Schlamm …“

So verwandeln sich zuerst einzelne Körperteile und Eigenschaften bis dann aus dem jeweiligen Tier ein ganz Neues geworden ist und ein lustiges Spiel mit Fantasiewesen sich entwickelt hat. Schwitters surreal-groteske (Un)-sinnsprosa von 1925 wirft Fragen nach der Identität von Lebewesen auf: Ab wann verändert sich eine Person so sehr, dass sie nicht mehr als die erkannt wird, die sie zuvor darstellte? Was sind die charakteristischen Eigenschaften von Persönlichkeiten, die ihre Identität ausmachen? Gibt es so etwas wie Identität überhaupt?

Insofern stellt die „Geschichte vom Hasen“ ein spannendes Gedankenexperiment dar, dass in der Bilderbuchausgabe meiner Meinung nach leider nicht sehr gut umgesetzt ist. Die Illustrationen von Carsten Märtin erscheinen mir recht unoriginell und lieblos. Der Hase z.B. schaut so traurig und belämmert drein, dass man Mitleid mit ihm bekommt, dabei würde der Text eine fröhlichere zeichnerische Umsetzung, die seinen spielerischen Charakter unterstreicht, doch nahe legen. Ich würde mich also freuen, wenn ein begabter Zeichner sich dieser schönen experimentellen Geschichte annehmen und mehr aus ihr herausholen würde. Das wäre ein schönes Ostergeschenk für das nächste Jahr.

Kurt Schwitters: Die Geschichte vom Hasen. Mit Illustrationen von Carsten Märtin. Lappan Verlag 2001. ab 5 Jahren. 9,95 Euro.


Fabelhafte Wesen (zur Unterhaltung kunstbegeisterter Mütter): „Bilderbuch“ von Hanna Höch

Dieses Buch ist ein Schatz! Und dieser Schatz ist dieses Mal nicht für kleine Piraten, sondern eher für die Mütter der Seeräuber, die gerne träumen und sich mit Kunst beschäftigen.

Die Künstlerin Hanna Höch (1889-1978), die vom Dadaismus in den 1920er Jahren geprägt war und mit vielen verschiedenen künstlerischen Techniken arbeitete, stellte dieses Album mit 19 Collagen und Versen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Es zeigt eine fantastische Welt, die von märchenhaft exotischen Pflanzen und Tieren bevölkert ist. Einzelne Tiere werden in den Reimen mit ihren Schwächen und Eigenheiten, die menschliche Wesensmerkmale aufnehmen und kleine zwischenmenschliche Geschichten erzählen, vorgestellt, z.B. die „Rennquicke“:

„Den ganzen Tag ist sie in großer Eile / und man weiss nicht recht warum. / Doch ist sie es nicht aus Langeweile –/ es geht was in ihr um. / Ein wunderfeines Wollgenist / hält sie versteckt am Wiesenrain / das voller, voller Sorgen ist / – voll tausend kleiner Quickrennlein.“

So gibt es ein noch einige andere Mütterfiguren, aber auch alte Ehepaare, falsche Schlangen und einsame Vögel zu bestaunen. Spannend erscheint mir die Frage, warum die Künstlerin das Werk ausgerechnet „Bilderbuch“ genannt hat, wo diese Bezeichnung doch sehr an ein bestimmtes Genres erinnert. Für Hanna Höch stellte die Collagensammlung eine „Zweck-Arbeit“ dar, die „etwas Brot ins Haus bringen sollte“, so beschreibt es die Herausgeberin in der Neuauflage. Die Künstlerin bot das Buch verschiedenen Verlagen an. Die Bilder und Texte erschienen den Verlegern jedoch zu komplex. Es konnte erst 1985 in einer bibliophilen Ausgabe erscheinen.

Kinder kann man sich tatsächlich schwer als Zielgruppe vorstellen, wenn man das Buch durchblättert. Aber vielleicht hatte Hanna Höch noch eine andere Meinung von der kindlichen Bilderwelt und Auffassungsgabe als wir heute?

Hanna Höch: Bilderbuch. The green box 2008. 24,00 Euro.

Fliegen lernen: „Wolkenbrot“ von Baek Hee Na und Kim Hyang Soo

Fliegen ist faszinierend. Und hier kommt eine neue Art, es zu lernen! Man nehme: eine kleine Wolke, warme Milch und Wasser, Hefe, Salz und Zucker. Dann den Teig kneten, Brötchen formen und ab in den Ofen. Fertig sind die goldgelben, superleichten Wolkenbrötchen. Und wenn man diese isst, dann kann man fliegen! Durch die Stadt und den Regen, über den Verkehrsstau hinweg, zwischen Stromkabeln, auf denen die Spatzen sitzen, hindurch, zum 20. Stockwerk des Bürohochhauses, in dem der Papa arbeitet, auf die Dächer um dort ein Picknick zu machen.

Eine solche wunderbare Geschichte von zwei Kindern und ihrer Mutter, die die Wolkenbrötchen erfinden und damit ihrem Vater im Alltag helfen, erzählt das grandiose Buch „Wolkenbrot“. Neben der zauberhaften Idee mit den Wolkenbrötchen besticht es vor allem durch die ungewöhnliche Illustrationstechnik: Kleine gezeichnete Papierfiguren wurden in puppenstubenhaft anmutenden Umgebungen fotografiert. So wirken die Bilder echt und fantasiehaft zugleich. Wunderschöne Lichteffekte konnten aufgenommen werden. Man staunt über die kleinen und liebevollen Details, die die Küchenausstattung ausmachen. Zudem leuchtet das Bild sofort ein, dass man ein Stück Watte, welches eine Wolke darstellen kann, gut in einer Schüssel zu einem Teig verarbeiten kann.

In diesem Sinn empfehle ich an grauen, regnerischen Tagen die Zubereitung von Wolkenbrötchen!

Baek Hee Na und Kim Hyang Soo: Wolkenbrot. mixtvision Verlag 2009. ab 3 Jahren. 13,90 Euro.

Michael Ende schreibt nicht für Kinder (Teil 2)

Hier ist die Fortsetzung zum meinem Beitrag vom 12. Januar 2012 …

Eine zweite wichtige ideologische Grundlage von „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“, die Julia Voss in der Studie „Darwins Jim Knopf“ anreißt, stellt die Antroposophie von Rudolf Steiner dar. Michael Ende kannte dessen Lehre und besuchte eine Waldorfschule. Die oben genannte Studie bezieht die Verbindungen zur Antroposophie vor allem auf das Wissenschaftsverständnis, das Wissen mit Spiritualität zusammen denkt und wo der Glaube an die Macht der Phantasie stets präsent ist. Die beiden Jim-Knopf-Bücher sind phantastische Werke, in denen naturwissenschaftliche Beschreibungen und Erklärungen jedoch über den gesamten Text verstreut, zu finden sind. Wenn das „Tal der Dämmerung“ als enge Schlucht beschrieben wird, aus der der Schall keinen Ausweg findet, oder seltsame Erscheinungen in der Wüste als Fata Morganas und Luftspiegelungen erläutert werden, dann verbinden sich Phantasie und naturwissenschaftliche Erklärungsmuster.

Dieter Schütz / pixelio.de

Die Antroposophie scheint meiner Meinung nach aber nicht nur im Welt- und Wissenschaftsverständnis durch, sondern auch im Bild, das in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von der Schule und vom Lernen gezeichnet wird. Der Drache Frau Mahlzahn betreibt in der Drachenstadt Kummerland eine Schule, in der entführte Kinder unter seiner Willkür und Gewaltherrschaft zu leiden haben. Diese Beschreibung einer Drachenschule bezieht sich auf die pädagogischen Einrichtungen im Nationalsozialismus. Zusätzlich wird traditionelles Lernen unter „Zwang“ jedoch auch grundsätzlich in Frage gestellt, und zwar durch die Hauptfigur Jim Knopf. Im 23. Kapitel kommt es zu einem Streitgespräch zwischen  Jim und seiner zukünftigen Verlobten Li Si, denn der Lummerländer, der bisher keine Schule kannte, möchte nicht lesen, schreiben und rechnen lernen.  Er muss erst von der Nützlichkeit dieser Fähigkeiten überzeugt werden. Die kleine Prinzessin hat eine mandalanische Schule besucht, wo selbstbestimmtes Lernen scheinbar möglich war. Trotz der Zweifel von Jim Knopf an der Notwendigkeit, lesen und schreiben zu können, wird im Buch durchgehend sehr offensichtlich thematisiert, wie wichtig Schrift ist, auch im Erscheinungsbild des Textes. Jim Knopf landet nur auf Lummerland, weil die Piraten die Adresse von Frau Mahlzahn zu krakelig und falsch geschrieben haben. Der Kaiser verbreitet seine Trauer über den Raub seines Kindes über ein Gedicht, das in Mandala überall zu lesen ist. Ohne Li Sis Flaschenpost wäre eine Befreiung aus der Drachenstadt nicht möglich gewesen.  Ob Jim Knopf lesen, schreiben und rechnen lernt, ist am Ende von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ noch offen. Ich bin mir aber sicher, dass in „Jim Knopf und die Wilde 13“ dieses Problem zu einem glücklichen Ende geführt wird.

Damit ist auch erst einmal die kleine Jim-Knopf-und-Michael-Ende-Serie im Blog beendet. Es wird wieder Zeit für Bilderbücher und weniger anspruchsvolle Literatur …