Weihnachtspause und Ausblick

Der vorgelesen-Blog macht Weihnachtspause! Ich wünsche Euch ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest mit vielen gemütlichen Vorlesestunden.

Im Januar geht es dann weiter mit vielen neuen Beiträgen zum Vorlesen von Kinderbüchern. Hier schon einmal ein kleiner Ausblick auf Themen und Bücher.

  •  Ein Thema, das merkwürdigerweise selten in Kinderbüchern vorkommt, ist die bunte Welt des Zirkus. Daher möchte ich ein schönes Zirkus-Buch vorstellen.
  • Das Buch „Die verkaufte Kindheit“ von Susanne Gaschke ist nicht zum Vorlesen für Kinder, sondern zur Diskussion unter Eltern gedacht. Es beleuchtet den Medienkonsum von Kindern. Ich möchte die Thesen der Autorin vorstellen und kommentieren.
  • Ein paar Schätze aus der Abteilung „Historische Bücher von berühmten Autoren“ habe ich in den letzten Monaten auch entdeckt. Mal sehen, welche ich im Blog noch vorstelle …
  • „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ von Michael Ende wird gerade bei uns rauf und runter vorgelesen. Über die Geschichte dieses ungleichen Paares könnte ich ewig nachdenken. Daher gibt es eine kleine Reihe mit Beiträgen zu diesem Klassiker.

Nun hoffe ich, Euch neugierig gemacht zu haben. Auf ein schönes 2012 mit vielen spannenden Entdeckungen, in Büchern oder sonstwo.

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Von der Schwierigkeit, Büchergeschenktipps zu geben

Eigentlich hatte ich geplant, kurz vor Weihnachten noch ein schönes, neues Bilderbuch, was vielen Menschen gefallen könnte, als last-minute-Geschenk sozusagen, zu empfehlen. Ich hatte auch schon einen Favoriten, den ich mir extra bestellt habe. Nun bin ich etwas enttäuscht. Die Figur aus der Geschichte mag ich überhaupt nicht und die Erzählung arbeitet mit Techniken und Konzepten, die mir erst für Kinder ab 5 oder 6 Jahren begreifbar scheinen. Das Buch werde ich trotzdem im Blog vorstellen, aber als Super-Weihnachtstipp kommt es nicht in Frage.

Aber gibt es den überhaupt, den Super-Weihnachtsbuchtipp? Ein Bilderbuch, das als Geschenk garantiert wie eine Bombe einschlägt? Ein neuer Bilderbuchlassiker, der überall Begeisterung hervorruft? Auf den ersten Blick erscheinen diese Fragen ein bisschen abwegig, denn Geschenke sind meistens nur dann gut, wenn die Vorlieben und Interessen des zu Beschenkenden berücksichtigt werden. Das ist bei einem Tipp in einem Blog mit unbekannten Lesern schwierig. Beim Bilderbuch scheint es aber dennoch Ausnahmen von der Geschenk-Regel zu geben: „Der Grüffelo“ von Axel Scheffler und Julie Donaldson z.B. hat sich als moderner Klassiker etabliert, mit dem man als Schenkender nichts falsch machen kann.

Als Regel gilt dabei natürlich: Je jünger das zu beschenkende Kind, desto einfacher, denn die Interessen sind ja noch nicht allzu ausgeprägt. Und Themen, die alle Kinder (und Eltern) betreffen gibt es genug. Beliebt sind z.B. im Moment aufwändige Liederbuchausgaben, die auch nett im Wohnzimmerregal aussehen. Als ein schöner Tipp für kleine Kinder bietet sich das im letzten Jahr erschienene „Meine große kleine Welt“ von Marianne Dubuc an, das ab einem Alter von 2 Jahren gut funktionieren müsste. Für 3- bis 4-Jährige ist mir in den letzten Monaten kein neues Superbuch mit Klassikerqualitäten untergekommen. Wenn ich demnächst einem begegne, dann sage ich euch Bescheid …

Marianne Dubuc: Meine große kleine Welt. Carlsen 2010. ab 2 Jahren. 12,90 Euro

Dialoge vorlesen – eine Kunst für sich: Pettersson-und-Findus-Bücher von Sven Nordquist

Ein weihnachtliches Vorlesebuch ist bei uns im Moment „Pettersson kriegt Weihnachtsbesuch“ von Sven Nordquist. Die Reihe der Pettersson-und-Findus-Bücher ist sehr bekannt und beliebt. Mich überzeugen die Geschichten aber nicht so wirklich. Beim Vorlesen des Bandes „Aufruhr im Gemüsebeet“, den wir immer mal wieder zur Hand nehmen, sind mir zwei Probleme aufgefallen, die mein Unbehagen in Worte fassen.

Die Geschichten von Pettersson und Findus enthalten oft recht viele  und anspruchsvolle Dialoge mit mehreren Rednern, was ich irgendwie anstrengend finde. Ich bin keine besonders expressive Vorleserin, die gut Stimmen nachahmen kann. Ich bemühe mich zwar, den Figuren verschiedene Tonarten zu geben, was mal mehr, mal weniger gut gelingt. Je nach Tagesform werden die Dialoge dann halbwegs lebendig oder ziemlich farblos. Mein Sohn hat sich noch nicht darüber beschwert, aber mich wurmt es so, dass ich Texte mit weniger wörtlicher Rede bevorzuge.

Nun könnte man natürlich auf Hörbuch-Versionen zurückgreifen, die es zu den Pettersson-und-Findus-Geschichten auch gibt. Aber dann fehlen die Illustrationen, die den eigentlichen Reiz der Bücher ausmachen. Ich glaube, ich möchte meinem Kind nicht beibringen, ein Buch anzuschauen und dabei einem Hörbuch zu lauschen.Das erscheint mir als eine absolut künstliche Situation.

Die vielen Dialoge erschweren nicht nur das Vorlesen, sondern auch das Nacherzählen. In unserem Alltag kommen häufig kleine Geschichten vor, die bei sich steigernden Trotzanfällen Ablenkung bieten oder Langeweile vertreiben und Wartezeiten verkürzen. Oft erzähle ich dann Bücher nach, aus denen wir vorgelesen haben. Wenn eine Geschichte aus vielen Dialogen besteht, wird das Nacherzählen aber ganz schön schwierig. Dabei ist mein Sohn dann eindeutig im Vorteil, denn er kann sich einzelne Stellen so gut merken, dass er sie auswendig wiedergeben kann. Er rezitiert die Dialoge und ich staune über die Merkfähigkeit dreijähriger Sprachlernkünstler.

Sven Nordquist: Aufruhr im Gemüsebeet. Oetinger 1991. ab 4 Jahren. 12,00 Euro.

Sven Nordquist: Pettersson kriegt Weihnachtsbesuch. Oetinger 1989. ab 4 Jahren. 12,00 Euro.

Albert Sergel: Nüsseknacken (um 1910)

Die Erinnerung an den Nikolaus ist noch recht frisch. Nüsse hat wohl fast jeder im Stiefel gefunden. Da passt das letzte Gedicht aus der Weihnachtslyrikreihe ganz gut.

Albert Sergel: Nüsseknacken

Holler, boller, Rumpelsack, // Niklas trug sie huckepack, // Weihnachtsnüsse gelb und braun, // runzlig, punzlig anzuschaun.

Knackt die Schale, springt der Kern: // Weihnachtsnüsse eß ich gern. // Komm bald wieder in mein Haus, // alter, guter Nikolaus!

Gustav Falke: Winter (um 1910)

Der Winter ist eigentlich noch nicht da – egal. Mit dem folgenden expressionistischen Gedicht wird eine etwas unheimliche Winterlandschaft lebendig. Vergnügliches Gruseln!

Gustav Falke: Winter

Ein weißes Feld, ein stilles Feld. // Aus veilchenblauer Wolkenwand // Hob hinten, fern am Horizont, // Sich sacht des Mondes roter Rand.

Und hob sich ganz heraus und stand // Bald eine runde Scheibe da, // In düstrer Glut. Und durch das Feld // Klang einer Krähe heisres Krah.

Gespenstig durch die Winternacht // Der große dunkle Vogel glitt, // Und unten huschte durch den Schnee // Sein schwarzer Schatten lautlos mit.

Fritz Koegel / Emily Koegel: Der Bratapfel (um 1922)

Hier kommt das zweite Gedicht aus der kleinen Weihnachtsreihe. Ein schöner Klassiker, der mit seinen zahlreichen Reimen richtig viel Spaß macht. Man riecht den Bratapfel schon, sieht ihn im Ofen vor sich und hat den Geschmack auf der Zunge.

Fritz Koegel / Emily Koegel: Der Bratapfel

Kinder, kommt und ratet, // Was im Ofen bratet! // Hört, wie’s knallt und zischt! // Bald wird er aufgetischt, // Der Zipfel, der Zapfel, // Der Kipfel, der Kapfel // Der gelbrote Apfel.

Kinder, lauft schneller; // Holt einen Teller, // Holt eine Gabel! // Sperrt auf den Schnabel // Für den Zipfel, den Zapfel, // Den Kipfel, den Kapfel. // Den goldbraunen Apfel.

Sie pusten und prusten, // Sie gucken und schlucken, // Sie schnalzen und schmecken, // Sie lecken und schlecken // Den Zipfel, den Zapfel, // Den Kipfel, den Kapfel. // Den knusprigen Apfel.

Meine Nikolausüberraschung: Christian Morgenstern: Wenn es Winter wird (um 1910)

Bisher hat die Weihnachtsstimmung im Blog noch gar nicht Einzug gehalten … aber nun geht es los! Zum Nikolaus habe ich mir eine Überraschung ausgedacht: In den nächsten Tagen präsentiere ich einige Winter- und Weihnachtsgedichte … zum Nachsprechen und Auswendiglernen (was den Kindern wahrscheinlich leichter fällt als den Vorlesern). Die Gedichte sind aus dem Bändchen „Die Wundertüte. Alte und neue Gedichte für Kinder“, hrsg. von Ursula und Heinz Kliewer. Reclam 2010. 14,00 Euro.  Dort sind auch noch neuere Weihnachts- und Wintergedichte von z.B. Christine Nöstlinger enthalten, die ich wegen des Urheberrechts nicht in den Blog  aufnehmen kann.

Leider ist der Zeilenumbruch bei WordPress blöd eingestellt. Daher schreibe ich die Verse hintereinander und trenne sie durch zwei Schrägstriche.

Christian Morgenstern: Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen, // so daß man fast drauf gehen kann, // und kommt ein großer Fisch geschwommen // so stößt er mit der Nase an.

Und nimmst du einen Kieselstein // und wirfst ihn drauf, so macht es klirr // und titscher – titscher – tischer – dirr … // Heissa du lustiger Kieselstein! Er zwitschert wie ein Vögelein // und tut als wie ein Schwälblein fliegen – doch endlich bleibt mein Kieselstein // ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.

Da kommen die Fische haufenweis // und schaun durch das klare Fenster von Eis // und denken, der Stein wär etwas zum Essen; // doch so sehr sie die Nase ans Eis auch pressen, // das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt, // sie machen sich nur die Nase kalt.

Aber bald, aber bald // werden wir selbst auf eignen Sohlen // hinausgehn können und den Stein wieder holen.

Das Struwelpeterprinizp: „Räuberkinder“ von Antje Damm und „Das Mohrrübensuppen-Abenteuer“ von Julia Friese

Diese beiden Bilderbücher sind sehr besonders: Erstens wegen ihrer Illustrationen. Antje Damms „Räuberkinder“ ist mit einfachen, etwas krakeligen Strichen gezeichnet und mit einer Art Collagentechnik ergänzt. Ein florales, nostalgisches Tapetenmuster wurde z.B. in ein Bild eingefügt. Julia Frieses Bilder im „Mohrrübensuppen-Abenteuer“ sehen aus, wie durch ein Druckverfahren, z.B. Linolschnitt oder Holzdruck, hergestellt. Sie verwenden ein geringes Farbspektrum – orange, rot, gelb, schwarz, ein wenig grün – und sind deshalb sehr expressiv.

Zweitens sind die beiden Bücher auch wegen ihres Inhalts besonders. Zuerst hat mich dieser sehr verblüfft, aber ich glaube, jetzt habe ich verstanden, wie sie funktionieren. In Antje Damms Buch lernen wir einen Jungen und ein Mädchen kennen: „Das sind zwei Räuberkinder und sie sind wirklich sehr, sehr böse.“ Sie ärgern Hunde, belästigen Passanten auf der Straße, verwüsten das Badezimmer und treiben anderen Unsinn. Aber keine Angst, am Ende zeigen auch die Räuberkinder ihre liebenswerte Seite. In Julia Frieses Buch geht es um das Mittagessen im Kindergarten. Statt der ersehnten Hefeknödel mit roter Sauce gibt es Mohrrübeneintopf. Jedes Kind geht anders mit seiner Portion um: In Moritz‘ Suppenschüssel schwimmt ein Engel, Pauline malt ein Gruppenbild aus Möhrensuppe, Leander isst mindestens zehn Teller leer.

In beiden Büchern werden Erwachsene nervende Verhaltensweisen thematisiert. Ein Hauch von Anarchie durchweht sie. Das irritierte mich zuerst, denn ich fürchtete einen Nachahmungseffekt. Eigentlich scheint sich dahinter aber ein traditionelles Prinzip von Kinderbüchern zu verstecken: Das Vorgehen erinnerte mich an die Struwelpetergeschichten, wo ja auch „schlechtes“ Verhalten gezeigt wird. Der gravierende Unterschied zwischen dem Struwelpeter, dem Suppenkaspar, dem Daumenlutscher oder dem Hans-Guck-in-die-Luft sowie den „Räuberkindern“ und dem „Mohrrübensuppen-Abenteuer“ besteht in den Konsequenzen, die die betroffenen Kinder erfahren. Im 19. Jahrhundert wurden sie grausam bestraft, im modernen Kinderbuch wird dem unerwünschten Verhalten ein positives Beispiel gegenübergestellt. Die Kinder verstehen dann schon, dass sie ihre Kindergartenfreunde nicht mit Suppe bewerfen sollen.

Antje Damm: Räuberkinder. Gerstenberg Verlag 2009. ab 2 Jahren. 7,90 Euro.

Julia Friese: Das Mohrrübensuppen-Abenteuer. Bajazzo Verlag 2004. ab 4 Jahren. 13,90 Euro.