Jetzt wird’s ziemlich dunkel: „Hans Huckebein“ von Wilhelm Busch, illustriert von Jonas Lauströr

Falls es noch Lücken auf eurem Wunschzettel gibt, habe ich heute einen besonderen Tipp für euch, d.h. für Eltern, die gerne über Bücher nachdenken, die sich von großartigen Bildern gefangen nehmen lassen, die Spaß an Wortspielen und hintersinnigem Humor haben.

Der Illustrator Jonas Lauströer hat auf wunderbare Weise Wilhelm Buschs Bildergeschichte „Hans Huckebein, der Unglücksrabe“ interpretiert. Die Geschichte handelt davon, wie der kleine Fritz einen Raben fängt, ihn mit nach Hause bringt und wie das Tier dort große Verwüstungen anstellt. Die Kette von Missgeschicken, in die der schwarze Hans verstrickt wird, führt zu einem tragischen Ende. Das Original von Wilhelm Busch, erschienen von 1867 bis 1868, kommt dabei recht leicht daher und weist in seiner Bildsprache schon auf Comics hin. Der Rabe wirkt sehr ungeschickt und tollpatschig, er  scheint selbst schuld zu sein an seinem Schicksal.

In Jonas Lauströrs Bilderbuch wird das Tragische an der Geschichte betont. In seinen Zeichnungen wird großes Mitleid mit dem armen eingefangenen Tier sichtbar. Man sieht immer Furcht und Panik in den Augen des Raben. Der Text kann so gelesen werden, als würden die Unglücke nicht passieren, weil Hans bösartig ist. Reine Panik, Unwissenheit, aber auch eine gehörige Portion Neugier, führen zu Missverständnissen, Missgeschicken und Misshandlungen. Der Rabe verhält sich so ungehörig, weil er in eine ihm fremde Umgebung eingepflanzt wurde und weil die Kultur ihm sein Unglück vorgibt. Raben und Krähen gelten in der Literatur als Tiere, die Tod und Unglück bringen. Das Schicksal des armen Hans Huckebein ist ihm vorbestimmt, Vorurteile und Unterstellungen prägen seine Begegnung mit dem kleinen Fritz und seiner Tante.

So lässt sich die Geschichte sehr gut als Erzählung einer misslungenen Erziehung und Sozialisation lesen. Hans Huckebein, das Naturwesen, das gezähmt werden soll, macht diesen Prozess nicht mit. Er lässt sich nicht in die häusliche und künstliche Umgebung einpassen und kann nicht in das soziale Miteinander eingefügt werden. Dieser Prozess scheitert nicht, weil Hans ein böses und bockiges Kind ist, sondern weil das von ihm Verlangte nicht seiner Natur entspricht. Da der Rabe dem Knaben nicht vertraut und er mit einer List eingefangen wird, nimmt das Vorhaben seiner Erziehung schon einen schlechten Anfang, der unweigerlich auf ein tragisches Ende hinausläuft.

Diesem Ende gibt Jonas Lauströer eine poetologische Zusatzbedeutung, denn Hans Huckebein erhängt sich unfreiwillig in einem roten Faden. Somit passt der arme Rabe nicht einmal in eine stringente Erzählung hinein. Die Ordnung tötet den schönen Vogel. Die wuchtigen Bilder und die mutige Interpretation des Illustrators machen hingegen Sinn vom Anfang bis zum Ende. Die Geschichte von Hans Huckebein bekommt spannende neue Facetten und wird zum Leben erweckt – auch wenn ziemlich viel Blut und Blaubeersuppe spritzt.

Wilhelm Busch: Hans Huckebein. Mit Bildern von Jonas Lauströer. minedition 2010. ab 3 Jahren (Verlagsangabe, ich denke aber ab 6 Jahren wäre angemessener). 14,95 Euro.

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Das Struwelpeterprinizp: „Räuberkinder“ von Antje Damm und „Das Mohrrübensuppen-Abenteuer“ von Julia Friese

Diese beiden Bilderbücher sind sehr besonders: Erstens wegen ihrer Illustrationen. Antje Damms „Räuberkinder“ ist mit einfachen, etwas krakeligen Strichen gezeichnet und mit einer Art Collagentechnik ergänzt. Ein florales, nostalgisches Tapetenmuster wurde z.B. in ein Bild eingefügt. Julia Frieses Bilder im „Mohrrübensuppen-Abenteuer“ sehen aus, wie durch ein Druckverfahren, z.B. Linolschnitt oder Holzdruck, hergestellt. Sie verwenden ein geringes Farbspektrum – orange, rot, gelb, schwarz, ein wenig grün – und sind deshalb sehr expressiv.

Zweitens sind die beiden Bücher auch wegen ihres Inhalts besonders. Zuerst hat mich dieser sehr verblüfft, aber ich glaube, jetzt habe ich verstanden, wie sie funktionieren. In Antje Damms Buch lernen wir einen Jungen und ein Mädchen kennen: „Das sind zwei Räuberkinder und sie sind wirklich sehr, sehr böse.“ Sie ärgern Hunde, belästigen Passanten auf der Straße, verwüsten das Badezimmer und treiben anderen Unsinn. Aber keine Angst, am Ende zeigen auch die Räuberkinder ihre liebenswerte Seite. In Julia Frieses Buch geht es um das Mittagessen im Kindergarten. Statt der ersehnten Hefeknödel mit roter Sauce gibt es Mohrrübeneintopf. Jedes Kind geht anders mit seiner Portion um: In Moritz‘ Suppenschüssel schwimmt ein Engel, Pauline malt ein Gruppenbild aus Möhrensuppe, Leander isst mindestens zehn Teller leer.

In beiden Büchern werden Erwachsene nervende Verhaltensweisen thematisiert. Ein Hauch von Anarchie durchweht sie. Das irritierte mich zuerst, denn ich fürchtete einen Nachahmungseffekt. Eigentlich scheint sich dahinter aber ein traditionelles Prinzip von Kinderbüchern zu verstecken: Das Vorgehen erinnerte mich an die Struwelpetergeschichten, wo ja auch „schlechtes“ Verhalten gezeigt wird. Der gravierende Unterschied zwischen dem Struwelpeter, dem Suppenkaspar, dem Daumenlutscher oder dem Hans-Guck-in-die-Luft sowie den „Räuberkindern“ und dem „Mohrrübensuppen-Abenteuer“ besteht in den Konsequenzen, die die betroffenen Kinder erfahren. Im 19. Jahrhundert wurden sie grausam bestraft, im modernen Kinderbuch wird dem unerwünschten Verhalten ein positives Beispiel gegenübergestellt. Die Kinder verstehen dann schon, dass sie ihre Kindergartenfreunde nicht mit Suppe bewerfen sollen.

Antje Damm: Räuberkinder. Gerstenberg Verlag 2009. ab 2 Jahren. 7,90 Euro.

Julia Friese: Das Mohrrübensuppen-Abenteuer. Bajazzo Verlag 2004. ab 4 Jahren. 13,90 Euro.