Lebewesen im Körper: „Neues aus dem Bahnhof Bauch“ und „Karius und Baktus“

Es sind schon merkwürdige Vorstellungen, die manche Kinderbücher vermitteln: Kleine Lebewesen bevölkern unsere Körper und sorgen dafür, dass „da drinnen“ etwas passiert. Ein bisschen mulmig macht mich dieser Gedanke, aber er hat auch einen großen Vorteil für uns Erwachsene: Wenn man Körpervorgänge mit der Hilfe von kleinen Lebewesen erklärt, kann man besser über die Abläufe sprechen, ohne viele zu abstrakte Wörter verwenden zu müssen. In Geschichten eingebettet wird der Verdauungsprozess oder die Zahnhygiene viel anschaulicher.

Zwei Bücher, die solche Körpergeschichten erzählen, möchte ich kurz vorstellen. Es handelt sich um „Neues aus dem Bahnhof Bauch“ von Anna Russelmann, illustriert von Anna Russelmann und Stefan Schulz, sowie „Karius und Baktus“ von Thorbjörn Egner, das seit Generationen als pädagogische Unterstützung zur Einübung des Zähneputzens benutzt wird. Allerdings scheitert „Karius und Baktus“ an dieser Aufgabe grandios, was das Buch sehr sympathisch macht. Außerdem besitzt es aufgrund seiner wild gezeichneten und unperfekten Illustrationen einen Retro-Charme, der sich von Geschichten mit süßen Feen und niedlichen Tieren abhebt.

Karius und Baktus sind zwei Kobolde, die sich im Mund von Jens häuslich eingerichtet haben, sich von Süßigkeiten ernähren und Löcher in die Zähne hauen. Aufgrund ihres Treibens bekommt Jens Zahnschmerzen, woraufhin er zum Zahnarzt geht, der mit seinem Bohrer die Behausungen von Karius und Baktus zerstört. Die Kobolde sind nun schutzlos der Zahnbürste ausgeliefert und werden von den Putzbewegungen nach draußen in den Abguss befördert. Karius und Baktus sind zwei sehr plakativ gestaltete Charaktere, die Vorleser ungewollt zum Schmunzeln bringen: Karius ist fleißig, ordentlich, solide und pessimistisch, ein ziemlicher Griesgram. Baktus ist verwegen, optimistisch und leichtgläubig, ein echter Lebemann. Trotz dieser moralisch fragwürdigen Eigenschaften erscheinen die beiden Kobolde nicht unsympathisch und sollen bei manchen Kindern eher Mitleid geweckt haben, als dass sie vertrieben werden sollten. Doch die Sympathie mit Karius und Baktus ist nicht das einzige Problem, dass die Motivation zum Zähneputzen eher verringert als unterstützt. Die Handlung ist recht schwierig mit der sich wiederholenden Tätigkeit des Zähneputzens zu verknüpfen. Es bleibt nämlich unklar, woher die Kobolde kommen, wann sie sich einnisten, wie sie in den Mund kommen und wann sie wiederkommen, wenn sie vertrieben wurden. Mein Sohn hat sich daher eine besondere Verknüpfung ausgedacht. Karius und Baktus wohnen eigentlich im Bauch und kommen manchmal nach oben in den Mund. Die Zahnbürste schickt sie dann wieder nach unten.

Diese Weiterentwicklung der Geschichte der Zahnkobolde Karius und Baktus ergibt sich wohl aus der Lektüre der anderen Körpergeschichte. „Neues aus dem Bahnhof Bauch“ erklärt den Verdauungsprozess. Im Bauch leben die Bäuchlinge, kleine grüne Männchen, die Waggons mit dem im Magen ankommenden Essensbrei befüllen und dann in den Darm fahren, wo die Wagen geleert werden. Leider haben die Bäuchlinge immer wieder Probleme bei ihrer Arbeit, denn das Mädchen Julia kaut nicht richtig, es kommen viel zu große Brocken im Bahnhof Bauch an. Wie schön wäre es, würde Julia besser kauen, mehr trinken und nicht zu viel Eis essen. Diese ideale Vorstellung vom richtigen Essen erträumt sich ein Bäuchling, der von einem Brocken am Kopf getroffen wurde und in Ohnmacht fällt. Obwohl diese erzählerische Konstruktion zur Beschreibung des guten Essens mir ein wenig kompliziert erscheint, lässt sich die Geschichte gut anwenden, um zu thematisieren, was im Bauch passiert. So ergeben sich schöne Erklärungen für das Magenknurren oder für die Notwendigkeit, mehr zu trinken und weniger Eis zu essen. Nur der Satz „Auf Gummibärchen würden die Bäuchlinge lieber verzichten“ hat sich meinem Sohn noch nicht so recht erschlossen. Sehr gewöhnungsbedürftig finde ich jedoch die recht ekligen Illustrationen. Wenn auf einer Doppelseite die Vanilleeisschaum- und Schokoladensauce aus der Speiseröhre spritzt, wird mir ein wenig flau im Magen. Dafür ist das Bild der Bäuchlinge, die im vereisten Bahnhof Bauch streiken, wiederum ganz amüsant.

 Anna Russelmann: Neues aus dem Bahnhof Bauch. NordSüd Verlag Zürich. Ab 3 Jahren. 11,50 Euro.

Thorbjörn Egner: Karius und Baktus. cbj Verlag München. Ab 3 Jahren. 7,95 Euro


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