Grusel, grusel: Märchenillustrationen

Ich lese gerne Märchen vor. Ich mag die einfachen Geschichten von Gut und Böse. Ich denke, dass Märchen zur kulturellen Bildung gehören. Ohne Märchen versteht man viele Geschichten nicht.

Wir haben eine prächtige Readers-Digest-Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm geschenkt bekommen. Ein Märchenbuch, wie man es sich vorstellt, sehr stabil mit schönem Einband und Goldschnitt. Nur dass ich als Vorleserin noch keine grauen Haare habe und ein Ohrensessel nicht in unser kleines Wohnzimmer passt. Die Sprache der Märchen ist zwar modernisiert, aber die einzelnen Geschichten sind nicht gekürzt. Leider ist das Buch sehr spärlich und etwas langweilig illustriert (Illustrationen: Dorothea Desmarowitz und Bernhard Oberdieck). Also habe ich mich auf die Suche begeben nach schönen zeitgenössischen Märchenillustrationen, die nicht im Disney-Stil gehalten sind. Dabei bin ich auf wirklich erstaunliche Bücher gestoßen.

Bisher habe ich folgende Märchen vorgelesen: „Schneewittchen“, „Hänsel und Gretel“, „Rotkäppchen“, „Die Bremer Stadtmusikanten“ sowie „Die Prinzessin auf der Erbse“. Dabei hat sich herausgestellt, dass „Hänsel und Gretel“ das gruseligste Märchen zu sein scheint. Die Hexe schien meinem Kind wirklich Angst zu machen. Interessanterweise ist genau diese Geschichte das Märchen, das am häufigsten zu Illustrationen einlädt. Ich habe mir vier neu erschienene oder wieder aufgelegte Ausgaben angeschaut und war sehr erstaunt über die verschiedenen Illustrationsstile.

Zwei sehr kunstvolle Bände gibt es von Lorenzo Mattotti und Kveta Pacovska. Die Illustrationen des Italieners sind alle in schwarz gehalten, scherenschnittartig und stellen mehr abstrakte Gefühle und Seelenzustände als die Figuren und Räume des Märchens dar. Eine Ausgabe, die ab fünf Jahren empfohlen wird, aber sich wohl in erster Linie an bibliophile erwachsene Leser richtet.

Ebenso ästhetisch verstörend wirkten auf mich Kveta Pacovskas Bilder zu „Hänsel und Gretel“. Die Figuren sind kubistisch verfremdet und als Fratzen gezeichnet. Auch hier greift die Illustratorin häufig auf die Farbe schwarz zurück. Ich bin durchaus offen für ungewöhnliche und künstlerische Bilder, diese Zeichnungen waren mir aber zu ausgefallen. Besser haben mir die Illustrationen von Kveta Pacovska zu „Rotkäppchen“ oder „Aschenputtel“ gefallen.

Zurück zu „Hänsel und Gretel“: Auf den ersten Blick mochte ich die Ausgaben des Märchens von Bernadette und Markus Lefrançois. Die Figuren waren erkennbar, aber nicht zu niedlich. Schöne grafische Elemente und Details rahmen die Geschichte ein. Aber auch hier kamen die Illustratoren nicht ohne gruselige und verstörende Bilder aus. Die Szene, als die Hexe in den Ofen gestoßen wird, wirkte grausig. Das Märchen bekam eine düstere Atmosphäre, mit der ich schwer umgehen konnte.

Warum wird „Hänsel und Gretel“ so als Kinderschreck illustriert? Hilft es Ängste zu überwinden, wenn das Monströse der Geschichte im Vordergrund steht? Wäre es nicht besser, die Schweinwerfer auf die mutige Gretel zu richten, wenn sie die Hexe in den Ofen stößt, als das verzerrte Gesicht der Hexe in Nahaufnahme zu zeigen?


Lorenzo Mattotti: Hänsel und Gretel. Carlsen Verlag 2011.ab 5 Jahren. 19,90 Euro.

Kveta Pacovska: Hänsel und Gretel. Minedition 2009. ab 3 Jahren. 19,95 Euro.

Bernadette: Hänsel und Gretel. Nord Süd Verlag 1973 (Neuauflage). ab 3 Jahren. 13,80 Euro.

Markus Lefrançois: Hänsel und Gretel. Reclam Verlag 2011. ab 3 Jahren. 16,95 Euro.

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