Heute kein Frühjahrsputz: „Der Wind in den Weiden“ von Kenneth Grahame

wind in den weidenSo beginnt der wunderbare englische Kinderbuchklassiker „Der Wind in den Weiden“ von Kenneth Grahame, erschienen 1908, den ich euch unbedingt ans Herz legen möchte. Ich hatte damit in den letzten Tagen ein großes Lesevergnügen:

„Den ganzen Vormittag hatte der Maulwurf geschuftet: In seinem kleinen Haus war der Frühjahrsputz ausgebrochen. Zuerst mit Besen und Staubtuch, dann auf Leitern und Stühlen und drittens mit Pinsel und Tünche. […] Der Frühling rumorte oben in der Luft herum und unten in der Erde herum und rund um den Maulwurf herum. Er drang in sein dunkles und bescheidenes Haus und brachte seine eigenen Launen mit: die Unzufriedenheit der Götter und die Sehnsucht. So kann es nicht erstaunen, wenn der Maulwurf plötzlich den Pinsel zu Boden schleuderte, ‚Schwachsinn!‘ und ‚Mit  mir nicht!‘ sagte sowie ‚Zum Henker mit dem Frühjahrsputz‘ und aus dem Haus schoß ohne auch nur einen Mantel überzuziehen.“

Der Maulwurf wältzt sich dann auf einer Wiese. Er fühlt sich prächtig: „Sein Gewissen verhielt sich ganz ruhig: Es quälte ihn nicht und flüsterte ihm nicht ‚Tünche!‘ ins Ohr. Statt dessen fühlte er sich prächtig – als einziger Faulpelz unter diesen tüchtigen Mitbürgern. In den Ferien ist vielleicht nicht das Nichtstun am schönsten, sondern: das Anderen-Leuten-beim-etwas-tun-Zusehen.“

Der Maulwurf geht zum Fluss, den er noch nie zuvor gesehen hat: „Er bebte und bibberte, glänzte und glibberte und sprühte Funken, er rauschte und strudelte, schwatzte und blubberte. Der Maulwurf war bezaubert, verhext und angetan.“

Am Fluss lernt er die Wasserratte kennen, die beiden werden Freunde und erleben einige Abenteuer mit dem adligen Kröterich, der ein Faible für schnelle Autos hat und durch diese Schwäche in große Schwierigkeiten gerät.

Im Laufe der Geschichte werden die schönen Stellen, die im ersten Kapitel so leuchten und begeistern, weniger. Die zahlreichen Charakterstudien von Tieren und die Beschreibung ihres höflichen, oft konflikthaften, aber sehr freundschaftlichen Umgangs miteinander bereiten dennoch viel Vergnügen. Und immer wieder sind schöne, poetische Naturbeschreibungen mit zahlreichen Wörtern, denen man in der Alltagssprache selten begegnet, eingestreut, die eine große Freude an Natur und Beobachtung vermitteln.

Ich habe eine antiquarische Ausgabe von 1973, übersetzt von Harry Rowohlt, mit Bildern von John Burningham, dessen Zeichenstil mich sehr interessiert. Noch schöner sieht aber auch die Ausgabe vom Kein und Aber Verlag von 2004 aus, ebenso in der Übersetzung von Harry Rowohlt, mit Originalillustrationen von E.H. Shepherd, der auch „Pu, der Bär“ bebildert hat. Ein prachtvolles Buch, auch ohne Frühjahrsputz!

Kenneth Grahame: Der Wind in den Winden. Ein Roman für Kinder. Deutsch von Harry Rowohlt. Kein und Aber Verlag Zürich 2004. ab 8 Jahren. 24,80 Euro.

P.S.: Es gibt zahlreiche Adaptionen, Verkürzungen, Auszüge, Varianten und auch Verfilmungen. Die Literaturwissenschaftlerin in mir würde immer auf das ungekürzte Original zurückgreifen.

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Poetisches Gärtnern für Kinder: „Das Tomatenfest“ von Satomi Ichikawa

tomatenfestZu Ostern haben wir die Großeltern besucht, die einen üppigen und großen Garten ihr eigen nennen. Meine Mutter ist eine sehr engagierte Gärtnern und bezieht ihren Enkel gerne in die Gartenarbeit ein, was ich sehr schön finde. So hatte unser Sohn im letzten Jahr ein eigenes kleines Beet mit Salat, Möhren, Radieschen und Erbsen. Im Gewächshaus liebt er es zu gießen und die kleinen Pflänzchen unter Wasser zu setzen. Die Tomaten wuchsen sehr gut im letzten Jahr.

Beim Moritzverlag bin ich nun auf eine Neuerscheinung gestoßen, die diese ersten Gärtnererfahrungen in eine schöne Geschichte und ein bisschen exotische, aber dennoch vertraute Bilder kleidet: „Das Tomatenfest“ von Satomi Ichikawa. Ein Tomatenpflänzchen aus dem Supermarkt findet bei dem Mädchen Hana ein neues Zuhause. Sie hegt, pflegt und beschützt es. Sogar in die Ferien zu ihrer Oma muss die Tomatenpflanze mit. Dort pflanzen sie sie in den Gemüsegarten und bald sieht Hana erste kleine Tomatenkugeln. Auch ein schlimmer Sturm kann ihnen nichts anhaben. Endlich sind die Tomaten rot und reif. Hana ist stolz und fühlt sich jetzt wie eine richtige Gärtnerin. Was wird sie wohl im nächsten Jahr pflanzen?

Mit dieser Geschichte können wir unsere eigenen Gartenerfahrungen wieder erkennen. Das Buch zeigt, dass man die Freude über die eigenen, gepflegten Gewächse mit anderen teilen kann und sie dadurch umso größer wird. Sehr interessant ist der Blick einer in Paris lebenden Japanerin auf das Thema – Pflanzt man in Japan auch Tomaten an? Welche Bedeutung hat das Gärtnern dort? – und ihre Umsetzung der Geschichte in Bildern, die zwischen leicht europäisierten Gesichtern und japanischen Zeichenstrichen schwanken. Gut gefällt mir außerdem, dass das Buch sachliche Informationen über eher alltägliche Handlungen mit einer poetischen Sprache verbindet. Kinder lernen darin etwas über die Welt, ohne mit einer trockenen Sachbuchsprache konfrontiert zu sein.

Mit „Das Tomatenfest“ kann nun wirklich der Frühling (oder gleich der Sommer) kommen!

Satomi Ichikawa: Das Tomatenfest. Aus dem Französischen von Eva Ziebura. Moritzverlag 2013. ab 4 Jahren. 12,95 Euro.

(Fast) ohne Kommentar, einfach nur „Hurra, der Frühling ist da“ von Rose Pflock und Kazuo Iwamura

frühling iwamuraDer Frühling ist noch ganz zart und jung. Die ersten Frühblüher recken sich der zu Kräften kommenden Sonne entgegen. Die Bäume sind noch kahl, das Gras ist noch verhuscht braun-grün-welk. Die Sonne aber tut allen gut und weckt die Lebensgeister, die bald im Überschwang zu spüren sein werden. Zwei Ausdrücke für diese Lebensgeister möchte ich heute mit euch teilen, eine sprachlichen und einen bildhaften. Zwei Ausdrücke, in denen die Frühlingslebensfreude übersprudelt!

Los geht’s mit einem klassischen Frühlingskommentar von Astrid Lindgren, mit einer Textstelle aus „Ronja Räubertochter“, die beim Lesen immer wieder Gänsehaut hervorruft:

„Früher Morgen ist. Wie der erste Erdenmorgen so schön. Die Siedler der Bärenhöhle, hier kommen sie durch den Wald gewandert, und ringsum ist alle Herrlichkeit des Frühlings. In allen Bäumen und allen Wassern und allen grünen Büschen lebt es, es zwitschert und rauscht und summt und singt und plätschert. Überall erklingt das forsche, wilde Lied des Frühlings. Der Frühling ist neu, aber er ist, wie er immer war. ‚Erschrick nicht, Birk‘, sagte Ronja. ‚Jetzt kommt mein Frühlingsschrei!‘ Und sie schrie, gellend wie ein Vogel, es war ein Jubelschrei, den man weithin über den Wald hörte.“ (Astrid Lindgren, Ronja Räubertochter, deutsch von Anna-Liesa Kornittzky, Verlag Friedrich Oetinger)

Die passenden Bilder zum Frühlingsüberschwang gibt es bei „Hurra, der Frühling ist da. Matz, Fratz und Lisettchen im Blütenbaum“ von Kazuo Iwamura.  Drei Eichhörnchen klettern in einem Blütenbaum herum und finden ein Vogelbaby, das Hunger hat. Sie möchten ihm zu fressen geben, wissen aber nicht was. Da kommt die Vogelmutter angeflogen und bringt ihrem Kleinen einen Wurm. Die Bilder zu dieser sehr einfachen, in Reimen verfassten Geschichte, sind so fröhlich, so frühlingsüberschwänglich, dass man den Duft der tausend Blüten im Baum förmlich riechen kann und sich wie die Eichhörnchen fühlt. Na dann mal losgehüpft und losgeschrieen!

Der Frühling lässt auf sich warten – hier ein kleiner Trost: Lesung mit Sebastian Meschenmoser

herr eichhornEs ist schon zwei Wochen her, aber im lang anhaltenden winterlichen Grau zehre ich immer noch davon: von einer Lesung mit Sebastian Meschenmoser in der Buchhandlung nimmersatt in Berlin Kreuzberg. Der Autor stellte die Bilder und Geschichten von „Herr Eichhorn und der erste Schnee“ sowie „Herr Eichhorn weiß den Weg zum Glück“ vor. Außerdem erfüllte er die Bilderwünsche aller anwesenden Kinder (und das waren ziemlich viele) und zeichnete jede Menge Tiger, Leoparden, Hunde.

Die feinen Bleistiftstriche lassen die verschiedenen Tiere sehr lebendig werden und geben ihnen einen unverwechselbaren Charakter. Wenn ich draußen Eichhörnchen durch die Bäume hüpfen sehe, kann ich mir nun gut einen Herr Eichhorn vorstellen, der immer sehr neugierig, aber auch patent und voller Tatendrang die Dinge in die Hand nimmt. Die Illustrationen von Sebastian Meschenmoser haben meist eine sehr leichte und luftige Atmosphäre, so dass ich mich an den Frühling erinnert fühle, fast egal, um welches Thema es geht.

Glücklicherweise ist sein Zeichenatelier bei nimmersatt noch einmal geöffnet, nämlich am Samstag, 16. März um 16 Uhr. Wenn der Frühling bis dahin noch nicht bei euch aufgetaucht ist, in Berlin-Kreuzberg ist er an diesem Nachmittag wahrscheinlich in der Buchhandlung zu finden!

Sebastian Meschenmoser: Herr Eichhorn und der Mond. / Herr Eichhorn und der Besucher vom blauen Planeten. / Herr Eichhorn und der erste Schnee. / Herr Eichhorn weiß den Weg zum Glück. Alle erschienen bei Esslinger. Ab 4 Jahren. 9,95 Euro.

Blogfütterung

vogelhäuschenWenn Blogleser Vöglein wären … im Winter auf der Suche nach etwas Nahrung für den Kopf … ein paar Körner, Ideen, Bücher für die langen, dunklen Winterabende … dann möchte der Pincchio gerne helfen und stellt sein Vogelhäuschen nach draußen.

Wie im Vogelhäuschen gibt es heute ein paar kleine Körner, denn für einen großen, leckeren Meisenknödel mit Haferflocken und Nüssen reicht die Zeit im Moment leider nicht. Wenn wir tiefer in die Kunst der  Vogelfütterung eingestiegen sind, dann gibt es ein paar leckere selbst gemachte Futterangebote – und kein industriell hergestelltes Massenfutter – das Internet hat dafür auch schon etwas bereit.

Hier aber erst einmal die kleinen Körner:

– Anfang des Jahres wurde die Blogbetreiberin gebeten, Ihren Blog in einer Reihe,  bei der buchaffine Blogs präsentiert werden, vorzustellen. Dazu habe ich ein kleines Interview gegeben, das hier nachzulesen ist.

– Eine weitere Interviewanfrage von einem befreundeten Blog wird mich in den nächsten Wochen noch ein bisschen beschäftigen. Ich sage euch Bescheid, wenn der Text fertig ist.

– Ich hatte von meinem Umgang mit der Koskosnuss-Reihe berichtet. Ich habe es geschafft, die Figur für eine Weile zu verdrängen … und zwar mit „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“. Ein großartiges Kinderbuch, über das ich demnächst gerne mehr schreiben möchte. Da es aber recht umfangreich ist, brauche ich für einen Bericht noch ein Weilchen.

– Eine schöne Lektüre hat uns vor kurzem unser Kindergarten beschert, mit einem so genannten Ich-Buch. Wir sollten Fotos mitbringen und unser Sohn hat der Erzieherin erzählt, was darauf zu sehen ist. Dieser kleine Text wurde aufgeschrieben, die Fotos dazu geklebt und das Ganze mit einem Klemmhosenbügel zusammengebunden. Es war für mich ein sehr rührender Moment, in dem kleinen Buch zu blättern.

– Und zum Schluss noch ein kleiner Berlin-Tipp: Im Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur „lesart“ in der Weinmeisterstraße in Berlin-Mitte ist im Moment eine spannende Ausstellung zu Märchenillustrationen zu sehen.  Hier gibt es nähere Informationen dazu.

Viel Spaß beim Picken und Knabbern!

Aus einer anderen Zeit: „Der Star im Apfelbaum“ von Edith Bergner

Wie schon erwähnt, lesen wir gerade recht viel aus dem Band „Erzähl mir vom kleinen Angsthasen“ vor. Zwei Geschichten daraus haben mich irgendwie fasziniert, auf eine recht ambivalente Art und Weise. Ihren Inhalt fand ich zuerst banal und zu pädagogisch. Ihre Sprache und Konstruktion aber hat mich bezaubert und berührt. Lustigerweise sind beide Geschichten von derselben Autorin, Edith Bergner. Die Geschichten heißen: „Vom Jochen, der nicht aufräumen wollte“ und „Der Star im Apfelbaum“.

Letztere von beiden Geschichten ist eine Frühlingsfabel – nicht gerade passend zur derzeitigen Jahreszeit, aber egal. Das Mädchen Babett erwartet sehnsüchtig den Frühling, der Star im Apfelbaum soll ihn wecken, schafft es mit seinem Lied aber nicht. Da soll er andere Lieder finden, die den Frühling bringen und der Vogel macht sich auf die Suche. Er lernt die Gesänge der Libelle, der Wildente, des Uhus und der Lachtaube kennen, doch den Frühling weckt er damit nicht. Zu seinem Entsetzen muss er entdecken, dass er bei der Suche sein eigenes Lied vergessen hat. Erst die Begegnung mit einer Starin bringt ihm seine Stimme zurück und damit erwacht dann auch der Frühling.

Die Lieder der einzelnen Tiere werden lautmalerisch wiedergegeben. Der Star singt: „Züp, züp, zie-züp, züp, zie, ich habe eine Nachricht für Sie! Der Frühling schläft im Apfelbaum. Züp, züp, witt, witt, wir wollen ihn wecken. Kommen Sie mit?“ Die Libelle antwortet: „Sü, sü, es ist noch zu früh.“ Daraufhin die Wildente: „Waak, waak, wir warten bis zum Donnerstag.“ Der Uhu faucht: „Bu-hu, lass mich in Ruh!“ Und die Lachtaube kichert: „Gri, gri, ci, ci, cheri!“ Diese Lautmalereien strukturieren die Geschichte und verleihen ihr viel Farbe und Poesie. Die recht einfache Tierfabel und Naturbeobachtung bekommt eine schöne und besondere Atmosphäre.

Ebenso verfährt Edith Bergner in „Vom Jochen, der nicht aufräumen wollte“. Das Spielzeug von Jochen, das kaputt und lieblos im Zimmer herum liegt, wird zum Leben erweckt und bekommt lustige Namen wie die Trommel Wummbummbommel oder das Kasperl Klabasterl. Und so tritt die sehr pädagogische Handlung der Geschichte in den Hintergrund und der Spaß an der Sprache wird geweckt.

Dieses poetische Vorgehen in den Geschichten hat mich so neugierig gemacht, dass ich ein paar Recherchen zur Autorin angestellt habe. Dabei bin ich aber nicht sehr erfolgreich gewesen, es gibt nur wenige Informationen zu Edith Bergner, keinen Wikipedia-Eintrag, nur ein Büchlein, eine Festschrift zum 70. Geburtstag, aus der DDR habe ich gefunden. Sie wurde 1917 als Tochter eines Bauern auf dem Land geboren und war in der ersten Hälfte ihres Lebens von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts direkt betroffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sie mit ihrer Mutter allein den heimatlichen Hof bewirtschaften und kann ihren kulturellen Interessen erst ab 1953 nachgehen, als sie nach Halle zog. In Halle war sie als Kulturfunktionärin sehr aktiv und setzte sich für jüngere Schriftstellerkollegen ein.

Leider habe ich mich noch nicht intensiv mit der DDR-Kinderliteratur auseinander gesetzt, so dass es mir schwer fällt, Edith Bergners Engagement für das DDR-Regime einzuschätzen. Die Frage aber, wie die eigentlich unpolitische und „harmlose“ Kinderliteratur mit Staatsinteressen verquickt war oder gegen sie gearbeitet hat, finde ich sehr spannend. Wenn es Gelegenheit dazu gibt, werde ich mich noch weiter damit beschäftigen.

Edith Bergner: Der Star im Apfelbaum. Mit Bildern von Ingeborg Meyer-Rey. In: Corinna Schiller (Hrsg.): Erzähl mir vom kleinen Angsthasen. Die schönsten Kindergeschichten der DDR. Beltz & Gelberg 2009. S. 225-235. ab 4 Jahren. Sammelband 14,95 Euro. Auch als Einzelband erhältlich.

Urzeitroboter 5. Teil: „Lieselotte macht Urlaub“ von Alexander Steffensmeier

Bauernhofgeschichten sind modern. Seit in allen Medien ständig beklagt wird, dass Kinder nicht mehr wissen würden, woher das Schnitzel auf ihrem Teller kommt, erfahren Berichte über Ferien auf dem Bauernhof, Schrebergärten und Landidyllen in Büchern eine besondere Aufmerksamkeit.

Ich bin zwar auf dem Dorf aufgewachsen und habe das Schicksal von Hühnern, Schweinen und Kaninchen erlebt, hatte aber immer ein sehr distanziertes Verhältnis zu Tieren. Hunde machten mir Angst, Katzen fand ich hinterhältig und der Gedanke daran, einen kleinen Hasen zu streicheln, verursachte Gänsehautschauer. Die einzigen Haustiere, die ich mir vorstellen kann, sind Fische. Insofern stehe ich Bauernhofgeschichten etwas skeptisch gegenüber. Wie im vorigen Beitrag zu Michel aus Lönnerberga schon erwähnt, hielt sich die Begeisterung für Traktoren bei unserem Sohn, der normalerweise alles liebt, was fährt, bisher ebenso in Grenzen. Auch ihn schien das Thema „Bauernhof“ nicht sonderlich zu interessieren.

Die sehr erfolgreiche Lieselotte-Reihe von Alexander Steffensmeier bedient sich des Bauernhoftrends und knüpft zudem an bewährte Kinderbücher aus Skandinavien an. Die Anleihen bei den „Pettersson und Findus“-Büchern sind meines Erachtens nicht zu übersehen: Hühner spielen eine wichtige Rolle und die Zeichnungen sind sehr detailreich.

So hatte sich bei mir eine sehr kritische  Haltung gegenüber der Reihe eingestellt. „Lieselotte macht Urlaub“ ist nicht der erste Reihentitel, den ich kennen gelernt habe und bisher fand ich die Geschichten immer ein bisschen mau: vor allem die Lösungen der Konflikte schienen mir oft an den Haaren herangezogen. Das für den „Urzeitroboter“ nominierte Buch wirkte auf mich beim ersten Blick darauf auch konventionell, aber dann habe ich mich in den Zeichnungen verloren, die sehr lustig sind. Eines Tages kommt eine Postkarte von ihrem Freund, dem Postboten, bei Lieselotte an. Daraufhin möchte die verrückte Kuh auch Urlaub machen, trabt zur Bushaltestellte und wartete vergeblich auf eine Möglichkeit, den Bauernhof zu verlassen. Eine Wiese daneben kommt dann genauso gut als Urlaubsort in Frage und der Spaß fängt nun richtig an.

Auf meiner Lieblingsseite liegt die Kuh Lieselotte auf ihrer Urlaubswiese und tut Dinge, die man so im Urlaub macht (oder gern machen möchte): in der Sonne liegen, die Natur entdecken, fotografieren, ungewohnte Sachen essen, exotische Tiere entdecken. Die Bewegungen und die Mimik der etwas unbeholfenen Kuh dabei sind köstlich gezeichnet. Bei Alexander Steffensmeier sieht man deutlich, welches humoristische Potential in Bildern und weniger in Sprache steckt. Ich kann mir seine Illustrationen auch ohne Worte sehr gut vorstellen.

Überhaupt ist der Illustrator sehr umtriebig. Buchvorstellungen mit ihm – an einer habe ich im letzten September teilgenommen – sind sehr interessant, denn er gibt spannende Einblicke in seine Arbeit. In einem Blog berichtet er ebenso über die Entstehung seiner Bilder. Da kann man dem Zeichner direkt über die Schulter schauen und ist beeindruckt von der sorgfältigen Recherche und Hingabe mit der seine leichtfüßig wirkenden Bilder entstehen.

Mein Fazit: Trotz des modischen Themas ist die Kuh Lieselotte unverwechselbar. (plus) Der Humor der Bilder basiert größtenteils auf den Unbeholfenheit der Kuh mit menschlichen Zügen. (plus) Wer „Pettersson und Findus“ mag, liegt mit der Lieselotte-Reihe richtig. (neutral)

Alexander Steffensmeier: Lieselotte macht Urlaub. Sauerländer Verlag 2011. ab 3 Jahren. 14,95 Euro.

Schwedische Landidyllen: „Immer dieser Michel“ von Astrid Lindgren

Was für ein komischer Zufall! Wir sind gerade in die Großstadt umgezogen, prompt spaziert uns Michel aus Lönneberga über den Weg und nimmt uns mit in seine schwedische Bauernhofidylle. Neben der Arbeit als U-Bahn-Fahrer geht unser Sohn im Moment somit auch einer Tätigkeit als Feldknecht nach, der ein Roggenfeld aberntet. Das ist ganz neu in seiner Vorstellungswelt. Für Traktoren hat er sich bisher nicht interessiert.

Die Beschreibungen in „Immer dieser Michel“ von Astrid Lindgren sind aber auch zu eingängig: die kleinen roten Häuser, der See, in dem Michel mit Alfred bei Mondschein Krebse fängt, die Fahrten mit der Kutsche oder dem Schlitten nach Mariannelund. Meine Vorstellungen sind, wenn ich diese Passagen lese, natürlich sehr von den Filmen geprägt. Obwohl unser Sohn diese nicht kennt, hat ihn der Text aber auch gefangen genommen. Er liebt die klingenden Personennamen, z.B. der Armenhäusler (Unken Ulla, Salia Amalia), die häufigen Aufzählungen von Gerichten (Blutklöße! – das Buch muss ein Graus sein für Vegetarier) und findet die Anekdoten lustig.

„Immer dieser Michel“ von Astrid Lindgren reiht sich ein in eine Reihe von schwedischen literarischen Werken, die in Deutschland besonders erfolgreich sind. Sie wurden aufgenommen in eine Tradition der idyllischen Verklärung von Landschaften. In Deutschland waren Sie als Gegenbilder zu modernen Großstädten mit Industrieschornsteinen, anonymen Menschenmassen und einer seelenlosen Konsumwelt sehr willkommen. So wurde z.B. Selma Lagerlöfs „Nils Holgerssons Reise“, erschienen 1906, in Deutschland von der so genannten Heimatkunstbewegung, die gegen den „Moloch Berlin“ kämpfte, vereinnahmt. „Immer dieser Michel“ erschien 1963 das erste Mal in Schweden und bedient genauso wie Nils Holgersson das Bedürfnis nach einer heilen, kleinen Naturidylle.

Spannend finde ich an dieser deutschen Schweden-Begeisterung, wie sehr die Texte dabei oft missverstanden wurden. Astrid Lindgrens Bücher wurden z.B. von Verfechtern anti-autoritärer Erziehungskonzepte, gerne als Musterbeispiele für Rebellionen gegen Tradition und Ordnung verstanden. In „Immer dieser Michel“ wird insbesondere die strenge Erziehung des Vaters in Frage gestellt. Gleichzeitig vertritt die Erzählstimme aber ein sehr protestantisches Gesellschaftsbild: Michels Weg führt zu einer angesehenen Position als Gemeinderatspräsident, sein ökonomisches Geschick und Glück wird oft betont, denn er hat ein Händchen für gute Geschäfte. Die Landidylle wird durch große soziale Probleme (Armenhaus, Alkoholismus) getrübt. Diese kleinen Störungen brechen in die Idylle ein und machen sie so interessant. Ohne sie wäre die Landidylle einfach nur kitschig. Und trotzdem ….

Ich fühle mich gerade in der Großstadt ganz wohl und habe selten Sehnsucht nach meinem ländlichen Kindheitsort. Als Mutter mache ich mir ein bisschen Sorgen, dass die Bilder von Landidyllen, verstärkt durch „Michel aus Lönnerberga“ die Eingewöhnung in der großen Stadt etwas verleiden. Demnächst ist also „Karlsson auf dem Dach“ an der Reihe – das spielt nämlich in der Stadt.

P.S.: Noch ein komischer Zufall: Es handelt sich um das erste Astrid-Lindgren-Buch, das wir vorlesen. Vielleicht aber doch kein Zufall, da unser Sohn auch so blond wie Michel ist und öfters Ähnlichkeiten zwischen ihm und der Figur hergestellt werden.

Astrid Lindgren: Immer dieser Michel. Limitierte Sonderausgabe. Oetinger-Verlag 2012. ab 6 Jahren. 9,95 Euro.

Herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag, Biene Maja!

Die Zeichentrickserie kennt wohl jeder, den Titelsong von Karel Gott auch. Aber woher kommen die Geschichten von der Biene Maja? 1912 erschien ein Kinderbuch des ehemaligen Missionskaufmanns, Verlegers, Vagabunden und Autors Waldemar Bonsels, der mit „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“ einen sensationellen Erfolg erzielte. Fortan wurden die Bücher des Schriftstellers vor allem in den 1920er Jahren massenhaft verkauft.

Die Geschichte von der Biene Maja erzählt, wie das frisch geschlüpfte, neugierige und wissensdurstige Insekt sich gegen den Alltag der Honigbienen sträubt und die Welt kennen lernen möchte. Bei ihrem ersten Flug kehrt sie nicht in den Bienenstock zurück, nistet sich in einem Baumloch ein und begegnet verschiedenen anderen Insekten. Schließlich wird sie von Hornissen gefangen genommen, kann sich aber befreien und ihr Bienenvolk vor der Gefahr durch die Hornissen warnen.Der Überfall der Feinde kann durch Majas Warnung abgewehrt werden, die kleine Biene wird zur Beraterin der Königin ernannt.

Über die Qualität dieses Kinderbuchklassikers gibt es sehr kontroverse Meinungen: Viele Leser schätzen das Buch wegen seiner Poesie, den Naturbeschreibungen und seinem pädagogischen Wert, der darin bestehen soll, dass die Begegnungen der Biene Maja mit den anderen Insekten, Gefühle wie Angst, Trauer, Freundschaft, Neugierde sehr lebendig vermitteln. Andere Leser wiederum sehen diesen pädagogischen Wert skeptisch, denn die Geschichte des Ausbruchs der Biene Maja wird am Ende durch ihre Rückkehr in den Bienenstock und ihre Eingliederung in das Volk in sehr konservative Bahnen gelenkt. Außerdem strotzt das Buch, entsprechend seinem Entstehungszeitpunkt, vor nationalistischen Phrasen. In „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“ würde angedeutet, wohin Waldemar Bonsels sich politisch entwickelte: Er schrieb 1943 einen antisemitischen Roman, mit dem er sich den Nationalsozialisten andienen wollte.

Diesem Generalverdacht gegen die „braune Biene Maja“, der von ihrem Autor abgeleitet wird, möchte ich mich nicht anschließen. Dennoch hatte auch ich einige Bedenken bei der Lektüre des „Klassikers“. Denn so zeitlos, wie diese Bezeichnung suggeriert, ist die Geschichte und Sprache des Buchs keinesfalls. Die Beschreibungen der Insekten, Wiesen, Blumen und der Landschaft vermitteln in der Tat einen poetischen Blick auf die Natur, den ich sehr schön fand. Die Dialoge zwischen den Protagonisten erscheinen mir aber schwer verdaulich: der Umgang der Insekten untereinander ist sehr förmlich, Rede und Gegenrede holpern oft, die verhandelten Begriffe und Konzepte sind kompliziert. Auf jeden Fall sollte man nicht von der Zeichentrickserie ausgehend darauf schließen, dass die Geschichten einfach zu verstehen und niedlich wären. Im Gegenteil: Es geht teilweise recht grausam zu und der lustige und gemütliche Freund von Maja, die Honigbiene Willi, wurde auch erst später für die Fernsehserie hinzugedichtet.

Mehr Maulwürfe! „Paula und Paula“ von Roslyn Schwartz

Vor einiger Zeit wurden beim „Sandmännchen“ mehrere Monate lang wöchentlich Episoden mit den Abenteuern der zwei kleinen Maulwürfe „Paula und Paula“ gezeigt, die wir sehr mochten. Die beiden Krabbler und Wühler hatten einen guten Blick für Naturerscheinungen, erklärten natürliche Phänomene, stellten alltagsphilosophische Fragen und zeigten, wie viele Entdeckungen man in der Natur machen kann. Die TV-Cartoons basieren auf den Erzählungen „The Mole Sisters“ der kanadischen Autorin Roslyn Schwartz. Auf englisch gibt es eine Sammlung mit vielen Abenteuern von „Paula und Paula“, leider nicht auf deutsch. Wir warten sehnsüchtig darauf … Normalerweise werden Fernsehformate in den verschiedensten Kanälen vermarktet. Zu jeder Kinderfernsehserie gibt es auch Bücher. Leider nicht von „Paula und Paula“. Warum?

Roslyn Schwartz: The complete adventures of the mole sisters. Annick Press 2004. ab 2 Jahren. 15,99 Euro.