Statt fliegen: Bahn fahren!

leselokIm letzten Beitrag ging es ums Fliegen – heute ums Bahnfahren und das Vorlesen. Wir sind leidenschaftliche Bahnfahrer und haben schon tausende Kilometer in Zügen zurückgelegt. Das Vorlesen gehört immer dazu! Mein persönlicher Rekord liegt bei 60 Seiten aus „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ am Stück während einer fünfeinhalbstündigen Bahnfahrt.

Schon lange brennt mir deshalb ein Artikel über die „Leselok“, das Kindermagazin der Bahn, (hier ein Link zu einer älteren Ausgabe) unter den Nägeln, die wir seit ca. 1,5 Jahren kennen und die unser Sohn sich bei jeder Zugfahrt mit dem ICE im Bordrestaurant holen möchte. Im Restaurant gib es dann meist noch ein Geschenk dazu. Die Marketing-Strategie der Bahn funktioniert in diesem Fall allerbestens. Eis, Smoothies, Buntstifte oder eine Spielzeugeisenbahn haben schon manche Fahrt kurzweiliger gestaltet.

Die Texte in der „Leselok“ muss ich meist mehrere Male vorlesen und oft fand ich die Themen selbst auch ganz interessant: Wie wird ein ICE repariert und modernisiert? Welche Zugtypen gibt es? Was passiert bei den Zugüberprüfungen in den Eisenbahnwerkstätten? Da überdeckte meine Freude über den Wissenszuwachs das dumpfe Gefühl der Manipulation meines Kindes (die ich als Elternteil auszubaden habe, wenn mein Kind quengelnd im Supermarkt vor dem Smoothies-Regal steht).

In der letzten Ausgabe (02/2013 – Titel: „Bahn frei für Kinder“) wurde es mir dann aber ein bisschen zu viel: Im Artikel über die Zugbegleiterin ging es zu einem großen Teil darum, was man alles im ICE kaufen kann – es gibt nämlich jetzt ein Kindermenü im Bordbistro. Ich selbst habe noch nie etwas im Bordrestaurant gegessen – da schrillen bei mir alle Zu-Teuer-Alarmglocken auf einmal, das liegt außerhalb meines geistigen und finanziellen Horizonts. Im Zug hat man doch sein Proviant dabei! Und so kam ich mir reichlich merkwürdig vor beim Vorlesen und die Werbung fürs Kindermenü habe ich mit dem Arm immer abgedeckt, damit mein Sohn nicht auf „dumme Gedanken“ kommt.

Dafür machte die Leseprobe mir ausnahmsweise mal wirklich Lust auf ein Buch: „Sommer ist barfuß“ von Anna Herzog mit prima Illustrationen von Susanne Göhlich erschien mir witzig und interessant. Sehr schön fand ich auch den Comic mit dem kleinen ICE, den es zum ersten Mal gab. So kann es weitergehen mit der „Leselok“ – ohne zu viel Konsumierungs- und Eigenwerbung, die nervt. Denn eigentlich ist das Bahnfahren an sich ja schon schön genug, bei unserem Sohn muss man dafür keine Werbung mehr machen.

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Vorlesekapitulation?: „Urmel aus dem Eis“ von Max Kruse

Vor kurzem isurmelt der Kinderbuchklassiker „Urmel aus dem Eis“ zu uns gekommen und mutigerweise habe ich mich Hals über Kopf ins Vorlesen gestürzt. Und dann musste ich feststellen: Was für eine schwierige Aufgabe! Dieses Buch halbwegs adäquat vorzulesen, ist mir fast umöglich. Warum?

Hier der Hintergrund der Handlung: Auf der Insel Titiwu leben Professor Habakuk Tibatong, viele Tiere und Tim Tintenkleks glücklich und zufrieden. Das Schwein Wutz führt den Haushalt. Alle Tiere gehen freiwillig in die Sprachschule des Professors – doch alle haben ihre unverkennbare, individuelle Sprechweise. Der Waran Wawa lebt in einer Muschel am Strand von Titiwu. Er hat Probleme mit dem z und sagt stattdessen immer tsch. Ping, ein Pinguin, ist neidisch auf Wawas Muschel und möchte gerne auch eine haben. Sein Sprachproblem ist das sch; er sagt stattdessen pf – so streitet er sich mit Wawa um die „Mupfel“. Daneben gibt es Schusch, den Schuhschnabel, der ä statt dem i setzt. Außerdem ist da noch Seele-Fant, ein See-Elefant, der gerne und oft traurige Lieder singt. Wegen seines Sprachfehlers, statt einem i und e ein ö zu singen, klingt sein Lieblingslied so: „Öch weiß nöcht, was soll ös bedeuten …“

Diese individuellen Sprechweisen sind eine echte Herausforderung für mich als Vorleserin, sie verursachen mir Knoten in der Zunge. Ich habe das Gefühl, man muss den Tierstimmen einen bestimmten Klang geben, um ihre Sprache vorlesen zu können – ich bin allerdings nicht besonders begabt im Stimmen- und Spracheimitieren. Da ich zur Zeit Deutsch als Fremdsprache unterrichte, werde ich öfters nach deutschen Dialekten gefragt. Mein „Kölsch“, „Sächsisch“ oder „Bayrisch“ klingt dann aber immer sehr sehr ungelenk und noch irgendwie sehr hochdeutsch. Genauso geht es mir mit der Variation von Stimmen in Vorlesetexten. Alles klingt mehr oder weniger gleich und ich habe das Gefühl, ich stottere und stammle.

Dabei finde ich die Idee mit den Sprachfehlern sehr einleuchtend und kindgerecht. So können sich die kleinen Sprachlerner, die oft selbst noch manche Laute nicht standardsprachengerecht bilden, gut wiedererkennen. Und lustig sind diese Sprachfehler natürlich auch. Allerdings machen sie mir ein bisschen Probleme beim Verständnis der Geschichte. Vor lauter Zungenverknotung bekomme ich oft nicht mit, was denn eigentlich passiert im Text.

Daher habe ich mir mal eine Zusammenfassung gesucht, die ich euch nicht vorenthalten möchte: Eines Tages schmilzt ein angeschwemmter Eisblock und ein Urmel-Ei wird freilegt. Gemeinsam brüten die Tiere von Titiwu das Urmel aus. Leichtfertig teilt der Professor Habakuk Tibatong per Flaschenpost der Welt mit, dass es Urmels gibt. Das ruft König Futsch, der in der Demokratie eigentlich kein König mehr ist, auf den Plan. Er will das Urmel fangen und in sein Königreich tot oder lebendig bringen. Allerhand Aufregung und Turbulenz folgen.

Die Inhalte der Geschichte finde ich schon ganz spannend. Ein König, der eigentlich kein König mehr ist? Ein Forscher, dessen Forschungsergebnisse nicht anerkannt werden? Was hat das wohl zu bedeuten? Um diese Fragen zu beantworten, muss ich mich aber wohl noch einige Male durch die Sprachfehler durcharbeiten. Mal sehen, ob unser Sohn da mitmacht. Oder ob ich doch auf die Zeichentrickversion – oder auf die Augsburger Puppenkiste – oder auf ein Hörbuch mit Dirk Bach ausweiche?

Max Kruse: Urmel aus dem Eis. Thienemann-Verlag 1995. ab 8 Jahren. 9,95 Euro.

Vorankündigungen: „Kiebich und Dutz“ in Frankfurt und Buchmesse in Leipzig

Vor einiger Zeit habe ich über meine Entdeckung des Theaterstücks (und des dazugehörigen Buchs und Films) „Kiebich und Dutz“ von F.K. Waechter berichtet. Bei meinen Recherchen bin ich auch auf den Spielplan des Schauspiels Frankfurt gestoßen. Dort wurde das Stück in einer Inszenierung von Lily Sykes angekündigt, gestern war die Premiere. Die Szenenfotos sehen sehr bunt aus. Ich würde es selbst so gern sehen, habe aber in den nächsten Monaten wahrscheinlich keine Zeit für den weiten Weg nach Hessen. Über Eindrücke und Berichte von Besuchern würde ich mich riesig freuen!

Nach Frankfurt schaffe ich es nicht, aber nach Leipzig! Am nächsten Donnerstag ist es so weit und ich habe zwei sehr beschäftigte Tage vor mir. Es stehen jede Menge interessante kinderliterarisches Programmpunkte auf meinem Plan und ich freue mich auf viele neue Entdeckungen, über die ich natürlich im Blog berichten werde.

Fünf Strategien zum Umgang mit dem „Kokosnuss“-Phänomen (und wie sie wirken)

kokosnuss weihnachtsmannIch leide gerade Höllenqualen. Aus dem Kindergarten wurde der „Kokosnuss-Bazillus“ bei uns eingeschleppt und es ist noch furchtbarer als ich befüchtet hatte.

Bei einer Lesung in Gießen hatte ich die Reihe vom kleinen Drachen Kokosnuss von Ingo Siegner schon kennen gelernt und war nicht begeistert. Zu holzschnittartig erschienen mir die Figuren, zu baukastenprinzipmäßig die einzelnen Geschichten. Ich habe nicht verstanden, warum die Reihe so erfolgreich ist. Damals war unser Sohn 2,5 Jahre alt und fand die Lesung genauso langweilig wie ich.

Nun ist es aber soweit, dass der kleine Bücherfreund leider Gefallen gefunden hat an dem kleinen roten Drachen und zwar ziemlich intensiv. Was soll ich tun als bildungsbeflissene Mama, die mit Unterhaltungskultur nicht so viel anfangen kann? In den letzten Wochen habe ich fünf Strategien entwickelt, um dem Phänomen zu begegnen. Sie funktionieren mehr oder weniger gut.

1) Entspannung durch Erinnerung an die eigene Kindheit: Der Gedanke an Parallelen zu anderen Kinderserien hilft mir sehr. Ich habe selbst recht viel „Benjamin Blümchen“-Geschichten gehört, die ja auch nicht unbedingt zur Hochkultur zu zählen sind. Aber ob sie so stereotyp aufgebaut waren?

2) Bücher nur aus der Bibliothek ausleihen: Diese Strategie entlastet ungemein. Man hat die Bände nicht im Bücherregal stehen und die Auswahl bleibt natürlicherweise eingeschränkt. Aufgrund der großen Nachfrage in den Bibliotheken hat man auch immer wieder eine gute Ausrede: Schade, alle Bücher ausgeliehen!

3) Unlust zum Vorlesen ausdrücken, Ablenkung und andere Lieblingsbücher hervorholen: Funktioniert leider gar nicht, bzw. nur sehr kurzfristig. Zum einen lese ich zu gern vor, als dass ich den kleinen Bücherfreund ständig vertrösten wollte. Seine Bücherfreude soll ja auch nicht getrübt werden. Zum anderen ist seine Neugier auf die Kokosnuss-Geschichten einfach zu groß, als dass andere Bücher gerade von großem Interesse wären.

4) Argumente sammeln und mit dem Kind diskutieren: Tröstlich ist der Gedanke, dass die Auseinandersetzung mit schlechter Literatur die Kritikkompetenz und Analysefähigkeit schult. Ich fasse meine Kritikpunkte zusammen (monotone Wortwahl, unlogische Geschichten mit unmotivierten Wendungen, platte Botschaften) und der kleine Drachenfreund versteht davon überhaupt nichts …

5) Verbesserungsvorschläge sammeln: Aus einer solchen kleinen Diskussion entwickelte sich neulich dennoch eine lustige Situation. Ich erklärte, dass ich den Namen Kokosnuss für einen kleinen roten Drachen blöd finde (Kokosnüsse sind braun, rund, hart, hängen an Bäumen – der Drachen ist rot, überhaupt nicht rund, kann fliegen) – was für meinem Sohn durchaus nachvollziehbar war. Daraufhin machten wir uns auf die lustige Suche nach einem anderen Namen. Wir hatten sehr viel Spaß dabei und sind auch fündig geworden. Wir würden Kokosnuss gerne umbenennen in „Feurich“.

Wenn der Autor sich auf diesen Vorschlag einlässt und gemeinsam mit dem Lektor noch nach Variationen zum Verb „sagen“ als Redeausleitung in Dialogen sucht, sind meine schlimmsten Höllenqualen fürs Erste gelindert. So richtig froh bin ich aber erst, wenn wir es endlich schaffen, zu „Winnie, the Puh“ im englischen Original, weiterzugehen.

Ingo Siegner: Der kleine Drache Kokosnuss besucht den Weihnachtsmann. cbj Verlag 2006. ab 6 Jahren. 7,99 Euro.

Noch mehr Nostalgie: Märchen und Geschichten auf Diarollfilmen

Diese Galerie enthält 2 Fotos.

Ein nicht unwesentlicher Aspekt im Leben mit Kindern besteht darin, dass man eigene Kindheitserlebnisse wiederholen kann. Und das gilt insbesondere auch für das Vorlesen von Geschichten, wovon hier im Blog ja schon oft die Rede war. Ein Erlebnis, das meine Kindheit stark geprägt hat, waren sonntägliche Kinoabende mit Märchen auf Diarollfilmen. Besonders wenn es abends … Weiterlesen

Zwei Mal Kamishibai in Neukölln

Ende August hatte ich hier ein kleines Experiment angekündigt: Eine Freundin und ich, wir haben in Berlin-Neukölln einen Kamishibai-Workshop vorbereitet. Wir haben ein Theater gebastelt, eine Geschichte geschrieben und illustriert. Im Zuge unserer „Werbemaßnahmen“ zum Erzählnachmittag ergab sich spontan der Kontakt zur Pfarrerin der Genezareth-Kirche in Neukölln, die uns zum „Nachbarschaftsfest ‚WortReich‘ des interkulturellen Zentrum Genezareth“ einlud.

Diese Einladung nahmen wir gerne an und fanden uns am Freitag, 07. September auf dem Herrfurthplatz wieder, mit einem recht großen Stand und unserem kleinen Theater. Zuerst kamen wir uns ein bisschen verloren vor. Die anderen Stände boten jede Menge Sprachspiele, Bücher, Bilder und vor allem Süßigkeiten. Da kam uns unser Angebot nicht ganz konkurrenzfähig vor. Dann wurden wir jedoch sehr überrascht: Unsere Idee, die Kinder Bilder malen zu lassen, sie im Theater zu zeigen und zu erzählen, was darauf passiert, funktionierte nämlich prächtig. Ganz ohne Süßigkeiten! Wir sammelten so jede Menge schöne Bilder und Geschichten von Mondraketen, Fußballspielen, um die Welt reisenden Drachen, Sonnen in verschiedenen Farben und Autos. An den Themen seht ihr schon, dass vor allem Jungs bei unserem kleinen Theater vorbeikamen.

Der Stand beim Gemeindefest war also eine sehr gute Vorbereitung für unseren Workshop im Kulturcafé Fincan am Sonntag. Hier war unsere Teilnehmerzahl etwas kleiner, dafür waren die beiden Besucherinnen Merle und Hanna umso engagierter und begabter. Es klappte wunderbar, mit den beiden eine Geschichte zu entwickeln, Bilder dazu zu malen und das Ganze in Worte zu kleiden. Zwei Stunden arbeiteten wir konzentriert zusammen, bis wir uns eine Stärkung mit Kuchen und Tee verdient hatten. Den Höhepunkt des Nachmittags stellte die Aufführung der Geschichte vor den Eltern dar, die die beiden Kamishibai-Erzählerinnen wunderbar bewältigten.

Nun überlegen wir, ob und wie wir unseren Kamishibai-Erzählnachmittag verstetigen, wo und wie wir evtl. mit Grundschulen zusammenarbeiten, wo und wie wir finanzielle Unterstützung für unsere Materialkosten herbekommen. Der erste Probedurchgang des Experiments war also ganz erfolgreich, nun basteln wir an einer Fortsetzung, denn Kamishibai ist wirklich spannend.

Bilderbuchtage Gießen

Da ich im letzten Beitrag meine Verbindung zu Gießen herausgestellt habe, gleich noch ein Veranstaltungstipp hinterher: Vom 27.08. bis 09.09.2012 finden dort die  so genannten Bilderbuchtage statt – eine sehr schöne Veranstaltungsreihe mit Lesungen und Vorträgen für die ganze Familie.

Als Highlight kann ich die Eröffnung mit der Autorin und Illustratorin Ute Krause in der Stadtbibliothek empfehlen. Ihr Buch „Wann gehen die wieder?“ und die Mini-Fernsehserie „Luzie und die Moffels“, die beim Sandmännchen gezeigt wird, gefallen mir ganz gut. Ihre Illustrationen sind in einer Ausstellung zu sehen.

Lustig wird bestimmt auch die Lesung aus „Cowboy Klaus und das pupsende Pony“, einem derzeitigen Renner auf dem Kinderbuchmarkt.

Hier gibt es das ganze Programm der Bilderbuchtage mit allen Lesungen und genauen Informationen.

Kinderbücher aus aller Welt. Eine neue Reihe im Blog

Ich habe selbst zwei Mal längere Zeit im Ausland gelebt. Ich bin sehr gerne in andere Kulturen eingetaucht, die natürlich in Büchern ideal präsentiert werden. Besonders spannend stelle ich es mir vor, mit einem kleinen Kind im Ausland zu leben.

Um etwas über dieses Leben und die Welt der Kinderbücher in anderen Ländern zu erfahren, möchte ich gerne eine kleine Reihe ins Leben rufen. Ich möchte über Eltern berichten, die im Ausland leben und von ihren Erfahrungen mit fremdsprachigen Kinderbüchern erzählen. Ein paar Anknüpfungspunkte habe ich schon, würde mich aber sehr freuen, wenn sich noch Leser des Blogs bei mir melden würden.

Also: Falls ihr gerade im Ausland lebt, schreibt mir, welche Bücher des Gastlandes ihr euren Kindern vorlest, welche Beobachtungen ihr zur Kinderliteratur, besonderen Titeln, Vorlesegewohnheiten bei einheimischen Familien und in Betreuungseinrichtungen gemacht habt. Zusammen mit euch würde ich dann gerne Beiträge erarbeiten. Wie so ein Beitrag aussehen kann, erfahrt ihr in den nächsten Tagen am Beispiel eines Berichts über japanische Kinderbücher. Ich freue mich sehr über eure Rückmeldungen!

Wie das Vorlesen mein Verständnis von Literatur verändert

Ich schreibe nicht nur in meinem Kinderbuchblog, sondern arbeite ab und zu auch bei einem Blog für Erwachsenenliteratur mit. Er heißt „leserleben“ und vor kurzem erschien dort ein Beitrag mit dem Titel „Gedanken einer unperfekten Leserin“, auf den ich geantwortet habe. Da diese Antwort das Vorlesen thematisiert, nehme ich den Artikel hier auf.

„Ja, ich bin eine professionelle Leserin. Ich habe Literaturwissenschaft studiert, sogar in diesem Fach promoviert, unzählige Romane, Gedichte, Erzählungen, Essays und anderes gelesen und damit gearbeitet. Einige Texte waren wichtig für meine wissenschaftliche Beschäftigung mit Literatur – „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin zum Beispiel oder „Peter Schlehmils wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso – und ich habe sie dementsprechend sehr oft gelesen. Welche Augenfarbe Franz Biberkopf hat, weiß ich aber immer noch nicht.

Meine Motivation, Literaturwissenschaft zu lernen, lag genau in dem Gefühl, das du beschreibst, liebe Anne – eine unperfekte Leserin zu sein und es gerne besser zu machen. Das Studium und die Promotion konnten mich diesem Ziel jedoch nicht wirklich näher bringen. Erstens haben mich andere Bereiche interessiert als das so genannte close reading – was das Ziel hat, so tief in ein Werk einzusteigen, das man jedes Detail kennt und es mit Bedeutung füllen kann. Ich fand immer eher den Zusammenhang von Literatur und Gesellschaft spannend. Zweitens lernt man dieses sehr genaue Lesen auch nicht im Studium. Dafür ist die Zeit für die einzelnen Werke immer viel zu knapp (oder meine Gehirnkapazität zu beschränkt). Die Beschäftigung mit der Literaturgeschichte verführt eher zum „Bulimie“-Lesen. Man hat immer das Gefühl, nicht genug zu kennen und gelesen zu haben. In jedem Zeitabschnitt gibt es unzählige neue Werke und Autoren zu entdecken. Man vergisst dabei jedoch vieles, weil auch die meisten Texte es nicht wert sind, dass man sie wieder und wieder liest.

Im Studium und in der Promotion habe ich gelernt, wie man über Bücher sprechen und schreiben kann, mit welchen Worten man einfangen kann, was auf den Seiten passiert. Welche Bedeutung dieses Geschehen aber für mich als subjektive Leserin hat, die in Literatur immer auch ein Stück Lebensweisheit sucht, damit sie klüger in ihrem eigenen Leben handelt, das habe ich erst seit kurzem entdeckt, durch das Vorlesen. Bei diesem täglichen Ritual passiert so vieles Erstaunliches und es vermittelt mir so viele Erkenntnisse, nach denen ich schon lange gesucht habe. Da mein Zuhörer die gleichen Texte wieder und wieder verlangt, kenne ich diese inzwischen schon sehr gut. Der kleine Zuhörer kennt sie jedoch meistens noch besser.

Ich bin immer wieder erstaunt, wieviele neue Dinge man aus einem eigentlich schon bekannten Text erfährt. Wahrscheinlich hängt das mit der Wahrnehmung zusammen, die sehr stimmungsabhängig ist und sich ständig ändert. Das tägliche Ritual erlaubt immer neue Sichtweisen auf die Geschichten – je nachdem, ob ich gerade traurig, fröhlich, wütend, müde, aufgeregt oder genervt bin – das Vorlesen gehört zum Tagesablauf. Die eigenen Gefühlsregungen schlagen sich ja auch in der Stimme nieder. Diese lernt man beim Vorlesen ziemlich genau kennen und wundert sich, welche verschiedenen Klangfarben sie annehmen kann, am Abend, am Nachmittag, am Morgen. Und so verändern sich dann auch die Texte. Das Spannende an der Kinderliteratur ist meines Erachtens hierbei auch, dass diese so offen ist für verschiedenen Deutungen. Die Ideen und Werte sind nicht versteckt hinter Bergen von Wörtern, sie liegen meist klar und deutlich vor dem Leser und müssen nicht so mühsam herausgearbeitet werden. Das erleichtert das Nachdenken darüber und macht Perspektivenwechsel einfacher.

Ich habe Literaturwissenschaft studiert, weil ich fasziniert war vom Medium Buch und wissen wollte, wie man Literatur verstehen kann. In der Beschäftigung mit Zahlen, Fakten und Entwicklungen von Epochen, Werken und Autoren wurde mein Zugang zu Literatur aber verschüttet. Bücher sind mir fremd geworden. Erst durch das Vorlesen weiß ich wieder, was mir literarische Texte bedeuten. Dass ich darin nämlich Antworten auf Fragen, Hilfe in bestimmten Lebenssituationen und ein Werkzeug zum Verständnis der Welt finden kann. Bücher unterstützten mich nun wieder dabei, „bewusst“ zu werden.“

Dialoge vorlesen – eine Kunst für sich: Pettersson-und-Findus-Bücher von Sven Nordquist

Ein weihnachtliches Vorlesebuch ist bei uns im Moment „Pettersson kriegt Weihnachtsbesuch“ von Sven Nordquist. Die Reihe der Pettersson-und-Findus-Bücher ist sehr bekannt und beliebt. Mich überzeugen die Geschichten aber nicht so wirklich. Beim Vorlesen des Bandes „Aufruhr im Gemüsebeet“, den wir immer mal wieder zur Hand nehmen, sind mir zwei Probleme aufgefallen, die mein Unbehagen in Worte fassen.

Die Geschichten von Pettersson und Findus enthalten oft recht viele  und anspruchsvolle Dialoge mit mehreren Rednern, was ich irgendwie anstrengend finde. Ich bin keine besonders expressive Vorleserin, die gut Stimmen nachahmen kann. Ich bemühe mich zwar, den Figuren verschiedene Tonarten zu geben, was mal mehr, mal weniger gut gelingt. Je nach Tagesform werden die Dialoge dann halbwegs lebendig oder ziemlich farblos. Mein Sohn hat sich noch nicht darüber beschwert, aber mich wurmt es so, dass ich Texte mit weniger wörtlicher Rede bevorzuge.

Nun könnte man natürlich auf Hörbuch-Versionen zurückgreifen, die es zu den Pettersson-und-Findus-Geschichten auch gibt. Aber dann fehlen die Illustrationen, die den eigentlichen Reiz der Bücher ausmachen. Ich glaube, ich möchte meinem Kind nicht beibringen, ein Buch anzuschauen und dabei einem Hörbuch zu lauschen.Das erscheint mir als eine absolut künstliche Situation.

Die vielen Dialoge erschweren nicht nur das Vorlesen, sondern auch das Nacherzählen. In unserem Alltag kommen häufig kleine Geschichten vor, die bei sich steigernden Trotzanfällen Ablenkung bieten oder Langeweile vertreiben und Wartezeiten verkürzen. Oft erzähle ich dann Bücher nach, aus denen wir vorgelesen haben. Wenn eine Geschichte aus vielen Dialogen besteht, wird das Nacherzählen aber ganz schön schwierig. Dabei ist mein Sohn dann eindeutig im Vorteil, denn er kann sich einzelne Stellen so gut merken, dass er sie auswendig wiedergeben kann. Er rezitiert die Dialoge und ich staune über die Merkfähigkeit dreijähriger Sprachlernkünstler.

Sven Nordquist: Aufruhr im Gemüsebeet. Oetinger 1991. ab 4 Jahren. 12,00 Euro.

Sven Nordquist: Pettersson kriegt Weihnachtsbesuch. Oetinger 1989. ab 4 Jahren. 12,00 Euro.