Theater, Comic, Lied, Film – eine Mediencollage aus der Vor-Internet-Zeit: „Kiebich und Dutz“ von Friedrich Karl Waechter

Eine kleine Anekdote vorweg: Ich habe das Buch in einem Antiquariat entdeckt. Die Buchhändlerin fragte mich, warum ich das Buch kaufen würde. Ich erzählte ihr von meinem Interesse für historische Kinderbücher. Sie meinte dann zu mir, sie hätte geahnt, dass dieses Buch niemand für seine Kinder kaufen würde. Und sie hat Recht: Dieses Buch einem Kind zu vermitteln, ist wahrscheinlich eine schwierige Aufgabe, denn es ist sehr historisch und hat nicht mehr viel mit unserer heutigen Medienrealität zu tun. Vielleicht finde ich doch noch eine Verwendung für meinen Sohn, denn die Geschichte gefällt mir sehr gut. Außerdem hat sie mein literaturwissenschaftliches Interesse inspiriert und mir einige aufregende Entdeckungen beschert.

Aber nun der Reihe nach: „Kiebich und Dutz“ ist eigentlich ein Theaterstück. Es hatte seine Uraufführung 1979 im Frankfurter Schauspielhaus. Aus dem Stücktext, Fotos vom Bühnengeschehen, Zeichnungen und einem Comic von F.K. Wächter sowie Noten ist eine Collage, eine intermediales Gesamtkunstwerk in Buchform, entstanden und ebenso 1979 erschienen. Von dieser Medienmischung war ich beim ersten Mal Lesen und Schauen komplett erschlagen. Ich hatte den Eindruck, es handelte sich um eine sehr, sehr komplizierte Geschichte, die schwer verständlich sei. Erst langsam dröselte sich für mich die Collage auf und fügte sich zu einem Gesamtbild.

Die beiden Freunde Kiebich und Dutz leben in einem Kasten. Kiebich liest in einem Comic mit dem Titel „Rakis Reise in die Welt“ und ist begeistert von der Geschichte. Er beschließt, ebenso wie der Held, Abenteuer in der Welt außerhalb des Kastens zu erleben. Er möchte gerne seinen Freund Dutz mitnehmen, doch der hat zu viel Angst und bleibt lieber in seinem kuscheligen Kissenberg versteckt. Kiebich macht sich allein auf den Weg und begegnet zuerst einem Reklamepfeil, der anzeigt, dass in Dr. Potters Gruselbahn ein Einlasskontrolleur gesucht wird. Kiebich lässt sich auf dieses Angebot ein und gerät in die Fänge des ausbeuterischen Dr. Potter, der totale Kontrolle über seinen Angestellten ausüben will. Kiebich möchte ausbrechen aus seiner stumpfen Tätigkeit und der Herrschaft des Dr. Potter, verstrickt sich aber immer mehr und wird schließlich seiner Augen und Ohren beraubt. Sein Freund Dutz spürt, dass es Kiebich schlecht geht und er macht sich auf den Weg, ihn zu suchen. Bald gelangt er zu Dr. Potters Gruselbahn, kann den Schurken besiegen und Kiebich befreien.

Es geht also vorrangig darum, wie die beiden Freunde Kiebich und Dutz die Welt entdecken. Die beiden sind sehr unterschiedlich: Kiebich ist neugierig, mutig, fast ein bisschen zu ungestüm. Dutz ist ängstlich, gemütlich und sehr herzlich. Insbesondere Dutz entwickelt sich im Laufe der Geschichte sehr stark weiter: Er wird mutiger und erobert langsam die Welt. Mit ihm erlebt man als Leser und Zuschauer die Entwicklungsetappen eines Kindes. Kiebich hingegen hat die Rolle des Erziehers inne, der seinem Schützling die Welt zeigt. Am Ende kehren sich die Aufgaben der beiden um, denn Dutz befreit Kiebich. Damit enthält das Stück schöne Botschaften, die auch sehr präzise und explizit formuliert sind. Die Beschreibung der Freundschaft der beiden Geschöpfe, die im Laufe der Geschichte Höhen und Tiefen erlebt und am Ende als enges Band erscheint, regt zum Nachdenken über Freunde an. Das Motiv des Hinausziehens in die Welt, die erst einmal nur im Kopf und in einem Comic existiert, thematisiert das Verhältnis von Medien und Realität. Im Stück heißt es: „Ein Buch ist ein Buch, aber die Welt ist die Welt“.

Vertieft wird diese medienkritische Haltung in einem Film, der 1987 nach der Vorlage des Theaterstücks mit den Schauspielern aus dem Stück (Michael Altmann und Heinz Kraehkamp) gedreht wurde. Im Film gerät Kiebich nicht durch eine bedrohliche und kontrollierende Arbeitswelt in Gefahr, sondern durch eine Musikmaschine. Diese verführt ihn durch ihre geheimnisvollen Töne auf „Knopfdruck“ und verschlingt ihn mit Haut und Haaren. So wird die im Stück angedeutete Medienkritik noch deutlicher und zwar in einem stärker technisierten Medium als es das Theater ist. Diese Wendung hat mich sehr überrascht, denn sie scheint mir paradox.

Ich bin neugierig, was das Schauspiel Frankfurt aus diesen beiden Lesarten und dem großartigen Kindermedienexperiment von F.K. Waechter macht. Zufälligerweise steht „Kiebich und Dutz“ im Frühjahr 2013 dort auf dem Spielplan.

Friedrich Karl Waechter: Kiebich und Dutz. Mit Fotos von Rainer Drexel und Zeichnungen von Friedrich Karl Waechter. Diogenes Verlag 1979. ab 6 Jahren. Nur noch antiquarisch erhältlich.

Hier gibt es nähere Informationen zum Film.

Und hier die Ankündigung auf dem Spielplan des Frankfurter Schauspiels. Falls ihr irgendwo weitere Aufführungen angekündigt findet, würde ich mich sehr über Hinweise dazu freuen.

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Meine Top 3 für den „Urzeitroboter“

Nun musste ich meine Entscheidung recht schnell fällen, denn die Redaktion der „Brigtte Mom“ hat die Deadline für den Urzeitroboter einfach kurzerhand um zwei Wochen nach vorne verlegt. Aber eigentlich hatten sich meine Favoriten ja schon schnell herauskristallisiert. Hier sind meine Top 3:

3 Punkte – Alexis Deacon und Viviane Schwarz: Sieben Hamster. Wie wir das Meer überquerten, den Berg bestiegen, die Wüste überlebten – und ein neues Zuhause fanden. Gerstenberg Verlag 2011. ab 3 Jahren. 12,95 Euro.

2 Punkte – Anke Kuhl und Martin Schmitz-Kuhl: Alle Kinder. Ein ABC der Schadenfreude. Klett Kinderbuch 2011. ab 6 Jahren. 12,90 Euro.

1 Punkt – Die Krickelkrakels: Das bewegte Buch. Oetinger Verlag 2011. ab 4 Jahren. 12,95 Euro.

Am 05. September werden dann die Sieger des Preises bekannt gegeben. Ich bin sehr neugierig, wie sich die anderen Jurymitglieder entschieden haben.

Nochmal Japan: Erzählkunst

Neben den Eisenbahnbüchern machte mich meine Freundin in Japan noch auf ein weiteres kulturelles Phänomen aufmerksam, das in der japanischen Kinderliteratur und Populärkultur eine Rolle spielt und mich sehr fasziniert hat: das Kamishibai, japanisches Papiertheater.

Entstanden ist diese Form des öffentlichen Theaters zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Süßigkeitenverkäufer fuhren mit dem Fahrrad durch die Dörfer und Städte. Auf dem Gepäckträger war ein Holzrahmen befestigt, in die er die Geschichtstafeln einlegte und seine Geschichten vortrug. Mit einem Bühnenmodell aus Holz entsteht so eine angeleitete gesellige Form des Erzählens, in dem eine kindorientierte Geschichte in szenischer Abfolge von Bildern präsentiert wird. Die Vorstellung war jeweils kostenlos, den Unterhalt verdiente sich der Erzähler mit dem Verkauf von Süßigkeiten.

Mit der Einführung des Fernsehens verschwand diese Kunst des Erzählens. In Deutschland setzen es GrunschullehrerInnen und ErzieherInnen heute manchmal ein, um das Geschichtenerzählen zu fördern. Insbesondere Märchenerzählungen können so durch Bilder ergänzt werden. Es gibt auch bei uns Kamishibai-Rahmen und Bildkarten zu kaufen.

In Allen Says Geschichte „Kamishibai Man“ wird von einem alten Mann berichtet, der früher als Kamishibai-Erzähler seinen Lebensunterhalt verdiente. Er denkt voller Melancholie an sein früheres Leben und beschließt, noch einmal als Kamishibai-Erzähler in die Stadt zu fahren. Dabei macht er erstaunliche Entdeckungen. Leider wurde dieses Buch noch nicht ins Deutsche übersetzt. Ich bin aber sehr neugierig darauf und werde es mir noch anschauen. Und außerdem würde ich sehr gerne mal ein Kamishibai ausprobieren. Aber damit warte ich lieber noch bis die Tage kürzer, die Abende länger und die Sonntage richtig verregnet werden …

Allen Say: Kamishibai Man. Houghton Mifflin Verlag 2005. ab 4 Jahren. 13,20 Euro.

Unser Bücherparadies wäre … Japan: Jede Menge Eisenbahnbücher

Eine Freundin aus Frankreich lebt gerade in Japan. Sie hat sich in der dortigen französischen Community umgehört und eine Mutter getroffen, die von ihren Kinderbucherfahrungen erzählt hat. Hier ihr Bericht (mit fiktiven Namen):

Catherine und Pierre (6 Jahre) lesen meist französische Kinderbücher vor, obwohl Pierre  in den japanischen Kindergarten geht und bald die Grundschule in Kyoto besuchen wird. Für Catherine ist es schwierig, japanische Kinderbücher vorzulesen, weil es nicht ihre Muttersprache ist. Sie meint, wenn sie stottert oder stammelt, ist Pierre gleich nicht mehr am Buch interessiert. Trotzdem haben sie auch japanische Bücher in ihrem Regal, die ihnen gut gefallen. Und das sind – sehr zu unserer Freude – vor allem Eisenbahnbücher! Da das Zugsystem in Japan mindestens genauso gut ausgebaut ist wie in Deutschland, scheint dieses Genre dort recht weit verbreitet zu sein und die Ästhetik der Bücher gefällt mir sehr gut. Aber seht selbst, denn meine Freundin hat uns ein ganz tolles Exemplar geschenkt, von dem ich sehr begeistert bin:

でんしゃでいこう Densha de ikoo („Fahren wir mit dem Zug!“) von Masae Naokata (Hisakata Verlag, 2001) — ab 3 Jahren. Das Buch gefällt mir, ohne dass ich seinen Text kenne. Ich muss noch eine Japanerin / einen Japaner in Berlin finden, die / der uns das Buch übersetzt. Es kann in beide Richtungen gelesen werden und somit fällt nicht besonders auf, dass japanische Bücher eigentlich von hinten nach vorne gelesen werden. Das Buch imitiert eine Zugstrecke, der Zug fährt immer hin und zurück. Mein Sohn liebt diese Vorhersehbarkeit der Ereignisse und mag es außerdem sehr, Linien mit dem Finger nachzufahren, was bei diesem Buch sehr gut möglich ist. Catherine meint, dass der Text ziemlich einfach auf Japanisch vorzulesen ist, da es viele Lautmalereien wie „de-de-do-do“ gibt. Interessant ist übrigens auch, dass jeder Zug in Japan sein eigenes Geräusch macht – in Frankreich machen alle Züge „tchou-tchou“, in Deutschland „tsch-tsch-tsch“! Der Zug in dieser Geschichte fährt durch japanische Landschaften und die vier Jahreszeiten. Kleine Fenster sind aufgeschnitten für Tunnel! Die Tunneldurchfahrten strukturieren die Seiten und bereiten die Ausblicke auf die Landschaften vor. Die Landschaftsbilder erinnern an den berühmten, traditionellen japanischen Maler Hokusai. Die Figuren, die als Passagiere im Zug mitreisen, haben hingegen etwas Comichaftes im Stil von Hergé an sich. Mein Sohn und ich, wir hatten jedenfalls schon von viel Freude mit diesem japanischen Bücherschatz und meiner Meinung nach fehlt ein solches Buch auf dem deutschen Kinderbüchermarkt!

Catherine und Pierre haben noch weitere Zug- und Verkehrsbücher in ihrem Bücherregal, die ich euch auch gerne noch vorstellen möchte:

カンカンカンでんしゃがくるよ Kan-kan densha ga kuruyo („Kan-kan, hier kommt der Zug!“) von Mitsuo Tsuda (Shin Nihon Shuppansha Verlag, 1990) — ab 3 Jahren. Noch eine Zuggeschichte! Zwei Freunde, ein Elefant und ein Kaninchen stehen am Bahnübergang und verschiedene Züge (nochmal mit unterschiedlichen Geräuschen) fahren vorüber.

うみへいくピン・ポン・バス Umi eku ping-pong bassu („Die Ping-Pongs fahren nach Umi mit dem Bus“) von Fumiko Takeshita (Text) und Mamoru Suzuki (Bilder) (Kaiseisha Verlag, 2004) — ab 3 Jahren. Zum Schluss noch ein Verkehrsbuch, dieses Mal mit einem Bus als Transportmittel. Dieses Buch erzählt die Reise einer Familie (Eltern + 1 Sohn + 1 Tochter) zum Strand. Die Bilder sind nette Gemälde und der Bus fährt durch die Stadt und dann über Land.

Herzlichen Dank an Magali für die Vorstellung der Bücher und die Bilder! Der Bericht geht noch weiter. In den nächsten Tagen gibt es eine Fortsetzung zur japanischen Kinderliteratur.

Endspurt! Urzeitroboter 10. Teil: „Keine Sorge, Paulchen!“ von David Melling, „Opa Jan und der turbulente Geburtstag“ von Marius van Dokkum, „Hexe Hatschi macht Geschichten“ von Brigitte Endres und Andrea Hebroch

Ich muss es zugeben: ein wenig hat mein Urzeitroboter-Elan in den letzten Wochen nachgelassen. Zwölf Buchbesprechungen hintereinander sind wirklich ganz schön viel … Daher kürze ich nun zum Ende hin die Prozedur etwas ab und beschränke die Vorstellung der letzten drei Bücher auf ein kurzes Fazit. Das ist ungerecht für die Bücher, die irgendwie nach ganz unten gerutscht sind auf meinem Stapel, ich weiß. Nun wurde aber sogar noch der Einsendeschluss für die Bewertungen nach vorne verlegt, weil meine Jury-KollegInnen scheinbar so fleißig waren und es stehen noch so so viele neue Themen aus.

Hier die Kurzurteile:

David Melling: Keine Sorge, Paulchen. Oetinger Verlag 2011. ab 3 Jahren. 12,95 Euro.

Eine neue Geschichte für jüngere Kinder vom renommierten, britischen Zeichner David Melling, der für seinen Humor bekannt ist. Die großen Bären sind sehr niedlich. Die Geschichte um ein Missgeschick mit einer Wollmütze, das verschiedene Tiere mit unterschiedlichen Vorschlägen beheben möchten, hat für mich nichts Besonderes. Lustig ist das Verzeichnis verschiedener Mützensorten am Ende des Buches. Vom tapsigen Bären Paulchen gibt es noch zwei weitere Bände.

Marius van Dokkum: Opa Jan und der turbulente Geburtstag. Esslinger-Verlag 2012. ab 3 Jahren. 12,90 Euro.

Der Titel hält, was er verspricht: Die Geschichte ist wirklich turbulent. An seinem Geburtstag steckt Opa Jan in der Toilettenschüssel fest, erlebt ein Flugabenteuer und badet im Froschteich. Die Schadenfreude wird mal wieder bedient, Slapstick halt. Opa Jan nimmt alles mit sehr viel Humor hin und am Ende erscheint es allen wie ein gelungener Tag … Die Bilder sind ebenso quirlig wie die Geschichte, aber nicht überfrachtet. Eigentlich ein sehr nettes Buch.

Brigitte Endres: Hexe Hatschi macht Geschichten. Coppenrath-Verlag 2011 ab 5 Jahren. 12,90 Euro.

Hatschi ist eine Hexe, aber sie will gar keine sein. Lieber wäre sie ein ganz normales Kind. Aber Hastchi ist eine Niesehexe, die beim Niesen hext und zwar immer lauter unvorhergesehene Dinge. Ihre Hexentante hilft ihr dann meist dabei, den Schaden aus den Hexereien wieder gut zu machen … Ich war noch nie von Bibi Bloxberg begeistert und musste bei diesen Geschichten immer gähnen.

In den nächsten Tagen folgt dann die Bekanntgabe meiner drei Favoriten.

Kinderbücher aus aller Welt. Eine neue Reihe im Blog

Ich habe selbst zwei Mal längere Zeit im Ausland gelebt. Ich bin sehr gerne in andere Kulturen eingetaucht, die natürlich in Büchern ideal präsentiert werden. Besonders spannend stelle ich es mir vor, mit einem kleinen Kind im Ausland zu leben.

Um etwas über dieses Leben und die Welt der Kinderbücher in anderen Ländern zu erfahren, möchte ich gerne eine kleine Reihe ins Leben rufen. Ich möchte über Eltern berichten, die im Ausland leben und von ihren Erfahrungen mit fremdsprachigen Kinderbüchern erzählen. Ein paar Anknüpfungspunkte habe ich schon, würde mich aber sehr freuen, wenn sich noch Leser des Blogs bei mir melden würden.

Also: Falls ihr gerade im Ausland lebt, schreibt mir, welche Bücher des Gastlandes ihr euren Kindern vorlest, welche Beobachtungen ihr zur Kinderliteratur, besonderen Titeln, Vorlesegewohnheiten bei einheimischen Familien und in Betreuungseinrichtungen gemacht habt. Zusammen mit euch würde ich dann gerne Beiträge erarbeiten. Wie so ein Beitrag aussehen kann, erfahrt ihr in den nächsten Tagen am Beispiel eines Berichts über japanische Kinderbücher. Ich freue mich sehr über eure Rückmeldungen!