Kinderalltagsliteratur: „Juli“

Es müssen nicht immer die tollsten phantastischsten Welten, die lustigsten Monster und verrücktesten Ritter sein. Juli ist ein Junge zwischen vier und fünf, der in sieben Geschichten von Kirsten Boie (Text) und Jutta Bauer (Illustration) kleine und große Alltagsprobleme bewältigen muss. Er erlebt einen schrecklichen Tag, an dem alles schief geht, verzettelt sich auf dem Heimweg vom Kindergarten,trifft einen Jungen im Rollstuhl, muss Spielsachen für einen Wohltätigkeitsbasar abgeben, lernt Rad fahren, begegnet einem Monster auf dem Klo und findet eine neue Kindergartenliebe.

Dabei sind die Geschichten in einem mir aus Kinderbüchern bisher unbekannten Ton, einer für Vorleser ungewohnten Perspektive geschrieben: wie in einem inneren Monolog werden alle Erlebnisse aus Julis Blickwinkel geschildert. In wunderbaren Assoziationsketten, mit herrlich übertriebenen Zeitangaben, in Wendungen, die sich ums Wetten, Miteinandermessen und Vergleichen drehen, wird die Gefühlswelt von Juli anschaulich. Seine Gefühle und Gedanken werden konkret erfahrbar, denn sie sind mit verschiedenen Sinnes- und vor allem Körperwahrnehmungen verknüpft. Juli haut, schubst, prügelt sich, boxt, wenn er sich ärgert. In seinem Bauch kribbelt es, wenn er sich freut oder aufgeregt ist. Diese Schilderungen machen großen Spaß beim Vorlesen und zeigen eine kindliche Logik, die Erwachsenen oft verschlossen ist.

In den Juli-Geschichten geschieht alles innerhalb der dem Vierjährigen eigenen Logik. Kein erhobener Zeigefinger löst die Geschichten auf, die Probleme werden von den Figuren allein bewältigt, ohne das Eingreifen von Menschen, die für diese Probleme gewöhnlicherweise zuständig sind oder sich fühlen (Erzieherinnen, Eltern). Damit vermitteln die Geschichten eine wichtige Botschaft, auch für die Vorleser: schwierige Situationen lassen sich gut mit kindlicher Eigenlogik meistern, die nicht immer zur Elternlogik passen muss, aber trotzdem funktioniert.

Spannend ist für Vorleser aber nicht nur diese „Botschaft“. Auch die selbstironischen Zeichnungen eines urbanen, „grünen“ Milieus machen Spaß, auch wenn diese in den 1980er Jahren verhaftet sind, denn die Geschichten stammen aus den Jahren 1991 bis 1999. Einige Aspekte dieses Milieus sind heute noch aktuell, manches könnte man hinzufügen oder weglassen. Die unterschiedlichen Erscheinungsdaten der Geschichten, die 2005 in einem Sammelband in der Gulliver-Reihe im Beltz&Gelberg Verlag erschienen sind, erklären auch die recht disparat wirkenden Illustrationen. In jeder Geschichte sehen Juli und seine Freunde, seine Eltern und seine Umgebung ein bisschen anders aus. Die Figuren wandeln sich in Details, sind nicht fließbandreproduziert und transportieren in jeder Situation etwas sehr Besondere. In den Einzelbänden zu den Geschichten wird diese spezifische Atmosphäre auch noch deutlicher, denn dort sind noch mehr Bilder eingearbeitet als im Sammelband.

In den Juli-Geschichten finden sich viele Zutaten, die die Texte für Vorleser und Zuhörer interessant machen: Alltagsprobleme von Kindern werden aufgegriffen, eine Welt erzählt, die Kindergartenkinder gut kennen, zu der es viele Anknüpfungspunkte gibt. Dem Vorleser vermitteln die Geschichten ungewohnte Sichtweisen, regen an zum Nachdenken über Alltagssituationen und über die kindliche Logik. Für mich sind die Juli-Geschichten echte Literatur, gar nicht so weit entfernt von „erwachsener“ Literatur, mit viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren.

  Jutta Bauer / Kirsten Boie: Juli! Geschichten zum Vorlesen. Beltz&Gelberg 2008. ab 4 Jahren. 9,95 Euro.

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