Urzeitroboter 5. Teil: „Lieselotte macht Urlaub“ von Alexander Steffensmeier

Bauernhofgeschichten sind modern. Seit in allen Medien ständig beklagt wird, dass Kinder nicht mehr wissen würden, woher das Schnitzel auf ihrem Teller kommt, erfahren Berichte über Ferien auf dem Bauernhof, Schrebergärten und Landidyllen in Büchern eine besondere Aufmerksamkeit.

Ich bin zwar auf dem Dorf aufgewachsen und habe das Schicksal von Hühnern, Schweinen und Kaninchen erlebt, hatte aber immer ein sehr distanziertes Verhältnis zu Tieren. Hunde machten mir Angst, Katzen fand ich hinterhältig und der Gedanke daran, einen kleinen Hasen zu streicheln, verursachte Gänsehautschauer. Die einzigen Haustiere, die ich mir vorstellen kann, sind Fische. Insofern stehe ich Bauernhofgeschichten etwas skeptisch gegenüber. Wie im vorigen Beitrag zu Michel aus Lönnerberga schon erwähnt, hielt sich die Begeisterung für Traktoren bei unserem Sohn, der normalerweise alles liebt, was fährt, bisher ebenso in Grenzen. Auch ihn schien das Thema „Bauernhof“ nicht sonderlich zu interessieren.

Die sehr erfolgreiche Lieselotte-Reihe von Alexander Steffensmeier bedient sich des Bauernhoftrends und knüpft zudem an bewährte Kinderbücher aus Skandinavien an. Die Anleihen bei den „Pettersson und Findus“-Büchern sind meines Erachtens nicht zu übersehen: Hühner spielen eine wichtige Rolle und die Zeichnungen sind sehr detailreich.

So hatte sich bei mir eine sehr kritische  Haltung gegenüber der Reihe eingestellt. „Lieselotte macht Urlaub“ ist nicht der erste Reihentitel, den ich kennen gelernt habe und bisher fand ich die Geschichten immer ein bisschen mau: vor allem die Lösungen der Konflikte schienen mir oft an den Haaren herangezogen. Das für den „Urzeitroboter“ nominierte Buch wirkte auf mich beim ersten Blick darauf auch konventionell, aber dann habe ich mich in den Zeichnungen verloren, die sehr lustig sind. Eines Tages kommt eine Postkarte von ihrem Freund, dem Postboten, bei Lieselotte an. Daraufhin möchte die verrückte Kuh auch Urlaub machen, trabt zur Bushaltestellte und wartete vergeblich auf eine Möglichkeit, den Bauernhof zu verlassen. Eine Wiese daneben kommt dann genauso gut als Urlaubsort in Frage und der Spaß fängt nun richtig an.

Auf meiner Lieblingsseite liegt die Kuh Lieselotte auf ihrer Urlaubswiese und tut Dinge, die man so im Urlaub macht (oder gern machen möchte): in der Sonne liegen, die Natur entdecken, fotografieren, ungewohnte Sachen essen, exotische Tiere entdecken. Die Bewegungen und die Mimik der etwas unbeholfenen Kuh dabei sind köstlich gezeichnet. Bei Alexander Steffensmeier sieht man deutlich, welches humoristische Potential in Bildern und weniger in Sprache steckt. Ich kann mir seine Illustrationen auch ohne Worte sehr gut vorstellen.

Überhaupt ist der Illustrator sehr umtriebig. Buchvorstellungen mit ihm – an einer habe ich im letzten September teilgenommen – sind sehr interessant, denn er gibt spannende Einblicke in seine Arbeit. In einem Blog berichtet er ebenso über die Entstehung seiner Bilder. Da kann man dem Zeichner direkt über die Schulter schauen und ist beeindruckt von der sorgfältigen Recherche und Hingabe mit der seine leichtfüßig wirkenden Bilder entstehen.

Mein Fazit: Trotz des modischen Themas ist die Kuh Lieselotte unverwechselbar. (plus) Der Humor der Bilder basiert größtenteils auf den Unbeholfenheit der Kuh mit menschlichen Zügen. (plus) Wer „Pettersson und Findus“ mag, liegt mit der Lieselotte-Reihe richtig. (neutral)

Alexander Steffensmeier: Lieselotte macht Urlaub. Sauerländer Verlag 2011. ab 3 Jahren. 14,95 Euro.

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Schwedische Landidyllen: „Immer dieser Michel“ von Astrid Lindgren

Was für ein komischer Zufall! Wir sind gerade in die Großstadt umgezogen, prompt spaziert uns Michel aus Lönneberga über den Weg und nimmt uns mit in seine schwedische Bauernhofidylle. Neben der Arbeit als U-Bahn-Fahrer geht unser Sohn im Moment somit auch einer Tätigkeit als Feldknecht nach, der ein Roggenfeld aberntet. Das ist ganz neu in seiner Vorstellungswelt. Für Traktoren hat er sich bisher nicht interessiert.

Die Beschreibungen in „Immer dieser Michel“ von Astrid Lindgren sind aber auch zu eingängig: die kleinen roten Häuser, der See, in dem Michel mit Alfred bei Mondschein Krebse fängt, die Fahrten mit der Kutsche oder dem Schlitten nach Mariannelund. Meine Vorstellungen sind, wenn ich diese Passagen lese, natürlich sehr von den Filmen geprägt. Obwohl unser Sohn diese nicht kennt, hat ihn der Text aber auch gefangen genommen. Er liebt die klingenden Personennamen, z.B. der Armenhäusler (Unken Ulla, Salia Amalia), die häufigen Aufzählungen von Gerichten (Blutklöße! – das Buch muss ein Graus sein für Vegetarier) und findet die Anekdoten lustig.

„Immer dieser Michel“ von Astrid Lindgren reiht sich ein in eine Reihe von schwedischen literarischen Werken, die in Deutschland besonders erfolgreich sind. Sie wurden aufgenommen in eine Tradition der idyllischen Verklärung von Landschaften. In Deutschland waren Sie als Gegenbilder zu modernen Großstädten mit Industrieschornsteinen, anonymen Menschenmassen und einer seelenlosen Konsumwelt sehr willkommen. So wurde z.B. Selma Lagerlöfs „Nils Holgerssons Reise“, erschienen 1906, in Deutschland von der so genannten Heimatkunstbewegung, die gegen den „Moloch Berlin“ kämpfte, vereinnahmt. „Immer dieser Michel“ erschien 1963 das erste Mal in Schweden und bedient genauso wie Nils Holgersson das Bedürfnis nach einer heilen, kleinen Naturidylle.

Spannend finde ich an dieser deutschen Schweden-Begeisterung, wie sehr die Texte dabei oft missverstanden wurden. Astrid Lindgrens Bücher wurden z.B. von Verfechtern anti-autoritärer Erziehungskonzepte, gerne als Musterbeispiele für Rebellionen gegen Tradition und Ordnung verstanden. In „Immer dieser Michel“ wird insbesondere die strenge Erziehung des Vaters in Frage gestellt. Gleichzeitig vertritt die Erzählstimme aber ein sehr protestantisches Gesellschaftsbild: Michels Weg führt zu einer angesehenen Position als Gemeinderatspräsident, sein ökonomisches Geschick und Glück wird oft betont, denn er hat ein Händchen für gute Geschäfte. Die Landidylle wird durch große soziale Probleme (Armenhaus, Alkoholismus) getrübt. Diese kleinen Störungen brechen in die Idylle ein und machen sie so interessant. Ohne sie wäre die Landidylle einfach nur kitschig. Und trotzdem ….

Ich fühle mich gerade in der Großstadt ganz wohl und habe selten Sehnsucht nach meinem ländlichen Kindheitsort. Als Mutter mache ich mir ein bisschen Sorgen, dass die Bilder von Landidyllen, verstärkt durch „Michel aus Lönnerberga“ die Eingewöhnung in der großen Stadt etwas verleiden. Demnächst ist also „Karlsson auf dem Dach“ an der Reihe – das spielt nämlich in der Stadt.

P.S.: Noch ein komischer Zufall: Es handelt sich um das erste Astrid-Lindgren-Buch, das wir vorlesen. Vielleicht aber doch kein Zufall, da unser Sohn auch so blond wie Michel ist und öfters Ähnlichkeiten zwischen ihm und der Figur hergestellt werden.

Astrid Lindgren: Immer dieser Michel. Limitierte Sonderausgabe. Oetinger-Verlag 2012. ab 6 Jahren. 9,95 Euro.

Urzeitroboter 4. Teil: „Das bewegte Buch“ von Die Krickelkrakels

Nach der Schadenfreude und der Fröhlichkeit habe ich mit dem vierten Buch aus der „Urzeitroboter“-Serie eine neue Art von Humor bei unserem Sohn entdeckt: die Anarchie. Nicht dass anarchistische Anwandlungen nicht schon längst bei ihm zu Tage getreten wären. Aber dieses Buch zeigt spielerisch eine Seite von Drei- und Vierjährigen, die mal mehr, mal weniger ausgeprägt, den Alltag oft genug bestimmt: das nicht zu tun, was von ihnen verlangt wird, Grenzen auszutesten, Dinge auf den Kopf zu stellen. Was in diesem Buch tatsächlich wörtlich genommen werden kann.

„Das bewegte Buch“ des Illustratorenkollektivs „Die Krickelkrakels“ ist ein so genanntes Mitmachbuch, d.h. die kleinen Leser werden auf jeder Seite aufgefordert, etwas zu tun. Ein Lied singen, einen gezeichneten Frosch küssen, marsianisch sprechen, das Buch schütteln, in einem Labyrinth den richtigen Weg finden. Durch die Aktionen wird die „Handlung“ des Buches vorangetrieben. Unserem Sohn macht nun am meisten Spaß, die Anweisungen auf den Seiten demonstrativ zu verneinen und oder sie auf den Kopf zu stellen, nicht zu tun, was von ihm verlangt wird. Das erhöht den Spaßfaktor des Buches, der sowieso schon recht hoch ist, noch einmal ungemein, denn in diesem Fall sind es ja nicht meine Anweisungen, die missachtet werden. Und ein bisschen Anarchie tut im Alltag immer gut … Ein super Buch zum Verschenken übrigens, finde ich.

Mein Fazit: Macht Eltern und Kindern viel Spaß. (plus) Den Illustrationen merkt man an, dass sie von verschiedenen Zeichnern stammen, was aber viel Abwechslung bringt. (plus) Die Einfälle sind witzig und innovativ. (plus)

Die Krickelkrakels: Das bewegte Buch. Oetinger Verlag 2011. ab 4 Jahren. 12,95 Euro.

Das Blog-Maskottchen auf Reisen

Diese Galerie enthält 6 Fotos.

Das Blog-Maskottchen, das einer Pinocchio-Figur sehr ähnlich sieht, entdeckt gerade die große Stadt Berlin neu: Buchläden, Museen, Orte für Kinder. Heute gibt es ein paar fotografische Eindrücke von seiner Entdeckungsreise. In den nächsten Wochen werde ich mir dann den Klassiker „Pinocchio“ vornehmen und mal schauen, welche Gemeinsamkeiten die beiden Holzkasper haben. Vielleicht entstehen daraus ein … Weiterlesen

Urzeitroboter 3. Teil: „10 kleine Schafe“ von Franziska Gehm und Marina Rachner

Das nächste Buch auf der Nominierungsliste des „Urzeitroboters“ passt sehr gut in meine Überlegungen zum Blog. Es ist in Reimen geschrieben und über gereimte Bilderbücher denke ich schon länger nach.

Seit dem Erfolg des „Grüffelo“ scheint es ein Muss für erfolgreiche Werke in diesem Bereich zu sein, Geschichten in Verse zu verpacken – ohne lyrisch zu sein. Dabei finde ich die Inflation des Reimens ein wenig nervig, denn oft genug funktionieren die Verse nicht besonders gut. Der Rhythmus holpert, hässliche Wörter und Lautmalereien müssen Lücken büßen, die Geschichten verschwinden hinter der unbedingt gewollten Melodie.

Bei „10 kleine Schafe“ funktionieren die Reime jedoch ganz gut. Das Buch greift das vielfach verwendete Zehner-Motiv auf, um Kinder an das Zählen, kombiniert mit der Herausstellung von Farben, heranzuführen. Auf jeder Seite wird ein Schaf mit einer bestimmten Aktivität zu einer Gruppe hinzugefügt. Am Ende trennt sich das Schafgespann wieder und die Individualität jedes Tiers wird noch einmal hervorgehoben, um die Geschichte von vorn beginnen zu lassen.

Einige Reime bestätigten ansatzweise meine Vorurteile gegenüber diesem Bilderbuchprinzip, brachten mich aber auch zum Nachdenken über die Funktionsweise gereimter Bilderbücher, z.B. dieser: „Es waren mal 6 Schafe. Das 6. Schaf war pink. // Sein Lieblingsspiel war Bocksprung, denn es sprang weit und flink. // Mit großem Anlauf und viel Schwung, im schnellen Schafsgalopp, // sprang es über jedes Schaf, hü-hüpf, hü-hepp, hü-hopp.“

Ich fragte mich, was Kinder wohl mit dem Wort „Bocksprung“ anfangen? Oder „Schafsgalopp“? Da kommen dann die Illustrationen ins Spiel. Sie zeigen ja die Situation, zu der die Worte passen und so erschließt sich auch das Wort „Bocksprung“. In der Kombination von Text und Bild wird dann das lustige Potential von „10 kleine Schafe“ deutlich: Die Protagonisten sind sehr fröhlich, lachen viel, haben Spaß bei ihren Aktivitäten. Die Farben der Bilder sind sehr angenehm fürs Auge. Die Reime unterstützen den Eindruck des Spielerischen, der dem ganzen Buch anhaftet. Und so erklärt es sich, dass unser Sohn, der normalerweise recht sparsam mit wertenden Kommentaren umgeht, tatsächlich äußerte: „Mama, das ist lustig!“ – ohne dass ich eine Wertung durch Lachen oder das Verstellen der Stimme vorgegeben hätte.

Mein Fazit: „10 kleine Schafe“ spricht Kinder durch einen sehr spielerischen Eindruck perfekt an. (plus) Der Humor ist hier fröhlich, bunt, hell, freundlich. (neutral) Das Buch greift auf viele bewährte Rezepte zurück. (neutral) Es erschien 2011 in der zweiten Auflage. (neutral)

Franziska Gehm und Marina Rachner: 10 kleine Schafe. Von 1 bis 10 im Schafumdreh’n. Loewe Verlag 2011. ab 2 Jahren. 7,95 Euro.