Vorurteile und Stereotype in Kinderklassikern: „Pippi Langstrumpf“ von Astrid Lindgren

Pippi LangstrumpfAls Vorlesebuch steht „Pippi Langstrumpf“ bei uns gerade hoch im Kurs. Der Klassiker fasziniert mich und meinen Sohn. Der fröhliche Non-Konformismus des rothaarigen Mädchens macht mir viel Spaß. Anknüpfend an die Debatte um Rassismus und Stereotype in Kinderbücher (meist am Beispiel von Otfried Preußler und Michael Ende) hatte ich bei der Lektüre an einigen Stellen aber auch Bauchschmerzen, denen ich heute mal auf den Grund gehen möchte.

Bei der Boell-Stiftung fand ich auch einige Argumente für mein Unbehagen. In einem Artikel beschreibt die Autorin Olenka Bordo fundiert, wie Vorurteile in der Kinderliteratur wirken.  Astrid Lindgrens Werk „Pippi Langstrumpf“, das 1944 in Schweden und 1949 erstmals in Deutschland erschien, wirft sie vor, es würde Vorurteile und Stereotype vermitteln, rassistische und unreflektierte Handlungen darstellen und wäre sehr unkritisch gegenüber der Verharmlosung von historischen Ereignissen wie der Kolonialisierung.

Um ihre Argumentation zu überprüfen, habe ich mir das erste Kapitel (bzw. die erste Geschichte) des ersten Buchs genauer angesehen. Tommy und Annika sprechen das erste Mal mit Pippi, nachdem sie darüber gestaunt haben, wie Pippi aussieht (abstehende Zöpfe, Sommersprossen, weiße Zähne, selbst genähtes Kleid,  zu große Schuhe) und was sie tut (die Straße entlang gehen, zuerst mit einem Bein im Rinnstein, mit dem anderen auf dem Bürgersteig und dann läuft sie rückwärts). In ihrer ersten Unterhaltung rechtfertigt Pippi ihr ungewöhnliches Verhalten. Sie sagt:  „Leben wir etwa nicht in einem freien Land? Darf man nicht gehen, wie man möchte? Übrigens will ich dir sagen, dass in Ägypten alle Menschen so gehen, und niemand findet das im Geringsten merkwürdig.“ (S. 16)

Mit dieser Antwort auf Tommys Frage, warum sie sich ungewöhnlich verhält, wird Pippis Logik eingeführt, die im weiteren Verlauf des Dialogs noch erläutert wird. Pippis Gedanken spielen dabei mit Vorurteilen und Stereotypen.  Sie spricht über Länder, in denen sie als Seeräubertochter angeblich schon war und wo sie beobachtet hat, was in anderen Kulturen aus ihrer Wahrnehmung heraus normal ist. Pippi benutzt die Andersartigkeit der Ägypter zur Rechtfertigung ihres Verhaltens gegenüber Annika und Tommy. Irgendwo hat das kleine rothaarige Mädchen scheinbar schon gelernt, dass Differenz begründet werden muss und dass der Rückgriff auf exotische Kulturen eine akzeptable Begründung darstellt. Schließlich können ihre Freunde die Behauptungen Pippis nicht überprüfen, denn sie haben Schweden noch nicht verlassen. Vielleicht regen Pippis Erzählungen aber ihre Neugier auf andere Länder an?

Bemerkenswert ist in Pippis Begründung der Satz: „Leben wir etwa nicht in einem freien Land?“ Das kleine rothaarige Mädchen erinnert Tommy und Annika daran, dass sich in Schweden jedeR so verhalten kann, wie er/sie möchte, egal woher dieses Verhalten kommt oder welcher Norm es entspricht. Der Rückgriff auf nicht-schwedische Hintergründe sollte nicht zu Diskriminierung führen.

Im weiteren Verlauf des Dialogs, der auch der Einführung der Charaktere von Tommy (der Skeptische) und Annika (die Vorsichtige) dient, wird Pippis Argumentation auf die Probe gestellt. Dabei wird das für Kinder zwischen fünf und acht Jahren sehr wichtige Thema „Wahrheit und Lüge“ aufgegriffen. Tommy bezichtigt Pippi der Lüge. Sie gibt daraufhin traurig zu, dass sie nicht die Wahrheit gesagt hat. Nach einer kurzen Entschuldigung für diese nicht-gesellschaftskonforme Redeweise fährt sie unbekümmert fort, weiter Geschichten von fernen Ländern zu erzählen: „Und übrigens […] will ich euch sagen, dass es im Kongo keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag. Sie fangen früh um sieben an und hören nicht eher auf, als bis die Sonne untergegangen ist.“ (S. 17) Mit dieser klar sowohl durch den Kontext als auch den Inhalt gekennzeichneten Lüge wird deutlich markiert, wie Pippi über andere Kulturen spricht: Sie erzählt Geschichten, spinnt Seemannsgarn. In ihrem Kopf regiert die Fiktion.

Ich denke somit nicht, dass das kleine rothaarige Mädchen Stereotype  oder Vorurteile über andere Länder vermittelt. Ihre Ausführungen sind in spielerische Kontexte eingebettet und als solche gekennzeichnet. Das Spielerische ihrer Gedanken können sich die Leser der Geschichten leicht bewusst machen. Es stellt sich für mich nur die Frage, wie die RezipientInnen diesen Leseeindruck thematisieren können? Vielleicht wäre die Frage spannend: Welche Geschichte würde Pippi wohl über die Menschen in Deutschland erzählen?

Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger 1986. Übersetzung von Cäcilie Heinig. 8,90 Euro. ab 5 Jahren.

 

 

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Vorlesekapitulation?: „Urmel aus dem Eis“ von Max Kruse

Vor kurzem isurmelt der Kinderbuchklassiker „Urmel aus dem Eis“ zu uns gekommen und mutigerweise habe ich mich Hals über Kopf ins Vorlesen gestürzt. Und dann musste ich feststellen: Was für eine schwierige Aufgabe! Dieses Buch halbwegs adäquat vorzulesen, ist mir fast umöglich. Warum?

Hier der Hintergrund der Handlung: Auf der Insel Titiwu leben Professor Habakuk Tibatong, viele Tiere und Tim Tintenkleks glücklich und zufrieden. Das Schwein Wutz führt den Haushalt. Alle Tiere gehen freiwillig in die Sprachschule des Professors – doch alle haben ihre unverkennbare, individuelle Sprechweise. Der Waran Wawa lebt in einer Muschel am Strand von Titiwu. Er hat Probleme mit dem z und sagt stattdessen immer tsch. Ping, ein Pinguin, ist neidisch auf Wawas Muschel und möchte gerne auch eine haben. Sein Sprachproblem ist das sch; er sagt stattdessen pf – so streitet er sich mit Wawa um die „Mupfel“. Daneben gibt es Schusch, den Schuhschnabel, der ä statt dem i setzt. Außerdem ist da noch Seele-Fant, ein See-Elefant, der gerne und oft traurige Lieder singt. Wegen seines Sprachfehlers, statt einem i und e ein ö zu singen, klingt sein Lieblingslied so: „Öch weiß nöcht, was soll ös bedeuten …“

Diese individuellen Sprechweisen sind eine echte Herausforderung für mich als Vorleserin, sie verursachen mir Knoten in der Zunge. Ich habe das Gefühl, man muss den Tierstimmen einen bestimmten Klang geben, um ihre Sprache vorlesen zu können – ich bin allerdings nicht besonders begabt im Stimmen- und Spracheimitieren. Da ich zur Zeit Deutsch als Fremdsprache unterrichte, werde ich öfters nach deutschen Dialekten gefragt. Mein „Kölsch“, „Sächsisch“ oder „Bayrisch“ klingt dann aber immer sehr sehr ungelenk und noch irgendwie sehr hochdeutsch. Genauso geht es mir mit der Variation von Stimmen in Vorlesetexten. Alles klingt mehr oder weniger gleich und ich habe das Gefühl, ich stottere und stammle.

Dabei finde ich die Idee mit den Sprachfehlern sehr einleuchtend und kindgerecht. So können sich die kleinen Sprachlerner, die oft selbst noch manche Laute nicht standardsprachengerecht bilden, gut wiedererkennen. Und lustig sind diese Sprachfehler natürlich auch. Allerdings machen sie mir ein bisschen Probleme beim Verständnis der Geschichte. Vor lauter Zungenverknotung bekomme ich oft nicht mit, was denn eigentlich passiert im Text.

Daher habe ich mir mal eine Zusammenfassung gesucht, die ich euch nicht vorenthalten möchte: Eines Tages schmilzt ein angeschwemmter Eisblock und ein Urmel-Ei wird freilegt. Gemeinsam brüten die Tiere von Titiwu das Urmel aus. Leichtfertig teilt der Professor Habakuk Tibatong per Flaschenpost der Welt mit, dass es Urmels gibt. Das ruft König Futsch, der in der Demokratie eigentlich kein König mehr ist, auf den Plan. Er will das Urmel fangen und in sein Königreich tot oder lebendig bringen. Allerhand Aufregung und Turbulenz folgen.

Die Inhalte der Geschichte finde ich schon ganz spannend. Ein König, der eigentlich kein König mehr ist? Ein Forscher, dessen Forschungsergebnisse nicht anerkannt werden? Was hat das wohl zu bedeuten? Um diese Fragen zu beantworten, muss ich mich aber wohl noch einige Male durch die Sprachfehler durcharbeiten. Mal sehen, ob unser Sohn da mitmacht. Oder ob ich doch auf die Zeichentrickversion – oder auf die Augsburger Puppenkiste – oder auf ein Hörbuch mit Dirk Bach ausweiche?

Max Kruse: Urmel aus dem Eis. Thienemann-Verlag 1995. ab 8 Jahren. 9,95 Euro.

Kinderbuchstars auf der Leipziger Buchmesse

DSCN0301„In Leipzig liegen die Autoren nicht in den Regalen, sondern sie laufen davor herum.“ So eröffnete der Moderator André Gutzschahn vom MDR die Aufzeichnung der Sendung Figarino, in deren Ausgabe vom 16. März die neuesten Bücher der Kinderbuchstars Martin Baltscheit, Ben Becker, Paul Maar und Sven Nordquist (in alphabetischer Reihenfolge) vorgestellt wurden. Nachzuhören soll die Sendung im Internet sein (www.figarino.de) – leider habe ich sie noch nicht gefunden.

Die Autoren lassen kurze Ausschnitte aus ihren Werken, Kinderreporter stellten Frage, die sich meist um das Verhältnis zwischen den Figuren in den Texten und ihren Schöpfern drehten. Verblüffend war dabei die tatsächliche Ähnlichkeit zwischen dem Auftreten der Autoren und ihren Kinderbuchhelden. Die Schöpfer schienen perfekt zu ihren Figuren zu passen. Sven Nordquist wirkte wie die Verkörperung des ein wenig müden, zuerst mürrischem Alten, der durch sein Lächeln aber Wärme und viel Verständnis ausstrahlt. Paul Maar gab selbst den Hinweis auf Herrn Taschenbier aus den Sams-Geschichten – ein zurückhaltender grau-melierter älterer Herr, der sich bescheiden mit den Worten einführt, er sei ja nur ein Autor.

DSCN0296Mit dieser Bemerkung ging er auf den Unterschied zu Ben Becker, der sich neben der Schauspielerei nun auch dem Verfassen von Kinderbüchern widmet, und Martin Baltscheit, der nicht nur schreibt, sondern auch illustriert und Hörbücher einspricht. Seine Vorstellung des Hörbuchs „Zorgamazoo“ von Robert Paul Weston begeisterte mich sehr. Es ist der 288 Seiten lange gereimte Roman von der tapferen Katrina Katrell und ihrem Freund, dem Zorgel Mortimer, die aufbrechen, um die verschollenen Einwohner der Stadt Zorgamazoo zu suchen.  Die Wandlungsfähigkeit und der Ausdruck in Martin Baltscheits Stimme brachten die Reime der Geschichte zum Leuchten. Und genauso großartig las er auch die neuste Geschichte aus seiner eigenen Feder vor – ein Bilderbuch mit dem Titel „Das Gold des Hasen“.

Marketingtechnisch geschickt ging Martin Baltscheit dann in seinem Interview auf die Frage, wie er zum Schreiben gekommen ist, auf die Bedeutung seiner Mutter für die Liebe zur Literatur ein: Er wollte als kleiner Junge seiner Mutter, die sehr gerne las, Lesenachschub verschaffen und habe darum selbst angefangen, Geschichten zu schreiben und zu zeichnen. Ben Becker antwortete ähnlich in seinem Interview. Wie gut, dass Mütter so viele Bücher kaufen und für rührende Geschichten empfänglich sind. Und so werde ich demnächst wahrscheinlich ein paar Abende mit „Zorgamazoo“ verbringen, denn mein Sohn ist noch zu jung für das Hörspiel.

Peter Paul Weston: Zorgamazoo. Hörbuch gelesen von Martin Baltscheit. Silberfisch 2012. ab 8 Jahren. 3 CDs 12,99 Euro.

Martin Baltscheit und Christine Schwarz: Das Gold des Hasen. Beltz und Gelberg 2013. ab 5 Jahren. 14,95 Euro.

Ben Becker: Bruno. Der Junge mit den grünen Haaren. Mit Illustrationen von Annette Swoboda. Rororo Rotfuchs 2009. ab 5 Jahren. 9,95 Euro.

Paul Maar: Lippel, träumst du schon wieder! Oetinger Verlag 2012. ab 9 Jahren. 13,95 Euro.

Sven Nordquist: Findus zieht um. Oetinger Verlag 2013. ab 4 Jahren. 12,95 Euro.

Jetzt wird’s ziemlich dunkel: „Hans Huckebein“ von Wilhelm Busch, illustriert von Jonas Lauströr

Falls es noch Lücken auf eurem Wunschzettel gibt, habe ich heute einen besonderen Tipp für euch, d.h. für Eltern, die gerne über Bücher nachdenken, die sich von großartigen Bildern gefangen nehmen lassen, die Spaß an Wortspielen und hintersinnigem Humor haben.

Der Illustrator Jonas Lauströer hat auf wunderbare Weise Wilhelm Buschs Bildergeschichte „Hans Huckebein, der Unglücksrabe“ interpretiert. Die Geschichte handelt davon, wie der kleine Fritz einen Raben fängt, ihn mit nach Hause bringt und wie das Tier dort große Verwüstungen anstellt. Die Kette von Missgeschicken, in die der schwarze Hans verstrickt wird, führt zu einem tragischen Ende. Das Original von Wilhelm Busch, erschienen von 1867 bis 1868, kommt dabei recht leicht daher und weist in seiner Bildsprache schon auf Comics hin. Der Rabe wirkt sehr ungeschickt und tollpatschig, er  scheint selbst schuld zu sein an seinem Schicksal.

In Jonas Lauströrs Bilderbuch wird das Tragische an der Geschichte betont. In seinen Zeichnungen wird großes Mitleid mit dem armen eingefangenen Tier sichtbar. Man sieht immer Furcht und Panik in den Augen des Raben. Der Text kann so gelesen werden, als würden die Unglücke nicht passieren, weil Hans bösartig ist. Reine Panik, Unwissenheit, aber auch eine gehörige Portion Neugier, führen zu Missverständnissen, Missgeschicken und Misshandlungen. Der Rabe verhält sich so ungehörig, weil er in eine ihm fremde Umgebung eingepflanzt wurde und weil die Kultur ihm sein Unglück vorgibt. Raben und Krähen gelten in der Literatur als Tiere, die Tod und Unglück bringen. Das Schicksal des armen Hans Huckebein ist ihm vorbestimmt, Vorurteile und Unterstellungen prägen seine Begegnung mit dem kleinen Fritz und seiner Tante.

So lässt sich die Geschichte sehr gut als Erzählung einer misslungenen Erziehung und Sozialisation lesen. Hans Huckebein, das Naturwesen, das gezähmt werden soll, macht diesen Prozess nicht mit. Er lässt sich nicht in die häusliche und künstliche Umgebung einpassen und kann nicht in das soziale Miteinander eingefügt werden. Dieser Prozess scheitert nicht, weil Hans ein böses und bockiges Kind ist, sondern weil das von ihm Verlangte nicht seiner Natur entspricht. Da der Rabe dem Knaben nicht vertraut und er mit einer List eingefangen wird, nimmt das Vorhaben seiner Erziehung schon einen schlechten Anfang, der unweigerlich auf ein tragisches Ende hinausläuft.

Diesem Ende gibt Jonas Lauströer eine poetologische Zusatzbedeutung, denn Hans Huckebein erhängt sich unfreiwillig in einem roten Faden. Somit passt der arme Rabe nicht einmal in eine stringente Erzählung hinein. Die Ordnung tötet den schönen Vogel. Die wuchtigen Bilder und die mutige Interpretation des Illustrators machen hingegen Sinn vom Anfang bis zum Ende. Die Geschichte von Hans Huckebein bekommt spannende neue Facetten und wird zum Leben erweckt – auch wenn ziemlich viel Blut und Blaubeersuppe spritzt.

Wilhelm Busch: Hans Huckebein. Mit Bildern von Jonas Lauströer. minedition 2010. ab 3 Jahren (Verlagsangabe, ich denke aber ab 6 Jahren wäre angemessener). 14,95 Euro.

Theater, Comic, Lied, Film – eine Mediencollage aus der Vor-Internet-Zeit: „Kiebich und Dutz“ von Friedrich Karl Waechter

Eine kleine Anekdote vorweg: Ich habe das Buch in einem Antiquariat entdeckt. Die Buchhändlerin fragte mich, warum ich das Buch kaufen würde. Ich erzählte ihr von meinem Interesse für historische Kinderbücher. Sie meinte dann zu mir, sie hätte geahnt, dass dieses Buch niemand für seine Kinder kaufen würde. Und sie hat Recht: Dieses Buch einem Kind zu vermitteln, ist wahrscheinlich eine schwierige Aufgabe, denn es ist sehr historisch und hat nicht mehr viel mit unserer heutigen Medienrealität zu tun. Vielleicht finde ich doch noch eine Verwendung für meinen Sohn, denn die Geschichte gefällt mir sehr gut. Außerdem hat sie mein literaturwissenschaftliches Interesse inspiriert und mir einige aufregende Entdeckungen beschert.

Aber nun der Reihe nach: „Kiebich und Dutz“ ist eigentlich ein Theaterstück. Es hatte seine Uraufführung 1979 im Frankfurter Schauspielhaus. Aus dem Stücktext, Fotos vom Bühnengeschehen, Zeichnungen und einem Comic von F.K. Wächter sowie Noten ist eine Collage, eine intermediales Gesamtkunstwerk in Buchform, entstanden und ebenso 1979 erschienen. Von dieser Medienmischung war ich beim ersten Mal Lesen und Schauen komplett erschlagen. Ich hatte den Eindruck, es handelte sich um eine sehr, sehr komplizierte Geschichte, die schwer verständlich sei. Erst langsam dröselte sich für mich die Collage auf und fügte sich zu einem Gesamtbild.

Die beiden Freunde Kiebich und Dutz leben in einem Kasten. Kiebich liest in einem Comic mit dem Titel „Rakis Reise in die Welt“ und ist begeistert von der Geschichte. Er beschließt, ebenso wie der Held, Abenteuer in der Welt außerhalb des Kastens zu erleben. Er möchte gerne seinen Freund Dutz mitnehmen, doch der hat zu viel Angst und bleibt lieber in seinem kuscheligen Kissenberg versteckt. Kiebich macht sich allein auf den Weg und begegnet zuerst einem Reklamepfeil, der anzeigt, dass in Dr. Potters Gruselbahn ein Einlasskontrolleur gesucht wird. Kiebich lässt sich auf dieses Angebot ein und gerät in die Fänge des ausbeuterischen Dr. Potter, der totale Kontrolle über seinen Angestellten ausüben will. Kiebich möchte ausbrechen aus seiner stumpfen Tätigkeit und der Herrschaft des Dr. Potter, verstrickt sich aber immer mehr und wird schließlich seiner Augen und Ohren beraubt. Sein Freund Dutz spürt, dass es Kiebich schlecht geht und er macht sich auf den Weg, ihn zu suchen. Bald gelangt er zu Dr. Potters Gruselbahn, kann den Schurken besiegen und Kiebich befreien.

Es geht also vorrangig darum, wie die beiden Freunde Kiebich und Dutz die Welt entdecken. Die beiden sind sehr unterschiedlich: Kiebich ist neugierig, mutig, fast ein bisschen zu ungestüm. Dutz ist ängstlich, gemütlich und sehr herzlich. Insbesondere Dutz entwickelt sich im Laufe der Geschichte sehr stark weiter: Er wird mutiger und erobert langsam die Welt. Mit ihm erlebt man als Leser und Zuschauer die Entwicklungsetappen eines Kindes. Kiebich hingegen hat die Rolle des Erziehers inne, der seinem Schützling die Welt zeigt. Am Ende kehren sich die Aufgaben der beiden um, denn Dutz befreit Kiebich. Damit enthält das Stück schöne Botschaften, die auch sehr präzise und explizit formuliert sind. Die Beschreibung der Freundschaft der beiden Geschöpfe, die im Laufe der Geschichte Höhen und Tiefen erlebt und am Ende als enges Band erscheint, regt zum Nachdenken über Freunde an. Das Motiv des Hinausziehens in die Welt, die erst einmal nur im Kopf und in einem Comic existiert, thematisiert das Verhältnis von Medien und Realität. Im Stück heißt es: „Ein Buch ist ein Buch, aber die Welt ist die Welt“.

Vertieft wird diese medienkritische Haltung in einem Film, der 1987 nach der Vorlage des Theaterstücks mit den Schauspielern aus dem Stück (Michael Altmann und Heinz Kraehkamp) gedreht wurde. Im Film gerät Kiebich nicht durch eine bedrohliche und kontrollierende Arbeitswelt in Gefahr, sondern durch eine Musikmaschine. Diese verführt ihn durch ihre geheimnisvollen Töne auf „Knopfdruck“ und verschlingt ihn mit Haut und Haaren. So wird die im Stück angedeutete Medienkritik noch deutlicher und zwar in einem stärker technisierten Medium als es das Theater ist. Diese Wendung hat mich sehr überrascht, denn sie scheint mir paradox.

Ich bin neugierig, was das Schauspiel Frankfurt aus diesen beiden Lesarten und dem großartigen Kindermedienexperiment von F.K. Waechter macht. Zufälligerweise steht „Kiebich und Dutz“ im Frühjahr 2013 dort auf dem Spielplan.

Friedrich Karl Waechter: Kiebich und Dutz. Mit Fotos von Rainer Drexel und Zeichnungen von Friedrich Karl Waechter. Diogenes Verlag 1979. ab 6 Jahren. Nur noch antiquarisch erhältlich.

Hier gibt es nähere Informationen zum Film.

Und hier die Ankündigung auf dem Spielplan des Frankfurter Schauspiels. Falls ihr irgendwo weitere Aufführungen angekündigt findet, würde ich mich sehr über Hinweise dazu freuen.

Begegnung mit einem sehr merkwürdigen Hasen: „Die Geschichte vom Hasen“ von Kurt Schwitters

Der Osterhase kommt bald vorbei. Ich wollte euch heute noch einen anderen, ebenso besonderen Hasen vorstellen. Seine Geschichte beginnt folgendermaßen: „Es war einmal ein Hase, der war braun, hatte lange Haar und lange Ohren, einen kurzen Schwanz und hüpfte um die Ecke. Er hüpfte auch dann um die Ecke herum, wenn gar keine Ecke da war. Doch eigentlich war er gar nicht braun, sondern rosa, und seine Haare waren eigentlich kurz, sein Schwanz geringelt, und er hüpfte eigentlich überhaupt nicht, sondern grunzte und wühlte im Schlamm …“

So verwandeln sich zuerst einzelne Körperteile und Eigenschaften bis dann aus dem jeweiligen Tier ein ganz Neues geworden ist und ein lustiges Spiel mit Fantasiewesen sich entwickelt hat. Schwitters surreal-groteske (Un)-sinnsprosa von 1925 wirft Fragen nach der Identität von Lebewesen auf: Ab wann verändert sich eine Person so sehr, dass sie nicht mehr als die erkannt wird, die sie zuvor darstellte? Was sind die charakteristischen Eigenschaften von Persönlichkeiten, die ihre Identität ausmachen? Gibt es so etwas wie Identität überhaupt?

Insofern stellt die „Geschichte vom Hasen“ ein spannendes Gedankenexperiment dar, dass in der Bilderbuchausgabe meiner Meinung nach leider nicht sehr gut umgesetzt ist. Die Illustrationen von Carsten Märtin erscheinen mir recht unoriginell und lieblos. Der Hase z.B. schaut so traurig und belämmert drein, dass man Mitleid mit ihm bekommt, dabei würde der Text eine fröhlichere zeichnerische Umsetzung, die seinen spielerischen Charakter unterstreicht, doch nahe legen. Ich würde mich also freuen, wenn ein begabter Zeichner sich dieser schönen experimentellen Geschichte annehmen und mehr aus ihr herausholen würde. Das wäre ein schönes Ostergeschenk für das nächste Jahr.

Kurt Schwitters: Die Geschichte vom Hasen. Mit Illustrationen von Carsten Märtin. Lappan Verlag 2001. ab 5 Jahren. 9,95 Euro.


Unsinnspoesie mit verknoteter Zunge: Eugène Ionescos „Geschichte Nummer 1“

Dieses Buch ist eine Herausforderung für Vorleser – aber eine sehr lustige! Der in Rumänien geborene und nach Frankreich emigrierte Theaterschriftsteller Eugène Ionesco (1909-1924) hat eine kleine Reihe von Kinderbüchern geschrieben, die in den meisten Werkverzeichnissen nicht genannt sind, aber großartige kleine Kunstwerke darstellen.

Die „Geschichte Nummer 1 – „für Kinder unter drei Jahren“ – zuerst erschienen 1967, illustriert von Etienne Delessert, beginnt mit einer für Eltern gut bekannten und öfters erlittenen Situation. Die kleine Josette weckt ihre Eltern auf. Diese waren am Abend vorher im Theater, in einem Restaurant und in einem Nachtclub. Dementsprechend sind sie müde und genervt. Zuerst kann noch die Haushälterin Jacqueline helfen und ablenken, aber dann hilft es alles nichts: Der Papa soll eine Geschichte erzählen. Im Halbschlaf beginnt der Vater zu erzählen:

„’Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Jacqueline.‘ ‚Wie Jacqueline?‘ erkundigt sich Josette. ‚Ja, sagt Papa, ‚aber es war nicht Jacqueline. Jacqueline war ein kleines Mädchen. Es hatte eine Mama, die Frau Jacqueline hieß. Der Papa der kleinen Jacqueline hieß Herr Jacqueline. Die kleine Jacqueline hatte zwei Schwestern, die alle beide Jacqueline heißen, und ….“

So setzt sich die Erzählung über fünf Seiten fort, wird kurz unterbrochen durch die Haushälterin, die die Tochter zum Einkaufen mitnimmt, und wird dann fortgesetzt als Josette ein kleines Mädchen names Jacqueline trifft und von der Familie Jacqueline erzählt. So taucht im ganzen Buch 48mal der Name „Jacqueline“ auf.

Nach der Lektüre dieser Geschichte hat man als Vorleser wahrlich einen Knoten in der Zunge von den häufigen Wiederholungen. Aber dank der schönen Illustrationen ist man eingetaucht in eine Welt voller kleiner Geschichten und Fabelwesen. Außerdem wird man ein bisschen über morgendliche Erschöpfungszustände hinweg getröstet. Denn auch eine Haushälterin in einer großbürgerlichen Familie, die das Frühstück ans Bett bringt, kann diese anstrengende Situation nicht retten. Wann war ich bloß das letzte Mal – an einem Abend – im Theater, im Restaurant und im Nachtclub?

Nebenbei erfährt man durch die „Geschichte Nummer 1“ auch etwas über das Geschichtenerzählen an sich: Hinter Namen und Wörtern verstecken sich oftmals Geschichten. Das zeigt auch das Cover des Bilderbuchs: Hier sieht man eine große Eins. Aus einem Fenster winkt Josette und im Hintergrund sind Mitglieder der Familie Jacqueline zu sehen. Die Eins ist ein Wort, ein Haus, ein Zeichen: Dahinter verbirgt sich eine ganze Welt. Und die kann ganz schön verrückt sein. Zumindest findet die Haushälterin, dass der Papa verrückte Geschichten erzählt. Aber der war ja einfach nur müde.

Ich freue mich schon auf die „Geschichte Nummer 2“. Leider muss ich noch ein bisschen suchen, denn beide Bücher werden nicht mehr aufgelegt und der zweite Band scheint noch seltener zu sein als die „Geschichte Nummer 1“. Ich warte jedenfalls auf einen akzeptablen Preis für das antiquarische Buch. Oder auf Weihnachten …

Eugène Ionesco: Geschichte Nummer 1. Friedrich Middelhauve Verlag 1969. ab 3 Jahren. Wird nicht mehr aufgelegt, nur antiquarisch erhältlich.

Bilder und Ängste: „Fünfter sein“

Als Literaturwissenschaftlerin, die sich bisher vor allem mit „Erwachsenenliteratur“ beschäftigt hat, interessieren mich besonders Kinderbücher von berühmten Autoren und Künstlern. Was passiert, wenn ein vergeistigter Mensch versucht, Kinder anzusprechen und so eventuell die Quintessenz seiner Literatur vermittelt? Einige Beispiele möchte ich im Blog vorstellen.

Als erstes aber soll ein Buch präsentiert werden, dass zwar auf dem Text eines berühmten Schriftstellers basiert, aber nicht als Kinderbuch konzipiert war. Das Gedicht „Fünfter sein“ von Ernst Jandl erschien 1970 das erste Mal in der Sammlung „der künstliche baum“ und wurde rasch zu einem der bekanntesten Gedichte des österreichischen Lyrikers. Wie viele Texte, die der konkreten Poesie zugerechnet werden, scheint es nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder geeignet. 1997 illustrierte Norman Junge das Gedicht und machte aus den wenigen Versen eine kleine Geschichte, die seither einen festen Platz im Kinderbuchkanon hat.

„Fünfter sein“ verkehrt eine Logik, die Kinder irgendwann zwischen zwei und drei Jahren erkennen und die dann später viele menschliche Handlungen bestimmt: Jeder will der Erste sein. Schon die Bibel griff dieses scheinbare Grundmuster menschlichen Verhaltens auf, mit dem viel gebrauchten Spruch „die Ersten, werden die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein.“ (Matthäus 19, 30). Jandl illustriert mit seinem Gedicht diesen Spruch, allerdings mit der Pointe, dass ein Erster nicht kommt, sondern „nur“ ein Nächster. Er überträgt die Logik auf die alltägliche Handlung des Arztbesuches, auf die Perspektive eines Wartenden, der abzählt, wann er denn an der Reihe ist und endlich der lang ersehnten Heilung näher rückt.

In der Konstruktion des experimentellen Gedichts wird die Pointe des Wartens und die erlösende Szene erst am Ende enthüllt. Im illustrierten Büchlein weiß der Leser sofort, um welche Situation es sich handelt. Ein Pinguin mit kaputten Flügeln, eine Nachziehente mit fehlendem Rad, ein Teddybär mit einem verbundenen Arm, ein Frosch mit Pflaster und ein Pinocchio mit gebrochener Nase sitzen mit bangen Gesichtern in einem Wartezimmer, verschwinden nacheinander hinter einer Tür und gehen, rollen, springen frohen Mutes wieder heraus. Das Wartezimmer ist dabei recht düster gezeichnet. Umso heller strahlt die Lampe des Herrn Doktor im Behandlungsraum, der als Letzten den Pinocchio empfängt. Dabei erschien mir der Arzt jedoch auch ein bisschen gruselig, wie einem Horrorfilm entsprungen, denn mit einem feisten Grinsen hält er einen Schraubenzieher in der Hand, vor ihm liegen die Werkzeuge des Puppendoktors: Säge, Hammer, Zange. Da schleicht sich die eigene Angst vorm Zahnarzt an. Bleibt nun die Frage, was man bei Kindern mit diesen Bildern auslöst: Wird die Situation des Wartens beim Doktor anschaulich und die freudigen Gesichter der geheilten Spielzeugkameraden legen das Fundament für eine optimistische Grundstimmung bei Arztbesuchen? Oder verstärken die düsteren Illustrationen den Eindruck des Unheimlichen, Fremden, Unverständlichen der Situation? Wenn man in Literatur eintaucht, weiß man manchmal nicht, wo man wieder raus kommt

Ernst Jandl / Norman Junge: Fünfter sein. Gebundene Ausgabe. Beltz&Gelberg 1997. ab 5 Jahren. 6,95 Euro.