Ein Buch, das es noch nicht gibt: “Mein kleiner Fisch” von Julia Reiter

Mein kleiner FischVor kurzem meldete sich eine Illustratorin bei mir und sie stellte mir ein Buch vor, das es noch nicht gibt. Sie möchte es ohne die Hilfe eines Verlags drucken lassen. Mir gefiel ihre Arbeit sehr gut und so möchte ich euch ihr Projekt ans Herz legen. Hier ist der Link zur Finanzierungsseite für das Buch: http://www.startnext.de/meinkleinerfisch

Neben den schönen Aquarellen und der liebevollen Gestaltung finde ich auch die Geschichte des Buchs ganz interessant: Die Illustratorin wurde inspiriert von einem Buch aus ihrer Kindheit. Sie fand als Erwachsene die Zeichnungen langweilig und das Zusammenspiel von Text und Bildern misslungen. So wollte sie aus dieser Geschichte etwas Eigenes machen.

Dieser Gedanke gefällt mir: Welches Buch aus meiner Kindheit würde ich gerne mal neu gestalten? Was würde ich anders machen? Zwar fehlen mir die gestalterischen Mittel für so eine Aufgabe, aber als Gedankenexperiment finde ich die Vorstellung ganz spannend. Da werde ich am langen Wochenende mal mein Bücherregal durchstöbern. Und ihr? Habt ihr auch ein Lieblingsbuch aus eurer Kindheit, das ihr gerne anders gestalten würdet? Ich bin gespannt auf eure Ideen!

Julia Reiter: Mein kleiner Fisch. Noch nicht erschienen. 18 Euro. ab 4 Jahren.

Bummeleien.”Bettina bummelt” von Elizabeth Shaw

bettina bummeltWas für ein herrliches Wort! Bummeln! Mit so schönen Wörterbuchbedeutungen: 1) schlendernd, ohne Ziel durch die Straßen spazieren gehen, 2) Lokale besuchen, 3) langsam arbeiten, trödeln, 4) nichts tun, faulenzen. Mit einer lustigen Wortgeschichte: Es kommt ursprünglich aus dem Niederdeutschen und bezeichnete das Hin- und Herschwanken einer schwingenden Glocke, die das Geräusch “bum, bum” von sich gibt. Mit interessanten Zusammensetzungen: Bummelzug, Bummelliese, Bummelfritze, Bummelstreik, Bummelant. Was ist bloß ein Bummerl? Aha: so heißt in Österreich umgangssprachlich ein Tor im Sport – wie niedlich!

Ihr könnt lesen: Dieses Wort begeistert mich. Und passenderweise gibt es ein Kinderbuch von meiner Lieblingskindheitsautorin Elizabeth Shaw (über die ich unbedingt noch schreiben möchte, wenn ich endlich mal in diese Bibliothek mit einem hochinteressanten Buch über sie komme) über dieses Wort: “Bettina bummelt”, das ich vor einiger Zeit neu für mich entdeckt habe.

Bettina bummelt gerne auf dem Weg von der Schule nach Hause, die Mutter wartet schon mit dem Essen und ärgert sich über die Unpünktlichkeit ihrer Tochter. Um das Mädchen zu erziehen, werden in der Geschichte die Rollen vertauscht: eines Tages bummelt auch mal die Mutter (sie kauft sich einen neuen Hut – sehr extravagant). So erfährt Bettina, wie es ist, auf jemanden warten zu müssen. Diese pädagogische Botschaft nervt mich ein bisschen, denn ich mag Bummeleien sehr und finde, besonders Kinder sollten das Recht haben zu bummeln (das Mittagessen kann die Mutter ja später warm machen), genauso wie Erwachsene! Nichtsdestotrotz finde ich es toll, dass sich Elizabeth Shaw dieses Wortes angenommen hat und mit der bummelnden Bettina eine schöne Identifikationsfigur für mich geschaffen hat. In diesem Sinne ein Hoch auf das Bummelantentum!

Elizabeth Shaw: Bettina bummelt. Mit Illustrationen von Elizabeth Shaw. Dritte Auflage. Der Kinderbuchverlag 2013. 9,90 Euro. ab 4 Jahren.

Sieben Fragen im Winter: „Kennys Fenster“ von Maurice Sendak

kennys fensterMein Sohn sagte vor kurzem: „Mama, dieser Winter ist voller Geheimnisse“. Warum? Geheimnisse sind etwas sehr Schönes, wie tanzende Schneeflocken im Straßenlaternenlichtkegel, wie Schneeschichten auf graubraunen Ästen und Zweigen, die die knorrigen Arme der Baumriesen leicht und luftig wirken lassen.

Sehr geheimnisvoll ist auch das Buch „Kennys Fenster“ von Maurice Sendak, dem laut Klappentext berühmtesten Kinderbuchillustrator des 20. Jahrhunderts, dessen Klassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ mich tief berührt hat. In „Kennys Fenster“ bekommt ein Junge während eines Traums die Aufgabe, Antworten auf sieben Fragen zu finden. Als er aufwacht, versucht Kenny zusammen mit seinem Teddy Bucky, seiner Hündin Baby, einer Ziege und zwei Zinnsoldaten die Fragen bzw. Rätsel zu beantworten. Die Lösungen, Antworten und weitere Fragen findet er und mit ihm der Leser ganz beiläufig, im Alltag, wie z.B. bei der Frage: „Was schaut nach drinnen und nach draußen?“

Kenny beobachtet vom Himmel fallende Schneeflocken am Fenster. „Ich möchte gerne wissen, warum Schnee da oben schmutzig aussieht und hier unten sauber.“ Das Fenster gibt dem Jungen die Möglichkeit, die Natur zu beobachten. Dann wendet er sich aber seinen Spielkameraden, dem Teddy und den Zinnsoldaten zu. Als es zum Streit beim Spiel kommt, bricht die Sonne durch die Wolken, das Fenster lässt die Winterluft ins Zimmer. Kenny sieht im Schnee spielenden Kinder zu und beobachtet ein Baby, dessen Vater ihm die Schneeflocken zeigen möchte. Schließlich kommt Kennys Freund vorbei und lädt ihn zum Spielen nach Draußen ein. Das Fenster bekommt in dieser Episode verschiedene Rollen: Spiegel der Wissbegierde des Jungen, Rahmen für die Neugierde auf die Welt, Ablenkungsinstrument, Mittel zur Kontaktaufnahme. Es schaut nach drinnen und nach draußen.

Ähnlich komplex wie diese geheimnisvolle Frage und doch immer mit einem Blick, der am Alltag von Kindern orientierten ist, werden auch die anderen sechs Aufgaben gelöst. Es geht dabei um Liebe, Konflikte mit Freunden, Wünsche und Träume.

Maurice Sendak: Kennys Fenster. Aladin Verlag Hamburg. ab 5 Jahren. 14,90 Euro.

Wenn Michael Ende noch am Leben wäre …: “Jim Knopf findet’s raus” von Beate Dölling, nach Motiven von Michael Ende

jim knopf findets rausUnsere “Jim-Knopf- und-Lukas-der-Lokomotivführer”-Leidenschaft ist ungebrochen. Neulich bekam sie neues Futter durch einen Bibliotheksfund. Im Band “Jim Knopf findet’s raus” nimmt die Autorin Beate Dölling den erklärenden Duktus der Original-Bände auf und erläutert in 24 Kapiteln Naturerscheinungen, auf mal mehr, mal weniger spannende Art und Weise. Jim Knopf bestürmt seine Freunde (Frau Waas, Alfons, der Viertel-vor-Zwölfte, Li Si, Herrn Ärmel) mit Fragen, wie z.B.: Brauchen Lokomotiven auch mal Ferien? Wie entstehen Vulkane? Und warum haben nicht alle Menschen dieselbe Hautfarbe?

Beim Nachdenken über dieses Buch schossen mir zahlreiche Fragen durch den Kopf: Wie hat Michael Ende eigentlich auf den Erfolg von “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” reagiert? Zuerst wurde er ja angefeindet für seine Werke,. Aus diesem Grund sei er nach Italien gezogen, so ist bei Wikipedia zu lesen. Ob es Pläne für Fortsetzungen gab? Die Geschichte würde sich schon dafür eignen, finden mein Sohn und ich. Wir hätten auch schon einen Titel: “Die zwölf Unbesiegbaren”. Wie hätte Michael Ende auf die zahlreichen Spin-Offs aus seiner Geschichte, die im Moment auf dem Markt sind, reagiert?

Ein bisschen schade ist es schon, dass es keine Fortsetzungen von unserer Lieblingsgeschichte gibt – wiewohl ich die zahlreichen Serien, die den Kinderbuchbereich dominieren, eigentlich blöd finde. Vielleicht liegt ja darin gerade der Reiz der Figuren: Jim Knopf und Lukas sind einmalig und ihre Geschichte nutzt sich nicht ab durch das Kopieren und Ausschlachten in Fortsetzungen.

Nun müssen wir eben vorlieb nehmen mit einer bemühten Erzählerin, die zwar die Motive und Ideen von Michael Ende aufnimmt, an dessen erzählerischen Qualitäten aber bei weitem nicht heranreicht.

Michael Ende, Beate Dölling: Jim Knopf findet’s raus. Geschichten über Lokomotiven, Vulkane und Scheinriesen. Thienemann Verlag 2010. ab 6 Jahren. 14,90 Euro.

Heute kein Frühjahrsputz: “Der Wind in den Weiden” von Kenneth Grahame

wind in den weidenSo beginnt der wunderbare englische Kinderbuchklassiker “Der Wind in den Weiden” von Kenneth Grahame, erschienen 1908, den ich euch unbedingt ans Herz legen möchte. Ich hatte damit in den letzten Tagen ein großes Lesevergnügen:

“Den ganzen Vormittag hatte der Maulwurf geschuftet: In seinem kleinen Haus war der Frühjahrsputz ausgebrochen. Zuerst mit Besen und Staubtuch, dann auf Leitern und Stühlen und drittens mit Pinsel und Tünche. [...] Der Frühling rumorte oben in der Luft herum und unten in der Erde herum und rund um den Maulwurf herum. Er drang in sein dunkles und bescheidenes Haus und brachte seine eigenen Launen mit: die Unzufriedenheit der Götter und die Sehnsucht. So kann es nicht erstaunen, wenn der Maulwurf plötzlich den Pinsel zu Boden schleuderte, ‘Schwachsinn!’ und ‘Mit  mir nicht!’ sagte sowie ‘Zum Henker mit dem Frühjahrsputz’ und aus dem Haus schoß ohne auch nur einen Mantel überzuziehen.”

Der Maulwurf wältzt sich dann auf einer Wiese. Er fühlt sich prächtig: “Sein Gewissen verhielt sich ganz ruhig: Es quälte ihn nicht und flüsterte ihm nicht ‘Tünche!’ ins Ohr. Statt dessen fühlte er sich prächtig – als einziger Faulpelz unter diesen tüchtigen Mitbürgern. In den Ferien ist vielleicht nicht das Nichtstun am schönsten, sondern: das Anderen-Leuten-beim-etwas-tun-Zusehen.”

Der Maulwurf geht zum Fluss, den er noch nie zuvor gesehen hat: “Er bebte und bibberte, glänzte und glibberte und sprühte Funken, er rauschte und strudelte, schwatzte und blubberte. Der Maulwurf war bezaubert, verhext und angetan.”

Am Fluss lernt er die Wasserratte kennen, die beiden werden Freunde und erleben einige Abenteuer mit dem adligen Kröterich, der ein Faible für schnelle Autos hat und durch diese Schwäche in große Schwierigkeiten gerät.

Im Laufe der Geschichte werden die schönen Stellen, die im ersten Kapitel so leuchten und begeistern, weniger. Die zahlreichen Charakterstudien von Tieren und die Beschreibung ihres höflichen, oft konflikthaften, aber sehr freundschaftlichen Umgangs miteinander bereiten dennoch viel Vergnügen. Und immer wieder sind schöne, poetische Naturbeschreibungen mit zahlreichen Wörtern, denen man in der Alltagssprache selten begegnet, eingestreut, die eine große Freude an Natur und Beobachtung vermitteln.

Ich habe eine antiquarische Ausgabe von 1973, übersetzt von Harry Rowohlt, mit Bildern von John Burningham, dessen Zeichenstil mich sehr interessiert. Noch schöner sieht aber auch die Ausgabe vom Kein und Aber Verlag von 2004 aus, ebenso in der Übersetzung von Harry Rowohlt, mit Originalillustrationen von E.H. Shepherd, der auch “Pu, der Bär” bebildert hat. Ein prachtvolles Buch, auch ohne Frühjahrsputz!

Kenneth Grahame: Der Wind in den Winden. Ein Roman für Kinder. Deutsch von Harry Rowohlt. Kein und Aber Verlag Zürich 2004. ab 8 Jahren. 24,80 Euro.

P.S.: Es gibt zahlreiche Adaptionen, Verkürzungen, Auszüge, Varianten und auch Verfilmungen. Die Literaturwissenschaftlerin in mir würde immer auf das ungekürzte Original zurückgreifen.

Statt fliegen: Bahn fahren!

leselokIm letzten Beitrag ging es ums Fliegen – heute ums Bahnfahren und das Vorlesen. Wir sind leidenschaftliche Bahnfahrer und haben schon tausende Kilometer in Zügen zurückgelegt. Das Vorlesen gehört immer dazu! Mein persönlicher Rekord liegt bei 60 Seiten aus “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” am Stück während einer fünfeinhalbstündigen Bahnfahrt.

Schon lange brennt mir deshalb ein Artikel über die “Leselok”, das Kindermagazin der Bahn, (hier ein Link zu einer älteren Ausgabe) unter den Nägeln, die wir seit ca. 1,5 Jahren kennen und die unser Sohn sich bei jeder Zugfahrt mit dem ICE im Bordrestaurant holen möchte. Im Restaurant gib es dann meist noch ein Geschenk dazu. Die Marketing-Strategie der Bahn funktioniert in diesem Fall allerbestens. Eis, Smoothies, Buntstifte oder eine Spielzeugeisenbahn haben schon manche Fahrt kurzweiliger gestaltet.

Die Texte in der “Leselok” muss ich meist mehrere Male vorlesen und oft fand ich die Themen selbst auch ganz interessant: Wie wird ein ICE repariert und modernisiert? Welche Zugtypen gibt es? Was passiert bei den Zugüberprüfungen in den Eisenbahnwerkstätten? Da überdeckte meine Freude über den Wissenszuwachs das dumpfe Gefühl der Manipulation meines Kindes (die ich als Elternteil auszubaden habe, wenn mein Kind quengelnd im Supermarkt vor dem Smoothies-Regal steht).

In der letzten Ausgabe (02/2013 – Titel: “Bahn frei für Kinder”) wurde es mir dann aber ein bisschen zu viel: Im Artikel über die Zugbegleiterin ging es zu einem großen Teil darum, was man alles im ICE kaufen kann – es gibt nämlich jetzt ein Kindermenü im Bordbistro. Ich selbst habe noch nie etwas im Bordrestaurant gegessen – da schrillen bei mir alle Zu-Teuer-Alarmglocken auf einmal, das liegt außerhalb meines geistigen und finanziellen Horizonts. Im Zug hat man doch sein Proviant dabei! Und so kam ich mir reichlich merkwürdig vor beim Vorlesen und die Werbung fürs Kindermenü habe ich mit dem Arm immer abgedeckt, damit mein Sohn nicht auf “dumme Gedanken” kommt.

Dafür machte die Leseprobe mir ausnahmsweise mal wirklich Lust auf ein Buch: “Sommer ist barfuß” von Anna Herzog mit prima Illustrationen von Susanne Göhlich erschien mir witzig und interessant. Sehr schön fand ich auch den Comic mit dem kleinen ICE, den es zum ersten Mal gab. So kann es weitergehen mit der “Leselok” – ohne zu viel Konsumierungs- und Eigenwerbung, die nervt. Denn eigentlich ist das Bahnfahren an sich ja schon schön genug, bei unserem Sohn muss man dafür keine Werbung mehr machen.

(Nicht-) Urlaubslektüre: “Viegelchen will fliegen” von Joke van Leuuwen

viegelchenIn Berlin (und fast überalle anderswo auch) ist Ferienzeit, Urlaubszeit. Mein Sommerprogramm sieht leider keinen Urlaub vor. Aber irgendwohin fliegen würde ich schon gerne.

So wie Viegelchen, ein kleines vogelähnliches Wesen, das der Vogelbeobachter Warre eines Tages unter einem Strauch findet.  Er nimmt es mit nach Hause und seine Frau Tine beschließt, dass das Wesen bei ihnen wohnen soll und sie für es sorgen möchten. Viegelchen lernt sprechen und wenn sie einen weiten Mantel trägt, sieht man ihre Flügel nicht. Man könnte meinen, sie wäre ein Menschenkind. Doch eines Tages fliegt sie davon. Warre und Tine suchen verzweifelt nach ihr – finden auch eine Spur und treffen sie, um Tschüss und Lebwohl sagen zu können.

Ich mag diese Geschichte sehr, sehr gerne – nicht nur, weil ich die Autorin einmal persönlich kennen lernen durfte, in einer guten Zeit. Die Geschichte ist so schön einfach, klar und witzig erzählt. Beim Lesen fühle ich mich auch immer ein bisschen kribbelig, zum Davonfliegen und gleichzeitig zum Zurückkommen. Denn das Engagement mit dem sich vor allem Tine um das Viegelchen kümmert, hat etwas sehr Rührendes und ich fühle mich in meinen Muttergefühlen erkannt. Tine schafft es dann sehr gut, ihr Viegelchen fliegen zu lassen – mit einem richtigen Abschied und guten Wünschen für den weiteren Weg.

P.S. Das ist kein Abschiedspost für den Blog … Die Ideen für Beiträge fließen noch, in den nächsten Wochen ist auch etwas mehr Zeit zum Schreiben (ohne jetzt zu viel versprechen zu wollen).

Vorlesekapitulation?: “Urmel aus dem Eis” von Max Kruse

Vor kurzem isurmelt der Kinderbuchklassiker “Urmel aus dem Eis” zu uns gekommen und mutigerweise habe ich mich Hals über Kopf ins Vorlesen gestürzt. Und dann musste ich feststellen: Was für eine schwierige Aufgabe! Dieses Buch halbwegs adäquat vorzulesen, ist mir fast umöglich. Warum?

Hier der Hintergrund der Handlung: Auf der Insel Titiwu leben Professor Habakuk Tibatong, viele Tiere und Tim Tintenkleks glücklich und zufrieden. Das Schwein Wutz führt den Haushalt. Alle Tiere gehen freiwillig in die Sprachschule des Professors – doch alle haben ihre unverkennbare, individuelle Sprechweise. Der Waran Wawa lebt in einer Muschel am Strand von Titiwu. Er hat Probleme mit dem z und sagt stattdessen immer tsch. Ping, ein Pinguin, ist neidisch auf Wawas Muschel und möchte gerne auch eine haben. Sein Sprachproblem ist das sch; er sagt stattdessen pf – so streitet er sich mit Wawa um die „Mupfel“. Daneben gibt es Schusch, den Schuhschnabel, der ä statt dem i setzt. Außerdem ist da noch Seele-Fant, ein See-Elefant, der gerne und oft traurige Lieder singt. Wegen seines Sprachfehlers, statt einem i und e ein ö zu singen, klingt sein Lieblingslied so: „Öch weiß nöcht, was soll ös bedeuten …“

Diese individuellen Sprechweisen sind eine echte Herausforderung für mich als Vorleserin, sie verursachen mir Knoten in der Zunge. Ich habe das Gefühl, man muss den Tierstimmen einen bestimmten Klang geben, um ihre Sprache vorlesen zu können – ich bin allerdings nicht besonders begabt im Stimmen- und Spracheimitieren. Da ich zur Zeit Deutsch als Fremdsprache unterrichte, werde ich öfters nach deutschen Dialekten gefragt. Mein “Kölsch”, “Sächsisch” oder “Bayrisch” klingt dann aber immer sehr sehr ungelenk und noch irgendwie sehr hochdeutsch. Genauso geht es mir mit der Variation von Stimmen in Vorlesetexten. Alles klingt mehr oder weniger gleich und ich habe das Gefühl, ich stottere und stammle.

Dabei finde ich die Idee mit den Sprachfehlern sehr einleuchtend und kindgerecht. So können sich die kleinen Sprachlerner, die oft selbst noch manche Laute nicht standardsprachengerecht bilden, gut wiedererkennen. Und lustig sind diese Sprachfehler natürlich auch. Allerdings machen sie mir ein bisschen Probleme beim Verständnis der Geschichte. Vor lauter Zungenverknotung bekomme ich oft nicht mit, was denn eigentlich passiert im Text.

Daher habe ich mir mal eine Zusammenfassung gesucht, die ich euch nicht vorenthalten möchte: Eines Tages schmilzt ein angeschwemmter Eisblock und ein Urmel-Ei wird freilegt. Gemeinsam brüten die Tiere von Titiwu das Urmel aus. Leichtfertig teilt der Professor Habakuk Tibatong per Flaschenpost der Welt mit, dass es Urmels gibt. Das ruft König Futsch, der in der Demokratie eigentlich kein König mehr ist, auf den Plan. Er will das Urmel fangen und in sein Königreich tot oder lebendig bringen. Allerhand Aufregung und Turbulenz folgen.

Die Inhalte der Geschichte finde ich schon ganz spannend. Ein König, der eigentlich kein König mehr ist? Ein Forscher, dessen Forschungsergebnisse nicht anerkannt werden? Was hat das wohl zu bedeuten? Um diese Fragen zu beantworten, muss ich mich aber wohl noch einige Male durch die Sprachfehler durcharbeiten. Mal sehen, ob unser Sohn da mitmacht. Oder ob ich doch auf die Zeichentrickversion – oder auf die Augsburger Puppenkiste – oder auf ein Hörbuch mit Dirk Bach ausweiche?

Max Kruse: Urmel aus dem Eis. Thienemann-Verlag 1995. ab 8 Jahren. 9,95 Euro.

Erfindergeist: “Willi Werkel baut ein Auto” von George Johansson und Jens Ahlbom

willy werkelWir haben kein Auto. Wir sind leidenschaftliche Rad- und Bahnfahrer. Aber die Großeltern haben Autos. Und so interessiert sich unser Sohn plötzlich für Automarken und für das Buch “Willy Werkel baut ein Auto”, das wir in der Bibliothek gefunden haben. Zuerst war mir das Buch ein wenig suspekt, dann aber gefielen mir die Figuren und Ideen ganz gut. Aus gesammeltem Schrott und Krimskrams bastelt der Erfinder Willi ein Auto, sein Hund Buffo hilft ihm dabei. Die Leser können ihm zuschauen beim Montieren der Räder, Anbringen des Lenkrads, beim Einbau des Amaturenbretts und zuguterletzt dem Einsetzen eines Motors. Mit dem zusammengeschraubten Wagen entdecken dann die beiden Freunde die weite Welt.

In einer lebendigen Sprache mit schönen Bildern wird so tatsächlich der Aufbau eines Autos erklärt, wenn auch das fertige Gefährt sich schon deutlich von modernen Wagen unterscheidet und die Beschreibung ein wenig  romantisierend – rückwärtsgewandt erscheint. Da ich jedoch selbst einen “Erfinder-Vater” habe, der früher gerne Computer gebastelt hat und mit großer Leidenschaft lötet, schraubt und Drähte verlegt (an seiner Modelleisenbahn) war mir die Idee vom Do-it-youself-Auto aus Recycling-Material sehr sympathisch.

Beim Recherchieren habe ich dann noch entdeckt, dass es neben den Fortsetzungen auch gut bewertete Computer-Spiele mit Willi Werkel gibt. Das ist dann aber doch ganz schön viel Technik für mich als  schöngeistige Philologiemutter!

George Johansson und Jens Ahlbom: Willi Werkel baut ein Auto. Carlsen Verlag 1994. ab 4 Jahren. Leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Fortsetzungen: George Johansson und Jens Ahlbom: Willi Werkel baut ein Schiff. Carlsen Verlag 1999. ab 4 Jahren. Leider nur noch antiquarisch erhältlich. – George Johansson und Jens Ahlbom: Willi Werkel baut ein Flugzeug. Carlsen Verlag 1995. ab 4 Jahren. Leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Computerspielreihe: Willy Werkel – Autos bauen mit Willy Werkel (PC+MAC) bei Quinto, für Windows 7/XP/Vista und Mac. CD-Rom für 12,01 Euro. Außerdem auch Flugzeuge bauen, Schiffe bauen, Häuser bauen, Raumschiffe bauen.

Unsere Leben als Roboter: “Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt” von Boy Lornsen

robbie tobbieIn den letzten Wochen habe ich ziemlich viel gearbeitet. Zwischen Arbeitsweg, Kita, Spülmaschine, Waschmaschine und Supermarkt spielte sich ein fremd bestimmter Alltag ein, den ich längere Zeit nicht hatte. Da brachten mir ein Vorlesebuch und Unterhaltungen mit unserem Sohn darüber eine schöne Metapher, die meinen Zustand in Worte fasste: Ich fühlte mich oft wie ein Roboter, ferngesteuert, ohne eigenen Antrieb, auf das Funktionieren für andere ausgerichtet.

Die Metapher kam durch “Robbi, Tobbi und das Fliewatüt” von Boy Lornsen zu uns, einem Kinderbuchklassiker aus dem Jahre 1967, mit Zeichnungen des Jim-Knopf-Illustrators F.J.Tripp, die gleich ein vertrautes Gefühl vermittelten.

Tobias Findteisen, genannt Tobbi, besucht die dritte Klasse der Volksschule und ist Erfinder des Fliewatüüts, eines universalen Fortbewegungsmittels. Denn es kann wie ein Flugzeug fliegen, wie ein Schiff auf dem Wasser schwimmen und wie ein Auto als Landfahrzeug fahren – daher das tüüt. Angetrieben wird das Fliewatüüt mit dem Himbeersaft von Tante Paula, später wird dieser Treibstoff durch Lebertran ersetzt. Tobbi ist Kopilot des Fliewatüüts. Der Pilot heißt ROB 344–66/IIIa, wird aber aus verständlichen Gründen Robbi genannt. Robbi ist in der dritten Klasse der Robotschule. Gemeinsam machen sich die beiden im Fliewatüüt auf, um für Robbi drei Roboterprüfungsaufgaben zu lösen: 1. Aufgabe: Wie viele Treppenstufen hat der gelb-schwarz-geringelte Leuchtturm? 2. Aufgabe: Wer steht am Nordpol und fängt mit „Z“ an? 3. Aufgabe: Suche die dreieckige Burg mit den dreieckigen Türmen und ergründe ihr Geheimnis!

Durch die gemeinsame Lösung der Aufgaben wird Tobbis Traum vom Fliegen mit dem Fliewatüüt Wirklichkeit und Robbi kann in die nächste Roboterklasse versetzt werden. Die beiden Freunde ergänzen sich perfekt. Der kleine Roboter gleicht die Schwächen des Jungen aus. Er kann die weite Strecke vom Nordpol nach Schottland (wo die dreieckige Burg steht) weiter fliegen, wenn Tobbi müde ist. Er benötigt weniger Nahrung als das Menschenkind, nur ab und zu ein bisschen Öl.

Leider besitze ich nicht so viele Roboter-Qualitäten – ich brauche Schlaf und regelmäßige Nahrung ist wichtig. Und Teleskoparme habe ich leider auch nicht. Die hatte sich hingegen unser Sohn vorgestellt. Ein paar Tage lang fuhr er sie am Tisch aus und plötzlich konnte er wundersame Dinge, die vorher der Mama-Roboter erledigen musste, wunderbar selbst verrichten. Auch den Spiral-Hals hatte er von Robbie übernommen und war über Nacht 10cm gewachsen. Die “Ich-bin-ein-Roboter”-Phase dauerte nicht lange an (das Vergnügen am Buch hielt aber schon ein paar Wochen), worüber ich einerseits ein bisschen traurig war, denn Roboter sind irgendwie selbstständiger als Menschenjungen. Ich mich andererseits aber auch freute, denn die Kommunikation mit einem Maschinenkind ist schwierig. Die Maschine war noch eigensinniger als das normale Kind und das raubte der Roboter-Mama mehr Kräfte als der Alltag zwischen Arbeit, Haushalt und Kinderbetreuung.

Boy Lornsen: Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt. Thienemann Verlag 1967. 12,00 Euro. ab 8 Jahren (als Vorlesebuch ab 5 Jahren).